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Kapitel 4: Nicht ich

Auteur: PARIS BELLE
last update Date de publication: 2026-10-30 01:39:10

„Regel ist Regel?“ Declans Stimme zerschnitt das offene Gelände. „Lydia, wir haben Blutsauger im Rücken. Mach das Tor auf.“

„Das Tor öffnet sich für Bewohner. Ihr drei, ja.“ Die Frau auf der Mauer bewegte sich nicht. Ihr Gewehr blieb auf ihrer Schulter, und ihre Augen blieben auf mir. „Sie, nein.“

„Sie gehört zu uns.“

„Sie gehört zu euch in einem Truck. Das ist nicht dasselbe.“

Ich stand neben dem Pickup, die gelbe Jacke in beiden Händen zusammengeknüllt. Mein Arm pochte unter Elias’ Stichen. Hinter uns hatte das Klicken wieder angefangen, leise und geduldig, es breitete sich am Rand der Kiefern aus wie Frost auf Glas.

„Ma’am“, sagte ich. Mein Hals war rau. „Mein Bruder ist da draußen, irgendwo. Ich bitte nicht um ein Bett. Ich brauche nur eine Nacht zum Nachdenken.“

„Die bekommst du. Nachdem wir geklärt haben, was du bist.“ Sie neigte den Kopf. „Name.“

„Wren Aldridge.“

Etwas huschte über ihr Gesicht und war wieder fort. Dann lehnte sie sich über die Mauer und zeigte mit einem behandschuhten Finger auf den Boden vor dem Tor, wo eine dicke weiße Linie über die Straße gemalt war.

„Das ist die Linie. Wer von draußen reinwill, stellt sich allein darauf. Niemand hilft. Niemand spricht für dich. Die Männer treten dahinter zurück.“

„Warum?“ fragte Beck. „Ist das eine Bar? Gibt es Eintritt?“

„Weil Harlow Ridge ein Gesetz hat, und ich beuge es nicht für hübsche Gesichter.“ Ihr Blick glitt zu ihm, flach wie ein Tisch. „Jede Frau hier steht unter Schutz. Eine Frau ohne Beschützer gehört dem Rat. Sie entscheiden, wo sie arbeitet, neben wem sie schläft und ob sie es wert ist, gefüttert zu werden. Manche von ihnen haben es gut. Die meisten nicht.“

Die Luft wurde still. Ich sagte langsam: „Das ist Sklaverei.“

„Das ist Überleben. Frauen sind jetzt eine von sieben. Du willst gezählt werden.“ Sie richtete sich auf. „Es gibt einen Weg daran vorbei. Den Triaden-Eid.“

„Den was?“

„Drei Männer stehen an diesem Tor vor der ganzen Siedlung und schwören sich dir. Sie werden dein Haushalt. Sie antworten für dich, kämpfen für dich und ernähren dich. Der Rat kann dich danach nicht mehr anfassen.“

„Drei“, wiederholte ich. „Nicht einer.“

„Ein Mann kann gekauft, getötet oder gehen.“ Sie sagte es so schlicht, dass es härter traf als ein Schrei. „Drei sind eine Mauer.“

Declan trat bereits über die Linie. „Ich mach es.“

„Zurück hinter die Linie, Rhodes. Sie hat nicht gefragt.“

„Ich frage“, sagte er, ohne Lydia anzusehen. Er sah mich an, und sein Kiefer war angespannt, und für einen Moment sah er wieder sechzehn aus, wie er in der Einfahrt meiner Mutter stand mit einem Bund Gänseblümchen aus der Drogerie. „Wren. Lass mich das tun.“

„Das kannst du nicht einfach sagen.“

„Hab ich aber.“

„Zwei Jahre, Declan.“

„Ich weiß, wie lange es war.“ Seine Stimme wurde leiser. „Ich weiß es ganz genau.“

Ich wandte mich ab, weil meine Augen brannten. Beck hatte eine Hand hoch wie ein Kind in der Schule.

„Ich auch. Offensichtlich. Ich melde mich freiwillig.“ Er grinste, aber es wirkte dünn an den Rändern. „Ich habe allerdings ein paar Fragen zu den Gelübden. Gibt es einen Dresscode? Einen Ausweichtermin? Kann ich eine Begleitperson für meine emotionale Unterstützungsziege mitbringen?“

„Beck“, sagte Declan, nicht unfreundlich.

„Ich bin dabei. Ich bin dabei. Es ist ein Scherz.“ Aber als er mich ansah, fiel der Scherz für eine halbe Sekunde weg, und was darunter lag, war fast schüchtern. „Ich meine es ernst. Ich bin dabei.“

„Das sind zwei“, sagte Lydia. „Ich brauche drei.“

Niemand bewegte sich. Das Klicken in den Bäumen hatte aufgehört, was irgendwie schlimmer war.

Ich sah Elias an.

Er stand an der Heckklappe, die Tasche noch auf der Schulter, ein langer grauer Schatten lag über seinem Gesicht. Er hatte mich kein einziges Mal angesehen, seit er die Jacke gefunden hatte. Auch jetzt sah er mich nicht an. Er sah das Tor an, den Stacheldraht und die Lichter.

„Elias“, sagte Declan. „Du bist unser Sanitäter. Du bist der Dritte.“

„Nein.“

Es war leise, ohne Hitze darin, nur eine flache Weigerung. Becks Lächeln rutschte weg.

„Komm schon, Mann. Es ist ein Satz. Wir machen die Schwör-Sache, wir gehen rein, wir essen Suppe.“

„Ich habe Nein gesagt.“

„Warum?“ Meine Stimme kam dünner heraus, als ich wollte. „Was habe ich getan?“

Er drehte endlich den Kopf. Seine haselnussbraunen Augen waren ruhig und müde und völlig verschlossen. Ich hatte diesen Blick bei Menschen gesehen, denen man gesagt hatte, sie sollen aufhören zu trauern.

„Du hast nichts getan“, sagte er. „Es geht nicht um dich.“

„Worum dann?“

„Nicht ich.“ Er verlagerte den Gurt auf seiner Schulter. „Such dir jemand anderen.“

„Es gibt niemand anderen!“ Becks Stimme überschlug sich. „Sieh dich um, Eli!“

„Frag die Siedlung. Frag irgendwen.“

„Im Dunkeln? Mit diesen Dingern da draußen?“

„Nicht mein Problem.“

Declan machte einen harten Schritt auf ihn zu. „Elias…“

„Nicht.“ Elias hob eine Hand. Seine Stimme blieb gleichmäßig, aber ganz unten zitterte sie, wie ein Boden über einem Motor. „Ich habe sie zusammengeflickt. Ich habe sie zum Tor gebracht. Das war der Job. Ich heirate sie nicht.“

Das Wort heiraten landete im Dreck zwischen uns. Es lag da wie ein fallen gelassener Teller. Ich dachte absurd, dass niemand es je zu mir gesagt hatte, nicht so, nicht als Beleidigung. Declan war einmal nah dran gewesen, als wir achtzehn und dumm waren.

„Okay“, sagte ich.

„Wren…“, begann Declan.

„Nein. Es ist okay.“ Ich wischte mir mit dem Handrücken über das Gesicht und merkte, dass es nass war. „Er muss nicht. Er hat recht. Er schuldet mir nichts.“

Ich trat vor. Ich spürte, wie Declan nach mir griff, und ich ging weiter, und die weiße Linie kam unter meinen Stiefeln hoch. Ich überquerte sie. Das Tor ragte über mir auf, Maschendraht und Stahl, und die Flutlichter brannten weiß auf meiner Haut.

„Stell dich dorthin“, sagte Lydia über mir.

„Ich stehe.“

„Dann hast du gewählt.“ Sie hob die Hand zum Turm. „Horn.“

Es heulte. Der Klang rollte durch das ganze Tal, tief und gewaltig, ein Ton, der durch meine Rippen ging und hinten wieder heraus. Die Kiefern bebten. Vögel explodierten aus ihnen in einer schwarzen Wolke. Hinter mir hörte ich Declan fluchen und Beck flüstern: „Oh, das ist nicht gut.“

Der Ton hielt zehn Sekunden, fünfzehn. Er begann zu verblassen.

Als der letzte Nachhall dünn wurde, war die Stille danach zu groß. Die Bäume bewegten sich. Alle auf einmal, eine graue Flut, die zwischen den Stämmen hervorströmte, lautlos, schnell, hunderte nackte Füße auf dem toten Laub. Die Blutsauger hatten aufgehört, in Paaren zu jagen. Sie hatten aufgehört zu warten.

Ich drehte den Kopf und sah Declan und Beck auf der anderen Seite der Linie, beide mit erhobenen Waffen und weißen Gesichtern. Elias stand beim Truck, die Hand noch auf seiner Tasche. Er starrte mich jetzt an, endlich, als wäre ich jemand geworden, den er nicht erkannte.

Niemand konnte zu mir crossen. Das war das Gesetz.

Ich sah zurück zum Tor. Es war verschlossen. Die Frau über mir hatte keinen Muskel bewegt.

„Bitte“, sagte ich.

Die Mauer war still. Hinter mir begann die Horde zu rennen.

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