로그인Es gibt einen Ort in dieser Stadt, an dem ich niemand bin. Nicht die Barkeeperin, nicht das Geburtstagskind, nicht die Frau im Faltenrock. Er liegt im vierten Stock eines Hinterhauses, riecht nach Terpentin und Staub, und der Schlüssel dazu hängt an drei Schlüsselbunden, von denen keiner dem Vermieter bekannt ist.
Mamas Atelier.
Sie hatte es gemietet, als wir zwölf waren – „mein Zimmer", nannte sie es, als wäre sie das vierte Kind der Familie. Hier hatte sie gemalt, schlecht und mit hingebungsvoller Begeisterung, hier standen noch ihre Leinwände, ihre Pinsel im Marmeladenglas, ihr durchgesessener Sessel mit den Farbflecken. Papa wusste vermutlich nicht mal mehr, dass es existierte. Wir zahlten die Miete zu dritt, schwarz an Herrn Yilmaz im Erdgeschoss, und keine von uns hätte je vorgeschlagen, das Geld zu sparen. Es gibt Dinge, über die verhandelt man nicht.
Um kurz vor Mitternacht saßen wir zu dritt auf dem Teppich, um einen Marmorkuchen, den Emmi nach Mamas Rezept gebacken hatte, und der exakt so mittelmäßig schmeckte wie bei Mama. Es war perfekt.
Drei Kerzen steckten darin. Nicht achtzehn. Drei.
„Eine für jede", sagte Emmi leise, wie jedes Jahr.
Wir bliesen gemeinsam. Wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr sagte danach eine Minute lang niemand etwas, und das Schweigen war kein leeres, sondern ein volles – eines, in dem eine vierte Person saß, die seit zwei Jahren fehlte und trotzdem immer mitfeierte.
Papa hatte übrigens geschrieben. Eine Nachricht, an uns drei, aus Rotterdam oder Riga oder wo auch immer sein Vertrieb ihn diese Woche geparkt hatte: Alles Gute euch Dreien. Bin stolz auf euch. Papa. Sieben Wörter. Emmi hatte ein Herz daruntergesetzt. Liv hatte nichts geantwortet. Ich hatte das Handy umgedreht und beschlossen, dass mir das nichts ausmachte, eine Entscheidung, die ich ungefähr vier Mal pro Stunde erneuern musste.
Nach dem Schweigen kam, wie jedes Jahr, das Ritual mit der Leinwand. Mama hatte zuletzt an einem Bild gearbeitet, das nie fertig wurde – drei Figuren an einem Strand, skizzenhaft, die Gesichter noch leer. Wir hatten es nach ihrem Tod auf der Staffelei gefunden, und Emmi hatte damals beschlossen, dass wir es fertig malen. Ein Pinselstrich pro Schwester, pro Geburtstag. Nicht mehr. Bei diesem Tempo würde das Bild fertig sein, wenn wir ungefähr sechzig waren, und genau das war der Punkt: Es verpflichtete uns zu zweiundvierzig weiteren gemeinsamen Geburtstagen. Emmi kann sentimental UND strategisch, man unterschätzt das leicht.
Liv malte einen Streifen Meer, konzentriert, die Zungenspitze zwischen den Zähnen. Emmi tupfte Licht in eine Wolke. Ich stand am längsten davor. Ich male immer am Rand herum, am Sand, bei den Füßen der drei Figuren, weil ich mich an die Gesichter nicht herantraue, und wenn eine meiner Schwestern das jemals psychologisch deuten sollte, ziehe ich aus.
„Sie hätte uns heute Achtzehn-Fragen gestellt", sagte Emmi leise, den Pinsel noch in der Hand. „Weißt du noch? Jedes Jahr eine Frage pro Lebensjahr."
„Und keine durfte man mit ‚gut' beantworten", sagte Liv.
„‚Gut ist keine Antwort, gut ist eine Ausrede'", zitierten wir alle drei gleichzeitig, im selben Tonfall, mit derselben Betonung, und dann mussten wir lachen, und das Lachen kippte bei Emmi kurz in etwas anderes, und ich legte den Arm um sie, bis es vorbei war. Zwei Jahre. Man denkt, Trauer wird kleiner. Sie wird nicht kleiner. Man wird nur größer drum herum, hatte Liv mal gesagt, nachts um drei, und es war das Klügste, was ich je gehört habe, und ich habe es ihr nie gesagt, weil man Liv nicht sagen darf, dass sie recht hat. Regel null.
„Okay", sagte ich schließlich und klatschte in die Hände, weil irgendwer hier die Sitzung eröffnen musste, bevor wir alle sentimental wurden. „Krisensitzung des Buchclubs. Erster Tagesordnungspunkt: Wir sind großartig. Zweiter Tagesordnungspunkt: alles andere."
„Ich hätte gern Punkt eins ausführlicher behandelt", sagte Liv trocken. Sie hatte sich aus meiner Lederhose befreit und saß in Jogginghose da, wieder ganz sie selbst, die Locken hochgebunden mit einem Bleistift.
„Abgelehnt. Emmi. Bericht."
Emmi zupfte an ihrem Ärmel. Sie trug wieder ihre eigenen Sachen, aber um ihren Hals hing jetzt die Kette. Das goldene E. Ich hatte sie ihr vor einer Stunde feierlich übergeben, zusammen mit einer detaillierten Nacherzählung des Pony-Atmens, die Emmi mit zunehmend blassem Gesicht verfolgt hatte.
„Zoe hat das Muttermal gesehen", sagte sie. „Auf Maries Foto. Sie hat gezoomt, Scarlett. Sie hat gezoomt."
„Und was hast du gesagt?"
„Dass jeder Mensch einen Doppelgänger hat!"
„Das ist tatsächlich statistisch nicht haltbar", begann Liv, „die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Übereinstimmung von Gesichtsgeometrie UND Pigmentmal-Position liegt bei ungefähr—"
„Liv", sagte ich.
„Ich sage nur, wenn Zoe rechnen kann, haben wir ein Problem."
„Zoe studiert Soziologie", sagte Emmi.
„Dann haben wir Zeit", sagte Liv, und Emmi warf ein Sofakissen nach ihr, und für einen Moment waren wir wieder neun Jahre alt, und es war das Beste, was mir den ganzen Tag passiert war.
Ich holte den Notizblock. Ja, wir haben einen Notizblock. Wir sind drei Frauen, die ein Doppelleben zu dritt führen – ohne Verwaltung bricht so etwas zusammen. Auf der ersten Seite stehen die Regeln, in Emmis ordentlicher Schrift, beschlossen vor zwei Jahren in genau diesem Raum:
Regel 1: Niemand erfährt, dass wir drei sind. Regel 2: Wer tauscht, meldet sich alle zwei Stunden. Regel 3: Keine wichtigen Entscheidungen im fremden Leben. Regel 4: Keine Küsse. NIEMALS. (Unterstrichen. Dreimal. Von mir.) Regel 5: Wenn eine aussteigen will, steigen alle aus.
„Neue Beschlüsse", sagte ich und schrieb mit. „Erstens: Muttermal wird abgedeckt. Immer. Ich besorge uns wasserfestes Camouflage-Make-up, das Zeug, mit dem man Tattoos abdeckt."
„Zweitens", sagte Liv, „Marie. Das Foto kriegen wir nicht mehr aus der Welt, aber ich habe sie heute Nacht dazu gebracht, den Standort-Tag zu löschen. Ich habe ihr erzählt, Stalker-Prävention. Technisch gesehen nicht mal gelogen."
„Drittens", sagte Emmi und richtete sich auf, und in ihre Stimme kam dieser neue Ton, den ich erst seit heute kannte, „der Wettbewerb."
Livs Gesicht schloss sich wie eine Tür. „Es gibt keinen Wettbewerb. Ich schreibe Jonas, dass es ein Missverständnis war, und damit ist das erledigt."
„Du bist unter den besten Schreiberinnen, die—"
„Emmi." Livs Stimme war leise, und leise ist bei Liv gefährlicher als laut. „Du hattest kein Recht, das zuzusagen. Das ist mein Leben. Meine Texte. Meine Entscheidung."
„Du entscheidest ja nicht! Du versteckst!"
„Mädels." Ich hob die Hände. „Nicht heute. Heute ist Geburtstag, und wir haben bis Freitag Zeit für diesen Streit. Ich beantrage Vertagung."
Es war das erste Mal, dass ich zwischen den beiden vermitteln musste, und ich spürte, dass es nicht das letzte Mal sein würde. Emmi presste die Lippen aufeinander und nickte. Liv sah aus dem Fenster. Der Riss war klein, aber er war da, und ich nahm mir vor, ihn im Auge zu behalten. Risse in dieser Familie sind meine Zuständigkeit. Liv ist fürs Denken zuständig, Emmi fürs Fühlen, ich fürs Kitten. Jede hat ihr Handwerk.
„Vierter Punkt", sagte Liv nach einer Pause und zog etwas aus ihrer Tasche. Eine schwarze Karte, geprägte Schrift. Sie legte sie zwischen uns auf den Teppich, als wäre sie kontaminiert. „Damian King."
Ich nahm die Karte. Schwer, teuer, arrogant. Genau wie ihr Besitzer vermutlich. D. King, stand darauf, sonst fast nichts, was die maximale Selbstverliebtheit ist – ein Mann, der davon ausgeht, dass man bereits weiß, wer er ist.
„Erzähl mir alles", sagte ich. „Jedes Detail."
Liv erzählte. Den Auftritt, den Anzug, die Inventurliste in seinem Blick. Den Satz über das Personal, das sich für den Star hält. Und je länger sie erzählte, desto ruhiger wurde ich, und das ist bei mir das Gegenteil von einem guten Zeichen. Emmi wird laut, wenn sie wütend ist, für ihre Verhältnisse jedenfalls. Liv wird ironisch. Ich werde ruhig. Ruhig wie ein Ozean drei Minuten vor der Flutwelle.
„Er will dich Montag um zehn kündigen", schloss Liv. „Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich es schlimmer gemacht habe. Der Satz mit den Kompensationsproblemen war... Ich stand unter kognitiver Belastung."
„Schlimmer gemacht?" Ich sah sie an. „Liv. Du hast mir einen Gefallen getan."
„Inwiefern ist öffentliche Demütigung des neuen Chefs ein Gefallen?"
„Weil er jetzt denkt, er kennt mich." Ich stand auf, weil ich im Sitzen nicht denken kann, und lief zwischen Mamas Leinwänden hin und her. „Er denkt, ich bin die Frau von Samstagabend. Klug, verkopft, provozierbar. Er wird sich auf sie vorbereiten. Auf dich. Und dann sitze ihm ich gegenüber."
„Das ist entweder brillant oder die Einleitung einer Katastrophe", sagte Liv. „Erfahrungsgemäß bei dir: beides, in dieser Reihenfolge."
Emmi zog die Knie an. „Was, wenn er dich wirklich feuert? Du liebst diesen Job, Scar."
Und da war er, der Moment der Wahrheit, mitten in der Nacht, zwischen Marmorkuchen und Terpentin. Ich blieb stehen.
„Er wird mich nicht feuern", sagte ich. „Weil ich nicht hingehe, um meinen Job zu retten."
Zwei identische Augenpaare sahen mich an. Grün, wachsam, meins.
„Ich bettle nicht um eine Stelle hinter der Bar. Ich gehe da Montag rein und fordere eine eigene Eventreihe. Mein Konzept, mein Name, meine Nächte. Ich denke seit einem Jahr darüber nach, ihr wisst das – die Ideen liegen in meiner Schublade und werden nicht jünger. Rocco hat immer gesagt ‚irgendwann, Kleine'. Es gibt kein Irgendwann mehr. Es gibt nur noch Montag, zehn Uhr."
Schweigen. Dann sagte Liv: „Er wird dich auslachen. Du bist seit sieben Stunden volljährig."
„Er wird es versuchen", sagte ich.
„Er hat am Samstag zwanzig Zeugen verloren", überlegte Liv. „Wenn er dich feuert, nachdem der halbe Club gesehen hat, wie du – also ich – ihn zerlegt hast, sieht es aus wie Rache. Kleinlich. Das weiß er. Männer wie er hassen es, kleinlich auszusehen. Du hast tatsächlich Verhandlungsmasse. Ungefähr eine Streichholzschachtel voll, aber immerhin."
„Siehst du", sagte ich. „Du hast mir einen Gefallen getan."
Emmi sah zwischen uns hin und her, und dann passierte etwas Seltsames mit ihrem Gesicht. Es lächelte nicht ihr Kamillentee-Lächeln. Es lächelte etwas Neues, Schiefes, das verdächtig nach mir aussah.
„Ich will auch etwas fordern", sagte sie.
„Von wem?"
„Ich weiß es noch nicht." Sie fasste an die Kette mit dem E und hielt den Anhänger fest, als würde sie ihn wiegen. „Ich weiß nur, dass heute alle mutig sind außer mir. Liv soll Freitag ihren Text abgeben. Du stürmst Montag ein Chefbüro. Und ich habe heute den ganzen Tag in einem fremden Leben verbracht und mich zum ersten Mal seit Jahren frei gefühlt, und ich finde, das sollte einem in seinem eigenen Leben passieren, oder?"
Niemand antwortete. Liv und ich sahen uns an, eine Zehntelsekunde nur, aber wir führten in dieser Zehntelsekunde ein komplettes Gespräch. Es ging ungefähr so: Hast du das gehört? – Ja. – Benedikt? – Benedikt. – Sagen wir was? – Nein. Sie muss selbst draufkommen. – Aber wir bleiben dran. – Immer.
„Auf uns", sagte ich stattdessen und hob mein Glas mit dem Sekt, den wir jetzt ganz legal trinken durften und der deswegen nur halb so gut schmeckte wie früher. „Auf achtzehn Jahre. Auf Mama. Und auf das Jahr, in dem wir alles fordern."
„Alles fordern", wiederholte Emmi.
„Unter Vorbehalt", sagte Liv, aber sie stieß an.
Wir tranken, und der Kirchturm hinter dem Hinterhof schlug irgendwann eins, und Emmi schlief als Erste ein, zusammengerollt in Mamas Sessel, die Hand um das goldene E geschlossen, als müsste sie es festhalten. Oder loswerden. Bei Emmi war das manchmal dasselbe.
Liv und ich blieben noch wach, Rücken an Rücken auf dem Teppich, wie früher.
„Scar?", sagte sie irgendwann in die Dunkelheit.
„Hm?"
„Dieser King. Da ist etwas an ihm. Er hat mich angesehen wie ein Problem, das er lösen will. Und Männer, die dich als Problem sehen..." Sie zögerte, was Liv nie tut. „Sei vorsichtig, ja?"
„Ich bin immer vorsichtig."
„Du bist niemals vorsichtig. Es ist dein zweitbester Charakterzug."
Ich grinste in die Dunkelheit. „Und der beste?"
„Dass du gleich fragst, wie man einen Businessplan schreibt."
Ich schwieg genau drei Sekunden.
„Liv. Wie schreibt man einen Businessplan?"
Sie seufzte, dieses lange Liv-Seufzen, mit dem sie seit achtzehn Jahren ihre Liebe tarnt, und stand auf, um Papier zu holen.
Wir arbeiteten bis vier. Montag konnte kommen.
Dachte ich.
Was Mama gewusst hätteDie Woche bis Samstag verging in einer seltsamen, gedehnten Zeitlosigkeit, in der jede gewöhnliche Handlung – Kaffee kochen, zur Uni fahren, Zoe von ihrem Date erzählen hören – sich anfühlte, als geschähe sie hinter einer dünnen Glasscheibe, während der eigentliche Teil von mir bereits im Samstag lebte, in einem Gespräch, das noch nicht stattgefunden hatte und das ich mir trotzdem in tausend Variationen ausmalte, jede schlimmer als die letzte.Ich zeichnete in dieser Woche mehr als sonst, mit einer Hektik, die ich selbst kaum kontrollieren konnte – Seiten voller Frauen mit drei Gesichtern, die sich in einem einzigen Körper stritten, die versuchten, gleichzeitig zu lachen und zu weinen, ohne dass eine der beiden Bewegungen die andere störte. Es war die erste Sammlung, die ich niemandem zeigte, nicht einmal Zoe, weil sie zu roh war, zu direkt, ein Tagebuch in Bild
Die Karte in der Schublade„Papa" stand da wie ein einzelnes, unüberwindbares Wort im Buchclub, und keine von uns tippte in den nächsten zehn Minuten etwas Weiteres, als hätte allein das Aussprechen seines Namens genug Gewicht gehabt, um jede sofortige Antwort zu ersticken.Ich starrte auf mein Handy, in meiner eigenen Wohnung, allein, und dachte an all die anderen Namen, die wir in den letzten Tagen ausgesprochen hatten – Damian, Jonas, Zoe –, jeder davon ein Mensch, den wir uns selbst ausgesucht hatten, jemand, der in unser Leben getreten war, weil wir es zugelassen hatten. Papa war anders. Papa war schon immer da gewesen, in Abwesenheit und jetzt in überraschender Präsenz, und das Gewicht seines Namens fühlte sich an wie das Gewicht einer ganzen Kindheit, nicht nur einer einzelnen Beziehung.Wir trafen uns am nächsten Abend im Atelier, alle drei, mit der Art von feierlicher Ernsthaftigkeit,
Podcast-würdigZwei von zweien, hatte Liv geschrieben, und ich hatte die Nachricht mindestens zehnmal gelesen, mit einer Mischung aus Freude für meine Schwestern und einer wachsenden, unbequemen Gewissheit, dass ich jetzt die Letzte war, die noch zögerte.Es war ein seltsames Gefühl, die Letzte zu sein. Normalerweise bin ich diejenige, die zuerst weint, zuerst nachgibt, zuerst „ja" sagt, wenn Mut gefragt ist – nicht aus Tapferkeit, sondern weil ich schlecht darin bin, unangenehme Gefühle länger als nötig auszuhalten. Aber bei Zoe zögerte ich, tagelang, und ich verstand meine eigene Zögerlichkeit erst, als ich mir eingestand, wovor ich mich wirklich fürchtete: nicht ihre Ablehnung, sondern ihre Begeisterung. Dass sie die Wahrheit nehmen und daraus etwas machen würde, das größer war, als ich es ertragen konnte.Zoe war die naheliegende Wahl, und gleichzeitig die, vor der
Unbewachter Moment, zweite RundeEs gibt Momente, in denen man spürt, dass eine Entscheidung, die man Wochen vor sich hergeschoben hat, plötzlich keine Wahl mehr ist, sondern eine Notwendigkeit, die sich mit der Dringlichkeit eines Alarms meldet. Für mich kam dieser Moment nicht durch eine äußere Krise, sondern durch etwas viel Kleineres: eine Nachricht von Scarlett, mitten in der Nacht, nur drei Worte lang, die trotzdem alles veränderten.Scarlett hatte es Damian gesagt. Sie erzählte es uns am selben Abend, mit einer Stimme, die zwischen Erleichterung und Panik schwankte, als hätte sie einen Abgrund überquert und stünde jetzt auf der anderen Seite, ohne genau zu wissen, ob der Boden dort fester war. Emmi hatte geweint, aus Solidarität, aus Erleichterung, aus der schieren Erschöpfung einer Woche, die sich anfühlte wie ein Jahr. Und ich hatte dagesessen, in unserem Videoanruf, und gewusst, mi
Der Artikel, den er nicht hätte lesen sollenDie Tage nach der Veröffentlichung vergingen in einer Art angespanntem Schwebezustand, in dem ich mich dabei ertappte, jeden Gast, der die Bar betrat, auf eine Weise zu mustern, wie ich es sonst nur bei Steuerprüfern oder Exfreunden tat – abschätzend, wachsam, immer bereit für den Moment, in dem jemand zu genau hinsah. Rocco hatte den Artikel natürlich auch gelesen, „Süße, das ist ja verrückt, so eine Doppelgängerin, die Welt ist echt klein", und war dann, zu meiner enormen Erleichterung, direkt zur nächsten Bestellung übergegangen, ohne die Verbindung zu ziehen, die ich die ganze Zeit gefürchtet hatte.Ich hatte gehofft, Damian würde den Artikel nie sehen. Es war eine dumme Hoffnung, im Nachhinein betrachtet – der Mann führte einen Club, der von genau der Zielgruppe besucht wurde, die Campus-Magazine liest, und Zoe war
Das Telefonat, das niemand erklärteDer Artikel hatte etwas Seltsames mit unserer Familie gemacht, etwas, das ich erst im Nachhinein richtig benennen konnte: Er hatte uns gezwungen, schneller zu handeln, als wir es sonst je getan hätten. Zwei Jahre lang hatten wir Krisen wie Feuer gelöscht, eine nach der anderen, immer reaktiv, immer im letzten Moment. Jetzt, mit einem gedruckten, unwiderruflichen Text irgendwo in der digitalen Welt, der jederzeit von jedem gelesen werden konnte, fühlte sich Zögern zum ersten Mal gefährlicher an als Handeln.Bevor ich zum Atelier ging, an jenem Donnerstagabend, hatte ich noch einen Termin, den ich seit Wochen vor mir herschob: Marie.Sie hatte mir am Nachmittag geschrieben, kurz nach Zoes Nachricht an Liv, mit einer Direktheit, die untypisch für sie war, weil Marie normalerweise in Ausrufezeichen und Herzchen kommunizierte, nicht in klaren, kurzen Sätzen: Können w







