INICIAR SESIÓNDer Platz der Luna bei einer Beerdigung ist am Kopfende des Grabes, direkt neben dem Alpha. Ich ging aus Gewohnheit dorthin und war drei Schritte entfernt, als ich sah, dass er bereits besetzt war.
Corwin stand dort in seinem schwarzen Mantel. Odalie stand an seiner Seite, ein Schleier über ihrem Haar festgesteckt, und ihre Hand lag in seiner Armbeuge, als wäre das ein Platz, der ihr gezeigt worden war. Er drehte sich nicht um, als ich kam. Ich blieb einen Schritt hinter ihnen stehen, dort, wo ein Gast stehen würde, und niemand im ganzen Rudel wirkte überrascht.
Tillys Sarg stand auf zwei hölzernen Gestellen, klein und weiß und geschlossen.
Ich hatte drei Tage lang geweint. Ich hatte in der Badewanne geweint und im Auto und in Tillys Kissen hinein, bis es durchnässt war, immer im Dunkeln, wo niemand zusehen konnte. Für diese Menge hatte ich nichts mehr übrig, und ich hätte es ihnen ohnehin nicht gegeben.
Hinter mir flüsterten drei Frauen. Sie dachten, ich könnte sie nicht hören. Sie hatten vergessen, was ich war.
„Sieh sie dir an. Trocken wie ein Knochen."
„Bei der Hochzeit hat sie auch nicht geweint."
„Nun, sie war nie die echte Luna. Die Ältesten brauchten einfach jemanden, der das Bett füllt."
„Wenigstens ist Odalie zurückgekehrt. Jetzt hat das Rudel endlich jemand Richtiges."
Jemand schnalzte zustimmend mit der Zunge.
Ich stand ganz aufrecht und hielt den Blick auf den Sarg gerichtet. Meine Hände waren kalt. In meiner Manteltasche fand mein Daumen die Kante eines gefalteten Papiers, und ich rieb so lange darüber, bis die Ecke weich wurde.
Als die Älteste zu sprechen aufhörte, begannen sich die Leute aufzureihen, um eine Handvoll Erde hineinzuwerfen, und ich verließ die Reihe, ging über das nasse Gras zu alten Bram, dem Aktenverwalter, der mit seiner Ledermappe an die Brust gedrückt bei der Hecke stand.
Er hatte seit dem Morgen gewartet. Ich hatte ihn gebeten zu kommen.
„Luna", sagte er leise. „Bist du sicher? Du musst es nicht heute erledigen."
„Gib mir den Stift, Bram."
Er reichte ihn mir. Ich nutzte die Steinbank als Schreibtisch. Das Papier war ein gewöhnliches Trennungsformular, die alte Art des Rudels, mit einer Zeile für die Luna und einer Zeile für den Alpha und unten einem Platz für den Zeugen. Ich unterschrieb. Meine Handschrift kam ordentlich heraus, und das kränkte mich fast.
„Marla."
Corwin hatte das Gras lautlos überquert. Er las die oberste Zeile zweimal, und er sah aus wie ein Mann, der auf eine Stufe getreten war, die es gar nicht gab.
„Nicht hier", sagte er leise. „Nicht an ihrem Grab."
„Du hast hier gewählt", sagte ich. „Du hast gewählt, wer neben dir steht, und du hast es vor allen getan. Ich habe nur einen Stift gewählt."
Hinter ihm war Odalie mitten auf dem Weg stehen geblieben. Sie sah nicht erfreut aus. Sie sah aus, als hätte man ihr etwas Schweres in die Hand gedrückt, und sie war sich nicht sicher, wem es gehörte.
Ich reichte Bram das Formular, und er stempelte es mit einer Hand, die nicht ruhig war. Das kleine Messingsiegel machte ein Geräusch wie eine zufallende Tür. Dann schob ich den Stift in Corwins Brusttasche, so wie man etwas zurückgibt, das man sich geliehen hat, und ich ging zurück zum Grab.
Niemand hielt mich auf.
Die Sargträger traten vor, um den Sarg auf die Seile zu heben. Zwei von ihnen hoben das nähere Ende an, und der Boden kippte zu mir hin, nur für eine Sekunde, nur so weit, dass das Licht die Unterseite erreichte.
Etwas war in das Holz geschnitten.
Ich trat näher. Es war klein, nicht größer als meine Handfläche, tief eingeritzt und dann mit Pech geschwärzt, damit es von oben nicht zu sehen war. Ein Wolfskopf in einem Kreis. Drei Schnitte durch den Kiefer.
Der Boden schien für einen Moment unter mir zu verschwinden.
Ich kannte dieses Zeichen. Ich hatte es vor langer Zeit, in einem anderen Leben, von einem Lederhandschuh abgebrannt, und ich hatte mir geschworen, es nie wieder zu sehen. Niemand in diesem Rudel wusste, was es bedeutete. Wer auch immer es eingeritzt hatte, hatte es dort versteckt, wo nur jemand am Boden hinsehen würde.
Sie ließen den Sarg herab. Ich warf meine Handvoll Erde mit ruhiger Hand, und ich ging nach Hause, ohne mit jemandem zu sprechen.
Das Haus war leer. Ich schaltete keine Lampe ein. Ich ging hinunter in den Keller, vorbei an den Weinregalen und den Mehlsäcken, zur hinteren Wand, wo sich die Feuchtigkeit immer sammelte, und ich drückte mit dem Handballen zwei Ziegel, einen hoch und einen tief.
Die Wand klickte. Eine Tür, so breit wie meine Schultern, öffnete sich nach innen.
Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in diesem Raum gewesen. Er roch noch genauso. Waffenöl und altes Papier und kalter Stein.
Ich schaltete die einzelne Glühbirne ein. Die Messer lagen auf einem Stoffstreifen auf dem Tisch, jedes an seinem Platz, so wie ich sie zurückgelassen hatte. Zwei Pistolen. Eine Armbrust mit silbernen Spitzen in einem Lederköcher. Auf den Regalen standen graue, mit Schnur gebundene Aktenordner und Fotografien von Männern, die ich nur ein einziges Mal getroffen hatte, manche davon rot durchgestrichen. Eine Schublade mit Pässen unter sechs verschiedenen Namen, jedes Foto mein Gesicht mit einer anderen Haarfarbe. Und ein Stapel Verträge, gedruckt auf schwarzem Papier, jeder in der Ecke mit BEZAHLT gestempelt.
Am Ende des Tisches, auf einem Quadrat aus Samt, lag eine kleine Nadel aus dunklem Metall. Ein Wolfskopf in einem Kreis. Drei Schnitte durch den Kiefer.
Ich griff nach meinem Ehering.
Er blieb am Knöchel hängen. Dreizehn Jahre Spülwasser und kalte Morgen hatten ihn dort festgesetzt. Ich drehte ihn, und er löste sich mit einem kleinen, reißenden Gefühl, und ich legte ihn neben die Nadel auf den Samt.
„Dreizehn Jahre waren lang genug", sagte ich zu dem Raum.
Ich ging nach oben. Ich nahm die gerahmte Bindungsurkunde von der Flurwand, und die blassblaue Schärpe der Luna, die ich zu jeder Zeremonie getragen hatte, und das Notizbuch, in dem ich aufgeschrieben hatte, was Corwin zum Frühstück mochte, welcher Tee ihn schlafen ließ, was man sagen sollte, wenn er schlecht gelaunt war. Ich trug den ganzen Stapel zum eisernen Ofen in der Küche und öffnete die Tür.
Die Urkunde kam zuerst hinein. Das Papier wölbte sich, und das Glas im Rahmen zersprang. Ich schob die Schärpe nach, und zuletzt das Notizbuch, und ich stand dort, die Hitze im Gesicht, bis jede Seite zu Asche geworden war.
Die Frau, die jede Nacht auf ihn gewartet hatte, verschwand mit ihr.
Marlas PerspektiveVenns Leute hatten ihn gefasst, noch bevor es hell wurde.Ich hörte das Handgemenge aus dem Büro. Stiefel auf Kies. Ein kurzer, scharfer Befehl. Dann Stille. Als ich in die alte Ladehalle trat, roch die Luft noch nach Regen und Maschinenöl. Zwei von Venns Männern hielten Corwin an den Armen fest, ein dritter stand mit einem Seil bereit.Sie banden ihn an einen Holzstuhl mitten in der Halle. Es geschah weder sanft noch grob, sondern gerade fest genug, damit er sitzen blieb. Seinen Mantel hatte man ihm abgenommen, sein Hemd war klamm, und an seinen Stiefeln klebte noch der Schlamm. Er wehrte sich nicht, als das Seil um seine Handgelenke gelegt wurde. Er sah mich nur an, während ich hereinkam.Ich umkreiste ihn langsam, und seine goldenen Augen folgten mir bei jedem Schritt.„Du weißt, dass du hier nicht willkommen bist“, sagte ich.Zuerst sagte er nichts. Stattdessen prüfte er das Seil, und es knarrte. Sein Blick wich nicht von meinem Gesicht.„Ich weiß. Aber ich bin
Ich rührte mich nicht, nachdem er es gesagt hatte. Meine Hände blieben flach auf dem Tisch liegen, das Holz kühl unter meinen Handflächen.Der Regen hing noch immer in der Luft, die durch die offenen Türen hereindrang. Er trug den Geruch von nassem Fell und Holzrauch in die Halle, und zu viele Alphas hatten sich um den Tisch versammelt, sodass die Luft schwer von ihren Gerüchen war.„Du kommst fünf Jahre zu spät“, sagte ich ruhig.Drakes Hand wanderte zum Messer an seinem Gürtel. Ich bemerkte es, ohne mich nach ihm umzudrehen. Seine Finger schlossen sich um den Griff, und sein Blick blieb auf den Mann in der Tür gerichtet.Er war bereit zuzuschlagen, falls Corwin etwas versuchte. Er würde nicht zulassen, dass er nah genug herankam, um mir wehzutun.Alle Gesichter in der Halle wandten sich dem Eingang zu. Die Wachen draußen hielten inne, und weiter hinten schob jemand seinen Stuhl vom Tisch zurück.Corwin stand in der Tür, der Regen lief ihm über den Mantel. Sein Haar war nass, seine S
Am Morgen hatte Corwin den Küchentisch zertrümmert.Venns Späher erzählte es mir, während ich noch mein Hemd zuknöpfte. Er war ein dürrer Junge mit Schlamm bis zu den Knien, der die Nacht in einem Graben verbracht und das Haus beobachtet hatte.„Er ging bei Tagesanbruch nach oben", sagte der Junge. „Er fand das gemachte Bett und den Ring auf dem Kellertisch. Er fing an zu schreien. Dann fand er die offene Kellertür."„Und?"„Er hat einen Stuhl an die Wand geworfen, Königin. Dann sagte er, du würdest das tun, um ihn zu bestrafen. Dreimal hat er das gesagt. Er befahl den Wächtern, dich bis zum Abendessen zurückzubringen, und er sah nicht besorgt aus. Er sah beleidigt aus."Das klang nach ihm. Corwin hatte nie auch nur einmal geglaubt, ich könnte ein Leben haben, in das er keinen Einblick hatte. In seinem Kopf war ich eine Uhr im Regal, etwas, das dort blieb, wo man es hinstellte.„Was hat sich geändert?", fragte Venn.„Einer von seiner Patrouille kam mittags angerannt. Sagte, sie hätten
Ich verließ das Rudel in der Abenddämmerung, mit nur einer Tasche und ohne Abschied. Niemand sah mich gehen, und niemand kam mich suchen.Ich ging drei Stunden lang. Die Straße stieg aus unserem Tal hinaus, vorbei an der letzten Markierung des Rudels und dem toten Obstgarten, und hinauf in die Hügel, wo der Handyempfang abbricht und die Bäume dicht beieinanderstehen. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr auf dieser Straße gewesen, aber meine Füße erinnerten sich an jede Biegung. Oben stand eine verrostete Konservenfabrik, mit einer Mauer drumherum. Entlang der Mauer, auf jedem Zaunpfosten, hatte jemand eine kleine schwarze Nadel eingeschlagen.Drei Wachen standen am Tor. Der mittlere war ein Junge, vielleicht zwanzig, mit einem Gewehr, das er zu fest umklammerte.„Das ist Privatgelände", sagte er. „Dreh um."„Ich bin hier, um Venn zu sehen."„Niemand sieht Venn." Er verlagerte sein Gewicht. „Wer bist du?"Ich antwortete nicht. Ich stellte meine Tasche ab, zog die Nadel aus meiner Mantel
Der Platz der Luna bei einer Beerdigung ist am Kopfende des Grabes, direkt neben dem Alpha. Ich ging aus Gewohnheit dorthin und war drei Schritte entfernt, als ich sah, dass er bereits besetzt war.Corwin stand dort in seinem schwarzen Mantel. Odalie stand an seiner Seite, ein Schleier über ihrem Haar festgesteckt, und ihre Hand lag in seiner Armbeuge, als wäre das ein Platz, der ihr gezeigt worden war. Er drehte sich nicht um, als ich kam. Ich blieb einen Schritt hinter ihnen stehen, dort, wo ein Gast stehen würde, und niemand im ganzen Rudel wirkte überrascht.Tillys Sarg stand auf zwei hölzernen Gestellen, klein und weiß und geschlossen.Ich hatte drei Tage lang geweint. Ich hatte in der Badewanne geweint und im Auto und in Tillys Kissen hinein, bis es durchnässt war, immer im Dunkeln, wo niemand zusehen konnte. Für diese Menge hatte ich nichts mehr übrig, und ich hätte es ihnen ohnehin nicht gegeben.Hinter mir flüsterten drei Frauen. Sie dachten, ich könnte sie nicht hören. Sie h
„Nimm ihn ab", sagte ich.Odalies Hand schloss sich um den Anhänger. „Marla, bitte..."„Das gehört meiner Tochter. Nimm ihn ab."„Lass sie sprechen." Corwin stellte sein Glas auf den Kaminsims. „Sieh dich doch an. Setz dich, bevor du umfällst."„Ich setze mich nicht."Odalie weinte, aber leise, so wie manche Menschen es können, mit Tränen, die einfach fließen, ohne jeden Laut. Sie zog die Kette über ihren Kopf und hielt sie mir hin. Ich riss sie ihr aus der Hand. Das Metall war warm von ihrer Haut, und das hasste ich mehr, als ich sagen kann.„Tilly hat mir geschrieben", sagte sie. „Vor drei Wochen. Sie hat einen Brief über einen der Händler auf dem Markt geschickt. Ich wollte nicht antworten. Ich weiß, was ich für dieses Haus bin. Aber sie war so jung, und sie fragte, ob wir uns nur ein einziges Mal treffen könnten. Sie wählte die Nordklippe, weil dort nie jemand hingeht."„Tilly kennt dich nicht."„Sie wusste genug, um mich zu finden." Odalie wischte sich mit dem Handrücken übers Ge







