LOGINMarlas PerspektiveVenns Leute hatten ihn gefasst, noch bevor es hell wurde.Ich hörte das Handgemenge aus dem Büro. Stiefel auf Kies. Ein kurzer, scharfer Befehl. Dann Stille. Als ich in die alte Ladehalle trat, roch die Luft noch nach Regen und Maschinenöl. Zwei von Venns Männern hielten Corwin an den Armen fest, ein dritter stand mit einem Seil bereit.Sie banden ihn an einen Holzstuhl mitten in der Halle. Es geschah weder sanft noch grob, sondern gerade fest genug, damit er sitzen blieb. Seinen Mantel hatte man ihm abgenommen, sein Hemd war klamm, und an seinen Stiefeln klebte noch der Schlamm. Er wehrte sich nicht, als das Seil um seine Handgelenke gelegt wurde. Er sah mich nur an, während ich hereinkam.Ich umkreiste ihn langsam, und seine goldenen Augen folgten mir bei jedem Schritt.„Du weißt, dass du hier nicht willkommen bist“, sagte ich.Zuerst sagte er nichts. Stattdessen prüfte er das Seil, und es knarrte. Sein Blick wich nicht von meinem Gesicht.„Ich weiß. Aber ich bin
Ich rührte mich nicht, nachdem er es gesagt hatte. Meine Hände blieben flach auf dem Tisch liegen, das Holz kühl unter meinen Handflächen.Der Regen hing noch immer in der Luft, die durch die offenen Türen hereindrang. Er trug den Geruch von nassem Fell und Holzrauch in die Halle, und zu viele Alphas hatten sich um den Tisch versammelt, sodass die Luft schwer von ihren Gerüchen war.„Du kommst fünf Jahre zu spät“, sagte ich ruhig.Drakes Hand wanderte zum Messer an seinem Gürtel. Ich bemerkte es, ohne mich nach ihm umzudrehen. Seine Finger schlossen sich um den Griff, und sein Blick blieb auf den Mann in der Tür gerichtet.Er war bereit zuzuschlagen, falls Corwin etwas versuchte. Er würde nicht zulassen, dass er nah genug herankam, um mir wehzutun.Alle Gesichter in der Halle wandten sich dem Eingang zu. Die Wachen draußen hielten inne, und weiter hinten schob jemand seinen Stuhl vom Tisch zurück.Corwin stand in der Tür, der Regen lief ihm über den Mantel. Sein Haar war nass, seine S
Am Morgen hatte Corwin den Küchentisch zertrümmert.Venns Späher erzählte es mir, während ich noch mein Hemd zuknöpfte. Er war ein dürrer Junge mit Schlamm bis zu den Knien, der die Nacht in einem Graben verbracht und das Haus beobachtet hatte.„Er ging bei Tagesanbruch nach oben", sagte der Junge. „Er fand das gemachte Bett und den Ring auf dem Kellertisch. Er fing an zu schreien. Dann fand er die offene Kellertür."„Und?"„Er hat einen Stuhl an die Wand geworfen, Königin. Dann sagte er, du würdest das tun, um ihn zu bestrafen. Dreimal hat er das gesagt. Er befahl den Wächtern, dich bis zum Abendessen zurückzubringen, und er sah nicht besorgt aus. Er sah beleidigt aus."Das klang nach ihm. Corwin hatte nie auch nur einmal geglaubt, ich könnte ein Leben haben, in das er keinen Einblick hatte. In seinem Kopf war ich eine Uhr im Regal, etwas, das dort blieb, wo man es hinstellte.„Was hat sich geändert?", fragte Venn.„Einer von seiner Patrouille kam mittags angerannt. Sagte, sie hätten
Ich verließ das Rudel in der Abenddämmerung, mit nur einer Tasche und ohne Abschied. Niemand sah mich gehen, und niemand kam mich suchen.Ich ging drei Stunden lang. Die Straße stieg aus unserem Tal hinaus, vorbei an der letzten Markierung des Rudels und dem toten Obstgarten, und hinauf in die Hügel, wo der Handyempfang abbricht und die Bäume dicht beieinanderstehen. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr auf dieser Straße gewesen, aber meine Füße erinnerten sich an jede Biegung. Oben stand eine verrostete Konservenfabrik, mit einer Mauer drumherum. Entlang der Mauer, auf jedem Zaunpfosten, hatte jemand eine kleine schwarze Nadel eingeschlagen.Drei Wachen standen am Tor. Der mittlere war ein Junge, vielleicht zwanzig, mit einem Gewehr, das er zu fest umklammerte.„Das ist Privatgelände", sagte er. „Dreh um."„Ich bin hier, um Venn zu sehen."„Niemand sieht Venn." Er verlagerte sein Gewicht. „Wer bist du?"Ich antwortete nicht. Ich stellte meine Tasche ab, zog die Nadel aus meiner Mantel
Der Platz der Luna bei einer Beerdigung ist am Kopfende des Grabes, direkt neben dem Alpha. Ich ging aus Gewohnheit dorthin und war drei Schritte entfernt, als ich sah, dass er bereits besetzt war.Corwin stand dort in seinem schwarzen Mantel. Odalie stand an seiner Seite, ein Schleier über ihrem Haar festgesteckt, und ihre Hand lag in seiner Armbeuge, als wäre das ein Platz, der ihr gezeigt worden war. Er drehte sich nicht um, als ich kam. Ich blieb einen Schritt hinter ihnen stehen, dort, wo ein Gast stehen würde, und niemand im ganzen Rudel wirkte überrascht.Tillys Sarg stand auf zwei hölzernen Gestellen, klein und weiß und geschlossen.Ich hatte drei Tage lang geweint. Ich hatte in der Badewanne geweint und im Auto und in Tillys Kissen hinein, bis es durchnässt war, immer im Dunkeln, wo niemand zusehen konnte. Für diese Menge hatte ich nichts mehr übrig, und ich hätte es ihnen ohnehin nicht gegeben.Hinter mir flüsterten drei Frauen. Sie dachten, ich könnte sie nicht hören. Sie h
„Nimm ihn ab", sagte ich.Odalies Hand schloss sich um den Anhänger. „Marla, bitte..."„Das gehört meiner Tochter. Nimm ihn ab."„Lass sie sprechen." Corwin stellte sein Glas auf den Kaminsims. „Sieh dich doch an. Setz dich, bevor du umfällst."„Ich setze mich nicht."Odalie weinte, aber leise, so wie manche Menschen es können, mit Tränen, die einfach fließen, ohne jeden Laut. Sie zog die Kette über ihren Kopf und hielt sie mir hin. Ich riss sie ihr aus der Hand. Das Metall war warm von ihrer Haut, und das hasste ich mehr, als ich sagen kann.„Tilly hat mir geschrieben", sagte sie. „Vor drei Wochen. Sie hat einen Brief über einen der Händler auf dem Markt geschickt. Ich wollte nicht antworten. Ich weiß, was ich für dieses Haus bin. Aber sie war so jung, und sie fragte, ob wir uns nur ein einziges Mal treffen könnten. Sie wählte die Nordklippe, weil dort nie jemand hingeht."„Tilly kennt dich nicht."„Sie wusste genug, um mich zu finden." Odalie wischte sich mit dem Handrücken übers Ge







