LOGINKAPITEL 5
Arias Körper erstarrte.
Die kalte Nachtluft fühlte sich plötzlich zu dünn an. Ihre Augen blieben auf den riesigen Wolf gerichtet, der nur wenige Meter entfernt stand – den Wolf, der gerade gesprochen hatte.
“Mein Alpha.“
Die Worte hallten wieder und wieder durch ihren Kopf.
Das war nicht möglich. Wölfe sprachen nicht. Sie konnten es nicht. Und doch hatte sie es klar gehört. Sie war nicht betrunken. Sie träumte nicht. Und nach der Anspannung in Damiens Gesicht auch er nicht.
Der große Wolf senkte den Kopf mit ehrerbietiger Genauigkeit.
“Wir haben überall nach Ihnen gesucht, Alpha-König.“
Arias Herz blieb stehen.
Alpha-König?
Sehr langsam drehte sie sich zu Damien um. Seine Schultern waren steif. Sein Kiefer verspannt. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung wirkte er echt besorgt – nicht um sich selbst. Um sie.
„Damien…“ Ihre Stimme zitterte. „Wovon redet er?“
Schweigen.
Der Wald schien den Atem anzuhalten. Die Wölfe blieben reglos wartend, beobachtend.
Damien schloss kurz die Augen, als akzeptiere er etwas Unvermeidliches. Als er sie wieder öffnete, lag kein Entkommen mehr in seinem Ausdruck. Nur Wahrheit.
„Aria.“
Die Art, wie er ihren Namen sagte, verdrehte etwas in ihrem Magen.
„Was?“
„Es gibt etwas, das ich dir sagen muss.“
„Kein Scherz.“ Ein nervöses Lachen brach aus ihr scharf, gebrochen, beinahe hysterisch. Sie zeigte auf die Wölfe. „Fang mit den sprechenden Wölfen an.“
Keiner von ihnen bewegte sich. Keiner wirkte überrascht. Als sei Sprechen etwas Gewöhnliches und sie die Seltsame, weil sie reagierte.
Damien trat einen Schritt auf sie zu. Aria wich sofort zurück.
Sein Ausdruck verdunkelte sich. Die Reaktion schmerzte mehr, als er erwartet hatte.
„Bitte“, sagte er leise. „Hör einfach zu.“
Sie starrte den Mann an, mit dem sie Stunden gesprochen, gelacht, zu vertrauen begonnen – zu begehren begonnen hatte. Und plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob sie ihn überhaupt kannte.
„Rede.“
Damien holte tief Luft.
Wie sollte er Jahrhunderte an Geheimnissen erklären – alte Blutlinien, Rudelpolitik, Mondsegen, Gefährtenbande – einer menschlichen Schauspielerin, die dachte, sie verbringe einen harmlosen Abend mit einem Milliardär?
Es gab keine sanfte Version. Also wählte er Ehrlichkeit.
„Die Welt ist nicht genau so, wie du denkst.“
Aria verschränkte die Arme. „Das klingt wie der Anfang eines Horrorfilms.“
Einer der Wölfe schnaubte. Wirklich schnaubte. Aria schwankte beinahe.
Damien warf dem Tier einen scharfen Blick zu. Der Wolf senkte sofort den Kopf. „Verzeihung, Alpha.“
Aria blickte zwischen ihnen hin und her, dann zum See, dann zum Himmel – suchte nach Kameras, Produzenten, irgendeiner vernünftigen Erklärung. Irgendetwas.
„Das ist ein Streich.“
„Ist es nicht.“
„Versteckte Kameras?“
„Nein.“
„Eine Halluzination?“
„Nein.“
„Ein Nervenzusammenbruch?“
Damien lächelte beinahe. „Nein.“
Aria presste die Handflächen gegen die Schläfen. „Oh mein Gott.“
Das konnte nicht geschehen. Jeder Instinkt sagte ihr, dass es real war – und das erschreckte sie.
Einige Minuten später saßen sie im Seehaus.
Aria hatte sich geweigert, in der Nähe der Wölfe zu bleiben. Die Wölfe waren klugerweise draußen geblieben. Sie umklammerte eine Tasse Tee, aus der sie nicht trank. Damien saß ihr gegenüber. Die Distanz zwischen ihnen fühlte sich größer an als ein paar Meter Boden.
„Erzähl mir alles.“
Sein Blick wurde weicher. „Du wirst es vielleicht nicht glauben.“
„Versuch es.“
Eine weitere Pause. Dann sprach Damien.
„Es gibt Wesen, die unter Menschen leben.“
Aria stöhnte. „Machen wir das wirklich?“
„Ja.“
„Werwölfe?“
„Ja.“
Sie starrte. Er starrte zurück. Keiner bewegte sich.
Schließlich lachte sie – dann lachte sie stärker – dann hörte sie auf, weil Damien nicht lachte. Nicht einmal ein wenig. Die Erkenntnis schickte Eis durch ihre Adern.
„Oh.“
Damien nickte langsam.
„Oh.“
Zum ersten Mal an diesem Abend trat echte Angst in ihre Augen – nicht Angst vor den Wölfen. Angst vor ihm.
Und Damien hasste das.
Weit entfernt, in ihrem Penthouse, lächelte Isabella, als ein weiterer Bericht eintraf.
Ihr Ermittler hatte etwas Nützliches ausgegraben. Fotografien. Dutzende davon. Aria, wie sie mit Damien wegging. Aria, wie sie am Seehaus ankam. Aria, wie sie neben ihm lächelte.
Isabellas Augen verdunkelten sich. Das Gefährtenband wuchs schneller als erwartet. Das durfte nicht zugelassen werden.
Sie wählte eine Nummer. Die Antwort kam sofort.
„Meine Lady.“
„Bereitet den Rat vor“, sagte Isabella.
Der Mann zögerte. „Den Rat?“
„Ja.“ Ihr Lächeln wurde breiter – kalt, grausam, absichtlich. „Wenn Damien darauf besteht, eine menschliche Gefährtin zu wählen…“ Sie blickte auf Arias Fotografie hinab. „…dann wollen wir sehen, wie lange sie der Aufmerksamkeit standhält.“
Zurück im Seehaus ging das Gespräch weiter.
Aria hatte endlich aufgehört, sich einzureden, dass sie träumte – was leider bedeutete, die Realität zu akzeptieren oder zumindest einen Teil davon.
„Also lass mich das richtig verstehen.“
Damien nickte.
„Du sagst, Werwölfe existieren.“
„Ja.“
„Du kennst Werwölfe.“
„Ja.“
„Du arbeitest mit Werwölfen.“
„Ja.“
Sie verengte die Augen. „Du bist ein Werwolf.“
Schweigen füllte den Raum, bis er kleiner und enger wirkte.
Damien hielt ihren Blick. Dann, langsam:
„Ja.“
Arias Atem stockte. Schock, Verwirrung, Angst, Unglaube – und seltsamerweise Erleichterung – trafen sie zugleich. Denn trotz allem, was sie in dieser Nacht erfahren hatte, war Damien noch immer Damien. Der Mann, der zuhörte. Der Mann, der sie zum Lachen brachte. Der Mann, der bemerkte, wenn sie die Stirn runzelte. Der Mann, der sie ansah, als würde sie etwas bedeuten.
Und irgendwie bedeutete das mehr, als es sollte. Gefährlich mehr.
Damien beobachtete, wie die Gefühle über ihr Gesicht zogen. Dann kam die Frage, die er gefürchtet hatte.
„Was bist du wirklich, Damien?“
Er beugte sich leicht vor. Feuerlicht fing sich in seinen Augen – rot, mächtig, uralt. Als er sprach, trug seine Stimme ein Gewicht, das sich über den gesamten Raum zu legen schien.
„Ich bin Damien Blackwood.“
Eine Pause.
„Alpha-König des Königreichs Mooncrest.“
Arias Herz setzte aus.
Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung verstand sie, warum die Menschen ihn anders ansahen. Warum Isabella fürchtete, ihn zu verlieren. Warum die Wölfe ohne Frage gehorchten. Warum Macht ihm überallhin zu folgen schien.
Und tief unter dem Schock begann sich eine gefährlichere Frage zu formen:
Wenn Damien Blackwood der Alpha-König war, warum sah er sie dann an, als wäre sie der wichtigste Mensch in seiner Welt?
KAPITEL 9Sophia packte Arias Handgelenk und zog sie in eine leere Garderobe. Kaum war die Tür zu, verschränkte sie die Arme.„Rede.“Aria blinzelte mit geübter Unschuld. „Wovon?“„Spiel nicht die Dumme mit mir. Du bist die ganze Nacht mit einem geheimnisvollen Mann verschwunden.“Ein schwaches Rosa kroch in Arias Wangen, und Sophia keuchte.„Oh mein Gott.“ Ihre Augen weiteten sich. „Du hast mit ihm geschlafen, oder?“Aria würgte beinahe. „Sophia!“Das Schweigen, das folgte, war Antwort genug.„Unmöglich“, atmete Sophia und bedeckte den Mund.Aria sank auf die Couch, während die Nacht in Bruchstücken zurückkehrte: seine Augen, seine Stimme, die Art, wie er sie angesehen hatte, als zähle sie. Ein kleiner Schmerz setzte sich in ihrer Brust fest.„Ich bin gegangen, bevor er aufwachte“, gab sie leise zu.Sophia starrte. „Du was?“Bevor Aria antworten konnte, schien Sophia sich an etwas zu erinnern. „Warte.“Sie kramte in ihrer Handtasche und zog ein Telefon hervor – das, das sie auf der P
KAPITEL 8Das erste Morgenlicht glitt durch die Vorhänge des Seehauses und legte sich über das Bett.Arias Augenlider öffneten sich. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war. Die Decke war fremd, die Laken weicher als ihre eigenen, und die Luft trug einen leisen Duft von Zeder und Regen. Dann kehrten die Erinnerungen zurück, eine nach der anderen: der See, das Mondlicht, das stille Geständnis eines Mannes, der ihr gesagt hatte, was er war.Damien.Ihr Atem stockte.Sie drehte den Kopf langsam. Er lag neben ihr, fest eingeschlafen, ein Arm über dem Kissen, wo ihr Kopf gelegen hatte. Der mächtige Alpha-König wirkte im Schlaf anders. Weicher. Jünger. Beinahe gewöhnlich.Ein kleines Lächeln zuckte an ihren Lippen. Es verging, bevor es sich ganz formen konnte.Was hatte sie getan?Sie hatte die Nacht mit einem Mann verbracht, den sie weniger als einen Tag kannte. Einem Milliardär. Einem Fremden. Einem König einer Welt, von deren Existenz sie bis vor wenigen Stunden nichts gewusst hat
KAPITEL 7Isabella Steele saß steif im Fond ihres Luxuswagens, die manikürten Nägel in den Bildschirm ihres Telefons gegraben. Die frischen Fotos ihres Spions zeigten Damien und Aria in einem leidenschaftlichen Kuss auf der Terrasse des Seehauses – Körper eng aneinandergepresst, Hände streifend, Verlangen unverkennbar.Wut explodierte in ihren Adern.Jahre, in denen sie sich als künftige Luna-Königin positioniert hatte, politische Spiele, kalte Nächte und erzwungene Lächeln ertragen hatte – und diese menschliche Schlampe stahl ihr alles.„Du erbärmliche kleine Hure“, zischte Isabella und zoomte auf Arias errötetes Gesicht. „Du glaubst, du kannst die Beine spreizen und dir nehmen, was mir gehört?“Ihre Lippen verzogen sich zu einem giftigen Lächeln. Mit eisiger Präzision wählte sie ihren Kontakt.„Verlass das Seehaus. Du hast für heute Nacht genug getan.“Doch als das Gespräch endete, glänzten ihre Augen von mörderischer Absicht. Dieser Krieg hatte gerade erst begonnen.Im SeehausDrin
KAPITEL 6Die Musik auf der Dachterrasse wurde lauter, und die Party fand endlich ihren zweiten Atem.Sophia drehte sich von der Tanzfläche weg und suchte die Bar ab, an der sie Aria zuletzt mit dem Mann in Schwarz gesehen hatte. Die Hocker waren leer. Der Platz um sie herum hatte sich mit Fremden gefüllt. Angst zog sich sofort unter ihren Rippen zusammen.Sie holte ihr Telefon hervor und wählte.Es klingelte.Und klingelte.„Aria, wo bist du?“ flüsterte sie. „Bitte geh ran.“Keine Antwort.Zu hastig drehte sie sich um und prallte gegen einen großen Mann, der bereits zum Ausgang ging – James Reed, das Telefon am Ohr, der Ausdruck scharf vor Dringlichkeit. Damiens Stimme war noch in seinem Kopf: „Seehaus.“ Jetzt.„Entschuldigung“, sagte Sophia.„Schon gut.“Er war verschwunden, bevor sie mehr sagen konnte.Erst als er im Treppenhaus verschwand, blickte sie hinunter und begriff, dass das Telefon in ihrer Hand nicht ihr eigenes war. Sie versuchte, die Nummer anzurufen, die ihn hätte erre
KAPITEL 5Arias Körper erstarrte.Die kalte Nachtluft fühlte sich plötzlich zu dünn an. Ihre Augen blieben auf den riesigen Wolf gerichtet, der nur wenige Meter entfernt stand – den Wolf, der gerade gesprochen hatte.“Mein Alpha.“Die Worte hallten wieder und wieder durch ihren Kopf.Das war nicht möglich. Wölfe sprachen nicht. Sie konnten es nicht. Und doch hatte sie es klar gehört. Sie war nicht betrunken. Sie träumte nicht. Und nach der Anspannung in Damiens Gesicht auch er nicht.Der große Wolf senkte den Kopf mit ehrerbietiger Genauigkeit.“Wir haben überall nach Ihnen gesucht, Alpha-König.“Arias Herz blieb stehen.Alpha-König?Sehr langsam drehte sie sich zu Damien um. Seine Schultern waren steif. Sein Kiefer verspannt. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung wirkte er echt besorgt – nicht um sich selbst. Um sie.„Damien…“ Ihre Stimme zitterte. „Wovon redet er?“Schweigen.Der Wald schien den Atem anzuhalten. Die Wölfe blieben reglos wartend, beobachtend.Damien schloss kurz die Au
KAPITEL 4Der Aufzug fuhr schweigend hinunter.Aria stand neben Damien und versuchte erfolglos, ihn nicht zu bemerken. Die private Kabine war groß genug für zehn Personen, und doch fühlte sie sich zu eng an – zu still, zu intim. Wärme strahlte von seinem Körper. Mit jedem Atemzug kehrte dieser seltsame Duft zurück: Holz, Rauch und etwas Wildes, das sie noch immer nicht benennen konnte. Jedes Einatmen ließ ihren Puls steigen.Lächerlich. Sie kannte ihn erst seit wenigen Stunden. Wenige Stunden sollten sich nicht natürlich anfühlen. Gefährlich vielleicht. Natürlich war das Problem.Die Türen öffneten sich zu einer unterirdischen Garage, gesäumt von Luxusfahrzeugen. Arias Augen weiteten sich leicht.“Wow.“Damien warf ihr einen Blick zu. “Was?““Du hast nicht übertrieben, als du gesagt hast, du seist Geschäftsmann.“Ein schwaches Lächeln zuckte an seinen Lippen. “So etwas in der Art.“Er führte sie zu einem eleganten schwarzen Wagen. In dem Moment, in dem er ihn aufschloss, blieb Aria st







