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3. Das Stipendium

Author: Aria Stark
last update publish date: 2026-06-27 22:16:11

CELINE

Ashford University – Hörsaal B – 5. September, 8:00 Uhr

Die silberne Uhr brannte an meinem Handgelenk.

Ich konnte nicht erklären, warum ich sie trug. Warum ich sie mir an diesem Morgen wie ein Talisman übergestreift hatte. Warum ich sie nicht für das dringend benötigte Mietgeld versetzt hatte. Sie war teuer, mit Initialen graviert, die ich nicht entziffern konnte. Sie gehörte dem Fremden aus dem Hotelzimmer.

Er war vor dem Sonnenaufgang verschwunden. Er hatte mich mit nichts zurückgelassen, außer der Erinnerung an seine Hände und dem Gewicht seiner Abwesenheit.

Ich wachte in einem leeren Bett auf. Ich hätte nicht überrascht sein sollen. Er hatte kein Versprechen gemacht. Ich auch nicht. Eine Nacht. Keine Namen. Keine Bindungen. Aber der hohle Schmerz in meiner Brust kümmerte sich nicht um Logik.

Die Uhr lag auf dem Nachttisch wie ein Vorwurf. Ich hätte sie zurücklassen können. Ich hätte sie zurücklassen sollen. Es war nur Metall und Zahnräder. Eine Erinnerung an die Berührung eines Fremden und die Art, wie seine Stimme in der Dunkelheit klang.

Ich befestigte sie trotzdem an meinem Handgelenk. Ich sagte mir, ich werde sie später verkaufen. Praktisch. Vernünftig.

Das tat ich nie.

Jetzt hocke ich in der zweiten Reihe von Hörsaal B und warte darauf, dass der Dekan unseren neuen Strafrechtsprofessor enthüllt. Der Raum summte vor Ashfords Elite – Designer-Labels, Treuhandfonds, Vermächtniszulassungen. Studenten, die nie Hunger gekannt haben. Nie Angst.

Ich wählte die zweite Reihe absichtlich. Nah genug, um jedes Wort aufzunehmen und weit genug, um Bedrohungen herannahen zu sehen.

Ethan lauert drei Reihen hinter mir. Sein Blick bohrt sich in meinen Rücken. Ich weigere mich, ihn zu beachten. Ethan Vance – mein Ex-Freund. Der Mann, der meine tiefsten Geheimnisse zur Waffe machte. Er fand meine Therapie-Tagebücher und übertrug sie der gesamten Jura Fakultät. Er lächelte dabei. Er sagte mir, ich hätte es verdient.

„Denkst du, du bist besser als ich, Celine? Du bist ein Wohlfahrts Fall. Eine Diversitäts Quote. Ich habe dich aufgebaut. Ich kann dich niederreißen.“

Ich dachte, er hätte bereits sein Schlimmstes getan.

Ich war naiv.

Mein Kaffeebecher strahlte Wärme in meine Handfläche ab. Mein dritter Becher heute. Schlaf entzog sich mir erneut – ich verbrachte die Nacht damit, das Hotelzimmer noch einmal abzuspielen. Das Feuerlicht. Seine Hände. Die Art, wie er meinen Namen murmelte, als wäre ich jemand, den man kennen sollte.

Ich kenne nicht einmal seinen Namen.

Der Kaffee war bitter. Ich fügte keinen Zucker hinzu, weil Süße ein Luxus ist, den ich mir nicht leisten kann.

„Hey, Vale.“

Ich blickte auf. Es war Quinn, die Blonde, Makellose. Grausame. Sie wurde von Margo und Priya flankiert – den Ashford-Mädchen. Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, mich daran zu erinnern, dass ich nicht dazugehöre.

„Diversitäts Quote", verkündete Quinn. „Vordere Reihe. Natürlich.“

Ich hatte gelernt, Beleidigungen ohne Zucken zu ertragen.

„Guten Morgen, Quinn. Deine Strähnchen sehen heller aus. Versuchst du, von den Flaschen Blond-Ansätzen abzulenken?“

Margo schnaubte und Priya unterdrückte ein Grinsen.

Quinns Fassung brach. „Denkst du, du bist clever, Vale? Jeder weiß, dass du hier wegen des Mitleidsfalls deiner Mutter bist.“

Meine Finger verkrampften sich um den Becher.

„Zumindest habe ich mir meinen Platz verdient“, erwiderte ich. „Was war dein Beitrag? Eine Gebäudespende?“

Der Raum wurde still. Quinns Augen verengten sich gefährlich. Sie ist Gegenwehr nicht gewohnt.

„Du bist fertig“, zischte sie. „Nach dem Unterricht. Du bist fertig.“

Ich drehte mich zur Vorderseite. Mein Puls raste und meine Hände zitterten. Ich hätte sie nicht provozieren sollen. Ich kann mir keine Feinde leisten. Ich brauche dieses Stipendium. Diese Ausbildung, aber ich bin es leid zu schweigen. Von Unterwerfung.

Die Tür schwang auf. Dekan Harlow trat ein, silberhaarig, Lesebrille an einer Kette baumelnd. Er projizierte das Bild eines wohlwollenden Großvaters. Die Art von Mann, dem man seine Geheimnisse anvertrauen würde.

Er weiß nicht, dass ich seine entdeckt habe. Ich fand die Briefe versteckt in der Sockenschublade meiner Mutter. Harlows Drohungen. Seine Forderungen. Ich verstehe nicht, was sie miterlebt hat. Wovor sie Angst hatte.

Aber ich weiß, dass es mit ihm zusammenhängt.

„Guten Morgen“, verkündete Harlow. „Willkommen im Strafrecht. Das Material ist anspruchsvoll und die Erwartungen sind hoch. Ich erwarte nichts weniger als Exzellenz.“

Er machte eine Pause und blickte dann zur Tür.

„Bevor wir beginnen, erlaube ich mir, euren neuen Professor vorzustellen.“

Die Tür öffnete sich und mein Herz blieb stehen. Er schreitet herein. Dasselbe dunkle Haar. Derselbe scharfe Kiefer. Dieselben Hände. Der Mann aus dem Hotelzimmer. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug wie eine Rüstung. Sein Blick streifte den Hörsaal – kalt, professionell, unantastbar.

Dann fanden seine Augen die meinen.

Ich erwischte es. Kaum ein Flackern. Erkennen. Sein Kiefer spannte sich an.

Und dann verschwand es.

Er sah über mich hinweg, als wäre ich unsichtbar.

„Professor Damian Blackwood“, verkündet Harlow. „Ehemaliger Staatsanwalt aus Chicago. 99 Prozent Verurteilungsquote. Er ist hier, um euch die Realitäten des Rechtssystems beizubringen.“

Blackwood. Damian Blackwood.

Damian.

Ich holte Luft, während meine Hände zitterten. Der Kaffeebecher klapperte. Die Uhr sengte auf meiner Haut.

„Miss Vale?“

Ich schnappte wieder zu. Er spricht mich an. Seine Stimme ist knapp und formell.

„Entschuldigung?“

„Miss Celine Vale?“ Er las eine Liste. Anwesenheit. Als wäre ich eine Fremde.

Ich hob meine Hand und meine Stimme kam als Flüstern heraus. „Anwesend.“

Er ging weiter und blickte nicht zurück. Für die nächste Stunde war ich gelähmt. Ich konnte mich nicht konzentrieren oder atmen. Ich konzentrierte mich auf seine Hände – dieselben Hände, die meinen Rücken entlangfuhren. Die mein Gesicht hielten. Die mich berührten, als wäre ich kostbar.

Jetzt umklammern sie Kreide. Sie gestikulierend an der Tafel. Sie kritzeln Notizen auf den Lehrplan. Er erkannte mich nicht und ich wollte schreien.

„Einspruch!“, rief eine Stimme. „Das ist eine suggestive Frage, Professor.“

Ethan. Wie immer angeberisch und versuchte zu beeindrucken.

Damians Ausdruck blieb unbewegt. „Mr. Vance?“

„Ja, Sir.“

„Meine Frage war klärend, nicht suggestiv. "Wenn Sie Einspruch erheben wollen, verstehen Sie zuerst die Regeln.“

Ethans Gesicht lief rot an und die Klasse kicherte.

„Noch etwas?“, fragte Damian.

Ethan schüttelte den Kopf und sank in seinen Sitz zurück.

Ich hätte fast gelächelt. Fast.

Damian setzte seine Vorlesung fort. Er war befehlend und durchstreifte die Vorderseite des Raumes wie ein Staatsanwalt, der eine Jury bearbeitet. Keine Notizen und kein Zögern. Präzise, unerbittlich und brillant. Er war alles, was ich mir vorgestellt hatte und er sah mich immer noch nicht an. Bis zum Ende der Stunde. Er verteilte die Ergebnisse des spontanen Tests. Ich hatte meinen in zehn Minuten erledigt – all meine Recherchen. All mein Training und all meine Wut.

„Miss Vale.“

Ich trat mit hämmerndem Herzen an das Podium.

„Ihre Hausarbeit“, sagte er. „Aggressiv. Unerbittlich. Sie haben jeden Präzedenzfall zitiert. Sie haben einen wasserdichten Fall aufgebaut.“

„Sie haben versagt.“

Ich erstarrte. „Was?“

„Versagt.“ Er zeigte mein Papier. Ein „F“ dominierte die Spitze. „Zu aggressiv. Kein Mitgefühl. Sie würden einen unschuldigen Mann verurteilen.“

Der Raum drehte sich.

„Das ist nicht—“

„Nicht verhandelbar, Miss Vale. Es ist eine Note, akzeptieren Sie es einfach.“

Ich riss das Papier an mich. Meine Hände zitterten und ich wollte schreien. Ihn schlagen oder ihn küssen.

Ich tat nichts davon.

Ich zog mich zurück an meinen Platz. Mein Gesicht brannte und das Geflüster folgte.

„Sie ist durchgefallen. Das Stipendium-Mädchen.“

„Vielleicht gehört sie doch nicht hierher.“

„Ethan hatte recht. Sie ist nicht intelligent genug.“

Ich schloss die Augen und zählte bis zehn. Ich weinte nicht. Ich weine nie. Nicht hier. Nie.

Die Vorlesung endete und alle Studenten gingen hinaus. Ethan grinste und Quinn lachte.

Ich wartete, bis der Raum leer war. Bis wir allein waren.

Dann stellte ich ihn an seinem Schreibtisch zur Rede.

„Professor Blackwood.“

Er blickte auf. Eisig. „Miss Vale.“

„Was soll das?“, ich schwenkte die Hausarbeit. „Das ist brillant. Sie wissen es.“

„Es ist schlampig.“

„Es ist perfekt. Sie sagten es selbst – jeder Präzedenzfall. Jedes Argument. Makellos.“

„Sie bauten einen Fall, um zu verurteilen, nicht um Gerechtigkeit zu suchen. "Es gibt einen Unterschied.“

Ich beugte mich vor. Meine Stimme senkte sich zu einem wütenden Flüstern. „Geht es hier um das Hotel? Weil wir—“

Er stand auf und seine Größe war einschüchternd, aber ich weigerte mich zurückzuweichen.

„Nein“, sagte er. „Es geht um Ihre Schlampigkeit. Sie würden eine unschuldige Verteidigung zerstören, ohne zu fragen, ob sie es verdient hat. Das ist keine Strafverfolgung. Das ist Rache.“

Ich schlug ihm ins Gesicht. Der Knall ging durch den leeren Raum. Er zuckte nicht.

„Hat das geholfen?“, seine Stimme ist tief und kontrolliert.

„Ja, das hat es“, log ich.

„Das ist das erste ehrliche, was Sie heute getan haben.“ Er trat näher und ich trat zurück, bis mein Rücken auf das Bücherregal stieß.

„Sie dürfen das nicht tun“, sagte ich. „Sie dürfen nicht so tun, als wäre ich nichts.“

„Ich tue nicht so.“ Seine Stimme war kaum hörbar. „Ich erinnere mich an alles. Jedes Geräusch. Jede Berührung. Ich erinnere mich.“

„Warum verhalten Sie sich dann so?“, fragte ich und würgte fast an meinen eigenen Worten.

„Weil ich muss.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Sie sind meine Studentin und ich bin Ihr Professor. Wenn irgendjemand herausfindet—“

„Sie werden es nicht.“

„Sie werden es. Sie tun es immer.“

Er trat zurück und schuf etwas Abstand zwischen uns. Seine Hände zitterten. „Gehen Sie, Celine. Bevor ich vergesse, warum das falsch ist.“

Ich hätte rennen und nie zurückkommen sollen. Stattdessen nahm ich die Uhr ab und schlug sie auf seinen Schreibtisch. „Sie haben das zurückgelassen. Ich habe sie als Erinnerung daran behalten, warum ich Männern nicht traue.“

Er nahm sie auf und ließ seine Finger um das Silber gleiten. „Ich habe sie absichtlich zurückgelassen“, gab er zu. „Ich wollte, dass Sie mich finden. Ich wollte einen Grund, zurückzukehren.“

Ich starrte ihn an.

„Aber ich bin ein Feigling“, fuhr er fort. „Ich bin weggegangen. Ich bin weggegangen, weil ich Sie nicht verdiene. Ich werde es nie.“

Die Luft wurde dichter und er trat näher, aber ich blieb wie erstarrt.

„Wenn ich Sie berühre—“ sagte er. „Wenn ich Sie berühre, werde ich nicht aufhören können.“

„Dann hören Sie nicht auf“, flüsterte ich.

„Hören Sie nicht auf womit?“

„Hören Sie nicht auf.“

Er packte mich und sein Mund prallte auf meinen, seine Lippen waren weich und verzweifelt. Sie fühlten sich an wie Wochen angespannter Spannung, die kurz vor der Explosion stand. Seine Hände verhedderten sich in meinem Haar und er küsste mich, als wäre ich Sauerstoff und er würde ersticken. Ich küsste ihn zurück, als würde ich auch ertrinken.

„Professor—“ begann ich.

„Ist mir egal“, unterbrach er mich. „Es ist mir egal, wie Sie mich nennen. Hören Sie einfach nicht auf.“

Er hörte nicht auf. Seine Hände umklammerten meine Taille. Seine Lippen wanderten meinen Hals hinunter. Und dann schwang die Tür auf.

„Professor Blackwood?“

Es war Ethan. Er stand in der Türöffnung mit erhobenem Handy und kalten Augen. „Ich wusste es.“

Damian zuckte zurück. Sein Gesicht wurde blass und seine Hände begannen zu zittern. „Mr. Vance—“

„Ich habe Fotos.“ Ethans Stimme war aus Stahl. „Ich habe alles. Sie werden das bereuen, Vale.“ Sagte er, bevor er sich umdrehte und wegging.

Meine Welt zerbrach. Das Stipendium, meine Mutter, meine Zukunft und alles, was ich aufgebaut hatte. Sie zerbrechen alle.

Damian starrte mich an. Seine Augen waren hohl. „Rennen Sie“, sagte er.

„Wohin rennen?“

„Ich weiß es nicht.“ Seine Stimme brach. „Aber wenn Sie bleiben, werde ich Sie zerstören. Ich werde alles zerstören.“

Ich stand wie erstarrt. „Ich habe nirgendwo hinzugehen“, flüsterte ich.

„Dann bleiben Sie.“ Er umfasste mein Gesicht. „Bleiben Sie und kämpfen Sie mit mir.“

Die Tür öffnete sich und der Flur hallte von Ethans sich entfernenden Schritten wider. Ich wusste, was kommt. Der Sturm, der Verrat, der Prozess und der Mann, der mich ruinieren oder erlösen könnte. Ich wusste nicht, welcher. Aber ich würde es herausfinden.

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