INICIAR SESIÓNKaels Sicht
Ein ganzes Jahr.
Ich hatte jeden einzelnen Tag danach gesucht, und doch konnte ich nicht sagen, wie ihr Gesicht aussah.
Ich stand am Fenster meines Arbeitszimmers und sah zu, wie der Waldrand im schwindenden Sonnenlicht im Schatten versank. Irgendwo da draußen existierte sie – das Mädchen, das mich mit dreizehn Jahren aus dem Wald gezogen hatte, als ich nach einem Streuner-Angriff verblutete. Die ihre Hand auf meinen Mund gepresst und mich festgehalten hatte, bis die Gefahr vorüber war. Das Mädchen, das verschwand, noch bevor ich ihren Namen erfahren konnte.
Das Mädchen, das meine vorbestimmte Gefährtin sein sollte.
»Du tust es schon wieder.«
Ich drehte mich nicht um. »Was tun?«
»Dorthin starren, als ob der Wald dir eine Antwort schulden würde.« Dex ließ sich in den Sessel gegenüber meinem Schreibtisch fallen, ohne auf eine Einladung zu warten. Das tat er nie. »Die Ältesten werden unruhig, Kael.«
»Sollen sie doch.«
»Sie wollen, dass du eine Luna wählst. Ein Rudel dieser Größe braucht eine – das ist nicht nur Tradition, es geht um Stabilität. Sie reden davon, Kandidatinnen aus verbündeten Rudeln vorzustellen. Formelle Treffen.« Er sagte es vorsichtig, als wüsste er genau, wie ich reagieren würde.
»Ich habe eine Gefährtin.« Meine Stimme klang härter, als ich beabsichtigt hatte. »Ich lasse mir von ihnen niemanden vorsetzen.«
Dex schwieg eine Sekunde zu lang. »Du hast ein ganzes Jahr gesucht, Kael. Wir haben jedes Territorium durchkämmt, jeden Gefallen eingefordert. Nichts.« Er zögerte. »Ist es möglich, dass sie nicht mehr ...«
»Wag es nicht.« Mein Wolf bäumte sich unter meiner Haut auf, noch bevor ich ihn zügeln konnte, und ich spürte, wie meine Augen silbern aufblitzten.
»Ich sage das nicht, um dich zu verletzen.« Dex hob beschwichtigend beide Hände, vollkommen unbeeindruckt von der Drohung in meiner Stimme – ein Jahr enger Freundschaft hatte die Schärfe für ihn abgestumpft. »Ich sage es, weil es jemand aussprechen muss. Du bist ein Schatten deiner selbst, seit sie verschwunden ist. Du isst nur, wenn man es dir vorsetzt. Du lachst nicht mehr. Das Rudel merkt das, Kael. Deshalb machen die Ältesten Druck.«
Ich antwortete nicht, denn er hatte recht, und dem gab es nichts entgegenzusetzen.
Meine Erinnerungen an sie waren nur Bruchstücke, und keines hielt lange genug, um greifbar zu sein. Eine Hand auf meinem Mund. Die besondere Stille von jemandem, der verzweifelt versucht, unentdeckt zu bleiben. Eine Narbe unten an ihrem linken Bein, blass und alt schon damals, die mir aufgefallen war, als sie mich durch das Unterholz zerrte. Das war alles. Das war die magere Summe eines ganzen Jahres der Suche – eine Narbe, zu der ich nicht einmal ein Gesicht vor Augen hatte.
Manchmal versuchte ich, tiefer zu graben, die Erinnerung mit Gewalt hervorzuholen, doch da war nichts. Nur eine Mauer. Glatt und undurchdringlich, als wäre mir die Erinnerung eher entrissen als verloren gegangen. Es hätte mir mehr Angst machen sollen, als es tat. Meistens gab es mir nur das Gefühl, langsam den Verstand zu verlieren – so schleichend, dass ich es kaum noch bemerkte.
»Die Ältesten können so viel Druck machen, wie sie wollen«, sagte ich. »Ich wähle keine Luna, solange ich nicht mit absoluter Sicherheit weiß, dass sie tot ist. Und das weiß ich nicht.«
Dex musterte mich einen Moment lang. Dann, weil er in seinem ganzen Leben noch nie gewusst hatte, wann man eine Sache auf sich beruhen lassen sollte, zuckte sein Mundwinkel. »Du bist der gefürchtetste Alpha diesseits der Berge und schmollst wie ein getretener Welpe.«
»Vorsicht.«
»Ich sag's ja nur. Es ist fast schon rührend. Auf eine tragische Art.«
Ich warf einen schweren Briefbeschwerer nach seinem Kopf. Er fing ihn mit einer Hand auf, ohne hinzusehen, was irgendwie noch nerviger war, als wenn ich ihn getroffen hätte.
»Du bist unerträglich«, knurrte ich.
»Und trotzdem behältst du mich hier.« Er stellte den Briefbeschwerer ab, und der Spott wich aus seinem Gesicht. »Im Ernst: Ich hoffe, sie ist da draußen. Wirklich.«
In diesem Moment öffnete sich die Tür ohne Klopfen – was nur eine einzige Person bedeuten konnte.
Selene betrat den Raum mit der Selbstverständlichkeit von jemandem, dem hier bereits alles gehörte. Ihr Seidenkleid umspielte ihre Oberschenkel, das dunkle Haar fiel ihr locker über eine Schulter – auf eine Art, die eindeutig Mühe gekostet hatte, um mühelos zu wirken.
»Kael.« Ihre Stimme glitt in einen wärmeren Tonfall ab. »Störe ich?«
Dex stand bereits auf, noch bevor sie den Satz beendet hatte. »Keineswegs. Ich war ohnehin gerade auf dem Sprung.« Beim Vorbeigehen warf er mir einen Blick zu – Ich sehe genau, was hier passiert, und ich werde nicht dabei zusehen – und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
Selene durchquerte den Raum mit langsamen Schritten – jener Art von Langsamkeit, die darauf ausgelegt war, beobachtet zu werden. »Die Ältesten machen sich Sorgen um dich«, sagte sie und blieb so nah vor mir stehen, dass ihr Parfüm die Luft zwischen uns verdrängte. »Sie glauben, du brauchst ... Trost.«
»Glauben sie das?«
»Ich habe ihnen gesagt, dass ich mich darum kümmern kann.« Ihre Hand legte sich flach auf meine Brust.
Ich packte ihr Handgelenk – nicht grob, nur fest genug, um sie aufzuhalten. »Selene.«
»Kael.« Sie sprach meinen Namen aus wie ein Argument, das sie längst gewonnen hatte. »Wir stehen uns seit Monaten nahe. Du weißt, was ich empfinde. Unsere Familien wollen diese Verbindung. Warum wehrst du dich dagegen?«
Weil du nicht sie bist. Weil mein Wolf nicht einmal den Kopf hebt, wenn du den Raum betrittst.
Ich sprach es nicht aus. Ich sah sie nur an und spürte dieselbe Taubheit wie immer.
Etwas in meinem Blick muss sich verändert haben, denn ihre Züge verhärteten sich für den Bruchteil einer Sekunde, ehe sie ihren Ausdruck bewusst wieder weich werden ließ. »Eine Nacht, Kael. Lass mich dir zeigen, was du verpasst.«
Sie küsste mich, bevor ich antworten konnte.
Ich stieß sie nicht weg. Ich zog sie aber auch nicht an mich heran. Ich stand einfach nur da, während sie mich küsste, als wolle sie uns beiden etwas beweisen. Ihre Hände glitten in mein Haar, während meine Arme regungslos an meinen Seiten blieben.
Ich wartete darauf, irgendetwas zu fühlen. Hitze, Verlangen, irgendeine Regung.
Nichts geschah.
Die Tür flog mit einem Knall auf.
Dex stand im Rahmen, und jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
Selene riss sich verärgert los. »Ernsthaft? Jetzt?«
Dex würdigte sie keines Blickes. Seine Augen waren auf mich gerichtet, und die Anspannung in seiner Haltung ließ mein Inneres zusammenkrampfen, noch bevor er das Wort ergriff.
»Kael.« Seine Stimme war heiser. »Sie ist zurück.«
Der Boden unter mir schien zu schwanken. »Was?«
»Das Mädchen aus dem Vertrag. Diejenige, die verschwunden war.« Er kam auf mich zu und legte mir ein Foto in die Hand, als wäre es aus hauchdünnem Glas. »Sie ist hier.«
Ich blickte hinab.
Eine Frau starrte mich vom Papier an – unordentliches dunkelblondes Haar, haselnussbraune Augen, die aussahen, als hätten sie für ihr Alter schon viel zu viel ertragen müssen. Erschöpft. Wachsam. Und darunter lag etwas, das mich tief in der Brust traf – so heftig, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb.
Ich kannte sie nicht.
Mein Wolf schon.
Er bäumte sich mit einem Schlag unter meiner Haut auf – ein tiefes, rollendes Knurren, das weder Warnung noch Zorn war. Es war etwas, das dem Wiedererkennen glich, wie ein vertrauter Name, der einem auf der Zunge liegt und sich doch nicht formen will.
Selene sagte etwas hinter mir. Ich hörte kein einziges Wort davon.
»Wie heißt sie?«, fragte ich, und meine eigene Stimme klang mir fremd in den Ohren.
Dex zögerte einen Wimpernschlag zu lang. »Judith Hayes. Sie steht am Haupttor. Und sie hat ein Baby dabei.«
»Ein Kind.« Die Worte kamen vollkommen tonlos aus meiner Kehle.
»Kael –«, setzte Selene an.
Ich war bereits in Bewegung.
»Sie sollte unberührt sein«, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu den anderen. »Das war die einzige Bedingung.«
»Du kennst diese Frau nicht einmal!«, rief Selene mir hinterher und beeilte sich, Schritt zu halten. »Sie könnte irgendwer sein. Eine Spionin. Jemand, der dem Namen Stone ein Kuckuckskind unterschieben will, um abzukassieren –«
Ich antwortete ihr nicht, und sie begriff schnell genug, dass sie mir besser nicht weiter folgte. Stattdessen schloss Dex lautlos zu mir auf – ein Schweigen, das eine ganz eigene Antwort war.
»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte er schließlich, als wir die Eingangshalle erreichten.
»Nein.« Ich stieß die schwere Flügeltür auf. Die eisige Nachtluft traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. »Aber ich gehe jetzt die Frau zur Rede stellen, die unseren Vertrag gebrochen hat, noch bevor er überhaupt begonnen hat.«
Draußen vor dem schmiedeeisernen Tor stand eine Gestalt im Halbdunkel – eine Frau, die ein kleines Bündel fest an ihre Brust drückte.
Mein Wolf wurde mit einem Schlag still und scharf in mir; jeder meiner Sinne verengte sich auf ihre Silhouette in der Finsternis.
Judiths SichtBen wirkte im Krankenhausbett ganz winzig, voller Schläuche und Kabel, ein Kuscheltier unter sein Kinn gesteckt. Seine Augen öffneten sich, als ich eintrat.»Tante Jude.« Seine Stimme war nur ein Krächzen. »Du bist gekommen.«»Wo sollte ich sonst sein?« Ich küßte seine Stirn; sie war warm und lebendig. »Hey, Pfannkuchen-Junge.«»Mom hat gesagt, ich darf noch keine essen.«»Mom hat recht.«»Mom ist gemein.«»Mom steht genau hier«, sagte Mara aus der Ecke, und ihre Stimme bebte. Sie hatte seit Stunden geweint, ihre Wimperntusche war längst verschmiert. »Und Mom hätte jetzt gerne eine Umarmung von ihrer Schwester.«Ich durchmaß den Raum, und Mara packte mich so fest, dass meine Rippen knackten. Lyra zappelte zwischen uns herum und klopfte Mara auf die Wange.»Goo-gaga.«»Mara ist okay, Schatz.«»Es tut mir leid«, flüsterte Mara an meiner Schulter. »Für all die Male, in denen ich so zickig war, weil du so viel gearbeitet hast.«»Du hattest Angst.«»Ich war undankbar.« Sie zo
Kaels SichtJudith schlief, eine Hand unter der Wange eingerollt. Ich stand am Fenster, die graue Feder in ein Taschentuch gewickelt, und beobachtete, wie hinter den Kiefern der Himmel hell wurde.»Du bist wach«, mummelte sie.»Schlaf weiter.«»Du hältst da etwas in der Hand.«»Einen Lappen.«»Kael.« Sie stützte sich auf einen Ellenbogen, die Steppdecke rutschte von ihrer Schulter. Ihr Haar stand auf einer Seite ab. »Hast du überhaupt geschlafen?«»Ein bisschen.«»Lügner.«»Ein bisschen«, sagte ich noch einmal, und sie lächelte in das Kissen, doch das Lächeln erlosch wieder.»Ist das der Moment, in dem du mir sagst, die letzte Nacht sei ein Fehler gewesen?«Mein Magen sackte in die Tiefe. »Was?«»Du hast gesagt, du hättest warten sollen, du hast gesagt, ich sei deine Frau auf dem Papier.« Sie zog die Decke höher. »Das höre ich lieber jetzt als beim Mittagessen, während Marrek zusieht.«Ich durchmaß den Raum und setzte mich auf die Bettkante. »Judith, sieh mich an.«Das tat sie. »I ber
Judiths SichtMaras Anruf kam in der Dämmerung. Ben hatte einen schweren Anfall gehabt, blaue Lippen, das ganze furchterregende Programm. Bis zu dem Moment, als sie sagte, er sei stabil, saß ich auf dem Badezimmerboden und presste das Telefon gegen meine Stirn.Ein Klopfen. Dann ging die Tür auf.»Torin hat gesagt, du bist schon seit einer Stunde hier drin«, sagte Kael und ging vor mir in die Hocke. »Judith.«»Es geht ihm gut. Sie haben dafür gesorgt, dass er wieder atmet.« Meine Stimme brach beim letzten Wort. »Morgen ist die Operation, und sein Herz hat heute so etwas gemacht.«»Der Chirurg ist bereits im Krankenhaus. Er bleibt über Nacht, um ein Auge auf ihn zu haben.«»Hast du das veranlasst?«»Ich habe einen Anruf getätigt.«Ich lachte, nass und unschön. »Du hast einen Anruf getätigt.«Er setzte sich im feinen Anzug neben mich auf die Fliesen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Unsere Schultern berührten sich.»Lyra?«, fragte er.»Selene hat sie für die Nacht mitgeno
Kaels SichtJudith fand mich nach Mitternacht im Arbeitszimmer. Sie hatte eine Decke um die Schultern geworfen und barfüßige Füße auf meinem kalten Boden.»Torin sagt, du hast nichts gegessen.«»Torin redet zu viel.«»Torin macht sich Sorgen um dich.« Sie stellte einen Teller auf meinen Schreibtisch. Brot, Käse, ein grüner Apfel. »Iss.«Ich sah den Apfel an. Dann sie.»Schläft Lyra?«»Wie ein Stein. Sie hat mich zweimal getreten.« Sie setzte sich an die Kante des Tisches, direkt auf meine Landkarten. »Was ist das?«»Nichts.«»Kael.«»Bunker-Routen.«„Du hast alles gesagt.“ (Wait, "You said everything." -> „Du hast gesagt, du erzählst mir alles.“ or „Du hast gesagt: alles.“) Let's keep it accurate: »Du hast gesagt, alles.«Ich schob das Papier zu ihr hinüber. Sie fuhr mit einem Finger langsam die Linien nach, und ihr Ärmel rutschte nach oben. Das Mal an ihrem Handgelenk leuchtete schwach silbern. Meines antwortete darauf. Wir blickten beide nach unten.„Das ist peinlich“, murmelte sie.
Judiths SichtLyra erwachte im Morgengrauen, ihre Faust noch immer um meinen Kragen geklammert, als ob sie befürchtete, ich könnte im Schlaf verschwinden.»Mo«, mummelte sie unverständlich.Irgendwie, wie alle Mütter es können, wusste ich, was mein Baby wollte. Ihr war kalt.»Ich weiß, Schatz.« Ich zog die Decke höher. Das Zimmer war kalt. Es war seit der gestrigen Nacht kalt, seit das Ding ohne Gesicht sich um die Ränder meines Verstands geschlungen und von innen heraus gelacht hatte.Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte am Rand des Bettes gesessen, den Rücken gegen das Kopfteil gelehnt, und aus dem Fenster gestarrt, bis der Himmel von Schwarz zu Grau wechselte. Jedes Mal, wenn der Wind die Äste bewegte, rutschte mir das Herz in die Kehle.Kael war irgendwo vor Sonnenaufgang aufgebrochen. Ich wusste es so, wie ich mittlerweile alles über ihn wusste: durch das Mal an meinem Handgelenk, ein dumpfer Schmerz, der sich wie ein dünner Faden spannte, je weiter er sich entfernte.Ich hasste
Kaels SichtDas Fenster war kalt an meiner Stirn. Ich hatte dort eine Stunde gestanden, vielleicht zwei, aber auf jeden Fall lang genug, dass das Glas von meinem Atem beschlagen war, lang genug, dass die Baumgrenze zu einer einzigen dunklen Masse verschwommen war.Sie war noch wach, ich konnte sie durch die Wand spüren, konnte vor allem spüren, wie das Mal an meinem Handgelenk im Takt mit ihrem pulsierte. Etwas Seltsames war da draußen – es war schwach, ich konnte es nicht genau orten, aber dieses Ding war ihr aus der Stadt gefolgt. Lila hatte es mir gesagt; sie hatte mich gebeten, es Judith nicht zu erzählen, da sie mich laut Judith nicht mit noch mehr unnötigem Zeug belasten wollte. Aber ich konnte es nicht sehen.Das war es, was mich am meisten störte. Ich war der Alpha, meine Sinne waren schärfer als die jedes anderen Wolfes im Rudel. Ich konnte ein Kaninchen aus einer halben Meile Entfernung riechen, einen Herzschlag durch eine Steinmauer hindurch hören. Aber was auch immer Judit







