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das Rudel

Author: Victor
last update publish date: 2026-10-26 14:46:34

Ich verließ das Rudel in der Abenddämmerung, mit nur einer Tasche und ohne Abschied. Niemand sah mich gehen, und niemand kam mich suchen.

Ich ging drei Stunden lang. Die Straße stieg aus unserem Tal hinaus, vorbei an der letzten Markierung des Rudels und dem toten Obstgarten, und hinauf in die Hügel, wo der Handyempfang abbricht und die Bäume dicht beieinanderstehen. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr auf dieser Straße gewesen, aber meine Füße erinnerten sich an jede Biegung. Oben stand eine verrostete Konservenfabrik, mit einer Mauer drumherum. Entlang der Mauer, auf jedem Zaunpfosten, hatte jemand eine kleine schwarze Nadel eingeschlagen.

Drei Wachen standen am Tor. Der mittlere war ein Junge, vielleicht zwanzig, mit einem Gewehr, das er zu fest umklammerte.

„Das ist Privatgelände", sagte er. „Dreh um."

„Ich bin hier, um Venn zu sehen."

„Niemand sieht Venn." Er verlagerte sein Gewicht. „Wer bist du?"

Ich antwortete nicht. Ich stellte meine Tasche ab, zog die Nadel aus meiner Manteltasche und hielt sie ins Licht seiner Laterne. Dann strich ich mir das Haar aus dem Gesicht.

Der Junge runzelte die Stirn. Er war zu jung, um mich zu kennen. Aber der Mann zu seiner Linken hatte graue Schläfen, und ich sah, wie sein Mund schlaff wurde.

„Nein", flüsterte er. „Das kann nicht sein."

Er legte sein Gewehr auf den Kies. Dann ging er langsam auf ein Knie, als schmerzten ihn die Gelenke, und senkte den Kopf.

„Königin", sagte er.

Der Junge starrte ihn an. „Sergeant, was machen Sie..."

„Knie nieder, du Narr", sagte der Sergeant, ohne aufzublicken.

Der Junge kniete so schnell, dass er seine Laterne fallen ließ.

Das Wort eilte mir voraus durch den Hof, wie Feuer entlang einer trockenen Hecke. Eine Tür schlug. Jemand rief etwas. Bis ich den Kies überquert hatte, waren Leute aus den Schuppen, dem langen Schlafsaal und den Ladebuchten herausgekommen, und jeder von ihnen blieb stehen, wo er stand, und ging auf die Knie. Köche in Schürzen. Männer mit Öl an den Händen. Ein Mädchen von etwa sechzehn Jahren mit einem Hackmesser. Niemand sprach. Hundert Menschen knieten im Staub, und das einzige Geräusch war der Wind in den losen Dachblechen.

Früher liebte ich dieses Geräusch. Früher hasste ich es auch.

Ich hatte diese Menschen seit meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr beherrscht. Niemand hier kannte mich unter dem Namen Marla. Ich war die Königin von Ashgrove gewesen, und mein Name auf einem schwarzen Vertrag genügte, um die Grenzen einer Stadt zu schließen. Dann, vor fünf Jahren, schickte mir ein Mann, dessen Namen ich nicht nennen werde, bis ich bereit bin, ihn zu töten, ein Foto vom Haus meiner Mutter und dem meiner Schwester und der Schule, die meine kleinen Cousins besuchten, jedes mit einem kleinen roten Kreis markiert. Er sagte mir, was ich aufgeben müsse, wenn diese Kreise nur auf dem Papier bleiben sollten.

Ich gab alles auf. Den Sitz, den Namen, die Nadel. Ich ließ ihn einen Ehemann für mich wählen und ein Rudel, in dem ich verschwinden sollte, und ich wurde eine stille Ehefrau in einem stillen Tal, die Tee kochte und keine Fragen stellte. Es war der billigste Preis, den ich finden konnte. Ich bezahlte ihn fünf Jahre lang und redete mir ein, dass es in Ordnung sei.

„Meine Königin."

Eine Frau war durch die Menge getreten. Sie war groß und schlank und grauer, als ich sie in Erinnerung hatte, mit einer langen Narbe durch eine Augenbraue, und sie war die Einzige im Hof, die noch auf den Beinen stand. Venn war elf Jahre lang meine Zweite gewesen. Sie blieb drei Schritte entfernt stehen und musterte mich von oben bis unten, den zerrissenen Mantel, den Schmutz unter meinen Nägeln, den weißen Hautstreifen, wo der Ring gewesen war.

„Du siehst furchtbar aus", sagte sie.

„Du siehst alt aus."

„Ich bin alt. Du hast mir das hier alles überlassen." Sie winkte mit der Hand über den Hof. Ihre Stimme blieb trocken, aber ihr Kinn zitterte. „Steht alle auf. Sie ist keine Statue. Jemand soll ihr einen Stuhl holen."

Niemand rührte sich. Sie sahen mich immer noch an.

„Steht auf", sagte ich, und sie taten es.

Venn führte mich in das alte Büro der Konservenfabrik, schloss die Tür und verriegelte sie. Sie schenkte zwei Tassen von etwas Starkem ein und stellte eine vor mich hin. Ich rührte sie nicht an.

„Wo bist du gewesen?", fragte sie.

„Dort, wo du mich gelassen hast. Dort, wo du mich gehen ließest."

„Ich habe dich nicht gehen lassen." Ihre Augen blitzten. „Ich bin zweimal in dieses Tal gekommen. Du wolltest mich nicht ansehen. Du hast mir beim ersten Mal gesagt, ich solle gehen, und beim zweiten Mal auch."

„Ich hielt mein Versprechen."

„Und sieh, was es dir eingebracht hat." Sie hielt inne. Sie blickte noch einmal auf die Ringspur an meiner Hand, und als sie weitersprach, hatte sie die Stimme gesenkt, was sie sonst nie tat. „Ich habe von dem Mädchen gehört. Es tut mir leid. Ich wäre zur Beerdigung gekommen, aber ich dachte nicht, dass du uns dort haben wolltest."

Ich nahm die Tasse, stellte sie dann wieder ab. „Es war eine Markierung auf ihrem Sarg. Unsere Markierung."

Venn zuckte nicht zusammen. Daran erkannte ich, dass sie darauf gewartet hatte, dass ich es sagen würde.

„Wir haben es vor vier Tagen herausgefunden", sagte sie. „Setz dich."

„Ich bleibe stehen."

„Dann steh." Sie zog eine Akte aus der Schublade und schob sie über den Schreibtisch. Sie war dünn. Obenauf lag eine Fotografie der Nordklippe, aus der Ferne aufgenommen, mit einem roten Kreis, der ins Gras gezeichnet war. „Wir haben den Tod deiner Tochter seit der Stunde untersucht, in der sie stürzte. Und davor haben wir fünf Jahre lang den Mann im Auge behalten, der deinen Vertrag geschrieben hat, weil einer meiner Leute dachte, er sei viel zu still geworden."

„Erzähl es mir."

„Der Anruf, den sie dir gemacht hat." Venn blätterte eine Seite um. „Es war nicht ihre Idee. Ihr wurde gesagt, was sie sagen sollte. Ihr wurde gesagt, wo sie stehen sollte. Jemand wollte, dass du so schnell wie möglich zu dieser Klippe rennst."

Mir schnürte sich die Kehle zu. „Warum sollte jemand dafür ein Kind benutzen?"

„Weil du für sie durchs Feuer gegangen wärst. Jeder, der dich kennt, weiß das." Venn atmete tief ein, und zum ersten Mal, seit ich hereingekommen war, sah sie mich nicht an. Sie blickte auf die Fotografie. „Marla. Deine Tochter war nicht das Ziel."

Der Raum war sehr still. Ich hörte die alte Uhr an der Wand. Ich hörte den Wind. Ich hörte meinen eigenen Puls in den Ohren, langsam und schwer.

„Wer dann?"

Venn hob den Kopf. Diesmal wich sie meinem Blick nicht aus.

„Du."

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