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KAPITEL 4

Author: Favour
last update publish date: 2026-10-16 18:40:33

KAPITEL 4

Der Aufzug fuhr schweigend hinunter.

Aria stand neben Damien und versuchte erfolglos, ihn nicht zu bemerken. Die private Kabine war groß genug für zehn Personen, und doch fühlte sie sich zu eng an – zu still, zu intim. Wärme strahlte von seinem Körper. Mit jedem Atemzug kehrte dieser seltsame Duft zurück: Holz, Rauch und etwas Wildes, das sie noch immer nicht benennen konnte. Jedes Einatmen ließ ihren Puls steigen.

Lächerlich. Sie kannte ihn erst seit wenigen Stunden. Wenige Stunden sollten sich nicht natürlich anfühlen. Gefährlich vielleicht. Natürlich war das Problem.

Die Türen öffneten sich zu einer unterirdischen Garage, gesäumt von Luxusfahrzeugen. Arias Augen weiteten sich leicht.

“Wow.“

Damien warf ihr einen Blick zu. “Was?“

“Du hast nicht übertrieben, als du gesagt hast, du seist Geschäftsmann.“

Ein schwaches Lächeln zuckte an seinen Lippen. “So etwas in der Art.“

Er führte sie zu einem eleganten schwarzen Wagen. In dem Moment, in dem er ihn aufschloss, blieb Aria stehen.

Damien drehte sich um. “Was ist?“

Sie verschränkte die Arme. “Bevor ich mitten in der Nacht in das Auto eines geheimnisvollen Milliardärs steige, sollte ich wahrscheinlich wissen, wohin wir fahren.“

Seine Lippen zuckten. “Milliardär?“

“Du hast einen privaten Aufzug und genug Autos, um einen Händler zu eröffnen.“

Damien lachte leise, und der Klang schickte ein unerwartetes Flattern durch ihre Brust.

“Wir holen uns Kaffee.“

Aria blinzelte. “Kaffee?“

“Enttäuscht?“

“Ein bisschen.“

Amüsement vertiefte sich in seinen Augen. “Du hast etwas Dramatischeres erwartet?“

“Ich weiß nicht. Vielleicht ein geheimes unterirdisches Versteck.“

“Das ist dienstags.“

Sie lachte – echt, ungeschützt. Wieder einmal ertappte Damien sich dabei, sie anzustarren. Sein Wolf regte sich sofort.

Gefährtin. Mein.

Das besitzergreifende Knurren zog durch ihn. Er ignorierte es. Oder versuchte es.

Auf der anderen Seite der Stadt saß Isabella Steele in ihrem Penthouse mit einem frischen Bericht in den Händen.

Sie hasste jedes Wort.

Aria Johnson. Sechsundzwanzig. Schauspielerin. Kein Werwolfblut. Keine mächtige Familie. Keine politischen Verbindungen. Nichts. Eine Niemandin.

Und irgendwie hatte Damiens Wolf auf sie reagiert.

Isabella zerknüllte das Papier. „Nein.“

Das Wort entkam durch zusammengebissene Zähne. Es war nicht fair. Jahre lang hatte sie an seiner Seite gestanden und sich auf die Rolle der Luna-Königin vorbereitet: Ratsversammlungen, Rudelerwartungen, endlose politische Auftritte. Und jetzt sollte eine menschliche Schauspielerin ihren Platz einnehmen?

Absolut nicht.

Ihr Telefon klingelte. Der Mann, den sie früher angeheuert hatte.

“Hast du noch etwas gefunden?“

“Nur eine Sache.“

Isabella runzelte die Stirn. „Was?“

Er zögerte. “Damien hat noch nie eine Frau an diesen Ort mitgenommen.“

Schweigen.

Dann verdunkelte sich Isabellas Ausdruck, denn sie wusste genau, welchen Ort er meinte.

Das Seehaus.

Aria beobachtete, wie die Stadtlichter am Autofenster vorbeizogen.

Die Fahrt war auf eine Weise friedlich, die sie beunruhigte. Die meisten Gespräche mit Männern fühlten sich wie Vorstellungen an. Bei Damien fühlte sich sogar Schweigen sicher an – und das erschreckte sie mehr, als Unbehagen es getan hätte.

Sie warf einen Blick auf seine Hände am Lenkrad: stark, ruhig, fähig. Ihre Augen huschten weg. Vor Stunden hatte sie noch wegen Jason geweint. Jetzt bemerkte sie die Hände eines anderen Mannes. Pathetisch.

Als er den Gedanken spürte, sprach Damien. „Du runzelst wieder die Stirn.“

Aria stöhnte. „Kannst du aufhören, alles zu bemerken?“

„Nein.“

„Das ist unheimlich.“

„Man hat mich schon schlimmer genannt.“

Der Mundwinkel hob sich , da ihr Telefon vibrierte.

Jason. Eine andere Nummer. Ein weiterer Versuch.

Bitte sprich mit mir. Ich liebe dich.

Wut schoss scharf und klar durch sie. Liebe sah nicht aus wie Verrat. Liebe sah nicht aus wie eine andere Frau in ihrem Bett. Sie löschte die Nachricht und blockierte die Nummer erneut, ohne zu zögern.

Neben ihr blieb Damien still. Sein Griff ums Lenkrad wurde fester.

Gut. Der Mann hatte es verdient.

Wenn Damien ihm jemals begegnete, knurrte sein Wolf bei dem Gedanken.

Vierzig Minuten später kamen sie an.

Aria stieg aus dem Auto und erstarrte.

Der See dehnte sich endlos vor ihr. Mondlicht bewegte sich über dem Wasser. Der Wald schwankte im Nachtwind, und in der Ferne überblickte ein hölzernes Haus alles. Der Anblick raubte ihr den Atem.

“Oh mein Gott.“

Damien beobachtete sie aufmerksam. „Es gefällt dir.“

“Ich liebe es.“

Zum ersten Mal an diesem Abend verschwand die Traurigkeit aus ihrem Gesicht. Das zu sehen beruhigte etwas Ruheloses in ihm. Dieser Ort bedeutete ihm etwas. Sehr wenige Menschen wussten von seiner Existenz. Noch weniger waren jemals eingeladen worden. Aria hierherzubringen hatte sich natürlich angefühlt , als gehöre sie hierher. Die Erkenntnis tröstete und beunruhigte ihn zugleich.

Innen war das Seehaus elegant ohne Kälte: warmes Holz, sanftes Licht, gelebte Behaglichkeit. Nicht die sterile Pracht, die sie von einem Milliardär erwartet hatte.

“Das scheint nicht zu dir zu passen“, sagte Aria.

Damien hob eine Augenbraue. “Was soll das heißen?“

Sie blickte sich um. “Ich hatte etwas Kälteres erwartet.“

Sein Ausdruck wurde weicher. „Dieser Ort gehörte meiner Mutter.“

Etwas Seltenes flackerte über sein Gesicht : Verletzlichkeit, schnell beherrscht. Aria bemerkte es sofort. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung verstand sie, dass er nicht unbesiegbar war. Auch er trug Schmerz. Anders als ihrer. Aber dennoch Schmerz.

“Es tut mir leid.“

Damien sah sie an. “Wofür?“

“Was auch immer geschehen ist.“

Mehrere Sekunden starrte er sie nur an. Normalerweise bemerkte niemand so etwas. Normalerweise kümmerte es niemanden. Irgendwie tat sie es  und das machte sie auf eine Weise gefährlich, die sie sich noch nicht vorstellen konnte.

Später saßen sie auf der hölzernen Terrasse mit Blick auf den See, zwei Tassen Kaffee zwischen ihnen. Die Nacht war still. Friedlich. Fast perfekt.

Bis Damien erstarrte.

Aria bemerkte es sofort. „Was ist?“

Seine Augen verengten sich zum Wald hin – lauschend, beobachtend, spürend. Etwas stimmte nicht. Sein Wolf schnappte voll wachsam auf.

Gefahr. Nah. Sehr nah.

Ein leises Knurren drohte in seiner Kehle.

“Damien?“ Arias Herzschlag beschleunigte sich.

Er stand abrupt auf. Der ruhige Mann, mit dem sie Stunden verbracht hatte, war verschwunden. An seiner Stelle stand jemand weit Gefährlicheres. Weit Mächtigeres.

“Geh hinein.“

Der Befehl schockierte sie. “Was?“

“Jetzt.“

Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Angst kroch ihren Rücken hinauf. Dann hörte sie es.

Ein Heulen. Tief. Erschreckend. Nicht weit entfernt.

Ein weiteres folgte. Dann noch eines. Der Laut hallte durch die Bäume.

Aria wurde blass. “Was war das?“

Damiens Augen blitzten rot auf.

Diesmal sah sie es deutlich.

Bevor sie reagieren konnte, traten mehrere riesige Wölfe aus der Dunkelheit. Einer trat vor, die leuchtenden Augen direkt auf Aria gerichtet.

Damien bewegte sich sofort , stellte sich zwischen sie und das Rudel, schützend und absolut, als hinge sein Leben davon ab.

Der Leitwolf senkte den Kopf.

Dann sprach er.

“Eure Majestät.“

Arias gesamte Welt blieb stehen.

Wölfe sollten nicht sprechen. Und Damien—

Damien wirkte überhaupt nicht überrascht.

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