MasukIch begrabe das Kaninchen, bevor ich mich zu lange damit aufhalte. Ein flaches Loch hinter der Baumgrenze, ein Gartenspaten aus einer Küchenschublade, rein damit und in weniger als fünf Minuten wieder zugeschüttet. Meine Hände sind dabei ruhig. Jedenfalls ruhiger als letzte Nacht. Etwas zu begraben vermittelt das Gefühl, es sei erledigt. Heißt nicht, dass es das auch ist.
Danach duschen. Saubere Kleidung, nichts, das nach neun Stunden im Auto riecht. Dann beschließe ich, einkaufen zu müssen, obwohl das nicht ganz stimmt – eigentlich brauche ich Menschen. Echten Lärm. Irgendetwas außer den bernsteinfarbenen Augen in der Dunkelheit, die sich in meinem Kopf in Endlosschleife abspielen.
Hallow’s Ridge ist kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte, und viel hatte ich mir ohnehin nicht vorgestellt. In den Unterlagen des Anwalts wurde es als Township bezeichnet, was offenbar eine Hauptstraße, eine Tankstelle, ein Diner und einen Gemischtwarenladen bedeutet, dessen Schild das Wetter fast vollständig vom Lack befreit hat. Ich parke direkt davor, weil es das einzige Gebäude mit Licht ist, noch so früh.
Die Glocke über der Tür klingelt, als ich reingehe. Eine alte, echte Metallglocke, kein Summer, und sie ist laut genug, dass die beiden Leute im Laden aufschauen, als wäre ich in etwas hineingeplatzt.
Hinter dem Tresen steht eine ältere Frau mit zurückgebundenem grauem Haar und einer Lesebrille auf dem Kopf. Sie lächelt nicht. Tut auch das Gegenteil nicht. Sie beobachtet mich einfach so, wie man ein Paket ohne Rücksendeadresse beäugt.
Die zweite Person ist ein Mann, der lässig am Tresen lehnt, vielleicht Ende zwanzig, dunkles Haar, etwas zu lang. Arme verschränkt, scheinbar entspannt – nur ist an seiner Haltung nichts wirklich entspannt, sobald man bemerkt, wie still er ist. Er richtet sich auf, in dem Moment, in dem die Glocke läutet. Als hätte mein Hereinkommen in seinem Körper etwas verändert, bevor sein Verstand hinterherkam.
„Na ja.“ Er mustert mich. „Du bist neu.“
„Aufmerksam.“ Rutscht mir raus, bevor ich es verhindern kann.
Etwas huscht über sein Gesicht – Überraschung vielleicht, oder nur, dass er keine solche Antwort erwartet hatte. Dann ein Grinsen, schief auf einer Seite, die Art von Grinsen, mit der er wohl schon mehr Ärger vermieden als verursacht hat.
„Sie hat Zähne“, sagt er zu der Frau, nicht zu mir. „Ich mag sie jetzt schon.“
Die Frau reagiert überhaupt nicht darauf. Sie sieht mich weiter mit diesem gleichen, undurchsichtigen Ausdruck an, und die Stille zieht sich einen Moment länger, als sie sollte, bevor sie schließlich den Mund öffnet.
„Du bist bei Ashgrove.“ Keine Frage.
„Gerüchte verbreiten sich schnell.“
„Gerüchte verbreiten sich hier nur so, wie sie können.“ Ohne jede Wertung, einfach als Feststellung. „Ilses Nichte.“
„Ich wusste nicht, dass sie eine Nichte hat.“ Wieder der Mann, immer noch scherzhaft im Ton, aber darunter ist jetzt etwas Schärferes. „Ich wusste nicht mal, dass sie überhaupt jemanden hat.“
Mir gefällt nicht, wie das klingt. Gefällt mir nicht, wie beide mich ansehen, als wäre ich ein Puzzleteil, das nicht zu dem Bild passt, das sie schon im Kopf haben.
„Wren“, sage ich, vor allem, um das Gespräch woandershin zu schieben. „Ich brauche nur das Nötigste. Ich hatte nicht vor, so lange zu bleiben, bis ich gemerkt habe, dass mein Kühlschrank leer ist.“
„Jasper.“ Er streckt die Hand aus. Sein Griff ist wärmer, als er bei dieser Kälte hier drin sein sollte, und er hält vielleicht eine halbe Sekunde zu lange fest. Nicht seltsam-lang. Nur lang genug, dass ich es registriere.
„Miriam.“ Sie bietet keine Hand an. „Du solltest, wenn du fertig bist, an der Kasse zahlen.“ Eine Pause, als würde sie abwägen, ob der nächste Satz sich lohnt. „Und Wren. Sei jeden Abend vor Einbruch der Dunkelheit wieder drinnen. Jede Nacht. Spielt keine Rolle, wie nah du glaubst, am Haus zu sein.“
„Warum?“
„Bären.“ Jasper, zu schnell, zu glatt. „Schlechtes Jahr für Bären.“
Miriam unterstützt das nicht. Widerspricht aber auch nicht. Sie dreht sich einfach zu dem zurück, womit sie hinter dem Tresen beschäftigt war, als wäre das Gespräch beendet, egal ob ich die Antwort schlucke oder nicht.
Ein Teil von mir will nachhaken. Ich tue es nicht. Irgendetwas in meinem Bauch sagt mir, dass Nachhaken im Moment eine Tür zuschlägt, von der ich noch nicht weiß, wie man sie wieder aufbekommt.
Ich nehme einen Korb. Brot, Eier, Kaffee, den traurigen Rest Gemüse, der noch nicht weich geworden ist. Jasper läuft mir die zwei Gänge hinterher, als hätte er sonst nichts zu tun – Kleinstadt, vielleicht hat er das wirklich nicht.
„Also.“ Er nimmt eine Dose vom Regal, liest das Etikett, als wäre es faszinierend, und stellt sie dann schief zurück. „Ashgrove steht schon eine Weile leer. Behalten, oder aufhübschen und weiterverkaufen?“
„Noch nicht entschieden.“
„Fair.“ Sein Ton ist locker. Seine Augen sind es nicht; da ist etwas viel Festgelegteres. „Der Ort hat Geschichte. Weißt du das?“
„Ich weiß, dass meine Tante dort gelebt hat. Mehr weiß ich nicht.“
„Hm.“ Ein Laut, schwer beladen, als würde er sich das merken. „Du solltest herumfragen. Die Leute hier reden gern über die alten Familien. Ilses war eine davon.“
„Alt wie“
„Alt wie: Diese Stadt ist älter, als irgendeine Karte behauptet.“ Wieder dieses Grinsen, diesmal erreicht es seine Augen nicht ganz. „Frag Callum. Der Typ ist praktisch ein Museum. Wenn Museen Schultern hätten wie er.“
„Callum.“
„Du wirst ihm begegnen.“ Er sagt es ganz nüchtern, als wäre es Wetter, als wäre es etwas, das ohnehin passieren wird, egal ob einer von uns es plant. „Früher, als dir lieb ist.“
Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll, also lasse ich es stehen. Bezahle meine Sachen an Miriams Kasse – sie zieht alles ohne ein weiteres Wort über den Scanner, doch ihre Augen bleiben die ganze Zeit auf mir, vorsichtig, prüfend, als würde sie etwas einschätzen, und das lässt meine Haut leicht jucken.
Jasper bringt mich zur Tür. Fragt nicht, ob er das darf, sondern läuft einfach neben mir auf den Gehweg, so locker, als würden wir uns länger als fünfzehn Minuten kennen.
„Hey.“ Wir sind inzwischen halbwegs bei meinem Auto. „Was es wert ist. Die Bären-Sache? Nicht ganz gelogen.“
„Aber auch nicht ganz die Wahrheit.“
„Klug.“ Er sagt es wie ein Kompliment, als koste es ihn etwas, das zuzugeben. „Dir wird es da draußen gut gehen. Wahrscheinlich. Schließ deine Türen ab. Bleib nach Einbruch der Dunkelheit auf dieser Seite der Baumgrenze. Und wenn du etwas Großes siehst, das nicht vor dir wegläuft“
„Was?“
Er bleibt stehen. Das erste echte Zögern in dem ganzen Gespräch, als wäre das, was er sagen wollte, irgendwo zwischen Gehirn und Mund stecken geblieben.
„Lauf nicht weg“, sagt er schließlich. „Egal was passiert. Nicht.“
Dann ist das Grinsen wieder da, locker, so, als hätte er gerade nichts gesagt, das mir die ganze Nacht über im Kopf hängen bleiben wird. Er tippt zweimal aufs Dach meines Autos, bevor er zurück zum Laden geht.
„Willkommen in Hallow’s Ridge, Wren.“
Ich fahre zurück, beide Hände fest am Lenkrad, das Einkaufszeug rutscht auf dem Rücksitz herum, und seine Worte laufen mir im Kopf auf Wiederholung. Lauf nicht weg. Als wäre das ein offensichtlicher Rat. Als müsste man das an Tag zwei in einer völlig neuen Stadt ungefragt erklärt bekommen.
Als ich die Auffahrt erreiche, sinkt die Sonne bereits. Ich verschwende keine Zeit damit, die Einkäufe reinzutragen, und keine Zeit damit, die Tür hinter mir abzuschließen. Stuhl wieder davor. Riegel vor.
Ich rede mir ein, es sei nur, bis ich mich eingelebt habe. Nur die Nervosität am neuen Ort, weiter nichts.
Ich glaube es nicht wirklich. Aber es ist leichter als die Alternative – am Fenster zu stehen, in die dunkler werdende Baumgrenze zu starren und mich zu fragen, wessen Augen dort heute Nacht draußen sind und ob sie Callum gehören oder dem, was mich schon in der Nacht zuvor gefunden hat.
WIR TREFFEN den Grenzstein genau in dem Moment, als die Kämpfe auf der anderen Seite beginnen.Geräusch erreicht uns zuerst – Knurren, Körper, die durchs Unterholz krachen, das unverkennbare Chaos eines Kampfes, der irgendwo jenseits der Baumgrenze auf nördlichem Boden bereits im vollen Gange ist. Callum erstarrt neben mir, liest etwas darin, das der Rest von uns nicht kann.„Das sind Osrics Leute", sagt er. „Fenwick ist bereits gegen sie im Einsatz."„Dann sind wir zu spät", sagt Ronan, düster.„Noch nicht." Ich spüre das Ziehen des Bandes, das sich dünn zur Grenze hin dehnt, zu etwas Dringendem, das knapp jenseits dessen passiert, wo mein Bewusstsein normalerweise endet. „Die Barriere – ich kann sie fühlen. Jemand versucht, sie von der Nordseite zu überqueren. Mehrere Jemande."„Flüchtlinge", sagt Micah plötzlich. „Wenn Fenwick die Spaltung zerquetscht, würden Osrics Leute fliehen. In diese Richtung. Zu uns."Callums Ausdruck verändert sich, Berechnung bewegt sich schnell hinter sei
Wir streiten zwei Tage lang ununterbrochen darüber, immer wieder, die Kehrtwende des Gesprächs jedes Mal, wenn wir denken, wir hätten es geklärt.„Es könnte echt sein", sagt Jasper zum dritten Mal an diesem Abend und geht durch die ganze Küche, während der Rest von uns um den Tisch sitzt. „Heißt nicht, dass wir das Risiko ignorieren. Heißt, wir planen für beide Möglichkeiten."„Für beide Möglichkeiten zu planen ist genau das, was Marguerite fast das Leben gekostet hat", fährt Ronan dazwischen, schärfer, als er seit Wochen mit irgendwem von uns gewesen ist.Der Raum wird still bei dem, alter Schmerz taucht hart und plötzlich auf.„Das ist nicht fair", sagt Callum vorsichtig. „Das ist nicht dieselbe Situation."„Ist es das nicht? Einer Offerte vom selben Rudel zu vertrauen, das seit Jahren unsere Grenze testet –"„Osric ist nicht Fenwick", sage ich, und alle sehen mich an. „Ich weiß, das ist kein Beweis für irgendetwas. Aber etwas daran, wie er gesprochen hat, das Risiko, das er eingeht
Callum legt an diesem Nachmittag alles auf dem Küchentisch offen, nichts wird diesmal zurückgehalten, und ich sehe ihm an, wie er darum kämpft, dieses Versprechen zu halten, auch wenn es ihm sichtlich unangenehm ist.„Das Nordrudel hat eine interne Spaltung", sagt er und zieht eine Linie auf der Karte, die ich inzwischen als die Grenze erkenne, die wir zusammen abgelaufen sind. „Fenwick ist nicht die einzige Stimme dort oben. Es gibt eine Fraktion, die glaubt, dass das Drängen gegen uns unüberlegt war, besonders nachdem die letzte Woche genau gezeigt hat, wie stark die Barriere geworden ist."„Das könnte also ein echtes Angebot sein."„Könnte es sein. Könnte aber auch sein, dass Fenwick etwas anderes versucht, weil rohe Gewalt nicht funktioniert hat." Er sieht auf, ohne Beschönigung. „Ich weiß noch nicht, was davon stimmt. Das ist die ehrliche Antwort."„Was ist das Worst-Case-Szenario, wenn ich hingehe?"Ronan antwortet, bevor Callum es kann, die Stimme angespannt. „Worst-Case, es is
Vertrauen wieder aufzubauen, ist offenbar langsamer, als es zu zerstören. Das lerne ich in der folgenden Woche, während ich zusehe, wie sich alle vier auf eine Version von Ehrlichkeit einstellen, die ihnen nach Jahrhunderten sorgfältiger Verwaltung ganz klar nicht in die Wiege gelegt wurde.Callum fängt klein an. Erzählt mir Dinge, die er vorher nicht von sich aus erzählt hätte – Rudelpolitik, die ich nicht wissen muss, aber er erzählt sie trotzdem, alte Fehden und noch ältere Geschichten, als wolle er beweisen, dass sein Versprechen nicht leer war, indem er mir mehr gibt, als eigentlich nötig wäre.„Du musst mir nicht alles erzählen“, sage ich am dritten Morgen davon, während ich ihn dabei beobachte, wie er noch ein weiteres Stück jahrhundertealten Kontexts ausbreitet, nach dem ich nicht gefragt hatte.„Ich weiß.“ Er sieht auf, und etwas fast Verlegenes huscht über sein Gesicht. „Vielleicht überkorrigiert. Ich will nur nicht aus Versehen wieder damit anfangen, zu entscheiden, was du
Ich gehe in jener Nacht nicht zurück zur Hütte. Micah findet mich stattdessen Stunden später auf einem gefallenen Baumstamm am Rand des Grundstücks sitzend, das Journal noch immer im Schoß, das Licht längst aus dem Himmel verschwunden.„Sie machen sich Sorgen“, sagt er und setzt sich ohne zu fragen neben mich, nah genug, um Wärme zu geben, aber nicht so nah, dass es sich wie Druck anfühlt. „Alle. Vor allem Callum.“„Gut. Das soll er auch.“„Ich bin nicht hier, um ihn zu verteidigen.“ Er sagt es geradeheraus, ohne Ausweichen. „Was er getan hat – was wir alle getan haben, indem wir geschwiegen haben – war falsch. Du hättest etwas Besseres verdient als Jahrhunderte sorgfältiger Verwaltung, die als Schutz verkleidet war.“Ich sehe ihn an, und etwas an seiner Ehrlichkeit lockert den festen Knoten in meiner Brust, der dort seit Stunden sitzt.„Warum bist du der Einzige, der es nicht schönredet?“„Weil Schönreden nichts repariert.“ Er hebt ein heruntergefallenes Blatt auf und dreht es zwisch
Drei Tage Ruhe, und die Hütte fühlt sich langsam weniger wie die Nachwirkung eines Schlachtfelds und mehr wie ein Zuhause an. Ronans Schulter heilt schneller, als es eine normale Wunde täte – Rudelheilung tut, was sie tut –, auch wenn die Narbe bleibt, blass und dauerhaft auf seiner Haut. Jasper ist schon am zweiten Tag wieder voller seiner üblichen ruhelosen Energie, die blauen Flecken verblassen, die Witze kommen in voller Lautstärke zurück, als hätte ihn nie irgendetwas umgeworfen.Ich nutze die Ruhe, um endlich das Büro richtig anzugehen – diesmal nicht nur Ilses Journal, sondern den Rest des Raums, die Regale, durch die ich nie ganz durchgegangen bin, die Schubladen des Schreibtischs, die ich nie weiter als bei einem oberflächlichen Blick geöffnet habe.So finde ich das Bodendielenbrett.Es ist locker, kaum zu bemerken, außer man ist auf den Knien und fährt mit der Hand am Fuß des Schreibtischs entlang, so wie ich es gerade tue, auf der Suche nach einem heruntergefallenen Stift,







