Share

Kapitel 3

Author: Lola Ben
last update publish date: 2026-07-06 03:32:16

BAILEY

„Der Morbix kommt hierher.“ Ich kritzelte fester an die Wand, die ich immer noch nicht sehen konnte. „Der Anarix dort.“

Tage und Tage sind vergangen, und das ist das Einzige, was mich bei Verstand hält.

„Stellt die RNA her.“

Wenn ich nicht an meine Heilfähigkeiten denke, habe ich nichts anderes, woran ich mich festhalten kann.

„Erstellt VBA. Wird zum-“

„Bailey.“ Eine Stimme, so wuchtig wie ein Donnerschlag, durchbrach meinen Wahnsinn.

Und ich erstarrte, weil ich fürchtete, mein verwirrter Geist hätte es sich nur eingebildet.

Denn wenn ich nicht gerade diese Wände mit Kritzeleien über Heilmedizin beschmiere, bilde ich mir ein, dass mein Leben immer noch perfekt ist, dass ich nicht schon ewig an diesem Ort eingesperrt bin.

„Bailey, ich bin’s“, ertönte die Stimme erneut.

„Äh…“ Meine Stimme war leise. Es dauerte eine Weile, bis das Leben in meinen Gliedern zurückkehrte. Und mit Mühe unterdrückte ich die Tränen, die mir wieder in die Kehle stiegen.

Nach vielen langsamen Wendungen blickte ich schließlich in die Dunkelheit vor mir.

„Wer …“ Ich schluckte schwer und umklammerte den zerfetzten Saum meines stinkenden Kleides. „… bist du?“

Ein leises Atmen war die einzige Reaktion, die ich erhielt.

Bevor ich mich darauf zubewegen konnte, um den Moment besser zu begreifen, erfüllte das Klicken des Schlosses, das mich gesichert hatte, den Raum, und feste Schritte folgten.

Etwas erschrocken darüber, wie real alles plötzlich wirkte, taumelte ich zurück. „H-Hat G-Gale dich geschickt?“ Als ich die kratzige Wand an meiner Haut spürte, gab es kein Entrinnen mehr. So konnte ich nur noch vorsichtig flüstern: „Seid ihr hier, um mich zu töten?“

„Liebe Göttin. Nein, Bailey“, antwortete diese Stimme.

„Und dann? Was wollen Sie?“

„Du, Bailey“, die Sanftheit in ihrer Antwort forderte mein Vertrauen. „Du.“ Ein warmes Gefühl umhüllte meine trockenen Hände. „Und dass Lycan Gale dafür büßt, dir das angetan zu haben.“

„Zeig dich“, sagte ich, weil ich immer noch nicht sicher war, ob ich mir das alles nur einbildete. „Wer bist du?“

„Bailey.“ Ich spürte, wie diese Person meine linke Hand auf eine glatte, feste Oberfläche hob. „Du bist …“ Und in dem Moment, als eine warme Berührung meine Hand ruhte, pochte jede Faser meines Körpers vor seltsamer Erwartung. „Meine Gefährtin.“

Augenblicklich, als wären die gesprochenen Worte ein Zauber, umarmten uns helle Lichterketten und vertrieben die Dunkelheit, die mich viele Tage lang gezeichnet hatte.

Mit leichter Erleichterung, weil ich aus der Dunkelheit befreit worden war, hob ich die Augen, um zu sehen, wer mein Retter war.

Ein ungeheurer Schock des Unglaubens überkam mich augenblicklich.

Ich wollte meine Hand fast auch wegziehen, aber sein fester Griff hielt mich davon ab, als seine Baritonstimme dröhnte: „Das Licht funktioniert nur, wenn wir Händchen halten, Bailey.“

„A-Aber…“ Meine Schläfe runzelte sich. „Aber du bist doch…“

„Dein Kumpel“, schloss er, und seine vollen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als ob er nicht wüsste, warum ich so schockiert war.

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Du bist Gales Vater.“

Sein gestyltes Haar wippte im Takt seines Nickens, sein Gesichtsausdruck blieb unverändert ruhig. „Das stimmt absolut.“

Ich versuchte erneut, meine Hand von seiner wegzuziehen. „Wie kannst du nur mein Kumpel sein?“

Als ob wir ein kleines Tauziehen spielten, weigerte er sich, mich loszulassen. „Ich war genauso fassungslos, als ich von unserem Schicksal erfuhr.“

„Moment.“ Mein Kopf wurde etwas klarer, und stirnrunzelnd begriff ich etwas. „Woher wissen Sie, dass ich die echte Bailey bin?“

Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen: „Wie denn sonst? Dein Zwilling ist interessanterweise nicht so sexy und intelligent wie du.“

"Nicht-"

Er hob eine Augenbraue und fragte, sich leicht vorlehnend: „Dich sexy nennen? Oder klug?“

Ich wandte den Blick ab, um die Erinnerungen an die Zeit nicht wieder aufleben zu lassen, als ich mich einst gefragt hatte, ob ich für ihn eine Frau sein könnte. Das waren nur törichte Gedanken einer jungen Erwachsenen, die seine Arbeit als renommierten Medizinprofessor verehrte.

„Ich fühle mich nicht sexy“, gestand meine kratzige Stimme. „Ich fühle mich dumm.“

Und ich bin verblüfft. Unmöglich, dass Gales Vater mein Kumpel ist.

„Bailey, du bist nicht dumm“, bekräftigte er. „Ich halte dich für einen der klügsten Köpfe in unserem Universum.“

Mein Blick wanderte zu unseren verschränkten Händen und den orangefarbenen Lichtstrahlen, die immer wieder daraus tanzten.

„Was geht hier eigentlich vor, Alpha-Adonis?“ Ich unterdrückte den kleinen Anflug von Interesse an seinem Gefährten-Gerede. „Warum bist du hier? Damit ich meine ‚Gefährtenpflichten‘ erfüllen muss? Damit du mich wegwerfen kannst, wenn du mit mir fertig bist, wie deinen Sohn?“

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Der Aufstieg der Lykaner Königin   Kapitel 98

    ADONIS„Hast du vor, dich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken?“Matildas gespielte Zuneigung ärgerte mich so sehr, dass ich die halb leere Whiskyflasche in meiner Hand wegwarf. Die Flasche zersprang, und der durchdringende Knall trieb mir die Tränen in die Augen.„Du könntest mir genauso gut ins Auge stechen, Adonis.“Ich warf einen Blick auf Matilda. Der Anblick des Blutes, das aus der Schnittwunde an ihrem Arm sickerte, störte mich nicht.Oder vielleicht doch.Weil ich gelacht habe.Dann hörte ich auf.Denn der Schmerz kehrte in neuer Intensität zurück und hat sich vielleicht sogar noch verstärkt.Das war die Hölle für mich in den letzten Stunden.Ich wage es nicht, mich zu beschweren.Ich weiß, dass dies keine ausreichende Strafe für das Verbrechen ist, das ich an Bailey begangen habe.Doch meine Hölle wird jedes Mal schlimmer, wenn ich mich an das Geräusch von Baileys Tränen erinnere, nachdem sie unsere Verbindung abgebrochen hatte.Bailey… Meine süße Bailey fiel mitten auf d

  • Der Aufstieg der Lykaner Königin   Kapitel 97

    BAILEY„Ich hätte nicht erwartet, deinen Vater so bald kennenzulernen“, sinnierte Katina.„Hä?“ Ich wandte den Blick von dem langen, stillen Weg vor mir ab. „Ja. Damit hatte ich auch nicht gerechnet.“„War er derjenige, mit dem Sie sich heute Morgen getroffen haben?“, fragte sie mit einem Anflug von Bedauern in der Stimme.„Nicht ganz.“Sie hob eine Augenbraue. „Willst du mir schon wieder etwas verheimlichen?“Während wir unser Gepäck aus Gastons Haus schleppten, hatte ich überlegt, ihr von der neuesten Entwicklung zu erzählen.Da das Thema nun wieder aufgekommen ist, ist es besser, es auszusprechen, nicht wahr?"Adonis."„Hä?“Ich räusperte mich. „Wir sind da irgendwie zufällig auf eine Party gestoßen, die sich als Adonis' Hochzeit herausstellte.“„Moment mal –“ Sie brach dramatisch ab, warf den Kopf zurück und riss die Augen auf. „Was meinen Sie mit Hochzeit?“Der Schmerz in meiner Brust machte sich bemerkbar, und mein Hals wurde bitter.Offenbar kann ich mich an diese „neueste Entw

  • Der Aufstieg der Lykaner Königin   Kapitel 96

    BAILEY„Du willst also unseren Unterricht wieder aufnehmen?“, fragte Gaston.„Ich habe kein Vertrauen mehr in meine Kräfte“, sagte ich. „Das hasse ich.“„Seit wann haben Sie sie nicht mehr benutzt?“„Da hat Alpha versucht, uns anzugreifen.“"Oh."„Lass uns zum Palast aufbrechen, sobald wir bei dir sind“, flüsterte ich Gaston ins Ohr und schlang meine Arme fester um seinen Hals, da ich mich auf seinem breiten Rücken sicherer fühlte.Als Gaston mich fand, hatte ich meine Stirn immer noch auf den Boden gepresst.Leise hob er mich hoch, setzte mich auf seinen Rücken und verließ mit mir den Marktplatz, ohne dass bis jetzt ein Wort zwischen uns gewechselt worden war.Wir sind schon stundenlang gelaufen, und da wurde mir klar, dass wir wohl den Verstand verloren haben müssen, als wir von seinem Platz auf diese Seite der Gruppe gerannt sind.Vielleicht wäre das nicht passiert, wenn ich gar nicht erst daran gedacht hätte, mir das Paket anzusehen.„Besser jetzt als später“, murmelte Alana, und

  • Der Aufstieg der Lykaner Königin   Kapitel 95

    BAILEY„Verwandlung? Wieder…“ Zu sagen, ich sei fassungslos gewesen, wäre eine Untertreibung. „Verliere ich den Verstand?“Ich sah Gale an. Stolz stand er neben seiner vermeintlichen Mutter. Dann blickte ich zu meinem Vater, Gaston und schließlich zu Adonis.Obwohl es schon weh tat, ihn nur anzusehen, wurde mir klar, dass ich Antworten brauchte, und zwar direkt von der Quelle.„Alpha Adonis“, ich achtete darauf, dass er meinem Blick nicht ausweichen konnte, „lass uns reden.“„Lykanerkönigin.“ Die Frau neben ihm lächelte. Nach einem leisen Schnauben, das man leicht überhören konnte, fragte sie: „Ist das ratsam?“Ich kniff die Augen zusammen und sah sie an. „Ich erinnere mich nicht, Sie nach Ihrer Meinung gefragt zu haben, Ma'am.“„Er ist mein Ehemann.“ Sie legte ihren Arm um Adonis.Verdammt.Das zu sehen, hat mich tief getroffen.„Ich würde mir Sorgen machen, wenn eine andere Wölfin ihn um ein privates Gespräch bitten würde“, sagte sie.„Hast du vor irgendetwas Angst?“, entgegnete ich

  • Der Aufstieg der Lykaner Königin   Kapitel 94

    BAILEYIch zuckte mit der Nase.Einmal. Zweimal.Ich konnte den Duft, der meine Sinne umhüllte, nicht ignorieren. Genauso wenig konnte ich die Erinnerungen ignorieren, die er in mir weckte.Immer mehr Düfte stiegen vom Weg vor uns herüber und steigerten meine Neugier.„Bailey…“ Gaston zupfte.„Nein.“ Ich zog meine Hand aus seiner. „Du kannst gehen, wenn du willst.“"Der-"Ich ging an ihm vorbei.Gaston eilte mir nach. „Was, wenn du etwas siehst, was du nicht sehen solltest?“„Ich bin die Lykanerkönigin. Ich sollte merken, wenn ich etwas nicht sehen soll.“Gaston gab seufzend auf. Und das bestärkte mich in der Annahme, dass er noch etwas mehr wusste.Ich habe mich aber entschieden, ihn nicht zu fragen.Ich verdoppelte mein Tempo und ging den geraden Weg weiter entlang, der mich bald direkt zu der Geräuschquelle von vorhin führte.Nun ja, es war eigentlich eine Party.Mit der mitreißenden Musik der Band schien es eine richtig ausgelassene Party zu sein. Die Leute störten sich nicht dara

  • Der Aufstieg der Lykaner Königin   Kapitel 93

    BAILEYGaston und ich sind seit einer Stunde gerannt (es gab keine andere Möglichkeit, rechtzeitig zum Palast zu kommen).Das Laufen schuf ein Gleichgewicht, das ich nicht erwartet hatte.Der Schmerz in meinen Beinen war genauso stark wie der in meinem Herzen, bis ich nach ein paar Minuten beides kaum noch wahrnahm.Trotz der anhaltenden Kälte in der Luft spürte ich, wie Wärme in jede Faser meines Körpers strömte, und beim Anblick der vielen Bäume, an denen wir vorbeiliefen, konnte ich die Energie des Mondes spüren, der fast voll war.Der Mond weckte ein wohliges Gefühl in mir und verlockte mich, mich in meinen Wolf zu verwandeln.Da Gaston durch das Nachgeben dieser Versuchung benachteiligt würde, versprach ich Alana, dass wir bald wieder laufen gehen würden. Die letzte Laufeinheit, kurz nachdem ich zur Lykanerkönigin gekrönt worden war, löste ein Gefühl in mir aus, das ich jetzt so oft wie möglich erleben möchte.„Hoffentlich war das nicht umsonst“, schnaufte Gaston neben mir, als e

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status