LOGINEs regnete am Morgen des zwölften Tages.Der Regen fiel in einer gleichmäßigen grauen Schicht gegen die Fenster von Lyras Zimmern und verwandelte die Bäume dahinter in dunkle, verschwommene Formen. Sie verfolgte die Patrouillen an der gelegentlichen Bewegung zwischen den Stämmen, bis selbst das im Wetter verschwand. Das Haus fühlte sich kleiner an. Der Schall trug anders im Regen – entfernte Schritte, Stimmen, die zu leisen Murmeln wurden, die sich nie ganz zu Worten formten.Sie zählte die Stunden an den Tabletts, die unter Bewachung ankamen.Nachmittag. Abend. Nichts von Alexander.Gegen völlige Dunkelheit hielt ein einzelnes Paar Stiefel vor ihrer Tür an. Das Schloss drehte sich. Er trat ein, den Geruch von nasser Erde und kalter Luft mit sich bringend, das Haar vom Regen dunkler, der Schnitt an seinem Hals inzwischen zu einer dünnen roten Linie geschlossen. Er schloss die Tür und blieb dort stehen, Wasser tropfte noch von den Schultern seines Mantels.„Sie haben einen weiteren Vor
Die Befragung dauerte die ganze Nacht.Lyra hörte sie in Bruchstücken: Türen, die sich den Korridor hinunter öffneten und schlossen, leise Stimmen, das gelegentliche scharfe Geräusch eines schleifenden Stuhls. Sie saß am Bettrand, die Hände ineinander verschränkt, und wartete. Die Worte des Zettels wiederholten sich hinter ihren Augen, jedes Mal wenn das Haus in eine vorübergehende Stille fiel.Gegen Morgen verklangen die Geräusche.Einige Stunden später öffnete sich die Tür. Alexander trat ein, eine zweite Tasse Tee in der Hand, die er ohne Kommentar auf den Tisch stellte. Dunkle Schatten zeichneten die Haut unter seinen Augen. Er hatte die Kleider nicht gewechselt.„Drei der Küchenangestellten waren in diesem Monat neu“, sagte er. „Eine von ihnen fehlt. Sie ist irgendwann nach dem Mittagstablett durch eine Diensttür gegangen. Die Wachen an diesem Eingang sind abgelöst worden.“Lyra stand auf. „Sie hat den Zettel hinterlegt.“„Oder jemand hat sie dafür benutzt.“ Er blieb am Tisch ste
Die ersten drei Tage, in denen sie in ihrem Zimmer eingesperrt war, vergingen in gemessener Stille.Die Mahlzeiten kamen in regelmäßigen Abständen. Die Wachen vor ihrer Tür wechselten alle vier Stunden. Lyra zählte die Schichten am leisen Geräusch der Stiefel und dem tiefen Stimmenaustausch. Sie ging die Länge ihrer Räume ab, bis der Weg zwischen Fenster und Bett eine schwache Linie in den Teppich graben hatte. Wenn die Unruhe zu scharf wurde, stand sie unter kaltem Wasser, bis ihre Haut taub war, zog sich wieder an und kehrte zum Fenster zurück.Alexander kam nicht.Am vierten Morgen öffnete sich die Tür ohne Klopfen. Er trat ein, eine zusammengefaltete Karte und einen kurzen Stapel Papiere in der Hand. Die Wachen blieben im Korridor. Er schloss die Tür mit dem Fuß und legte die Unterlagen auf den kleinen Tisch neben dem Kamin.„Das vermisste Ratsmitglied ist gefunden worden“, sagte er. „Zwei Territorien westlich. Er reist nicht allein.“Lyra blieb am Fenster. „Und der, der geblieben
Graues Licht sickerte schließlich unter der schweren Tür herein.Lyra hatte nicht geschlafen. Sie lag auf der Seite auf dem schmalen Bett, den Rücken zur Wand gekrümmt, den dunklen Morgenmantel noch um sich geschlungen. Jede Bewegung des Stoffs auf ihrer Haut fühlte sich zu absichtlich an. Die Lampe war heruntergebrannt. Gegenüber im kleinen Raum blieb Alexander auf den Füßen, eine Schulter an der Tür abgestützt, die Arme verschränkt, der Blick ins Nichts gerichtet. Die Stille zwischen ihnen hatte sich zu etwas beinahe Festem verhärtet.Schließlich kam ein Klopfen, dreimal.Alexander öffnete die Tür nur so weit, dass er mit dem Wächter auf der anderen Seite sprechen konnte. Leise Stimmen. Ein kurzer Austausch. Dann schloss er sie wieder und drehte sich um.„Das östliche Gelände ist geräumt. Zwei Wachen werden dich zurück in deine Zimmer begleiten. Du bleibst dort, bis ich nach dir schicke.“Lyra setzte sich auf. Der Mantel rutschte leicht von einer Schulter. Sie beobachtete, wie seine
Der Angriff kam ohne Vorwarnung.Lyra erwachte vom Lärm von Rufen in den unteren Hallen und dem harten, schnellen Geräusch von Stiefeln auf der Treppe. Bevor sie sich aus dem Bett erheben konnte, öffnete sich ihre Tür und Alexander stand da – vollständig angezogen, der Ausdruck zu etwas Tödlichem und Gefährlichem gemeißelt, das Gold in seinen Augen hell vor kontrollierter Wut.„Steh auf. Jetzt.“Sie stellte keine Fragen und verschwendete keine Sekunden. Sie zog einen dunklen Morgenmantel über ihr Nachthemd und folgte ihm in den Korridor. Zwei seiner persönlichen Wachen schlossen sich hinter ihnen an. Die Luft im Haus roch nach Nachtwind und dem scharfen metallischen Hauch eines plötzlichen Energieausbruchs.„Was ist passiert?“ fragte sie, während sie sich bewegten.„Jemand hat die äußere östliche Wache durchbrochen. Zwei Wachen verletzt, nicht tot. Eine Botschaft im selben alten Schriftzug hinterlassen.“ Seine Stimme war verkürzt, von allem außer Notwendigkeit befreit. „Sie sind näher
Am zehnten Tag nach der Hochzeit hatte der Haushalt die neue Form der Dinge gelernt.Lyra war die Frau des Alphas dem Namen und dem Gesetz nach. Man durfte sich ihr nicht ohne Grund nähern. Sie aß die meisten Mahlzeiten allein. Sie ging die erlaubten Korridore entlang, stets von zwei Wachen in respektvollem Abstand gefolgt. Alexander ging in den Fluren an ihr vorbei wie ein Mann, der um ein notwendiges Möbelstück herumgeht – er sah sie nicht einmal mehr an, bewusst, kontrolliert, sorgfältig unberührt.Das Band akzeptierte die Abmachung nicht.Es war durch die Vernachlässigung bösartig geworden. Was einst ein warmer, beharrlicher Sog gewesen war, hatte sich in etwas verwandelt, das eher Hunger glich. Lyra erwachte aus einem Traum mit dem Puls zwischen den Beinen und dem spürbaren Gewicht von Alexanders Körper noch auf ihrer Haut. Sie badete in Wasser, das kalt genug war, um zu stechen, und trug die unruhige Hitze trotzdem den ganzen Tag mit sich. Jede zufällige Berührung seines Dufts i







