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Kapitel 3

Autor: Joshwrites
last update Fecha de publicación: 2026-09-09 16:41:32

Judiths Sicht

Die schwere Eingangstür des Herrenhauses schwang auf, und mein Herz setzte aus, noch bevor ich sein Gesicht überhaupt sah.

Es lag nicht daran, dass er furchteinflößend wirkte – obwohl er das war. Nicht daran, dass er riesig war – was ebenfalls zutraf. Es war etwas darunter: ein plötzliches, unwillkommenes Ziehen tief in meiner Brust, als würde mein Körper ihn erkennen, noch ehe mein Verstand begreifen konnte, was geschah.

Das ergab keinen Sinn. Ich hatte diesen Mann in meinem ganzen Leben noch nie gesehen.

Kael Stone stieg die Stufen der Veranda hinab, als gehöre ihm der Boden unter seinen Füßen seit Anbeginn der Zeit. Dunkles Haar, aus einem markanten, ebenmäßigen Gesicht nach hinten gestrichen. Sturmgraue Augen, die nicht einmal blinzelten, als sein Blick mich traf. Schultern, so breit, dass sie den Rest der Nachmittagssonne verdeckten. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich an, wie man etwas Unangenehmes ansieht, das an den Strand des eigenen Grundstücks gespült worden war.

Ich hatte im Laufe der Jahre viele solcher Blicke gesammelt. Lehrer, die meinten, ich könnte mehr erreichen, wenn ich mich nur anstrenge. Gäste im Diner, die einen kostenlosen Nachschlag wollten und nach einem Vorwand suchten, unverschämt zu werden. Männer, die in einer Kellnerin eine leichte Beute sahen. Ich hatte gelernt, bei all diesen Blicken das Rückgrat geradezuhalten.

Dieser Blick war anders. Er sagte aus, dass ich nicht einmal die Mühe echter Verachtung wert war – nur eine Unannehmlichkeit, für die er keine Zeit eingeplant hatte.

Hitze kroch meinen Hals hinauf. Ich zwang mich dazu, mich noch gerader aufzurichten und seinem Blick standzuhalten.

Lyra wand sich in meinen Armen, und ein kleines Händchen streckte sich in seine Richtung aus. »Pa—«

Ich wiegte sie hastig hin und her, sodass der Laut abbrach, bevor sie ihn ganz aussprechen konnte. »Pst, mein Schatz. Nicht jetzt.«

Sein Blick huschte zu ihr, dann zurück zu mir, und für den Bruchteil einer Sekunde regte sich etwas in seinen Augen – verschwunden, noch ehe ich es deuten konnte.

»Judith Hayes.« Keine Frage. Seine Stimme war tief, rau, als gebrauche er sie nicht öfter als unbedingt nötig.

»Ja.« Meine Kehle war trocken wie Kreide. »Du bist Kael Stone.«

»Du bist zurückgekommen.« Er sagte es so beiläufig, als würde er das Wetter erwähnen. »Ein Jahr und vier Monate zu spät. Du hast einen Vertrag unterschrieben und bist verschwunden. Und jetzt stehst du an meinem Tor, als wärst du nur kurz Milch holen gewesen.«

Ich hielt Lyra fester an mich gedrückt und spürte ihren kleinen Herzschlag an meinem Arm flattern. »Ich musste mich um Dinge kümmern.«

»Dinge.« Das Wort klang aus seinem Mund wie etwas Verdorbenes. »Wichtiger als eine rechtsgültige Vereinbarung.«

Zorn flammte unter meinen Rippen auf, doch ich ließ mir nichts anmerken. Ben brauchte das hier. Ich brauchte es. »Familiäre Angelegenheiten. Ich bin jetzt hier. Ist das nicht alles, was zählt?«

»Ja. Mit einem Baby.« Sein Blick glitt wieder zu Lyra, die sich noch immer nach ihm reckte und mit den Fingern nach der leeren Luft griff. »Im Vertrag war nie die Rede von einem Kind.«

»Im Vertrag wurde auch nicht danach gefragt.« Ich zwang mich, seinem Blick standzuhalten. »Sie hat nichts mit unserer Vereinbarung zu tun.«

»Bei einem Kind gibt es kein ›Nichts‹.« Er trat einen Schritt näher. Nur einen einzigen, aber die Luft zwischen uns wurde mit einem Schlag schwer und prickelnd – aufgeladen wie die Sekunde vor einem Gewitter. »Von wem ist sie?«

Von mir. Von mir und einem Fremden, dessen Gesicht ich mir noch immer nicht vorstellen kann. Von mir und einem Geist, der mir im Dunkeln etwas genommen hat und vor dem Morgengrauen verschwunden ist.

»Spielt das eine Rolle?« Meine Stimme klang gefasster, als ich mich fühlte. »Sie ist meine Tochter. Sie bleibt bei mir. Das steht nicht zur Verhandlung.«

Seine Kiefermuskeln spannten sich an. Ich wappnete mich bereits dagegen, dass er mich wegschicken würde – zurück in die Stadt, ohne Vertrag, ohne Geld und mit einem Neffen, dem die Zeit davonlief.

Lyra gab einen leisen, fordernden Laut von sich, das Händchen noch immer ausgestreckt; sie weigerte sich, ignoriert zu werden.

Kaels Blick wanderte wieder zu ihr. Für einen Herzschlag wurde die harte Linie seines Mundes weicher. Doch dann verschwand der Ausdruck, als hätte er eine Tür zugeschlagen.

»Du wirst im Ostflügel wohnen«, sagte er. »In deinem eigenen Zimmer. Du betrittst meines nicht. Du fasst nichts an, was mir gehört. Und du hältst dich aus den Angelegenheiten des Rudels heraus.«

»Und die Ehe?«

»Auf dem Papier. Nicht mehr.« Seine Augen waren wie kalter Stein, als er mich ansah. »Wir teilen uns kein Zimmer. Wir teilen uns kein Bett. Wir teilen einen Nachnamen und sonst absolut nichts. Verstanden?«

Ich verstand vollkommen. Er wollte mich nicht. Er kannte mich nicht. Es war ihm völlig egal, was mit mir geschah – abgesehen von den Verpflichtungen, die der Vertrag ihm auferlegte.

Gut so. Da waren wir ja schon zu zweit.

»Verstanden«, erwiderte ich.

Er drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort zurück ins Haus, als wäre das Gespräch – als wäre ich – bereits abgehakt. Ich blieb mit meiner Tochter im Arm zurück, sah zu, wie der Alpha von Stonecrest in seinem riesigen Anwesen verschwand, und redete mir ein, dass genau das das Beste für mich war.

Lyra fing an zu weinen.

Der Ostflügel war – das musste ich zugeben – wunderschön. Große Fenster. Weiche, dicke Teppiche. In einer Ecke stand bereits ein aufgebautes Kinderbett, was bedeutete, dass man von unserem Kommen gewusst und sich vorbereitet hatte. Eine kleine, voll ausgestattete Küche.

Sie hatten an jeden erdenklichen Komfort gedacht. Nur nicht daran, dass sich eine von uns beiden auch nur ansatzweise willkommen fühlen sollte.

Die Rudelmitglieder, denen ich auf den Fluren begegnete, sahen mich an, als wäre ich Ungeziefer, das unter der Tür durchgekrochen war. Das Getuschel begleitete mich auf Schritt und Tritt, ohne dass sich jemand die Mühe machte, leise zu sein. Mensch. Niemand. Die Vertragsehefrau des Alphas.

Ich hatte mein ganzes Leben lang geübt, solche Worte zu überhören. Lyra nicht. Sie spürte jeden kalten Blick, jedes gedämpfte Flüstern, und es machte sie anhänglich, unruhig und weinerlich, sobald ich sie absetzen wollte.

»Schon gut, mein Schatz«, murmelte ich in ihr Haar, während ich sie am Fenster wiegte. »Wir bleiben nicht für immer. Nur bis es Ben besser geht. Dann gehen wir wieder nach Hause.«

Sie umklammerte meinen Zeigefinger mit ihrem kleinen Fäustchen und hielt sich fest, als würde sie mir selbst kein einziges Wort glauben.

Am nächsten Nachmittag suchte ich nach einem ruhigen Ort, an dem sie schlafen konnte – fernab von Schritten und starrenden Blicken. Stattdessen fand ich die Bibliothek. Dunkles Holz, meterhohe Regale, der Geruch nach altem Papier. Perfekt – bis auf die Tatsache, dass er bereits darin war.

Kael stand am hinteren Fenster, den Rücken zum Raum gewandt, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, über dessen Seiten seine Augen jedoch nicht wanderten.

Ich war bereits im Begriff mich zurückzuziehen, als Lyra ihn entdeckte.

»Pa!«, quietschte sie voller Freude.

Das Buch fiel zu Boden. Er wirbelte herum, sein Blick schoss zuerst zu ihr, dann zu mir und wieder zurück.

»Was hat sie gesagt?«

»Nichts.« Ich zog sie fester an mich. »Sie brabbelt nur. Sie ist sechs Monate alt.«

»Sie hat ›Pa‹ gesagt.« Er trat einen Schritt näher. »Das klingt wie –«

»Es klingt wie ein Geräusch, das ein Baby macht. Es bedeutet überhaupt nichts.«

Er blieb wenige Schritte vor mir stehen – nah genug, dass mich sein Duft umhüllte: Rauch, Leder und darunter etwas, das sich anfühlte wie die statische Aufladung vor einem Blitzeinschlag. Das Mal an meinem Handgelenk pulsierte träge und unwillkommen. Ich ignorierte es – genau wie in den letzten zwei Tagen.

»Warum streckt sie ständig die Hände nach mir aus?« Seine Stimme war leiser geworden und hatte ihre Härte verloren. Er klang fast verunsichert von seiner eigenen Frage.

»Ich weiß es nicht. Sie ist eben zutraulich.«

»Sie ist seit zwei Tagen hier. Und sie hat jedes Mal nach mir gegriffen, wenn sie mich gesehen hat.« Sein Blick tastete mein Gesicht ab, als könnte sich dort die Antwort verbergen. »Babys tun so etwas nicht bei Fremden.«

»Vielleicht gefällt ihr einfach dein Gesicht.« Es klang schärfer, als ich beabsichtigt hatte. »Ich studiere in meiner Freizeit keine Kleinkindpsychologie.«

Eine quälend lange Stille breitete sich zwischen uns aus. Er sah Lyra an. Lyra sah zurück, ernst wie ein Richter, die Hand noch immer nach ihm ausgestreckt.

»Darf ich ...« Er hielt inne. Dann setzte er leiser noch einmal an: »Darf ich sie halten?«

Mir schnürte sich die Brust zu. »Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil du ein Fremder bist. Weil ich von dir nichts kenne außer eine Unterschrift auf einem Stück Papier. Weil sie mein Kind ist – und ich gebe sie niemandem, dem ich nicht vertraue.«

Etwas huschte über seine Züge – Schmerz vielleicht, oder etwas, das dem Wiedererkennen glich –, doch es war verschwunden, noch ehe ich sicher sein konnte, es überhaupt gesehen zu haben.

»Du bist meine Frau«, sagte er leise.

»Auf dem Papier. Deine Worte, nicht meine.«

Er zuckte zusammen. Kaum merklich. Ich hätte es fast übersehen.

»Richtig.« Er wich einen Schritt zurück, als hätte ich ihn weggestoßen. »Meine Worte.«

Die Stille danach fühlte sich schwerer an, als sie sollte. Lyra zappelte ungeduldig, weil niemand sie beachtete.

»Ich sollte gehen«, sagte ich. »Sie muss etwas essen.«

»Judith.«

Ich hielt an der Tür inne, drehte mich aber nicht um.

»Der Vertrag garantiert dir gewisse Dinge. Essen. Ein Dach über dem Kopf. Schutz.« Eine Pause, als koste ihn der nächste Satz Überwindung. »Wenn du sonst etwas brauchst – für sie oder für den medizinischen Notfall, den du erwähnt hast –, kannst du danach fragen.«

Da wandte ich mich doch um und sah ihm direkt in die Augen. »Warum sollte dich das interessieren?«

»Tut es nicht.« Zu schnell. Zu schroff. »Du gehörst jetzt rein formell zum Rudel. Und wir kümmern uns um die Unseren.«

Rein formell Rudelmitglied. Rein formell Ehefrau. In Wahrheit überhaupt nichts.

»Danke«, erwiderte ich. »Ich werde es mir merken.«

Ich verließ den Raum, bevor er noch etwas erwidern konnte – und bevor das Mal an meinem Handgelenk erneut pulsieren und mich zur Lügnerin machen konnte.

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