LOGINSie flüstert diesen Vornamen, wie man ein Geheimnis gesteht. Dann dreht sie sich um und verschwindet, bevor ich eine weitere Frage stellen kann. Die Tür schließt sich und der Riegel klackt. Ich bin allein mit dem Tee, der kalt wird, und den Noten, die vor meinen Augen tanzen, ohne dass ich sie entziffern kann.Die Stunden vergehen, formlos, endlos. Ich drehe Runden. Ich betrachte die Wände. Ich berühre die Stoffe. Ich probiere die Wanne, ziehe mich wieder an, esse ein wenig, schiebe das Tablett weg. Die Langeweile ist eine Form von Folter, die ich nicht kannte. Ich, die immer auf Hochtouren gelebt habe, zwischen Proben und Konzerten und Meisterkursen und Interviews, bin plötzlich alles beraubt. Der Musik vor allem. Meine Violine ist nicht hier. Man hat sie mir nicht zurückgegeben.Als die Tür sich endlich öffnet, ist es, um Nikolai Volkov durchzulassen.Er hat den Anzug gewechselt. Dieser ist mitternachtsblau, fast schwarz, mit einem weißen Hemd
Seine Stimme ist tief, dumpf, mit einem russischen Akzent, der die „r" rollt wie Kieselsteine in einem Wildbach. Er spricht meinen Namen aus, als würde er ihn kosten, als würde er jede Silbe genießen. Dann tritt er noch einen Schritt näher, und ich muss eine übermenschliche Anstrengung aufbringen, um nicht zurückzuweichen.— Weißt du, seit wann ich dich beobachte?Ich schüttele den Kopf, unfähig zu sprechen.— Sechs Monate. Sechs Monate komme ich zu jedem deiner Konzerte. Sechs Monate höre ich dir spielen, versteckt in einer privaten Loge, die niemand bemerkt. Sechs Monate begehre ich dich.Er hebt die Hand und ich erstarre. Seine Finger streifen meine Schläfe, gleiten an meiner Wange hinab, folgen der Linie meines Kiefers. Es ist eine leichte, fast zärtliche Geste, aber in dieser Berührung liegt etwas zutiefst Besitzergreifendes. Eine Art zu sagen: diese Haut, dieses Gesicht, diese Frau, all das gehört von nun an mir.— Du hast
Ich habe keine Zeit, die Frage zu stellen. Eine schwarze Kapuze gleitet über mein Gesicht, und die Welt verschwindet.Die Fahrt ist lang. Ich messe sie an den Schlägen meines Herzens, an den Kurven, die das Auto nimmt, an den Wechseln des Belags unter den Reifen. Das Leder der Sitze riecht nach Neuheit und kaltem Tabak. Niemand spricht. Ich sitze hinten, eingerahmt von zwei schweigenden Männern, die Hände auf den Knien, als wäre nichts. Die Kapuze kratzt. Die Dunkelheit verstärkt jedes Geräusch, jede Bewegung, jeden Schrecken.Ich denke an meine Violine. Haben sie sie mir zurückgegeben? Haben sie sie genommen? Ich erinnere mich nicht mehr. Die Panik hat die Details ausgelöscht. Es bleibt nur das Wesentliche: mein Atem, das Reiben des Stoffes auf meinen Wangen, der metallische Geschmack der Angst in meinem Mund.Nach einer Ewigkeit, wie es scheint, verlangsamt das Auto. Tore knarren. Kies knirscht unter den Rädern. Wir fahren noch einige Minuten, dann halten wir. Eine Tür öffnet sich,
Tatiana, ein Violinvirtuosin und Wunderkind, wird auf Befehl von Nikolai Volkov entführt, einem skrupellosen Oligarchen. Er will kein Lösegeld, er will sie, sie selbst. In seinem eisigen Palast ist jeder Blick ein Besitzanspruch, jedes Schweigen eine Drohung. Sie wird seine gefangene Muse, Gefangene einer dunklen Melodie, in der sich die Angst langsam in eine verheerende Abhängigkeit verwandelt. Doch Nikolais Halbbruder Dimitri, ein ehemaliger Geheimdienstagent, ist ebenfalls von Tatiana fasziniert. Wo Nikolai Eis und Kontrolle ist, ist Dimitri Feuer und das Versprechen von Freiheit. Zerrissen zwischen der Obsession des einen und der gefährlichen Zärtlichkeit des anderen, steht Tatiana im Zentrum eines brudermörderischen Krieges. Als ein Attentat auf Nikolai verübt wird, wird Tatiana schwer verletzt. Um sie zu retten, reißt Dimitri sie aus dem Palast und versteckt sie weit weg von Russland, wobei er sie für tot erklären lässt. Der Verlust: Nikolai, gebrochen, verbringt zwei Jahre da
Heute Abend sind wir auf der Terrasse der Villa dei Sogni, in der Toskana. Es ist Sommer, und die Luft ist erfüllt vom Duft der Rosen und des Lavendels, vom Gesang der Zikaden und dem fernen Murmeln des Springbrunnens. Die Sonne geht über den Hügeln unter und entzündet den Himmel in Purpur und Gold, genau wie an dem Abend, als Alexander mich um meine Hand bat, vor fünfunddreißig Jahren.Fünfunddreißig Jahre. Ein ganzes Leben.Wir sitzen in unseren Schmiedeeisen-Sesseln, dem Panorama zugewandt, unsere Finger auf der Armlehne verschlungen. Alexander trägt ein weißes Hemd, offen über seiner Brust, und eine Leinenhose. Sein graues Haar ist ein wenig lang, ein wenig zerzaust, als hätte er vergessen, es heute Morgen zu kämmen. Ich trage ein leichtes blaues Kleid, das, das er am liebsten mag, und einen Schal über den Schultern, um mich vor der Abendbrise zu schützen.— Erinnerst du dich, sagt er plötzlich, an dieses erste Diktat?Ich lächele, und me
— AlexanderEs ist ein Tag im August, glühend heiß und leuchtend, in den Gärten der Villa dei Sogni.Das Herrenhaus ist voller Lachen. Die Kinder rennen durch die Lavendelfelder, ihre Schreie mischen sich mit dem Gesang der Zikaden. Die Erwachsenen sitzen im Schatten der Olivenbäume, ihre Weingläser in der Hand, ihre Gespräche von Lachen unterbrochen. Und mitten in diesem fröhlichen Durcheinander ist Hope.Unsere Tochter. Unsere kleine Seele. Sie ist jetzt siebenunddreißig, und sie ist eine brillante, vollendete, strahlende Frau geworden. Sie hat ihren Weg gewählt — nicht die Finanzen, nicht das Imperium, sondern das Recht. Sie verteidigt verlorene Sachen, unschuldige Angeklagte, Unterdrückte. Sie ist Anwältin, wie ihre Großmutter Margaret es hätte sein können, wenn das Leben sie nicht gebrochen hätte. Und jedes Mal, wenn ich sie plädieren sehe, sei es in einem Gerichtssaal oder am Esstisch, finde ich den Glanz ihrer Vorfahren wieder — die Stärke von







