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Der freund Meines Vaters
Der freund Meines Vaters
Author: Anatory

Kapitel 1

Author: Anatory
last update Petsa ng paglalathala: 2026-08-04 01:33:29

Der Koffer stand offen auf dem Bett wie ein gähnendes Maul, und Sofia warf wahllos Kleidungsstücke hinein, ohne wirklich hinzusehen. Einen olivgrünen Bikini, den sie letzten Sommer nur ein einziges Mal getragen hatte, ein weißes Baumwollkleid, das viel zu kurz war, um ehrlich zu sein, drei Romane von García Márquez, die sie zum dritten Mal lesen würde, und ein Spiralnotizbuch, das schon zur Hälfte mit Notizen gefüllt war, die nichts mehr mit Literatur zu tun hatten. Ihre Bewegungen waren mechanisch, aber ihr Geist kreiste seit Wochen ununterbrochen um dasselbe.

Sechs Monate.

Sechs Monate, seit sie Pedro nicht mehr gesehen hatte.

Das letzte Abendessen war im Dezember gewesen. Er war an einem Abend mit seltenem Regen vorbeigekommen, Javier hatte ihn eingeladen, um »einfach so zu feiern«, wie er immer sagte, wenn er nur mit seinem Compadre Mezcal trinken wollte. Pedro war mit einer Flasche Tequila Añejo und diesem breiten Lächeln gekommen, das zwei Grübchen um seinen Mund zog dieses Lächeln, das den Raum immer ein wenig heller erscheinen ließ. Sofia hatte sich im Hintergrund gehalten und vorgeschützt, noch eine Hausarbeit fertigstellen zu müssen, aber sie hatte jede einzelne Silbe seiner tiefen Stimme aufgesogen, jedes Lachen, das aus dem Wohnzimmer aufstieg wie eine warme Welle. Irgendwann hatte er den Blick zur Treppe gehoben und sie dort entdeckt, wie sie am Geländer lehnte. »¿Qué tal, mija? Verschlingst du immer noch Bücher?« Sie hatte nur nicken können, unfähig, etwas anderes zu erwidern als ein verkrampftes Lächeln, die Wangen brannten ihr. Dann war sie nach oben in ihr Zimmer geflüchtet und hatte die Nacht damit verbracht, sich zu verfluchen.

Denn das war nicht normal.

Denn Pedro war neunundvierzig, der beste Freund ihres Vaters seit deren gemeinsamen Jugendtagen im Barrio von Guadalajara. Er hatte sie auf seinen Schultern getragen, als sie fünf war, damit sie die höchsten Mangos pflücken konnte. Er hatte sie getröstet, wenn sie weinte, weil die Jungs in der Schule sie »Streberin« nannten. Er war bei allen idiotischen und heiligen Meilensteinen ihres Lebens dabei gewesen. Und jetzt, mit neunzehn, sah sie ihn an, wie man einen Mann ansieht, den man begehrt. Nicht wie einen Onkel. Nicht wie einen Freund der Familie. Sondern wie einen Mann.

Sie riss den Reißverschluss mit einem ruckartigen, fast gewalttätigen Griff zu.

Im Flur steckte Diego den Kopf durch die angelehnte Tür.

»Bist du fertig, Dichterin? Papa sitzt schon im Auto und redet wie üblich mit sich selbst am Steuer.«

Sofia verdrehte die Augen, lächelte aber trotzdem.

»Ich komme. Zwei Minuten.«

Diego verschwand und pfiff dabei eine Melodie von Bad Bunny. Sie schnappte sich ihren Rucksack, steckte ihr Handy in die Gesäßtasche ihrer Jeansshorts, und bevor sie hinausging, zögerte sie einen Moment vor dem Spiegel. Ihr schwarzes Haar war zu einem lockeren Dutt hochgesteckt, ein paar widerspenstige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Sie trug ein schlichtes weißes Top und diese abgetragene Jeansshort, die ein wenig zu hoch auf ihren Oberschenkeln saß. Sie biss sich auf die Innenseite ihrer Wange. Zu viel? Nicht genug? Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht einmal, was sie sich erhoffte.

Im Auto umhüllte sie sofort der vertraute Geruch von altem Leder und kaltem Kaffee. Javier hatte die Klimaanlage schon voll aufgedreht, aber die kalifornische Hitze drang trotzdem durch die halb geöffneten Fenster herein. Diego saß auf dem Beifahrersitz, ein Fuß auf dem Armaturenbrett, und scrollte durch sein Handy. Sofia ließ sich auf der Rückbank nieder und stellte ihren Koffer neben sich wie einen Schild.

»Bereit für den längsten Sommer deines Lebens?«, fragte Diego, ohne sich umzudrehen.

»Sehr lustig.«

Javier startete den Motor, der leise aufheulte. Er warf einen Blick in den Rückspiegel.

»Anschnallen, mija

Sie schloss den Gurt seufzend.

Die Straße zur Südküste war immer dieselbe gewesen: zuerst die verstopften Autobahnen von Los Angeles, dann die Autobahnkreuze, die nach heißem Asphalt rochen, danach die Abfahrt hinunter zum Pazifik, die Palmen, die wie müde Wächter emporragten, und schließlich der salzige Geruch, der das Haus ankündigte.

Die ersten Minuten war die Stille angenehm. Dann begann Javier zu reden, wie immer, wenn er lange fuhr.

»Pedro hat mir erzählt, dass er die Terrasse diesen Winter neu gemacht hat. Er hat neue Ipé-Dielen verlegt, angeblich unzerstörbar. Mal sehen.«

Diego kicherte.

»Ja, er wird sich wieder beschweren, dass es zu teuer war und dass er es selbst für die Hälfte hätte machen können.«

»Hat er auch für die Hälfte gemacht, cabrón«, erwiderte Javier lachend. »Das ist das Problem mit Pedro: Er weigert sich, sich ordentlich bezahlen zu lassen.«

Sofia hörte zu, den Blick verloren in der vorbeiziehenden Landschaft. Sie stellte sich die besagte Terrasse bereits vor: die neuen, noch nach exotischem Holz duftenden Dielen, Pedro mit nacktem Oberkörper in der Mittagssonne, der Schweiß, der über seinen bronzenen Rücken rann, die Muskeln, die sich unter der Haut wellten, wenn er einen Nagel einschlug. Sie schloss für einen Moment die Augen und verjagte das Bild. Es war lächerlich. Peinlich.

»Und du, Sofia?«, nahm Javier den Faden wieder auf. »Was hast du diesen Sommer vor, außer Lesen und Sonnenbaden?«

Sie öffnete die Augen und traf seinen Blick im Rückspiegel.

»Vielleicht ein bisschen schreiben. Und … ich weiß nicht. Genießen.«

Diego drehte den Kopf zur Hälfte.

»Was genau genießen? Da unten gibt es doch niemanden Interessanten. Nur Papa, ich, Pedro und der Junge, der wahrscheinlich seine ganze Zeit mit Skaten am Strand verbringen wird.«

»Ellie ist kein Junge mehr«, korrigierte Javier. »Er ist neunzehn, genau wie deine Schwester. Und er ist ganz nett, wenn er will.«

Sofia spürte einen stechenden Schmerz in der Brust. Ellie. Pedros Sohn. Sie waren fast wie Geschwister aufgewachsen, bis sie vierzehn waren. Gleiche Schule, gleiche Geburtstage, gleiche Sommer. Ellie hatte schon immer eine offensichtliche Schwäche für sie gehabt: zu lange Blicke, unbeholfene Witze, alberne Geschenke (einmal hatte er ihr ein Armband aus Muscheln geschenkt, das er selbst gebastelt hatte; sie hatte es zwei Tage lang getragen, bevor sie es am Strand verlor). Alle hatten es bemerkt. Nur sie anscheinend nicht. Damals fand sie es süß, fast rührend. Jetzt machte sie der Gedanke unwohl. Denn wenn Ellie sie immer noch so ansah … dann könnte sie ihm nichts zurückgeben. Nicht dieses Jahr.

»Kommt er trotzdem?«, fragte sie mit einer Stimme, die sie möglichst neutral klingen lassen wollte.

»Ja«, antwortete Javier. »Pedro hat ihn gezwungen. Er sagt, es würde ihnen guttun, Zeit miteinander zu verbringen.«

Diego kicherte erneut.

»Viel Glück dabei. Ellie lebt jetzt in San Diego, er wird das Ferienhaus wohl spießig finden.«

Sofia antwortete nicht. Sie dachte an Pedro, allein mit seinem Sohn, der ihn kaum ansah. Sie dachte an die Art, wie er manchmal über Ellie sprach – mit dieser Mischung aus Stolz und Traurigkeit, die sie inzwischen zu deuten gelernt hatte. Sie dachte an ihre eigene zerrüttete Familie: die Scheidung vor drei Jahren, das Geschrei in der Küche, die Koffer, die Isabella gepackt hatte, ohne ein Wort der Erklärung, Javiers Anschuldigungen (»Du hast mich betrogen, gesteh es ein!«), die Beweise, die er nie gefunden hatte. Isabella war nach San Francisco gezogen, die Karriere vor Augen, und doch riefen sie sich fast jeden Tag an. Sofia bewunderte sie. Manchmal beneidete sie sie sogar. Diese Freiheit. Diese Art, ihr Leben zu wählen, ohne sich zu entschuldigen.

Das Auto verließ die Autobahn. Plötzlich tauchte der Ozean auf, gewaltig und türkisblau, blendend im Junisonnenschein. Sofia spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Sie waren fast da.

Das Haus stand am Ende der abschüssigen Straße, weiß mit blauen Fensterläden, umgeben von Kakteen und violetten Bougainvilleen, die über den Bürgersteig quollen. Pedro war da, auf der Terrasse, mit nacktem Oberkörper, ein Tuch in der Hand, und wischte eine Liege ab. Neben ihm stand Ellie  Basecap verkehrt herum, Kopfhörer um den Hals – und tat so, als würde er helfen, indem er eine leere Kühlbox trug.

Javier hupte zweimal, fröhlich.

Pedro hob den Kopf, lächelte dieses Lächeln, das Sofia schon seit einem Jahr schmerzte. Er winkte.

»¡Llegaron los locos!«

Diego prustete los vor Lachen und sprang aus dem Auto, noch bevor der Motor aus war. Sofia blieb einen Augenblick regungslos sitzen, die Hände umklammerten ihre Knie.

Sie atmete tief ein.

Dann öffnete sie die Tür.

Der Sommer begann.

Und sie wusste schon jetzt, dass er gefährlich werden würde

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