FAZER LOGINLyra blieb vier Minuten, nachdem die Vordertür zugefallen war.
Dann zog sie ihre Stiefel an, schob den silbernen Anhänger unter ihr Hemd und folgte ihm.
Die Nachtluft traf kalt und scharf. Sie folgte der Richtung, in die der Rudelangehörige gewiesen hatte – nach Süden, durch die Bäume, wo der Boden zu einem schmalen Bach hin abfiel. Stimmen trugen voraus. Leise. Angespannt. Sie blieb im Schatten, bewegte sich so, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte: Ferse zur Zehe, Atem ruhig, Augen auf die Lücken zwischen den Stämmen.
Sie fand sie am Wasserrand.
Alexander stand mit drei anderen Wölfen in Menschengestalt da, alle blickten hinunter auf den Körper.
Es war ein junger Mann, vielleicht zwanzig. Die Kehle aufgerissen. Blut hatte sich in das Moos gesogen und das Bachwasser rosa gefärbt. Seine Augen waren noch offen.
Lyras Magen drehte sich um. Sie drückte eine Hand gegen den nächsten Baum und zwang die Übelkeit hinunter.
Alexander hockte sich neben den Körper. Er berührte ihn nicht. Schließlich nur, der Kiefer angespannt, die Nüstern einmal geweitet, als sortiere er Gerüche.
„Rivalenrudel?“ fragte einer der Männer.
„Nein.“ Lyras Stimme war flach. „Das war innerhalb der Grenze. Jemand, der bereits Zugang hatte.“
Lyra verlagerte ihr Gewicht. Ein Zweig knackte unter ihrem Stiefel.
Jeder Kopf drehte sich.
Alexanders Augen fanden sie sofort. Gold flackerte hell auf. Für eine Sekunde zog reiner Zorn über sein Gesicht, dann etwas Heißeres, Komplizierteres – als dächte er immer noch an ihren Mund und die Wand und die Art, wie sie ihn zu sich gezogen hatte.
Er stand auf.
„Ich habe dir gesagt, du sollst im Zimmer bleiben.“
„Du hast auch gesagt, ich stehe unter deinem Schutz.“ Sie trat in die Lichtung. Die anderen Männer blickten zwischen ihnen hin und her, unruhig. „Sieht so aus, als gehöre zum Schutz auch, zu wissen, wer bereits auf deinem Land stirbt.“
Einer der Wölfe, älter, mit einer Narbe durch die Lippe, knurrte leise. „Das ist Rudelgeschäft, Mädchen.“
Alexander sah nicht von ihr weg. „Sie ist bei mir. Zurück.“
Sie taten es. Widerwillig.
Lyra zwang sich näher an den Körper. Der Geruch von Blut war dick, metallisch, vermischt mit etwas anderem – fast süßlich, wie beginnende Fäulnis. Ihr Anhänger fühlte sich warm an der Haut an. Wärmer, als er sein sollte.
Sie hockte sich ohne nachzudenken hin und streckte die Hand aus.
„Nicht–“ begann Alexander.
Ihre Finger streiften das Handgelenk des Toten.
Für eine halbe Sekunde kniete sie nicht mehr im Dreck. Sie war irgendwo dunkler. Sie sah den Blitz einer Frauenhand – blass, lange Finger, ein silberner Ring, den sie fast erkannte – und hörte eine Stimme, weich und grausam: *Sagt ihnen, das Owen-Mädchen hat das gebracht.* Dann Schmerz. Hitze. Zähne.
Lyra zuckte mit einem erstickten Laut zurück. Ihre Sicht schwamm. Alexanders Hand schloss sich um ihren Oberarm und stabilisierte sie, bevor sie ins Wasser kippte.
„Was hast du gesehen?“ Seine Stimme war leise, nur für sie bestimmt.
Sie schluckte schwer. Der Anhänger brannte jetzt, fast heiß genug, um wehzutun. „Jemand wollte, dass es nach mir aussieht. Oder nach meiner Blutlinie. Eine Frauenstimme. Sie sagte, man solle das Owen-Mädchen beschuldigen.“
Alexanders Griff zog sich fester. Um sie herum waren die anderen Wölfe sehr still geworden.
„Bist du sicher?“
„Ich habe es gehört.“ Ihre Hände zitterten. Sie ballte sie zu Fäusten. „Ich weiß nicht wie. Ich habe ihn nur berührt, und es war da.“
Alexander blickte erneut auf den Körper, dann auf sie. Etwas Berechnendes bewegte sich hinter seinen Augen. Berechnung – und derselbe rohe Zug, der ihn vor einer Stunde dazu gebracht hatte, sie zu küssen, als hungere er.
Er stand auf und zog sie mit sich hoch.
„Bringt den Körper zurück zum Compound“, sagte er zu den anderen. „Niemand spricht darüber, bis ich es sage. Besonders nicht zu Calista.“
Der vernarbte Mann zögerte. „Alpha–“
„Tut es.“
Sie bewegten sich. Alexander ließ Lyras Arm nicht los. Er führte sie zurück zu den Bäumen, weg vom Blut, bis das Wasser nur noch ein Geräusch hinter ihnen war. Dann blieb er stehen und drehte sich zu ihr um.
Mondlicht schnitt über sein Gesicht. Er sah wütend aus. Und besorgt. Und immer noch zu nah.
„Das hättest du nicht können sollen“, sagte er. „Einen Mord so zu lesen. Das ist altes Blut. Owen-Blut. Die Art, für die der letzte Vater getötet wurde.“
Lyras Brust fühlte sich eng an. „Ich habe nicht danach gefragt.“
„Ich weiß.“ Seine Hand hob sich, der raue Daumen strich einen Schmutzfleck von ihrer Wange. Die Berührung verweilte. „Aber es erwacht trotzdem. Und jemand weiß es bereits. Dieser Körper war eine Botschaft. Sie machen dich zum Sündenbock, bevor du auch nur einen vollen Tag hier warst.“
Sie lehnte sich ohne Absicht in seine Hand. Das Band summte unter ihrer Haut, warm und fordernd. Trauer lag schwer in ihrer Kehle – das Gesicht ihrer Mutter, die offenen Augen des toten Jungen –, aber darunter war dieselbe verzweifelte Hitze aus dem Schlafzimmer. Sie hasste, wie leicht ihr Körper den einen Schmerz gegen den anderen tauschen wollte.
„Was passiert jetzt?“ fragte sie.
Alexanders Augen sanken erneut auf ihren Mund. Er sah aus, als denke er darüber nach, zu beenden, was sie an der Wand angefangen hatten. Stattdessen atmete er hart aus und trat zurück, legte einen vorsichtigen Fuß Abstand zwischen sie.
„Jetzt halte ich dich lange genug am Leben, um herauszufinden, wer versucht, einen Krieg mit deinem Namen darauf zu beginnen.“ Seine Stimme wurde rauer. „Und du hörst auf, mir in die Dunkelheit zu folgen, ohne es mir zu sagen.“
Lyras Lippen fühlten sich immer noch wund an von vorhin. Sie hob das Kinn.
„Dann hör auf, mich zurückzulassen.“
Einen langen Moment sah er sie nur an. Das Gold in seinen Augen brannte gleichmäßig. Dann griff er aus, hakte zwei Finger in das Vorderteil ihres Hemdes und zog sie nah genug heran, dass sich ihre Brust berührte. Sein Mund schwebte nahe an ihrem Ohr.
„Wenn wir zurück sind“, sagte er leise und rau, „beenden wir dieses Gespräch. Richtig.“
Das Versprechen landete tief in ihrem Unterleib, heiß und scharf.
Er ließ sie los und begann zu gehen.
Lyra folgte, den Anhänger immer noch warm an ihrer Haut, den Geschmack von Blut und ihm vermischt im hinteren Teil ihrer Kehle.
Irgendwo hinter ihnen lief der Bach weiter rot.
Der Ratssaal lag im Herzen des Haupthauses – lang, mit niedriger Decke und ausgekleidet mit dunklem Holz, das immer noch nach altem Rauch roch. Ein breiter Tisch beherrschte die Mitte. Zwölf Stühle. Die meisten bereits besetzt.Lyra spürte, wie jeder Blick auf ihr lastete, in dem Moment, als sie hinter Alexander durch die Tür trat.Sie trug immer noch sein Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, die schlichte silberne Kette sichtbar an ihrem Schlüsselbein. Niemand hatte ihr andere Kleidung angeboten. Sie hatte nicht danach gefragt. Sollten sie ruhig starren.Alexander hielt nicht inne. Er ging geradewegs zum Kopfende des Tisches und zog den Stuhl zu seiner Rechten heraus. Keine Bitte. Ein Befehl.Lyra setzte sich.Calista war bereits da, drei Plätze weiter auf der gegenüberliegenden Seite. Sie trug Schwarz, das Haar perfekt glatt, der Ausdruck ruhig. Nur ihre Augen glitten einmal über Lyras geliehenes Hemd, einmal über die schwachen Markierungen, die noch an Alexanders Hal
Lyra wachte vom Geräusch des Regens an den Fenstern und dem schweren Gewicht eines Arms über ihrer Taille auf.Ein paar Sekunden lang rührte sie sich nicht. Das Zimmer war noch dunkel. Sie erhob sich von Alexanders Brust und ließ sich sanft auf den Rücken sinken. Sein Atem war warm an ihrem Nacken. Eines seiner Beine war mit ihrem verschlungen.Das Band lag still zwischen ihnen, aber längst nicht verschwunden. Es summte leise und gleichmäßig, wie ein zweiter Herzschlag. Sie hätte sich sicherer fühlen sollen.Stattdessen blitzte das Bild der offenen Augen des toten Jungen vor ihrem inneren Auge auf. Die Stimme der Frau aus der Vision. Der Blick, mit dem Calista sie angesehen hatte – als wäre sie bereits zum Entfernen markiert.Lyra glitt vorsichtig unter Alexanders Arm hervor. Er wachte nicht auf. Sie zog sein liegengelassenes Hemd über, der Stoff reichte ihr bis über die Hüften, knapp über die Knie.Der Wald sah im grauen Morgenlicht anders aus. Nass. Wachsam. Sie berührte die sch
Auf dem Rückweg sprachen sie kein Wort.Das Compound war still, als sie es erreichten. Der Großteil des Rudels hatte sich zurückgezogen, nachdem der Körper gebracht worden war. Alexander entließ die letzten beiden Wachen mit einem Blick und führte Lyra die Treppe hinauf. Er brachte sie nicht ins Gästezimmer.Er brachte sie in sein Zimmer.Die Tür fiel hart hinter ihnen zu. Einen Moment lang standen sie nur da im Dunkeln und atmeten dieselbe Luft. Das Band zwischen ihnen fühlte sich jetzt dichter an, fast sichtbar – ein lebender Strom unter der Haut.Lyras Hände zitterten immer noch von der Vision. Von den offenen Augen des toten Jungen. Von der Frauenstimme, die so sicher geklungen hatte, als sie ihren Namen als Waffe befohlen hatte. Trauer lag schwer in ihrer Brust. Darunter brannte etwas Heißeres.Alexander drehte den Schlüssel um.Dann war er über ihr.Es gab nichts Behutsames an der Art, wie er sie diesmal küsste. Mund offen, Zähne schabten, eine Hand ballte sich in ihrem Haar, um
Lyra blieb vier Minuten, nachdem die Vordertür zugefallen war.Dann zog sie ihre Stiefel an, schob den silbernen Anhänger unter ihr Hemd und folgte ihm.Die Nachtluft traf kalt und scharf. Sie folgte der Richtung, in die der Rudelangehörige gewiesen hatte – nach Süden, durch die Bäume, wo der Boden zu einem schmalen Bach hin abfiel. Stimmen trugen voraus. Leise. Angespannt. Sie blieb im Schatten, bewegte sich so, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte: Ferse zur Zehe, Atem ruhig, Augen auf die Lücken zwischen den Stämmen.Sie fand sie am Wasserrand.Alexander stand mit drei anderen Wölfen in Menschengestalt da, alle blickten hinunter auf den Körper.Es war ein junger Mann, vielleicht zwanzig. Die Kehle aufgerissen. Blut hatte sich in das Moos gesogen und das Bachwasser rosa gefärbt. Seine Augen waren noch offen.Lyras Magen drehte sich um. Sie drückte eine Hand gegen den nächsten Baum und zwang die Übelkeit hinunter.Alexander hockte sich neben den Körper. Er berührte ihn nicht. Schließ
Lyra schloss die Tür ab.Dann schloss sie sie wieder auf und öffnete sie gerade weit genug, um zu hören, was sie sagten.Stimmen drangen die Treppe hinauf – Alexanders tief und kontrolliert, die einer Frau schärfer, mit einem Unterton, der fast wie Lachen klang.„Du hast eine Owen ins Haus gebracht.“ Die Stimme der Frau war glatt, kultiviert. „Nach allem, was dieses Rudel getan hat, um diesen Namen zu begraben.“„Sie steht unter meinem Schutz.“„Sie ist eine Belastung. Und du lässt das Band für dich denken.“Lyra trat näher an das Geländer. Die Luft unten roch jetzt anders – Parfüm über dem Holzrauch, süß und teuer. Sie konnte gerade den Rand eines dunklen Mantels sehen, einen langen Fall schwarzer Haare, die scharfe Linie eines Frauenprofils.Calista.„Sie ist halb tot und blutet“, sagte Alexander. „Ich werfe sie nicht in den Wald.“„Wie edel.“ Calista trat vollständig ins Blickfeld. Sie war schön. Ihre Augen hoben sich, fanden den Spalt in der oberen Tür und hielten inne. Ein langsa
Das Haus stand auf dem höchsten Hügel des Territoriums – ganz aus dunklem Holz und Stein, die Fenster leuchteten wie wachsame Augen. Alexander sagte kein Wort, während er sie die breiten Stufen hinaufführte. Die Tür öffnete sich, bevor er sie erreichte. Eine Frau mit grauweißem Haar und einem vorsichtigen Gesicht trat wortlos zur Seite und senkte den Kopf. Ihre Augen huschten einmal zu Lyra, dann zum Anhänger und wieder hinunter.Drinnen war die Luft wärmer. Sie roch nach Holzrauch, Leder und nach ihm.Alexander blieb im Eingang stehen. „Du blutest.“Lyra blickte hinunter. Die Schnitte an ihren Handflächen hatten sich wieder geöffnet. Blut war in dünnen braunen Linien über ihre Handgelenke getrocknet.„Mir geht’s gut.“Er gab einen tiefen Laut von sich, der nicht ganz Zustimmung war. „Gästezimmer ist oben. Zweite Tür links. Bad ist dabei. Wasch dich. Ich schicke Essen.“Sie bewegte sich nicht. „Bin ich Gast oder Gefangene?“Sein Blick hielt den ihren. Das Gold in seinen Augen hatte si







