LOGINKAPITEL 2
Aria konnte nicht erklären, warum sie geblieben war.
Vielleicht lag es am Wein.
Vielleicht an der leeren Stelle, die Jason hinterlassen hatte.
Oder vielleicht an dem Mann neben ihr, dessen Gegenwart den Rest der Dachterrasse seltsam fern wirken ließ.
Musik und Lachen umgaben sie weiterhin – hell und einstudiert. Gespräche stiegen und fielen wie Hintergrundgeräusche. Zwischen Aria und dem Fremden hielt sich eine stillere Strömung.
Zum ersten Mal, seit sie Jason ertappt hatte, dachte sie nicht an ihn.
Allein diese Erkenntnis erschreckte sie.
Der Mann lehnte sich leicht zurück und betrachtete die Menge unter ihnen. “Du siehst nicht aus, als würdest du dich amüsieren.“
Aria stieß ein leises Schnauben aus. „Woran hast du das erkannt?“
“Du starrst seit zwanzig Minuten auf dasselbe Glas.“
Sie blickte hinunter. Er hatte nicht Unrecht.
“Ich hatte einen schlechten Tag.“
“Das ist offensichtlich.“
Die Direktheit überraschte sie. Die meisten Männer bemühten sich zu sehr, charmant zu sein. Dieser hier schien an der Vorstellung kein Interesse zu haben.
„Und du?“ fragte sie. „Warum bist du hier?“
Der Mundwinkel hob sich leicht. „Geschäftliches.“
“Auf einer Rooftop-Party?“
“Geschäfte werden überall gemacht.“
Aria rollte mit den Augen. “Du klingst wie ein Geschäftsmann.“
“Vielleicht bin ich einer.“
“Was für einer?“
“Der langweilige Typ.“
Das entlockte ihr ein echtes Lachen – das erste an diesem Abend. Überraschung flackerte über sein Gesicht, als hätte er den Klang nicht erwartet. Sein Blick verweilte auf ihr, nicht mit Urteil oder Mitleid, nur mit Neugier. Es machte sie unbehaglich. Und gleichzeitig warm.
“Ich bin Aria“, sagte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte.
Etwas veränderte sich in seinen Augen – Interesse, Wiedererkennen, vielleicht beides.
“Damien.“
Der Name passte zu ihm. Stark. Kontrolliert. Schwer zu vergessen.
Keiner von beiden nannte einen Nachnamen. Je weniger sie voneinander wussten, sagte Aria sich, desto sicherer blieb das hier.
Stunden dünnten die Menge aus.
Sophia kam aus dem Waschraum, entdeckte Aria im tiefen Gespräch mit dem Mann in Schwarz und lenkte sich still zur Tanzfläche um. Sie unterbrach nicht. Manche Rettungen brauchten das richtige Timing.
Aria und Damien sprachen über alles und nichts – Filme, Reisen, Erfolg, Scheitern, Ehrgeiz, Reue. Die Leichtigkeit davon verstörte sie. Normalerweise schützte sie sich vor mächtigen Männern. Bei Damien kamen die Worte ohne die übliche Rüstung.
Als sie über das Schauspielern sprach, hörte er zu. Als sie zugab, wie anstrengend Ruhm sein konnte, verstand er. Als sie vorsichtig die Einsamkeit darunter gestand, wurde sein Ausdruck weicher.
“Du versteckst es gut“, sagte er.
“Was?“
“Die Einsamkeit.“
Aria erstarrte. Niemand hatte sie je so benannt. Nicht einmal Jason. Vor allem nicht Jason.
Sie schaute weg. “Du bist sehr aufmerksam.“
„Das muss ich sein.“
Etwas in der Art, wie er es sagte, wirkte schwerer als der Satz. Bevor sie nachhaken konnte, vibrierte sein Telefon. Sein Ausdruck verdunkelte sich sofort. Er warf einen Blick auf den Bildschirm—
Und für den Bruchteil einer Sekunde blitzten seine Augen golden auf.
Aria blinzelte.
Golden?
Als sie erneut hinsah, waren sie dunkel.
“Alles in Ordnung?“ fragte sie.
Damien steckte das Telefon weg. „Nichts, was ich nicht handhaben kann.“
Meilen entfernt in der Stadt bewegte sich bereits ein Bericht durch Kanäle, die gewöhnliche Menschen nie zu Gesicht bekommen würden:
Ihr Alpha-König hatte seine Gefährtin gefunden.
Damien zwang sich, stillzuhalten.
Von dem Moment an, in dem er sich neben sie gesetzt hatte, war sein Wolf wach gewesen – ruhelos, beharrlich, gewiss. Gefährtin. Das Wort wurde nicht still. Nach Jahrhunderten des Wartens und falscher Hoffnung hatte das Schicksal sie hierher gestellt: menschlich, gebrochen, ahnungslos.
Jeder Instinkt verlangte, sie zu beanspruchen, sie zu schützen, sie nah zu halten. Er drängte den Impuls mit einer Disziplin nieder, die über Lebenszeiten erworben war. Sie wusste nicht, was er war. Sie wusste nicht, was sie ihm bedeutete. Käme die Wahrheit zu früh, könnte sie weglaufen.
Damien Blackwood war es nicht gewohnt, zu verlieren, was ihm gehörte.
Mitternacht legte sich über die Stadt.
Ein kühler Wind strich über die Dachterrasse. Aria fröstelte. Ohne nachzudenken, zog Damien seine Jacke aus und legte sie um ihre Schultern. Wärme schloss sie ein und trug den Duft von Holz, Rauch und etwas Wildem, das sie nicht benennen konnte.
Ihre Blicke trafen sich.
Keiner sprach.
Keiner schaute weg.
Die stille Anziehung, die sich den ganzen Abend aufgebaut hatte, spannte sich zu etwas, das schwerer zu ignorieren war. Arias Puls beschleunigte sich. Damiens Blick sank kurz auf ihren Mund, dann kehrte er zu ihren Augen zurück.
Die Spannung dehnte sich—
Und brach.
Eine Frau erschien am Rand ihres Raums: groß, elegant, schön auf eine Weise, die absichtlich wirkte. Ihr Ausdruck zerstörte den Moment sofort. Sie sah Damien an, dann Aria, und ihre Augen verengten sich.
“Damien“, sagte sie kalt.
Aria runzelte die Stirn. Die Frau kannte ihn offensichtlich.
Ärger huschte über Damiens Gesicht. “Du solltest nicht hier sein, Isabella.“
Isabella ignorierte ihn. Ihre Aufmerksamkeit blieb auf Aria gerichtet – abwägend, messend, unfreundlich. Dann lächelte sie. Das Lächeln einer Frau, die Schaden versprach.
“Du hast keine Ahnung, neben wem du sitzt, oder?“
Arias Magen zog sich zusammen.
Damien stand sofort auf. Seine Stimme sank zu etwas Gefährlichem. „Das reicht.“
Isabella lachte nur. „Du kannst die Wahrheit vorerst verbergen, Damien.“ Ihr Blick kehrte zu Aria zurück. „Früher oder später wird sie genau herausfinden, was du bist.“
Aria starrte zwischen ihnen hin und her, und Verwirrung schärfte sich zu Unbehagen. Zum ersten Mal an diesem Abend begriff sie, dass der Mann neben ihr mehr verbarg als nur einen Nachnamen.
Damiens Kiefer spannte sich. Isabella drehte sich um und ging und ließ Stille zurück.
„Wer war das?“ fragte Aria.
Damien antwortete nicht sofort. Seine Augen blieben auf die Richtung gerichtet, in die Isabella verschwunden war. Als er Aria schließlich wieder ansah, lag etwas Geheimnisvolles und Hartes in seinem Ausdruck.
“Jemand aus meiner Vergangenheit“, sagte er.
Aber Aria wusste, dass da mehr war.
Während sie seinen dunklen Blick hielt, setzte sich eine Gewissheit unter ihren Rippen fest:
Damien Blackwood zu begegnen würde ihr Leben verändern, ob sie bereit war oder nicht.
KAPITEL 9Sophia packte Arias Handgelenk und zog sie in eine leere Garderobe. Kaum war die Tür zu, verschränkte sie die Arme.„Rede.“Aria blinzelte mit geübter Unschuld. „Wovon?“„Spiel nicht die Dumme mit mir. Du bist die ganze Nacht mit einem geheimnisvollen Mann verschwunden.“Ein schwaches Rosa kroch in Arias Wangen, und Sophia keuchte.„Oh mein Gott.“ Ihre Augen weiteten sich. „Du hast mit ihm geschlafen, oder?“Aria würgte beinahe. „Sophia!“Das Schweigen, das folgte, war Antwort genug.„Unmöglich“, atmete Sophia und bedeckte den Mund.Aria sank auf die Couch, während die Nacht in Bruchstücken zurückkehrte: seine Augen, seine Stimme, die Art, wie er sie angesehen hatte, als zähle sie. Ein kleiner Schmerz setzte sich in ihrer Brust fest.„Ich bin gegangen, bevor er aufwachte“, gab sie leise zu.Sophia starrte. „Du was?“Bevor Aria antworten konnte, schien Sophia sich an etwas zu erinnern. „Warte.“Sie kramte in ihrer Handtasche und zog ein Telefon hervor – das, das sie auf der P
KAPITEL 8Das erste Morgenlicht glitt durch die Vorhänge des Seehauses und legte sich über das Bett.Arias Augenlider öffneten sich. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war. Die Decke war fremd, die Laken weicher als ihre eigenen, und die Luft trug einen leisen Duft von Zeder und Regen. Dann kehrten die Erinnerungen zurück, eine nach der anderen: der See, das Mondlicht, das stille Geständnis eines Mannes, der ihr gesagt hatte, was er war.Damien.Ihr Atem stockte.Sie drehte den Kopf langsam. Er lag neben ihr, fest eingeschlafen, ein Arm über dem Kissen, wo ihr Kopf gelegen hatte. Der mächtige Alpha-König wirkte im Schlaf anders. Weicher. Jünger. Beinahe gewöhnlich.Ein kleines Lächeln zuckte an ihren Lippen. Es verging, bevor es sich ganz formen konnte.Was hatte sie getan?Sie hatte die Nacht mit einem Mann verbracht, den sie weniger als einen Tag kannte. Einem Milliardär. Einem Fremden. Einem König einer Welt, von deren Existenz sie bis vor wenigen Stunden nichts gewusst hat
KAPITEL 7Isabella Steele saß steif im Fond ihres Luxuswagens, die manikürten Nägel in den Bildschirm ihres Telefons gegraben. Die frischen Fotos ihres Spions zeigten Damien und Aria in einem leidenschaftlichen Kuss auf der Terrasse des Seehauses – Körper eng aneinandergepresst, Hände streifend, Verlangen unverkennbar.Wut explodierte in ihren Adern.Jahre, in denen sie sich als künftige Luna-Königin positioniert hatte, politische Spiele, kalte Nächte und erzwungene Lächeln ertragen hatte – und diese menschliche Schlampe stahl ihr alles.„Du erbärmliche kleine Hure“, zischte Isabella und zoomte auf Arias errötetes Gesicht. „Du glaubst, du kannst die Beine spreizen und dir nehmen, was mir gehört?“Ihre Lippen verzogen sich zu einem giftigen Lächeln. Mit eisiger Präzision wählte sie ihren Kontakt.„Verlass das Seehaus. Du hast für heute Nacht genug getan.“Doch als das Gespräch endete, glänzten ihre Augen von mörderischer Absicht. Dieser Krieg hatte gerade erst begonnen.Im SeehausDrin
KAPITEL 6Die Musik auf der Dachterrasse wurde lauter, und die Party fand endlich ihren zweiten Atem.Sophia drehte sich von der Tanzfläche weg und suchte die Bar ab, an der sie Aria zuletzt mit dem Mann in Schwarz gesehen hatte. Die Hocker waren leer. Der Platz um sie herum hatte sich mit Fremden gefüllt. Angst zog sich sofort unter ihren Rippen zusammen.Sie holte ihr Telefon hervor und wählte.Es klingelte.Und klingelte.„Aria, wo bist du?“ flüsterte sie. „Bitte geh ran.“Keine Antwort.Zu hastig drehte sie sich um und prallte gegen einen großen Mann, der bereits zum Ausgang ging – James Reed, das Telefon am Ohr, der Ausdruck scharf vor Dringlichkeit. Damiens Stimme war noch in seinem Kopf: „Seehaus.“ Jetzt.„Entschuldigung“, sagte Sophia.„Schon gut.“Er war verschwunden, bevor sie mehr sagen konnte.Erst als er im Treppenhaus verschwand, blickte sie hinunter und begriff, dass das Telefon in ihrer Hand nicht ihr eigenes war. Sie versuchte, die Nummer anzurufen, die ihn hätte erre
KAPITEL 5Arias Körper erstarrte.Die kalte Nachtluft fühlte sich plötzlich zu dünn an. Ihre Augen blieben auf den riesigen Wolf gerichtet, der nur wenige Meter entfernt stand – den Wolf, der gerade gesprochen hatte.“Mein Alpha.“Die Worte hallten wieder und wieder durch ihren Kopf.Das war nicht möglich. Wölfe sprachen nicht. Sie konnten es nicht. Und doch hatte sie es klar gehört. Sie war nicht betrunken. Sie träumte nicht. Und nach der Anspannung in Damiens Gesicht auch er nicht.Der große Wolf senkte den Kopf mit ehrerbietiger Genauigkeit.“Wir haben überall nach Ihnen gesucht, Alpha-König.“Arias Herz blieb stehen.Alpha-König?Sehr langsam drehte sie sich zu Damien um. Seine Schultern waren steif. Sein Kiefer verspannt. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung wirkte er echt besorgt – nicht um sich selbst. Um sie.„Damien…“ Ihre Stimme zitterte. „Wovon redet er?“Schweigen.Der Wald schien den Atem anzuhalten. Die Wölfe blieben reglos wartend, beobachtend.Damien schloss kurz die Au
KAPITEL 4Der Aufzug fuhr schweigend hinunter.Aria stand neben Damien und versuchte erfolglos, ihn nicht zu bemerken. Die private Kabine war groß genug für zehn Personen, und doch fühlte sie sich zu eng an – zu still, zu intim. Wärme strahlte von seinem Körper. Mit jedem Atemzug kehrte dieser seltsame Duft zurück: Holz, Rauch und etwas Wildes, das sie noch immer nicht benennen konnte. Jedes Einatmen ließ ihren Puls steigen.Lächerlich. Sie kannte ihn erst seit wenigen Stunden. Wenige Stunden sollten sich nicht natürlich anfühlen. Gefährlich vielleicht. Natürlich war das Problem.Die Türen öffneten sich zu einer unterirdischen Garage, gesäumt von Luxusfahrzeugen. Arias Augen weiteten sich leicht.“Wow.“Damien warf ihr einen Blick zu. “Was?““Du hast nicht übertrieben, als du gesagt hast, du seist Geschäftsmann.“Ein schwaches Lächeln zuckte an seinen Lippen. “So etwas in der Art.“Er führte sie zu einem eleganten schwarzen Wagen. In dem Moment, in dem er ihn aufschloss, blieb Aria st







