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KAPITEL EINS
„Vierzehn Minuten! Du darfst an deinem ersten Tag nicht zu spät kommen, Naomi!“
Ich schalt mich selbst lautstark, während meine Beine schneller wurden. Der Clip meines Namensschilds schnappte mir schon wieder aus den Fingern zum dritten Mal heute. Ich stopfte ihn in meine Tasche; in der einen Hand hielt ich einen Kaffee, unter dem Arm einen Aktenordner, und rannte in vollem Tempo auf die Aufzüge zu.
Ich bog zu schnell um die Ecke und prallte gegen etwas Festes. Heftig. Der Deckel meines Bechers sprang ab. Kaffee spritzte überallhin über meine Hand, den Boden und seine Schuhe.
„Oh nein, nein, nein …“ Meine Hände schwebten hilflos über dem Malheur, auf der Suche nach Servietten, die natürlich nicht da waren.
„Lassen Sie es.“ Die Stimme kam von oben. Tief und ruhig. Ich legte den Kopf in den Nacken, um seinem Blick zu begegnen. Sein Anzug sah aus, als hätte er mehr gekostet als meine Miete. Sein Gesicht ließ mich erstarren. Er stand vollkommen regungslos da, seine Augen fest auf meine gerichtet.
„Es tut mir so leid!“ Ich wollte zu hastig aufstehen. Mein Knöchel knickte um, und ich konnte mich gerade noch an der Wand festhalten, bevor ich stürzte. „Erster Tag. Ich habe nicht aufgepasst.“
„Erster Tag“, wiederholte er langsam, als würde er mir nicht glauben. Ich wischte mir die Hand an meinem Rock ab und streckte sie ihm trotzdem entgegen. „Marketing. Dritter Stock. Naomi Reyes.“
Er betrachtete meine Hand, bevor er sie ergriff. Sein Griff war warm. Zu warm. Mir stockte der Atem.
„Ezra“, sagte er. „Calloway.“
Ich zog meine Hand ruckartig zurück. Mein Blick huschte zu den goldenen Buchstaben hinter dem Empfangstresen und dann zurück zu ihm. „Moment mal. Sie sind … *der* Calloway?“
Mir blieb die Luft weg. Ich hatte gerade heißen Kaffee über den Mann geschüttet, dessen Name auf meinem Gehaltsscheck stand.
„Soweit ich weiß.“ Ein halbes Lächeln huschte über seine Lippen, doch sein Blick blieb scharf. Seine Augen wanderten langsam über mein Gesicht, als würde er ein Rätsel lösen.
„Ich komme für den Schaden auf“, sagte ich. „Berechnen sie etwas für Marmorböden? Ich weiß nicht einmal …“
„Haben wir …“ Er hielt inne. Sein Kiefer spannte sich fest an. Ein Muskel zuckte in der Nähe seines Ohrs. Seine Hand bewegte sich halb auf mich zu, dann hielt er sie zurück und steckte sie in die Tasche.
„Haben wir was?“, fragte ich. „Es sah so aus, als wolltest du fragen, ob wir uns schon einmal begegnet sind.“
„Nein“, sagte er sofort. „Ich wüsste nicht, wie das möglich sein sollte.“ Er wandte sich zum Gehen. Dann hielt er inne, eine Hand am Türrahmen des Aufzugs abgestützt, als könnten ihn seine Beine nicht mehr tragen.
„Mr. Calloway?“ Ich richtete mich auf. „Geht es Ihnen gut?“
Er drehte sich wieder um; sein Gesicht war blass, die Augen weit aufgerissen.
„Nomi.“
Das Wort klang rau, kaum mehr als ein Flüstern. Ich rührte mich nicht. Ich hielt den Atem an. Niemand hatte mich so genannt, seit ich sieben war. Nur eine einzige Person hatte das je getan. Und diese Person war im selben Sommer verschwunden ohne ein Wort des Abschieds.
„Wie hast du mich genannt?“
Er blinzelte, und sein Gesicht verschloss sich wieder. „Naomi. Ich sagte Naomi. Ich habe es falsch ausgesprochen.“ Das hatte er nicht. Ich kenne meinen eigenen Namen.
„Schon gut“, sagte ich.
„Schon gut.“ Er trat zurück, und die Türen schlossen sich vor seinem Gesicht, noch bevor ich etwas anderes sagen konnte.
Zwei Wochen lang war er überall. Er rief mich in sein Büro, um ein Kampagnen-Briefing zu besprechen, das gar keine persönliche Erläuterung erfordert hätte. Er tauchte genau zu der Zeit bei den Aufzügen auf, zu der ich normalerweise Feierabend machte. Er fragte nach meinem Wochenende so, als wäre die Antwort tatsächlich von Bedeutung, hielt dann aber plötzlich inne und verstummte.
„Du machst es schon wieder“, sagte ich einmal zu ihm, als wir dicht beieinander in einem leeren Flur standen.
„Was mache ich?“
„Du starrst so, als würdest du versuchen, dich an ein Wort zu erinnern, das dir entfallen ist“, sagte ich.
Sein Kehlkopf bewegte sich, als er schluckte. „Vielleicht tue ich das ja.“
„Ezra.“ Sein Name fühlte sich seltsam auf meinen Lippen an viel zu vertraut für jemanden, den ich erst seit zwei Wochen kannte. „Wer ist Nomi für dich?“
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich für einen Moment, dann war es wieder vorbei. „Ich habe es dir doch gesagt. Du hast dich verhört.“
„Habe ich nicht.“
Er antwortete nicht. Er sah mich nur an, die Kiefer fest zusammengepresst, bevor er sich abwandte und in sein Büro zurückkehrte.
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An jenem Abend stand ich in meiner kleinen Küche, eine unberührte Tasse Tee in der Hand, und ließ den Blick in seinen Augen, den er mir beim Weggehen zugeworfen hatte, immer wieder vor meinem geistigen Auge ablaufen.
„Hör auf damit, Naomi“, flüsterte ich mir selbst zu und stellte die Tasse mit einem lauten Klappern auf die Arbeitsplatte. „Er ist dein Chef. Er ist wohlhabend, mächtig und absolut unerreichbar. Du brauchst diesen Job du darfst ihn nicht wegen eines seltsamen Missverständnisses aufs Spiel setzen.“
Ich ging zum Fenster im Wohnzimmer und zog auf dem Sofa die Knie an die Brust. Ich zwang mich zu einem Versprechen: Morgen würde ich mich zurückhalten. Kein Herumlungern mehr in den Fluren. Keine persönlichen Fragen mehr. Ich würde mich wie eine ganz normale Angestellte verhalten und ihn in Ruhe lassen.
Regen prasselte gegen mein Fenster so heftig, dass die Scheiben klirrten. Ich saß in Jogginghose und mit zerzaustem Haar auf dem Sofa, als es plötzlich an der Tür klingelte. Ich sah auf den Monitor der Gegensprechanlage. Mir stockte der Atem.
Ezra. Völlig durchnässt, die Haare klebten an seiner Stirn, sein Blick direkt auf die Kamera gerichtet.
Ich öffnete die Tür. „Was machst du hier? Es ist fast Mitternacht …“
„Ich weiß es nicht.“ Seine Stimme überschlug sich, klang rau. „Ich konnte einfach nicht aufhören, an dich zu denken. Ich weiß nicht, warum. Ich verstehe das alles nicht.“
„Ezra …“
„Sag mir einfach, dass ich gehen soll. Sag mir, dass das verrückt ist und ich gehe.“
Ich stand da und hielt die Tür offen.
Er überbrückte den Abstand zwischen uns; von seiner Jacke tropfte noch immer Regen auf meinen Boden. Er hob die Hand und ließ sie einen Moment lang in der Nähe meines Kiefers schweben. Dann berührte er meine Haut. Seine Finger waren kalt, doch dort, wo er mich berührte, brannte es.
Keiner von uns sagte ein Wort, bevor seine Lippen auf meine trafen.
Seine kalten Finger vergruben sich tief in meinem Haar und zogen mich fest gegen seinen nassen Mantel. Die Kälte des Regens drang durch mein Shirt, doch dort, wo sein Körper an meinen gepresst war, brannte es. Er wich nur so weit zurück, dass seine Stirn an meiner ruhte; sein Brustkorb hob und senkte sich schwer gegen meine Rippen.
„Ich habe es versucht“, flüsterte er, während sein Gr
iff in meinem Haar fester wurde. „Nomi, ich habe versucht, mich von dir fernzuhalten.“
Kapitel Sieben„Okay. Erzähl mir alles, und lass nicht den Teil mit Camille aus.“Die Haustür knallte so heftig gegen die Wand, dass die Scheiben im Flur klirrten. Eine Frau stand mit einem Koffer in der Hand und halb aus der Spange hängenden Haaren im Türrahmen und starrte mich direkt an. Ich saß schon seit vierzig Minuten auf der Bank im Flur und wartete auf Ezras Heimkehr. Mein Handy war so fest in meiner Faust gequetscht, dass die harte Kante eine tiefe rote Linie in meine Handfläche schnitt.„Entschuldigung“, sagte ich. „Wer sind Sie?“„Ivy.“ Sie ließ den Koffer fallen und knallte die Tür hinter sich zu. „Die Schwester. Die, über die niemand spricht, wahrscheinlich. Wer sind Sie, und warum sehen Sie aus, als hätte jemand gerade Ihren Hund überfahren?“„Ich bin Naomi. Ich arbeite für Ezra.“„Naomi.“ Sie sprach langsam, als würde sie ein Schloss prüfen. „Das Mädchen, das Ezra zum Abendessen mitgebracht hat. Mama hat mir eine SMS über dich geschickt. Sie meinte, Opa würde die Sache
„Oh, Sie müssen sich ja so für ihn freuen!“Die Frau in Silber umfasste meine Hände fest und drückte sie wie eine alte Freundin. Ich hatte ihr Gesicht noch nie zuvor gesehen. Zwanzig Minuten lang hatte ich hinter dem Check-in-Tisch gestanden und Namensschilder in die Hände der Investoren gedrückt, während mir die Kiefermuskeln von einem gezwungenen Lächeln brannten.„Entschuldigung, worüber freuen Sie sich denn?“„Über die Verlobung natürlich!“ Ihre harten Ringe drückten sich fest in meine Haut. „Ezra und Camille. Alle reden schon seit dem Abendessen mit dem Vorstand darüber.“Ich lachte. Ein schrilles Lachen, so laut, dass sich ein Mann am Champagnerturm umdrehte. „Ezra ist nicht verlobt.“„Ach, Liebes.“ Ihr Lächeln blieb völlig erstarrt. „Doch, ist er.“„Nein. Ich arbeite für ihn. Ich wüsste es.“ „Vielleicht hält er es wegen der Klage geheim.“ Ihre schwere Hand klopfte mir zweimal auf den Handrücken, wie eine Mutter, die ihr Kind beruhigt. „Camille Whitfield. Ein liebes Mädchen. Ih
Kapitel fünfNachdem die Tür ins Schloss gefallen war, hörte ich nichts mehr von Helena weder in jener Nacht noch am nächsten Morgen. Ihr unvollendeter Satz hallte auf der Heimfahrt im Taxi nach, so eindringlich, dass ich beinahe zweimal die Abzweigung verpasst hätte.Als ich am nächsten Tag das Büro betrat, lag bereits eine aggressive Spannung in der Luft.An jedem Schreibtisch im dritten Stock klingelten ununterbrochen die Telefone. Beim Drucker hatte sich eine kleine, panische Menschenmenge versammelt; jemand las laut Schlagzeilen vor. Noch bevor ich meinen Arbeitsplatz erreichte, fiel zweimal das Wort „Klage“.„Was ist los?“ Ich griff schnell zu und hielt Priya am Arm fest, als sie an mir vorbeieilte drei Aktenordner fest an ihre Brust gedrückt.„Dane.“ Sie stieß den Namen regelrecht aus. „Er hat heute Morgen Klage gegen die Firma eingereicht. Betrugsvorwürfe und zwar direkt an die Presse, noch bevor die Rechtsabteilung überhaupt etwas davon mitbekam.“„Betrug? Das ist doch Wah
Kapitel vierAls ich das Esszimmer der Calloways betrat, fühlte ich mich, als würde man gerade Maß für meinen Sarg nehmen. Dunkles Holz, hohe Decken, ein Kronleuchter, der mehr gekostet hatte als mein gesamtes Studium. Jeder Stuhl wirkte, als gehöre er einer bedeutenden Persönlichkeit und keiner davon schien für mich bestimmt zu sein.Ezra ließ seine Hand die ganze Zeit an meinem unteren Rücken, als könnte er spüren, dass ich am liebsten umdrehen und davonlaufen wollte.„Du hättest nicht kommen müssen“, sagte er leise, während wir die Schwelle überschritten.„Du hast mir die Akte schon dreimal erklärt. Ich habe vor diesem Abendessen mehr Angst als vor Dane.“„Kluge Frau.“ Er lächelte fast. „Die Akte bleibt unter uns. Niemand sonst muss erfahren, dass du sie gesehen hast.“„Das sagst du immer wieder als würde es mich beruhigen.“„Es soll dir ein Gefühl von Sicherheit geben.“„Das funktioniert nicht.“ Ich blickte zu dem Haus hinauf, das sich vor uns auftürmte Stein, Glas und der Reich
Kapitel drei„Dane wird nicht einfach nur dasitzen und zusehen, Ezra. Das weißt du doch.“Ich erstarrte mitten im Flur, meine Hand umklammerte den Riemen meiner Tasche. Die Stimme kam von hinter Ezras halb geöffneter Bürotür es war nicht seine. Sie klang älter. Rauer.Ich hätte nicht stehen bleiben sollen. Aber ich tat es trotzdem.„Ich kümmere mich darum“, sagte Ezra mit leiser, angespannter Stimme; ganz anders als der Tonfall, den er gestern Abend mir gegenüber benutzt hatte.„Wie kümmerst du dich darum? Indem du seit drei Tagen meine Anrufe ignorierst?“„Indem ich sicherstelle, dass keine Spuren zu uns zurückführen.“Ein Stuhl scharrte über den Boden. Ich drückte mich in den Schatten der Wand, außerhalb des Sichtfelds der Tür; mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.„Dieser Name ist seit Jahren nicht mehr gefallen“, sagte die zweite Stimme. „Warum jetzt? Warum sie?“Ich rührte mich nicht. Ich konnte nicht sagen, ob sich die Frage auf mich oder jemand anderen bezog und diese Ungewi
Kapitel zweiSeine Stirn blieb an meine gedrückt; wir beide atmeten schwer, als wären wir gerade gerannt. Seine Hände waren noch immer in meinem Haar verfangen und fühlten sich jetzt warm auf meinem Nacken an.Dann summte mein Handy auf der Ablage hinter uns.Ich blieb regungslos. Er bewegte sich ebenfalls nicht.Die Ablage vibrierte erneut. Drei kurze, scharfe Impulse hintereinander.„Du solltest rangehen“, sagte er, während seine Lippen fast meine berührten.„Will ich aber nicht.“„Naomi.“Ich wich zurück und schnappte mir das Handy von der Marmorplatte. Priya. Unter ihrem Namen erschien ein Bild auf dem Display. Mir wich das Blut aus dem Gesicht.Er war es. Ezra. Sein Arm lag um eine Frau in einem roten Kleid, deren Hand flach auf seiner Brust ruhte beide lachten in einer Bar auf einer Dachterrasse. Der Zeitstempel verriet: vor einer Stunde.„Was ist los?“ Er runzelte die Stirn und beobachtete meinen Gesichtsausdruck.„Was ist es?“ Ich drehte das Display zu ihm.Sein ganzer Körper







