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Der Koffer stand offen auf dem Bett wie ein gähnendes Maul, und Sofia warf wahllos Kleidungsstücke hinein, ohne wirklich hinzusehen. Einen olivgrünen Bikini, den sie letzten Sommer nur ein einziges Mal getragen hatte, ein weißes Baumwollkleid, das viel zu kurz war, um ehrlich zu sein, drei Romane von García Márquez, die sie zum dritten Mal lesen würde, und ein Spiralnotizbuch, das schon zur Hälfte mit Notizen gefüllt war, die nichts mehr mit Literatur zu tun hatten. Ihre Bewegungen waren mechanisch, aber ihr Geist kreiste seit Wochen ununterbrochen um dasselbe.
Sechs Monate.
Sechs Monate, seit sie Pedro nicht mehr gesehen hatte.
Das letzte Abendessen war im Dezember gewesen. Er war an einem Abend mit seltenem Regen vorbeigekommen, Javier hatte ihn eingeladen, um »einfach so zu feiern«, wie er immer sagte, wenn er nur mit seinem Compadre Mezcal trinken wollte. Pedro war mit einer Flasche Tequila Añejo und diesem breiten Lächeln gekommen, das zwei Grübchen um seinen Mund zog dieses Lächeln, das den Raum immer ein wenig heller erscheinen ließ. Sofia hatte sich im Hintergrund gehalten und vorgeschützt, noch eine Hausarbeit fertigstellen zu müssen, aber sie hatte jede einzelne Silbe seiner tiefen Stimme aufgesogen, jedes Lachen, das aus dem Wohnzimmer aufstieg wie eine warme Welle. Irgendwann hatte er den Blick zur Treppe gehoben und sie dort entdeckt, wie sie am Geländer lehnte. »¿Qué tal, mija? Verschlingst du immer noch Bücher?« Sie hatte nur nicken können, unfähig, etwas anderes zu erwidern als ein verkrampftes Lächeln, die Wangen brannten ihr. Dann war sie nach oben in ihr Zimmer geflüchtet und hatte die Nacht damit verbracht, sich zu verfluchen.
Denn das war nicht normal.
Denn Pedro war neunundvierzig, der beste Freund ihres Vaters seit deren gemeinsamen Jugendtagen im Barrio von Guadalajara. Er hatte sie auf seinen Schultern getragen, als sie fünf war, damit sie die höchsten Mangos pflücken konnte. Er hatte sie getröstet, wenn sie weinte, weil die Jungs in der Schule sie »Streberin« nannten. Er war bei allen idiotischen und heiligen Meilensteinen ihres Lebens dabei gewesen. Und jetzt, mit neunzehn, sah sie ihn an, wie man einen Mann ansieht, den man begehrt. Nicht wie einen Onkel. Nicht wie einen Freund der Familie. Sondern wie einen Mann.
Sie riss den Reißverschluss mit einem ruckartigen, fast gewalttätigen Griff zu.
Im Flur steckte Diego den Kopf durch die angelehnte Tür.
»Bist du fertig, Dichterin? Papa sitzt schon im Auto und redet wie üblich mit sich selbst am Steuer.«
Sofia verdrehte die Augen, lächelte aber trotzdem.
»Ich komme. Zwei Minuten.«
Diego verschwand und pfiff dabei eine Melodie von Bad Bunny. Sie schnappte sich ihren Rucksack, steckte ihr Handy in die Gesäßtasche ihrer Jeansshorts, und bevor sie hinausging, zögerte sie einen Moment vor dem Spiegel. Ihr schwarzes Haar war zu einem lockeren Dutt hochgesteckt, ein paar widerspenstige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Sie trug ein schlichtes weißes Top und diese abgetragene Jeansshort, die ein wenig zu hoch auf ihren Oberschenkeln saß. Sie biss sich auf die Innenseite ihrer Wange. Zu viel? Nicht genug? Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht einmal, was sie sich erhoffte.
Im Auto umhüllte sie sofort der vertraute Geruch von altem Leder und kaltem Kaffee. Javier hatte die Klimaanlage schon voll aufgedreht, aber die kalifornische Hitze drang trotzdem durch die halb geöffneten Fenster herein. Diego saß auf dem Beifahrersitz, ein Fuß auf dem Armaturenbrett, und scrollte durch sein Handy. Sofia ließ sich auf der Rückbank nieder und stellte ihren Koffer neben sich wie einen Schild.
»Bereit für den längsten Sommer deines Lebens?«, fragte Diego, ohne sich umzudrehen.
»Sehr lustig.«
Javier startete den Motor, der leise aufheulte. Er warf einen Blick in den Rückspiegel.
»Anschnallen, mija.«
Sie schloss den Gurt seufzend.
Die Straße zur Südküste war immer dieselbe gewesen: zuerst die verstopften Autobahnen von Los Angeles, dann die Autobahnkreuze, die nach heißem Asphalt rochen, danach die Abfahrt hinunter zum Pazifik, die Palmen, die wie müde Wächter emporragten, und schließlich der salzige Geruch, der das Haus ankündigte.
Die ersten Minuten war die Stille angenehm. Dann begann Javier zu reden, wie immer, wenn er lange fuhr.
»Pedro hat mir erzählt, dass er die Terrasse diesen Winter neu gemacht hat. Er hat neue Ipé-Dielen verlegt, angeblich unzerstörbar. Mal sehen.«
Diego kicherte.
»Ja, er wird sich wieder beschweren, dass es zu teuer war und dass er es selbst für die Hälfte hätte machen können.«
»Hat er auch für die Hälfte gemacht, cabrón«, erwiderte Javier lachend. »Das ist das Problem mit Pedro: Er weigert sich, sich ordentlich bezahlen zu lassen.«
Sofia hörte zu, den Blick verloren in der vorbeiziehenden Landschaft. Sie stellte sich die besagte Terrasse bereits vor: die neuen, noch nach exotischem Holz duftenden Dielen, Pedro mit nacktem Oberkörper in der Mittagssonne, der Schweiß, der über seinen bronzenen Rücken rann, die Muskeln, die sich unter der Haut wellten, wenn er einen Nagel einschlug. Sie schloss für einen Moment die Augen und verjagte das Bild. Es war lächerlich. Peinlich.
»Und du, Sofia?«, nahm Javier den Faden wieder auf. »Was hast du diesen Sommer vor, außer Lesen und Sonnenbaden?«
Sie öffnete die Augen und traf seinen Blick im Rückspiegel.
»Vielleicht ein bisschen schreiben. Und … ich weiß nicht. Genießen.«
Diego drehte den Kopf zur Hälfte.
»Was genau genießen? Da unten gibt es doch niemanden Interessanten. Nur Papa, ich, Pedro und der Junge, der wahrscheinlich seine ganze Zeit mit Skaten am Strand verbringen wird.«
»Ellie ist kein Junge mehr«, korrigierte Javier. »Er ist neunzehn, genau wie deine Schwester. Und er ist ganz nett, wenn er will.«
Sofia spürte einen stechenden Schmerz in der Brust. Ellie. Pedros Sohn. Sie waren fast wie Geschwister aufgewachsen, bis sie vierzehn waren. Gleiche Schule, gleiche Geburtstage, gleiche Sommer. Ellie hatte schon immer eine offensichtliche Schwäche für sie gehabt: zu lange Blicke, unbeholfene Witze, alberne Geschenke (einmal hatte er ihr ein Armband aus Muscheln geschenkt, das er selbst gebastelt hatte; sie hatte es zwei Tage lang getragen, bevor sie es am Strand verlor). Alle hatten es bemerkt. Nur sie anscheinend nicht. Damals fand sie es süß, fast rührend. Jetzt machte sie der Gedanke unwohl. Denn wenn Ellie sie immer noch so ansah … dann könnte sie ihm nichts zurückgeben. Nicht dieses Jahr.
»Kommt er trotzdem?«, fragte sie mit einer Stimme, die sie möglichst neutral klingen lassen wollte.
»Ja«, antwortete Javier. »Pedro hat ihn gezwungen. Er sagt, es würde ihnen guttun, Zeit miteinander zu verbringen.«
Diego kicherte erneut.
»Viel Glück dabei. Ellie lebt jetzt in San Diego, er wird das Ferienhaus wohl spießig finden.«
Sofia antwortete nicht. Sie dachte an Pedro, allein mit seinem Sohn, der ihn kaum ansah. Sie dachte an die Art, wie er manchmal über Ellie sprach – mit dieser Mischung aus Stolz und Traurigkeit, die sie inzwischen zu deuten gelernt hatte. Sie dachte an ihre eigene zerrüttete Familie: die Scheidung vor drei Jahren, das Geschrei in der Küche, die Koffer, die Isabella gepackt hatte, ohne ein Wort der Erklärung, Javiers Anschuldigungen (»Du hast mich betrogen, gesteh es ein!«), die Beweise, die er nie gefunden hatte. Isabella war nach San Francisco gezogen, die Karriere vor Augen, und doch riefen sie sich fast jeden Tag an. Sofia bewunderte sie. Manchmal beneidete sie sie sogar. Diese Freiheit. Diese Art, ihr Leben zu wählen, ohne sich zu entschuldigen.
Das Auto verließ die Autobahn. Plötzlich tauchte der Ozean auf, gewaltig und türkisblau, blendend im Junisonnenschein. Sofia spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Sie waren fast da.
Das Haus stand am Ende der abschüssigen Straße, weiß mit blauen Fensterläden, umgeben von Kakteen und violetten Bougainvilleen, die über den Bürgersteig quollen. Pedro war da, auf der Terrasse, mit nacktem Oberkörper, ein Tuch in der Hand, und wischte eine Liege ab. Neben ihm stand Ellie Basecap verkehrt herum, Kopfhörer um den Hals – und tat so, als würde er helfen, indem er eine leere Kühlbox trug.
Javier hupte zweimal, fröhlich.
Pedro hob den Kopf, lächelte dieses Lächeln, das Sofia schon seit einem Jahr schmerzte. Er winkte.
»¡Llegaron los locos!«
Diego prustete los vor Lachen und sprang aus dem Auto, noch bevor der Motor aus war. Sofia blieb einen Augenblick regungslos sitzen, die Hände umklammerten ihre Knie.
Sie atmete tief ein.
Dann öffnete sie die Tür.
Der Sommer begann.
Und sie wusste schon jetzt, dass er gefährlich werden würde
Der erste Tag an der Uni begann unter einem zu klaren, fast klinischen Licht. Sofia stand früh auf, mehr aus Nervosität als aus Disziplin. Sie duschte zu lange, zog sich mit einer Sorgfalt an, die sie seit Wochen nicht mehr gehabt hatte, und betrachtete sich einen Moment im Badezimmerspiegel. Ihr Gesicht erschien ihr zugleich vertraut und fremd. Die Augenringe waren noch da, aber weniger ausgeprägt. Ihre Augen hatten eine Form von Ruhe zurückgewonnen, zerbrechlich, vorläufig. Sie spülte kaltes Wasser über ihr Gesicht, atmete tief ein und verließ das Haus, ohne ihrem Vater zu begegnen.Der Weg zum Campus verlief in einer dichten inneren Stille. Sie ging zwischen anderen Studierenden, Taschen über der Schulter, Kaffee in der Hand, Gespräche bereits laut. Um sie herum schien jeder neu anzufangen. Sie nicht. Sie ging mit dem Gewicht des Sommers, das noch immer zwischen ihren Schulterblättern hing, unsichtbar, aber beständig. Bei jedem Schritt stiegen Bilder auf, gegen ihren Willen: die Te
Der Schulbeginn war in zwei Tagen. Sofia war allein in ihrem Zimmer. Das Haus war ruhig. Javier war ausgegangen, Diego sah sich unten etwas an, und die Stille, die die Treppe heraufstieg, lastete fast so schwer auf ihr wie die Gedanken, die seit Tagen in ihrem Kopf kreisten. Sie lag auf dem Bett, das Telefon auf ihrer Brust, der Bildschirm noch an. Seit mehreren Abenden begann sie immer wieder dasselbe: den Chat mit Ellie öffnen, schreiben, löschen, neu schreiben. Nachrichten, zu lang, zu unbeholfen, zu aufrichtig. Sie sagte ihm, dass sie sich Vorwürfe machte. Dass sie verstand, dass er ihr böse war. Dass er ihr fehlte. Jedes Mal las sie die Sätze noch einmal, bevor sie sie abschickte, das Herz zusammengeschnürt, und dann schickte sie sie trotzdem. Und jedes Mal war die Stille, die folgte, dieselbe.Sie verbrachte auch lange Momente auf seinem Profil. Sie konnte nicht anders. Sie scrollte langsam, betrachtete die alten Fotos, die hervorgehobenen Stories, die Beiträge, die er nicht gel
Es blieben noch sechs Tage bis zum Schulbeginn, und die Zeit schien sich für Sofia zugleich zu dehnen und zusammenzuziehen wie ein zu straff gespanntes Seil. Mia kam am frühen Nachmittag, ohne sich wirklich angekündigt zu haben, klopfte zweimal an die Zimmertür und trat ein. Sie fand Sofia noch in Leggings und einem weiten T-Shirt, auf der Bettkante sitzend, den Blick irgendwo hinter der Fensterscheibe verloren. Mia blieb einen Moment auf der Schwelle stehen, beobachtete sie schweigend, dann verschränkte sie die Arme in einer Art, die kaum Raum für Diskussionen ließ.— Du ziehst dich an. Wir gehen raus.Sofia drehte langsam den Kopf zu ihr. Ihre Stimme kam leise heraus, fast erloschen.— Ich habe wirklich keine Lust, Mia.— Ich weiß genau, dass du keine Lust hast. Zieh dich trotzdem an.Es folgte ein Schweigen. Sofia seufzte lange, fuhr sich mit einer Hand durch ihr noch zerzaustes Haar und stand dann ohne jede Überzeugung auf. Sie zog eine Jeans an, einen weiten Sweater, schnürte Tur
Das Elternhaus hatte sich nicht verändert.Die Wände waren dieselben, in einem Weiß, das mit den Jahren leicht vergilbt war. Die Möbel standen an genau denselben Plätzen. Der Geruch von Waschmittel hing noch immer im Flur, vermischt mit dem Kaffeeduft, den ihre Mutter jeden Morgen zubereitete. Nichts hatte sich bewegt. Und doch hatte Sofia, als sie über die Schwelle trat, das Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, der ihr nicht mehr gehörte. Als beobachteten sie die Räume. Als wüssten es die Wände.Sie ging direkt in ihr Zimmer, ohne das Licht einzuschalten. Sie stellte ihren Koffer neben den Schrank, setzte sich auf die Bettkante und blieb dort sitzen, die Hände auf den Knien, den Blick auf den Boden gerichtet. Draußen hörte man ab und zu ein Auto vorbeifahren. Drinnen war die Stille zu sauber, zu gewöhnlich. Sie legte sich vollständig angezogen hin, zog die Decke bis zum Kinn und schloss die Augen. Sie schlief nicht wirklich. Sie schwebte nur zwischen Erschöpfung und einer Art Leere,
Sofia schloss den Koffer mit einer zu heftigen Bewegung. Das Geräusch des Reißverschlusses zerriss die Stille des Zimmers wie ein Riss. Sie blieb lange mit beiden Händen auf dem Gepäck stehen, die Schultern gebeugt, den Kopf gesenkt. Das Zimmer roch noch nach Salz, Sonne und ein wenig nach Waschmittel. Die Laken waren zerknittert, ein feuchtes Handtuch hing über der Stuhllehne, und das Fenster stand noch halb offen zum Garten, der bereits weniger hell war als auf dem Höhepunkt des Sommers. Sie hatte alles mechanisch gefaltet, ohne wirklich hinzusehen, was sie einpackte. Jedes T-Shirt, jede Shorts, jeder Badeanzug erinnerte sie an eine Geste, einen Blick, eine Nacht. Dinge, die sie nicht mehr behalten durfte.Sie verweilte noch eine Minute, die Augen auf das ungemachte Bett gerichtet. Dann zog sie den Koffer zur Tür. Die Rollen machten ein unregelmäßiges, zu lautes Geräusch auf den Fliesen des Flurs. Sie ging langsam die Treppe hinunter, als koste sie jede Stufe eine Anstrengung. Unten
Mia parkte das Auto vor dem Ferienhaus, als Sofia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Die Fassade war dieselbe geblieben, weiß, sonnenüberflutet, mit halb geöffneten Fensterläden und den Liegestühlen, die noch immer auf der Terrasse aufgereiht standen. Nichts hatte sich verändert. Und doch hatte sich alles verändert.Sofia stieß die Autotür auf und stieg die paar Stufen hinauf. Sie öffnete die Haustür. Der Geruch des Hauses traf sie sofort: eine Mischung aus Holz, Salz und etwas Kälterem, Leereren. Im Wohnzimmer standen bereits mehrere Koffer neben dem Sofa. Diego war da, stand aufrecht, die Arme verschränkt, den Blick gesenkt. Er hob den Kopf, als er sie hereinkommen hörte.Sofia zögerte nicht. Sie durchquerte den Raum mit schnellen Schritten und nahm ihn in die Arme. Diego blieb eine Sekunde starr, dann ließ er sich gegen sie sinken. Sie drückte ihn fester.— Es wird gut werden, murmelte sie an seiner Schulter. Alles wird sich regeln.Diego antwortete nicht. Er nickte nur schwac







