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Kapitel 2: Der Unfall

Author: Ammy gold
last update publish date: 2026-07-27 18:12:01

Mein Handy vibrierte auf dem Cafeteria-Tisch wie ein Warnschuss.

Alpha Dominic. Mein Vater rief mich nie zuerst an. Niemals. Unsere Kommunikation bestand daraus, dass er bei Tisch in meine Richtung grunzte und ich still im Hintergrund existierte.

Ich nahm trotzdem ab. „Hallo?“

„Komm sofort nach Hause.“ Die Leitung war tot.

Keine Erklärung. Kein „Wie geht’s dir.“ Nur ein Befehl, der ins Telefon gebellt wurde. Ich starrte fünf Sekunden lang auf den Bildschirm.

Gegenüber am Tisch stoppte Anna mitten im Bissen. „Was ist passiert?“

„Ich muss gehen.“

„Ernsthaft?“

Ich zögerte. „Ich weiß es nicht.“

Aber ich wusste es. Etwas stimmte nicht. Die Art von falsch, die sich wie ein kalter Stein in der Brust festsetzt.

***

Die Fahrt ins Moonfang-Territorium fühlte sich endlos an.

Jede rote Ampel war ein persönlicher Angriff. Meine Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass die Nägel sich in die Handflächen gruben. Die vertrauten Bäume verschwammen hinter den Fenstern.

Die Moonfang-Tore tauchten auf. Zwei Wachen standen auf beiden Seiten, Gesichter wie aus Stein gemeißelt. Sie öffneten die Tore, bevor ich überhaupt abbremste. Normalerweise ließen sie mich warten. Normalerweise kontrollierten sie meinen Ausweis, als wäre ich ein Fremder.

Heute ließen sie mich einfach durch.

Schwarze SUVs standen vor dem Anwesen. Sechs Stück. Pack-Fahrzeuge. Die Art, die sich nur bewegte, wenn etwas Schreckliches passiert war.

***

Ich ging nicht hinein. Ich rannte.

Diener eilten durch die Gänge und trugen Verbände. Stimmen hallten von oben herunter. Irgendwo zersplitterte Glas.

Dann hörte ich meinen Vater schreien. „Er hätte sterben können!“

Mein Blut gefror zu Eis. Die Angst galt nie mir. Sie galt immer Lucien.

Ich packte den nächsten Arzt am Arm und riss ihn zurück. „Was ist passiert?“

Seine Augen waren weit aufgerissen. „Dein Bruder. Autounfall. Auf der Autobahn.“

Alles in mir schmolz.

„Wo ist er?“

„Zweiter Stock.“

Ich rannte.

***

Der Flur vor Luciens Zimmer zog sich endlos hin. Zwei Wachen standen stramm. Sie hielten mich nicht auf. Ich stieß die Tür auf und erstarrte.

Lucien lag auf dem Bett. Er sah falsch aus. Eine Seite seines Gesichts war geschwollen, in Farben verfärbt, die auf menschlicher Haut nie existieren sollten. Verbände umwickelten seinen Brustkorb, rot gefärbt. Sein Arm lag in einer Schiene in einem unnatürlichen Winkel. Maschinen piepten neben ihm.

Mein Bruder sah schwach aus. Lucien Vale hatte nie in seinem Leben schwach ausgesehen. Nicht, als er sich früh verwandelt hatte und ich nicht. Nicht, als er jeden Wettbewerb gewann und ich von der Seitenlinie zusah.

Jetzt lag er da wie eine zerbrochene Puppe.

Selene saß neben dem Bett und hielt Luciens Hand fest. Sie sah auf. Erleichterung überflutete ihr Gesicht. „Er lebt“, flüsterte sie.

Ich trat näher. „Was ist passiert?“

Niemand antwortete sofort. Dominic stand auf der anderen Seite des Zimmers mit mehreren Pack-Ältesten. Sie alle sahen mich an, als wäre ich ein Problem.

Schließlich sprach ein Ältester. „Die Bremsen haben versagt.“

Ich runzelte die Stirn. „Das ergibt keinen Sinn. Lucien überprüft sein Auto ständig. Einmal hat er sich geweigert zu fahren, weil eine Warnleuchte zwei Sekunden lang geflackert hat. Seit wann vernachlässigt Lucien die Wartung seines Autos?“

Die Ältesten tauschten Blicke aus. Die Art, die bedeutete, dass sie etwas wussten, was ich nicht wusste.

Dominics Gesicht verdunkelte sich. „Das ist nicht der Moment für Fragen.“

„Nein“, sagte ich. Das Wort kam scharf heraus. „Jetzt ist genau der Moment für Fragen. Etwas fühlt sich hier falsch an. Nicht unglücklich. Falsch.“

Ein anderer Ältester trat nervös vor. „Die Sponsoren wissen bereits von dem Unfall. Die Meisterschaft beginnt in zwei Wochen. Wenn Lucien nicht spielen kann…“

Ich drehte mich zu meinem Bruder. Seine Augen waren jetzt geöffnet. Kaum.

„Was ist passiert?“, fragte ich leiser.

Luciens verletztes Gesicht versuchte zu lächeln. Es funktionierte nicht. „Das Auto ist außer Kontrolle geraten.“

„Das ist keine Antwort.“

Er schaute weg. Dieses Zögern. Ich kannte es zu gut. Lucien verheimlichte etwas.

„Du erinnerst dich an etwas.“

„Nein. Tue ich nicht.“

Ich wusste, dass er log. Bevor ich weiter bohren konnte, verzog sich sein Gesicht vor Schmerz. Die Monitore piepten schneller. Ein Arzt eilte herbei.

„Er braucht Ruhe.“

Lucien griff nach meinem Handgelenk. Sein Griff war schwach. Verzweifelt. Seine Augen fanden meine. „Lass ihn das nicht tun“, flüsterte er.

Ich runzelte die Stirn. „Was tun?“

Aber Lucien war schon am Wegdriften. Seine Augen flatterten zu. Der Arzt zog mich sanft zurück.

„Du solltest gehen.“

Lass ihn das nicht tun. Die Worte blieben in meinem Kopf gefangen, lange nachdem ich das Zimmer verlassen hatte.

***

Am nächsten Morgen rief Dominic mich in sein Arbeitszimmer.

Die Tür schloss sich hinter mir mit einem Geräusch, als würde sich ein Sarg schließen.

Dominic stand an seinem Schreibtisch und hielt mehrere Papiere. Verträge. Sponsorendokumente. Er sah mich nicht sofort an.

„Die Ärzte haben bestätigt, dass Lucien nicht spielen kann“, sagte er.

„Okay.“

„Die Meisterschaft kann ohne den Kapitän von Moonfang nicht stattfinden.“

„Und?“

Dominic sah mich endlich direkt an. „Du wirst seinen Platz einnehmen.“

Das Zimmer wurde still. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Dann realisierte ich, dass er es ernst meinte.

„Nein.“

„Ihr seid identisch. Niemand außerhalb des Packs weiß überhaupt, dass du existierst. Deshalb ist das möglich.“

Das tat weh. Er sagte es so beiläufig. Als wäre es jetzt einfach praktisch, dass ich mein ganzes Leben versteckt hatte.

„Ich kann kaum Hockey.“

„Du hast neben Lucien trainiert, als du aufgewachsen bist. Du erinnerst dich an genug.“

Ich schüttelte langsam den Kopf. „Das ist wahnsinnig.“

Dominic trat näher. „Wenn Moonfang diesen Sponsor verliert, werden rivalisierende Packs innerhalb von Monaten unsere Grenzen zerreißen.“

„Und irgendwie wird das mein Problem?“

„Du gehörst zu diesem Pack, ob es dir gefällt oder nicht.“

Meine Wut stieg schnell auf. Lustig, wie Moonfang sich nur daran erinnerte, dass ich zu ihnen gehörte, wenn sie etwas brauchten.

„Du hast mich siebzehn Jahre lang ignoriert“, sagte ich leise. „Und jetzt bin ich plötzlich nützlich?“

Dominics Gesicht verhärtete sich. Bevor er antworten konnte, flog die Tür des Arbeitszimmers heftig auf.

Lucien stand dort, schwer atmend. Er hätte nicht aus dem Bett aufstehen dürfen. Eine Hand drückte er gegen seine Rippen. „Du kannst ihn nicht zwingen“, sagte Lucien.

Dominic sah genervt aus. „Du solltest dich ausruhen.“

„Ich habe nein gesagt.“

Ich starrte meinen Bruder an. Lucien hatte unseren Vater nie offen herausgefordert. Niemals.

Dominics Ausdruck verhärtete sich. „Moonfang braucht Stabilität.“

„Dann finde eine andere Lösung.“

„Es gibt keine andere Lösung.“

Lucien sah mich plötzlich an. Zum ersten Mal seit dem Unfall sah ich echte Panik in seinen Augen. Nicht die Angst, Hockey zu verlieren. Etwas Schlimmeres.

„Du verstehst es nicht“, sagte Lucien leise.

Dominics Stimme schnitt durch den Raum. „Du solltest Moonfangs Zukunft sichern. Jetzt wird es dein Bruder tun.“

Die Spannung riss. Lucien wurde blass. Sein Atem veränderte sich. Und plötzlich verstand ich etwas Erschreckendes.

Es ging nie nur um Hockey.

Ich sah langsam zwischen ihnen hin und her. „Was verschweigt ihr mir?“

Niemand antwortete.

Dominic blieb still. Lucien schaute weg.

Dieses Schweigen sagte mir alles. Etwas war mein ganzes Leben vor mir verborgen worden. Und was auch immer es war – mein Bruder war deswegen fast umgebracht worden.

Die Wolken draußen vor dem Fenster begannen sich zu öffnen. Silbernes Licht strömte durch das Glas.

Und ich realisierte, dass ich meine Familie überhaupt nicht kannte.

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