LOGINNicole Garcia
Ich eilte sofort nach Hause, nachdem ich aus meinem Selbstmitleid erwacht war. Ich musste die Dinge mit ihm in Ordnung bringen. Ich konnte nicht zulassen, dass es so endete, ohne für meine Sünden zu büßen. „Damian!“, rief ich laut seinen Namen, sobald ich die Eingangsstufen des Anwesens erreicht hatte. Kaum war ich im Haus, begann ich, jeden Raum nach ihm zu durchsuchen. Ich fand ihn kurze Zeit später im Arbeitszimmer. Die Tür stand offen, was bedeutete, dass er wollte, dass ich ihn fand, oder dass es ihm nicht mehr wichtig genug war, sie zu schließen. Ich wusste nicht, was von beidem schlimmer war. Er saß an seinem Schreibtisch, und in seinen Händen hielt er einen Stapel Papiere, zusammengebunden mit einem roten Band. Mein Herz sank mir in die Magengrube. Ich wusste genau, was das war. Ich hatte sie ihm zu unserem ersten Hochzeitstag gegeben. Ich hatte meinen Anwalt beauftragt, sie aufzusetzen, sie auf teurem Papier drucken lassen und das Band selbst darum gebunden, weil ich es lustig fand. Ich hatte sogar eine Karte beigefügt, auf der stand: „Alles Gute zum Hochzeitstag. Hier ist deine Freiheit. Jetzt verschwinde aus meinem Leben.“ Er hatte es nicht als Scherz aufgefasst und die Papiere quer durch das Schlafzimmer geworfen. Doch ich hatte sie aufgehoben und in die Schubladen seines Arbeitszimmers gelegt, für den Fall, dass er irgendwann seine Meinung ändern würde. „Damian“, sagte ich, als ich den Raum betrat. Er sah nicht auf. „Bitte tu das nicht“, sagte ich. Meine Stimme klang klein, und ich hasste es, wie klein sie klang. Er nahm einen Stift und legte ihn auf die Papiere, und ich wusste genau, was er vorhatte. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, als ich nach vorne stürzte und versuchte, ihm den Stift aus der Hand zu reißen. „Damian, bitte—“ Doch ich war bereits zu spät. Er unterschrieb die Unterlagen, blätterte Seite für Seite um und setzte seine Unterschrift überall dort, wo die gepunktete Linie es verlangte. Als er fertig war, legte er den Stift weg, faltete seinen Teil der unterschriebenen Scheidungspapiere sorgfältig zusammen und steckte ihn in die Brusttasche seines Hemdes. „Es ist erledigt“, sagte er schließlich. Dann erhob er sich vom Stuhl und ging mit schnellen Schritten an mir vorbei. „Damian, warte—“ Ich versuchte, seinen Arm zu greifen, doch er war schneller. Ich stolperte beinahe zu Boden und musste mich am Schreibtisch festhalten. Er verließ das Arbeitszimmer und ging die Treppe hinunter. Ich folgte ihm, meine Füße bewegten sich schneller als mein Verstand. „Bitte“, sagte ich und griff erneut nach seinem Arm. „Bitte, Damian. Hör mir einfach zu.“ Er blieb stehen und sah mich mit einem ausdruckslosen Blick an. „Du hattest drei Jahre Zeit, etwas zu sagen“, sagte er. „Warum entscheidest du dich ausgerechnet jetzt dafür?“ „Ich wusste nicht—“ „Du wusstest nicht was? Dass ich dich liebe? Dass ich alles für dich getan hätte?“ Sanft zog er seinen Arm aus meinem Griff. „Du wusstest es, Nicole. Es war dir nur egal.“ Er ging weiter, und ich hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Meine Brust brannte vor Schmerz und vor dem Wissen, dass ich so viele schreckliche Dinge getan hatte, die ich niemals rückgängig machen konnte. „Damian, ich flehe dich an—“ „Nicht.“ Er blieb an der Haustür stehen, die Hand bereits auf der Klinke. „Flehe nicht, Nicole. Das steht dir nicht.“ Die Tränen liefen mir über das Gesicht. Ich konnte sie nicht aufhalten. Ich versuchte es nicht einmal. „Es tut mir leid“, sagte ich. „Es tut mir alles leid. Das Baby. Die Art, wie ich dich behandelt habe. Alles. Es tut mir so leid, Damian.“ Auch seine Augen waren gerötet, als würde er sich gerade noch davon abhalten, zusammenzubrechen. Doch das war alles. Ich sah es in seinen Augen. Er hatte aufgehört, wegen mir zu weinen. Und ich hatte ihn während unserer Ehe oft zum Weinen gebracht. „Das hast du schon einmal gesagt“, sagte er leise. „Dieses Mal meine ich es ernst, das schwöre ich dir, Damian. Bitte …“ „Das letzte Mal hast du es auch ernst gemeint. Für ungefähr drei Tage. Bis du bekommen hast, was du von mir wolltest.“ Er lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Ein neues Auto. Und was ist dann passiert? Du hast es deinem Freund gegeben. Und jetzt willst du ihm sogar dein Organ schenken.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Ich schätze, du hattest all die Jahre recht. Ich war einfach zu blind, um es zu sehen.“ Ich hatte keine Antwort darauf. Ich konnte ihn nur anflehen, während die Tränen in Strömen über mein Gesicht liefen. Es stimmte. Ich hatte solche Taktiken immer benutzt, wenn ich etwas von ihm wollte. Doch diesmal war ich ehrlich. Ich meinte jedes einzelne Wort. Warum konnte er das nicht sehen? Hinter ihm, im Flur, bemerkte ich eine Bewegung. Maria, unser Hausmädchen, stand in der Nähe der Küchentür. Sie hielt einen Lappen in der Hand und tat so, als würde sie immer wieder dieselbe Stelle an der Wand putzen. Hinter ihr stand Lucas und tat so, als würde er auf sein Handy schauen. Wut flammte in mir auf. Fanden sie das etwa unterhaltsam genug, um mit den anderen Angestellten darüber zu tratschen? „Was gibt es da zu sehen?“, fuhr ich sie an. Maria zuckte zusammen, und der Lappen fiel ihr aus der Hand. „Ich habe euch etwas gefragt“, sagte ich scharf. „Verschwindet. Ihr beide. Sofort.“ Sie machten sich augenblicklich davon. Erst da bemerkte ich die vielen Schritte im Flur. Offenbar hatten noch weitere Angestellte gelauscht. Ich wandte mich wieder Damian zu. In seinen Augen lag nur Enttäuschung. „Siehst du?“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Was soll ich sehen?“ „Genau das bist du.“ Seine Stimme war ruhig und sanft. Und das machte alles noch schlimmer. Es wäre leichter gewesen, wenn er mich angeschrien hätte. Doch Damian war immer ruhig. „So warst du schon immer. Du schreist Dienstmädchen an. Du verspottest Fahrer. Du behandelst alle Menschen, als wären sie weniger wert als du.“ Er sah mich direkt an. „Und du glaubst, du kannst dich ändern?“ „Damian …“ Der Kloß in meinem Hals wurde größer. „Ich kann es versuchen—“ „Seit drei Jahren versuchst du es.“ Er schüttelte den Kopf. „Wenn das dein Versuch ist, dann ist er erbärmlich, Nicole.“ Er verließ das Haus, ohne meine Antwort abzuwarten, und ging mit schnellen Schritten zu seinem Auto. „Wohin gehst du?“, fragte ich. „Ich will mich nicht mehr scheiden lassen, Damian. Ich will mit dir verheiratet bleiben. Ich will—“ „Ich ziehe morgen aus.“ Er öffnete die Autotür. „Einen schönen Tag noch, Nicole. Es war schön, dich gekannt zu haben.“ „Damian!“ Ich versuchte es noch einmal. Doch er fuhr bereits vom Anwesen. Und selbst meine Beine konnten dem Auto nicht folgen. Ich weiß nicht, wann ich auf die Knie sank und weinte. Heftig. So wie in jener Nacht, als ich meinen Vater beinahe bei einem Unfall verloren hätte. Ich weinte so sehr wegen meiner dummen Fehler und meines kindischen Verhaltens. In dieser Nacht saß ich auf dem Boden unseres Schlafzimmers. Meine Augen waren noch immer schwer von ungeweinten Tränen, während ich über meine Grausamkeit gegenüber Damian nachdachte. Wenn er mich so behandelt hätte, wie ich ihn behandelt hatte, wäre ich mir sicher gewesen, dass ich mir längst das Leben genommen hätte. Doch er war geduldig gewesen. Liebevoll. Immer. Neben mir begann mein Handy zu klingeln. Für einen Moment sprang ich beinahe danach, weil ich dachte, Damian würde anrufen. Doch es war Justin. Und mein Gesicht verdunkelte sich. Der Mann, der meine Niere an den Meistbietenden verkaufen wollte, während er vorgab, mich zu lieben. „Hey, Babe“, sagte er mit seiner üblichen warmen und besorgten Stimme. „Die Operation wurde auf morgen früh vorverlegt. Die Ärzte wollen, dass du heute Abend zur Vorbereitung kommst.“ „Ich werde es nicht tun.“ Ich sagte es sofort. Ich wusste, dass er zu schockiert war, um zu antworten. Er hielt mich für die Frau, die ihr Leben für ihn opfern würde. „Was?“ „Ich werde dir meine Niere nicht geben, Justin.“ „Nicole—“ Seine Stimme veränderte sich. Sie wurde scharf. „Wovon redest du? Wir haben darüber gesprochen. Du hast es versprochen.“ „Ich habe meine Meinung geändert.“ „Du kannst deine Meinung nicht einfach ändern. Mein Leben steht auf dem Spiel, und du bist meine einzige Hoffnung, Babe.“ „Such dir jemand anderen.“ „Es gibt niemand anderen.“ Seine Stimme wurde lauter. In sechs Monaten hatte ich ihn nie seine Stimme erheben hören. Nie. Er war immer geduldig gewesen. Immer süß. Immer verständnisvoll. „Du bist kompatibel. Du bist die einzige passende Spenderin. Wenn du das nicht machst, könnte ich sterben.“ „Nein, wirst du nicht.“ „Was?“ „Weil du nicht krank bist, Justin.“ Meine Stimme zitterte. Doch ich machte weiter. „Es gibt keine Nierenerkrankung. Du hast die ganze Zeit gelogen. Du willst nur ein gesundes Organ auf dem Schwarzmarkt verkaufen.“ Ich schrie ihn inzwischen beinahe an. „Wer hat dir das erzählt?“, fragte er vorsichtig nach einer langen Pause. Die Tränen liefen weiter. „Das spielt keine Rolle.“ „Nicole, hör mir zu—“ „Nein. Du hörst mir jetzt zu.“ Ich weinte inzwischen hemmungslos. „Ich weiß alles. Das Feuer. Allison. Den Plan, mir alles wegzunehmen. Ich weiß alles.“ „Welches Feuer? Wovon redest du? Es gibt kein Feuer.“ „Noch nicht.“ Trotz allem lachte ich. „Aber es wird eines geben. Und diesmal werde ich nicht sterben.“ „Nicole, das ergibt keinen Sinn—“ „Leb wohl, Justin.“Nicole GarciaDrei Tage später war ich wieder in meinem Büro, nachdem ich alle Anrufe und Nachrichten von Justin und Allison ignoriert hatte, die dachten, ich würde sie veräppeln, indem ich mich von ihnen fernhielt.Alle im Büro sahen überrascht zu mir auf, denn ich kam fast nie hierher. Und wenn doch, dann nur, um Ärger zu machen oder Damian Geld abzupressen und ihn dabei vor allen schlecht aussehen zu lassen. Heute rechneten sie offenbar wieder mit Drama.Erst als ich in mein privates Büro ging und die Tür hinter mir schloss, konnte ich sie durch die Glasscheibe flüstern sehen, wie sie auf mich deuteten.Meine Assistentin, die sich nie vor meinen Ausbrüchen gefürchtet hatte, klopfte gegen die Scheibe und kam ohne eine Antwort abzuwarten herein. Sie hielt ein Tablet und einen Kaffee in der Hand.„Du siehst scheiße aus“, sagte sie und stellte den Kaffee auf meinen Schreibtisch.„Danke…“„Ich meine es ernst. Du warst wochenlang weg, und du siehst aus, als hättest du keinen Schlaf bekom
Nicole Garcia.Der Alkohol brannte in meiner Kehle, als ich die zweite Flasche leerte und zur dritten überging. Ich habe ihn gerade verloren. Ich habe Damian gerade verloren. Der einzige Mensch, der sich in diesem Leben wirklich um mich gekümmert hat. Ich…Ich war bei meiner dritten Flasche, als Maria mich fand.Sie muss das Klirren der Flaschen auf den Fliesen aus der Küche gehört haben. Oder vielleicht hat sie den Whiskey schon den Flur entlang gerochen. Auf jeden Fall erschien sie in der Tür des Wohnzimmers mit weit aufgerissenen Augen und einer zitternden Hand vor dem Mund.„Ma’am… bitte, Sie müssen aufhören.“Ich sah sie nicht an. Ich kippte die Flasche einfach wieder und ließ die Flüssigkeit meine Kehle hinunterlaufen, ohne zu zucken oder zu bemerken, dass ich nichts mehr schmeckte. Ich wollte nur den Schmerz betäuben, den ich jetzt fühlte. Sein Rücken zu mir… wie er mit seinem Auto in die Nacht verschwand…„Ma’am.“ Die Haushälterin machte einen Schritt näher, und ich wusste, we
Nicole Garcia Ich eilte sofort nach Hause, nachdem ich aus meinem Selbstmitleid erwacht war. Ich musste die Dinge mit ihm in Ordnung bringen. Ich konnte nicht zulassen, dass es so endete, ohne für meine Sünden zu büßen.„Damian!“, rief ich laut seinen Namen, sobald ich die Eingangsstufen des Anwesens erreicht hatte. Kaum war ich im Haus, begann ich, jeden Raum nach ihm zu durchsuchen.Ich fand ihn kurze Zeit später im Arbeitszimmer. Die Tür stand offen, was bedeutete, dass er wollte, dass ich ihn fand, oder dass es ihm nicht mehr wichtig genug war, sie zu schließen. Ich wusste nicht, was von beidem schlimmer war.Er saß an seinem Schreibtisch, und in seinen Händen hielt er einen Stapel Papiere, zusammengebunden mit einem roten Band. Mein Herz sank mir in die Magengrube.Ich wusste genau, was das war.Ich hatte sie ihm zu unserem ersten Hochzeitstag gegeben. Ich hatte meinen Anwalt beauftragt, sie aufzusetzen, sie auf teurem Papier drucken lassen und das Band selbst darum gebunden, we
Nicole Garcia.Ich rang nach Luft, als ich meine Augen öffnete, und dachte an das Grauen, wieder in diesem Raum voller Rauch und Feuer zu sein.„Nicole… bist du okay?“ Warme Hände griffen nach mir, um mich daran zu hindern, zu stolpern.Ich holte tief Luft, und statt Rauch strömte echte, saubere Luft in meine Nase. Ich ließ meine Augen sich darauf konzentrieren, wo ich war – wenn das hier das Jenseits war…Mein Blick klärte sich, und ich stellte fest, dass ich in einem Krankenhausflur stand, der hauptsächlich nach Desinfektionsmittel roch. Als meine geistigen Sinne zurückkehrten, wurde mir klar, dass ich in einem Krankenhaus war.Meine Hände gingen an meine Brust, meine Arme, mein Gesicht. Ich berührte mich, und da waren weder Verbrennungen noch Blasen. Meine Haut war glatt, unversehrt und blass, und ich verstand es nicht. Ich konnte es nicht verstehen, denn das Letzte, woran ich mich erinnerte, war, wie ich unter einem Trümmerhaufen begraben wurde, während das Feuer tobte.„Nicole.“
Nicole GarciaDer Rauch brannte in meinen Lungen, und jedes Mal, wenn ich versuchte zu atmen, bekam ich weniger Luft als zuvor. Meine Augen tränten so stark, dass ich kaum noch etwas erkennen konnte—nur die Umrisse von zwei Personen, die an der Tür standen und mir beim Sterben zusahen, ohne zu helfen.„Bitte“, versuchte ich zu sagen, doch es kam nur als Husten heraus. Dann hustete ich so stark, dass mir die Tränen übers Gesicht liefen.Allison lachte aus der Entfernung, und plötzlich flackerte Hoffnung in mir auf. Meine Schwester war hier. Sie war die Einzige, die mir helfen konnte… mich retten konnte… mich befreien konnte aus diesem Albtraum…„Endlich wach“, schnurrte sie süß mit einer Stimme, die ich nur kannte, wenn sie jemanden verspottete oder etwas Grausames plante. „Ich dachte schon, du verschläfst das Ganze. Das wäre enttäuschend gewesen.“Meine Handgelenke waren an die Armlehnen eines Holzstuhls gefesselt, meine Knöchel an dessen Beine. Das Holz unter mir war heiß—noch nicht







