LOGINIch schloss die Tür auf, bevor ich überhaupt richtig darüber nachgedacht hatte, und fand Damian im Flur vor, nur noch in seinem Hemd. Seine Krawatte war längst verschwunden, und eine Anspannung lag in seinen Schultern, die nicht dagewesen war, als er mir gesagt hatte, dass sich das Zimmer von innen abschließen ließ.
„Zeig es mir“, sagte ich.
Statt zum Fenster führte er mich ins Arbeitszimmer. Er rief mehrere Sicherheitskameras auf einem in die Wand eingelassenen Monitor auf, und da war er: eine dunkle Limousine, die auf der anderen Straßenseite parkte, der Motor lief, die Scheinwerfer waren ausgeschaltet. Hinter dem Steuer war nur eine Silhouette zu erkennen.
„Cole?“, fragte ich.
„Möglicherweise. Oder jemand, den er bezahlt.“ Damians Kiefer war angespannt, seine Augen ruhten auf den körnigen Aufnahmen, als könnte er ihnen allein durch seinen Willen mehr Details entlocken. „So oder so will jemand wissen, wer diese Kirche tatsächlich verlassen hat.“
„Was, wenn sie es bereits wissen?“
„Dann sind wir schon im Hintertreffen, und ich finde lieber jetzt heraus, was los ist, als morgen früh in einer Schlagzeile davon zu erfahren.“
Er fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, und zum ersten Mal in dieser Nacht sah ich etwas unter seiner Beherrschung. Keine Angst, nicht genau. Eher die ganz besondere Erschöpfung eines Mannes, der den ganzen Tag an mehr Fronten gekämpft hatte, als er mich hatte wissen lassen.
„Ich möchte, dass du dich heute Nacht von den Fenstern fernhältst. Morgen müssen wir wesentlich vorsichtiger sein.“
Ich nickte und schlang die Arme um mich. Ich trug noch immer den dünnen Morgenmantel, den ich angezogen hatte, nachdem ich endlich Elenas Kleid ausgezogen hatte. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie nah wir beieinanderstanden. Das gedämpfte Licht des Arbeitszimmers warf Schatten über die markanten Züge seines Gesichts. Wir standen nah genug beieinander, dass ich die Wärme spüren konnte, die trotz des kleinen Abstands zwischen uns von ihm ausging.
„Du bist zu meiner Tür gekommen“, sagte ich leise. „Du hättest dich selbst darum kümmern können. Warum hast du es mir überhaupt erzählt?“
„Weil du mich in diesem Auto gebeten hast, dich heute Nacht nicht anzulügen.“
Seine Augen fanden meine, dunkel und unergründlich, auf eine Weise, die sich irgendwann in der letzten Stunde nicht mehr vollkommen kalt angefühlt hatte.
„Ich breche keine Abmachungen, Vivienne. Nicht einmal solche, die ich nie laut ausgesprochen habe.“
Etwas veränderte sich in der Luft zwischen uns, aufgeladen und fremdartig. Plötzlich war mir überdeutlich bewusst, wie dünn der Morgenmantel war und wie nah seine Hand an meinen Ellbogen gerutscht war, ohne dass einer von uns entschieden hatte, dass es so sein sollte.
Mein Puls beschleunigte sich, nicht wegen der Angst, die jeden Moment dieses Tages bestimmt hatte, sondern wegen etwas anderem. Etwas, das mich gerade deshalb mehr erschreckte, weil es keine Angst war.
„Du solltest zurück in dein Zimmer gehen“, sagte er, obwohl er keinerlei Anstalten machte, sich von mir zu entfernen. Sein Blick glitt kurz zu meinem Mund und kehrte dann zu meinen Augen zurück, als würde er einen Fehler katalogisieren, den er ohnehin unbedingt zu begehen gedachte.
„Sollte ich?“
Die Frage kam über meine Lippen, bevor ich sie zurückhalten konnte, leiser und mutiger, als ich beabsichtigt hatte. Ich sah, wie etwas in seinem Gesicht aufbrach, als er sie hörte. Die sorgfältige Fassade, die er den ganzen Abend um sich herum errichtet hatte, geriet unter einer Last ins Wanken, mit der keiner von uns gerechnet hatte.
„Vivienne.“ Mein Name klang rau, beinahe wie eine Warnung. „Ich habe deinem Vater gesagt, dass ich eine Betrügerin geheiratet habe, um Druckmittel zu haben. Im Auto habe ich dir dasselbe gesagt. Wenn ich dich jetzt berühre, wird nichts davon mehr wahr sein, und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.“
„Vielleicht musst du es heute Nacht nicht wissen.“
Meine Stimme zitterte, aber ich wich seinem Blick nicht aus.
„Vielleicht hören wir einfach für heute Nacht auf, so zu tun, als wäre das hier nur eine geschäftliche Vereinbarung.“
Er überbrückte die Distanz zwischen uns mit einem einzigen Schritt. Seine Hand legte sich endlich an meine Wange, so wie zuvor im Vorraum, nur dass diesmal keine Befragung in seiner Berührung lag. Nur etwas Langsameres, Bedachteres. Sein Daumen strich über die Rundung meines Wangenknochens, als würde er sich etwas einprägen, von dem er nicht erwartet hatte, dass er es behalten wollte.
„Ich bin nichts Sicheres, das man sich wünschen sollte“, murmelte er und ließ seine Stirn gegen meine sinken. „Das solltest du wissen, bevor das hier weitergeht.“
„Nichts an diesem Abend war sicher.“
Meine Hände fanden den Stoff seines Hemdes. Unter meinen Handflächen spürte ich den unruhigen Rhythmus seines Herzens, einen Rhythmus, der nichts Beherrschtes an sich hatte.
„Ich glaube, ich habe aufgehört, etwas Sicheres zu brauchen, in dem Moment, als ich das Kleid meiner Schwester angezogen habe.“
Dann küsste er mich.
Es war nicht der kalte, gestellte Kuss von der Trauung. Dieser hier war zunächst langsam, beinahe vorsichtig, als wollte er herausfinden, ob ich mich zurückziehen würde. Und als ich es nicht tat, als ich den Kuss erwiderte und mich trotz all der Instinkte, die mir sechsundzwanzig Jahre des Überlebens eingetrichtert hatten, an ihn schmiegte, schien etwas in ihm endgültig nachzugeben.
Seine Hand glitt in mein Haar, neigte meinen Kopf zurück und vertiefte den Kuss, bis das Arbeitszimmer, das Auto draußen und der gesamte erschreckende Tag zu nichts weiter verschwammen als zur Hitze seines Mundes und dem leisen, unruhigen Laut, den er an meinen Lippen von sich gab.
„Sag mir, dass ich aufhören soll“, hauchte er, während sein Mund über meinen Kiefer glitt und die empfindliche Linie meines Halses hinabwanderte. „Und ich werde es tun.“
„Hör nicht auf.“
Die Worte kamen als Keuchen über meine Lippen, während seine Hände den Gürtel meines Morgenmantels fanden. Trotz der Dringlichkeit, die unter seinen Berührungen vibrierte, bewegte er sich ohne Eile, als wollte er jede Sekunde davon auskosten, das zu lösen, was dieser Tag so fest zwischen uns verschnürt hatte.
Er hob mich hoch, und ohne nachzudenken oder zu überlegen, schlang ich meine Arme um seinen Hals. Zum ersten Mal seit langer Zeit existierte ich einfach nur in einem Augenblick, anstatt ihn zu überleben.
Er trug mich zum Schreibtisch statt ins Schlafzimmer. Die gleiche rastlose Energie, die bereits während der Autofahrt zwischen uns geherrscht hatte, fand endlich einen ehrlichen Ausdruck. Als er mich auf die kühle Holzplatte legte, folgten seine Lippen dem Weg, den seine Hände bereits erkundet hatten, geduldig und gründlich, bis auch der letzte Rest meiner Beherrschung schwand.
Die Lichter der Stadt verschwammen jenseits des Fensters, gleichgültig gegenüber den beiden Menschen, die zum ersten Mal seit einem gestohlenen Schleier und einem Namen, der nicht meiner war, entdeckten, dass diese Ehe, ganz gleich, womit sie begonnen hatte, bereits zu etwas geworden war, nach dem keiner von uns aufhören konnte zu greifen.
Es war längst nach Sonnenaufgang, als das Telefon auf seinem Schreibtisch zu klingeln begann, scharf und beharrlich. Damian griff danach, während seine andere Hand noch immer in meinem Haar lag. Seine Stimme klang rau vor Erschöpfung und etwas Wärmerem darunter.
„Blackwood.“
Eine Pause.
Dann spürte ich, wie sein ganzer Körper unter mir erstarrte.
„Sag das noch einmal.“
Er setzte sich langsam auf und zog mich mit sich. Sein Gesicht verwandelte sich wieder in die harte, unergründliche Maske, die er bereits während der Trauung getragen hatte.
„Vivienne.“
Seine Stimme war flach und vorsichtig geworden.
„Das war die Gebäudesicherheit. Das Auto draußen ist gerade weggefahren. Aber bevor es das getan hat, hat jemand unten an der Rezeption einen Umschlag mit deinem Namen hinterlassen.“
Ich schloss die Tür auf, bevor ich überhaupt richtig darüber nachgedacht hatte, und fand Damian im Flur vor, nur noch in seinem Hemd. Seine Krawatte war längst verschwunden, und eine Anspannung lag in seinen Schultern, die nicht dagewesen war, als er mir gesagt hatte, dass sich das Zimmer von innen abschließen ließ.„Zeig es mir“, sagte ich.Statt zum Fenster führte er mich ins Arbeitszimmer. Er rief mehrere Sicherheitskameras auf einem in die Wand eingelassenen Monitor auf, und da war er: eine dunkle Limousine, die auf der anderen Straßenseite parkte, der Motor lief, die Scheinwerfer waren ausgeschaltet. Hinter dem Steuer war nur eine Silhouette zu erkennen.„Cole?“, fragte ich.„Möglicherweise. Oder jemand, den er bezahlt.“ Damians Kiefer war angespannt, seine Augen ruhten auf den körnigen Aufnahmen, als könnte er ihnen allein durch seinen Willen mehr Details entlocken. „So oder so will jemand wissen, wer diese Kirche tatsächlich verlassen hat.“„Was, wenn sie es bereits wissen?“„D
Ich starrte ihn im dämmrigen Licht des Wagens an, mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es bis in meinem Hals spüren konnte.„Wer hat ihr geholfen?“Damian antwortete nicht sofort. Stattdessen musterte er mich, so wie er mein Gesicht durch den Schleier hindurch betrachtet hatte, als würde er noch immer abwägen, wie viel Wahrheit ich ertragen konnte, ohne daran vollständig zu zerbrechen.„Weston Cole.“ Er sagte den Namen tonlos, als würde es ihn etwas kosten, ihn preiszugeben. „Er besitzt eine Mehrheitsbeteiligung an einem Logistikunternehmen, das ich seit acht Monaten zu übernehmen versuche. Die Schulden deines Vaters bei mir waren nie ein Zufall, Vivienne. Cole hat diese Familie seit über einem Jahr umkreist und nach genau der Art von Druckmittel gesucht, die die Verzweiflung deines Vaters ihm schließlich in die Hände gespielt hat.“„Ich verstehe nicht. Was hat meine Schwester mit einer Geschäftsübernahme zu tun?“„Alles, wenn er sie davon überzeugt hat, dass es entweder genug Druck
Ich erinnere mich nicht an den größten Teil der Zeremonie.Ich erinnere mich an die Orgelmusik, die in meinen Ohren immer lauter anschwoll und meinen eigenen Herzschlag übertönte. Ich erinnere mich an die zitternde Hand meines Vaters, als er meine in Damins legte, sein Gesicht zu geübter Trauer verzogen, die Vorstellung eines Mannes, der eine Tochter, die er liebte, weggab, statt einer Tochter, die er verkauft hatte, um sich selbst zu retten.Ich erinnere mich daran, Worte gesagt zu haben, von denen ich mich nicht erinnern kann, sie selbst gewählt zu haben. Mein Mund bewegte sich von allein, während der Rest von mir irgendwo außerhalb meines Körpers stand und zusah, wie eine Fremde im Kleid meiner Schwester heiratete.Ich erinnere mich an den Kuss.Kalt. Kurz. Eine Formalität für die Kameras, nichts von der Zärtlichkeit, die ich mir naiv, töricht erlaubt hatte, mir vorzustellen, nachdem ich in jenem Vorraum gewesen war, nachdem er mir gesagt hatte, ich solle nicht zusammenzucken.Ich
Meine Hände wollten einfach nicht aufhören zu zittern, und so oft ich sie auch flach gegen die Seide des Kleides meiner Schwester presste, ich konnte sie nicht ruhig bekommen.„Er besteht darauf, die Braut allein zu treffen.“ Das Flüstern der Koordinatorin trug weiter, als sie vermutlich gedacht hatte, oder vielleicht war es ihr einfach egal, ob die Braut selbst die Bedingungen ihrer eigenen Hinrichtung mithörte. „Kein Vater. Keine Hochzeitsgesellschaft. Nur sie.“Mit einer kalten, absinkenden Klarheit verstand ich genau, warum diese Bedingung mich mehr erschreckte als alles, womit mein Vater mir gedroht hatte. Die Grausamkeit meines Vaters kannte ich in- und auswendig. Sechsundzwanzig Jahre hatte ich damit verbracht, ihre Grenzen, ihre Muster, das genaue Gewicht seiner Hand und die genaue Tonlage seiner Verzweiflung kennenzulernen.Damian Blackwood war ein Fremder, und Fremde, die eine ganze Stadt in Angst versetzten, noch bevor sie überhaupt ein Wort mit mir gesprochen hatten, waren
Die Haustür stand weit offen, als ich das Ende der Treppe erreichte. Das Morgenlicht fiel in einem blassen, gleichgültigen Rechteck über den Marmor, und mein Vater stand reglos mitten darin und starrte auf etwas auf der Eingangsstufe, als könnte es verschwinden, sobald er den Blick abwandte.Elenas Koffer.Gepackt, verschlossen und genau dort abgestellt, wo in der Nacht ein Auto vorgefahren wäre, um ihn abzuholen.„Papa?“ Meine Stimme klang dünn. „Was ist das?“Er antwortete nicht. Mit drei Schritten durchquerte er die Eingangshalle und nahm die Treppe mit jeweils zwei Stufen auf einmal. Ich folgte ihm, meine nackten Füße klatschten auf den kalten Marmor, mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es in dem Bluterguss spüren konnte, der noch immer an meinem Kiefer blühte.Elenas Schlafzimmertür stand einen Spalt offen.Ihr Kleiderschrank war, als mein Vater ihn aufriss, halb geleert. Leere Kleiderbügel schwangen nutzlos hin und her, Schubladen waren herausgezogen und standen offen wie Wun
Ich klopfte, bevor ich den Mut verlieren konnte, und als die Stimme meines Vaters etwas Scharfes und Abweisendes zurückrief, öffnete ich die Tür trotzdem. Irgendeine alte, törichte Hoffnung lebte noch immer in mir, dass er mich vielleicht, nur ein einziges Mal, im Zimmer bleiben lassen würde, anstatt mich wieder hinauszuschicken.Seine Hand schloss sich um mein Handgelenk, noch bevor ich die Schwelle vollständig überquert hatte. So fest, dass ich das Protestieren meiner eigenen Knochen hörte, noch bevor ich den Schmerz spürte. Er zog mich den Rest des Weges ins Zimmer und trat die Tür hinter uns mit der Ferse zu.„Du wirst mir zuhören“, sagte er, „und du wirst den Mund nicht aufmachen, bis ich fertig bin.“„Papa, du tust mir weh—“„Das ist mir egal.“Seine Finger gruben sich noch fester in meine Haut, und ich sah fassungslos zu, wie sich der Vater, der mich sechsundzwanzig Jahre lang einfach ignoriert hatte, in etwas Kälteres verwandelte, in etwas, das mir mehr Angst machte als Elenas







