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Der Alpha

作者: NICOLET HALE
last update 公開日: 2026-07-02 20:42:23

Zweite Nacht schlafe ich mit eingeschalteter Lampe. Hilft nicht viel. Es fühlt sich so an, als sollte es helfen, also gönne ich mir wenigstens das.

Der Morgen ist wieder grau, Wolken hängen tief am Grat, als wären sie nie weggegangen. Ich mache Kaffee, trinke ihn am Fenster stehend und versuche mir einzureden, dass Tageslicht alles weniger seltsam macht. Tut es nicht wirklich. Aber der Kaffee ist gut, und meine Hände zittern diesmal nicht. Zählt als Fortschritt.

Ich habe einen halben Plan für den Tag – Kisten durchsehen, vielleicht nochmal das abgeschlossene Zimmer oben probieren, schauen, ob irgendein anderer Schlüssel am Ring etwas öffnet, das ich noch nicht versucht habe. Ich komme nicht mal bis zur ersten Kiste, bevor es klopft.

Nicht leise. Zwei Schläge, gleichmäßig. Die Art von Klopfen, die schon weiß, dass jemand zu Hause ist.

Ich bleibe einen Moment lang wie erstarrt stehen, gehe dann zum Fenster statt zur Tür und stelle mich so hin, dass ich die Veranda sehen kann, ohne selbst gesehen zu werden. Ein Mann draußen. Groß – nicht Fitnessstudio-groß, nicht zur Schau gestellt, sondern gebaut wie jemand, der körperlich arbeitet und nicht weiter darüber nachdenkt. Dunkles Haar. Der Kiefer auf ernst gestellt, als wäre das dauerhaft. Ein Gesichtsausdruck, den ich selbst von hier aus nicht lesen kann.

Er klopft nicht nochmal. Steht einfach da. Geduldig. Die Hände locker an den Seiten, als hätte er nirgendwo sonst zu sein und den ganzen Tag Zeit dafür.

Ich öffne die Tür erst an der Kette. Alte Gewohnheit. Vielleicht hier draußen sogar eine kluge.

„Kann ich Ihnen helfen?“

„Wren Ashby.“ Keine Frage, so wie es bei Miriam auch keine war. Tiefe, ruhige Stimme – die Art, die wahrscheinlich selten lauter wird, weil sie es nicht nötig hat. „Callum Reyes. Ich kümmere mich hier um die Dinge.“

„Die Dinge.“

„Die Stadt. Das Land dahinter.“ Pause, als würde er die nächsten Worte sorgfältig wählen. „Die Teile, die offiziell keine Betreuung brauchen, es aber trotzdem tun.“

Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll, also sehe ich ihn einfach an. Er sieht zurück. Ruhig. Unbeeilt. Als hätte er alle Zeit der Welt für das, was sich hinter meinen Augen gerade erst sortiert.

„Jasper hat Sie erwähnt“, sage ich schließlich.

„Jasper erwähnt alle.“ So etwas wie Humor huscht über sein Gesicht und ist wieder weg, bevor ich sicher bin, dass es da war. „Ich bin gekommen, um mich ordentlich vorzustellen. Und um über das Grundstück zu reden, wenn Sie einen Moment haben.“

Ich sollte nein sagen. Ich weiß, dass ich nein sagen sollte – fremder Mann, abgelegene Hütte, kein Signal, alle Warnungen meiner Mutter schreien gleichzeitig. Aber irgendetwas an ihm liest sich nicht gefährlich. Nicht auf die Weise, die zählt. Eher vorsichtig. Als wäre er derjenige, der aufpasst, nicht ich.

Ich löse die Kette.

„Kaffee?“ Vor allem, weil mir nichts anderes einfällt und die Stille gefüllt werden muss.

„Gern.“

Er tritt aber nicht sofort ein. Bleibt auf der Schwelle, bis ich zurücktrete, als würde er mit seinem Körper um Erlaubnis bitten statt mit dem Mund, und das trifft mich seltsam in der Brust. Vorsichtig. Absichtlich. Als würde das Übertreten genau dieser Schwelle für ihn etwas bedeuten, das es sonst nirgends bedeuten würde.

Ich schenke ihm eine Tasse ein. Er nimmt sie mit beiden Händen, trinkt nicht, hält sie nur, als wäre die Wärme wichtiger als der Inhalt.

„Dieses Land.“ Sein Blick geht an mir vorbei, aus dem Fenster, zur Baumgrenze. „Ihre Tante hat etwas daran verstanden, was die meisten Leute nie zu lernen versuchen. Ich würde gern, dass Sie es auch verstehen. Nicht heute. Heute will ich nur, dass Sie wissen: Sie laufen nicht blind in etwas hinein. Nicht, wenn Sie das nicht wollen.“

„In was hinein.“

Ein langer Blick. Lang genug, dass ich ihn auf meiner Haut spüre, als würde er abwägen, wie viel Wahrheit ich tragen kann, bevor etwas in mir reißt.

„Hallow’s Ridge ist nicht wie andere Städte.“ Schließlich. „Das Land hier beschützt etwas. Schon sehr lange. Ihre Familie ist Teil davon. Ob Sie es wussten oder nicht.“

„Das ist keine Antwort.“

„Nein.“ Er weicht meinem Blick nicht aus. „Noch nicht.“

Ich stelle meine Tasse etwas härter ab, als ich es beabsichtige. „Sie werden mehr sagen müssen als kryptische Andeutungen, bevor ich irgendetwas glaube, das aus Ihrem Mund kommt.“

„Ich weiß.“ Etwas verschiebt sich in seinem Gesicht – kein Lächeln, eher die Ahnung davon, als würde er meinen Widerspruch mehr respektieren als bloßes Nicken. „Fair. Ich werde Sie nicht anlügen, Wren. Aber ich werde Ihnen auch nicht alles auf einmal geben. Für manches sind Sie noch nicht bereit.“

„Bereit für was.“

„Für das, was Sie schon gesehen haben. In Ihrer ersten Nacht hier.“ Ganz schlicht, ohne Drama, und mir rutscht der Magen direkt in den Boden. „Ich weiß, dass Sie etwas zwischen den Bäumen gesehen haben. Ich weiß, dass Sie deswegen einen Stuhl vor Ihre Haustür geschoben haben.“

Ich antworte nicht. Muss ich auch nicht. Mein Gesicht erledigt das schon für mich.

„Sie sind nicht in Gefahr.“ Das Direkteste, was er gesagt hat, seit er hereingekommen ist. „Nicht vor dem, was Sie gesehen haben. Ich brauche, dass Sie das wenigstens glauben, bevor der Rest dazu kommt.“

„Und wenn ich das nicht tue?“

„Dann eben nicht.“ Einfach. Ohne Druck, ohne Schärfe. „Gehen Sie, wann immer Sie wollen. Niemand hält Sie hier fest. Ich würde Sie nur bitten, eine Weile zu bleiben. Gerade lang genug, um zu verstehen, wovon Sie sich eigentlich abwenden würden.“

„Wovon wende ich mich ab?“

Darauf antwortet er auch nicht. Hält meinen Blick noch einen Moment länger, stellt seinen halbleeren Kaffee auf die Theke und richtet sich auf, als hätte dieses Gespräch nur so weit gehen sollen.

„Nehmen Sie sich Zeit.“ Er bewegt sich schon zur Tür. „Ich gehe nirgendwohin. Das Land auch nicht.“

Ich finde meine Stimme genau in dem Moment wieder, als er die Tür erreicht.

„Callum.“

Er bleibt stehen. Dreht sich halb um.

„Warst du das?“ frage ich. „In der anderen Nacht. Im Wald.“

Etwas bewegt sich in seinen Augen. Zu schnell, um es zu benennen.

„Frag mich nochmal, wenn du bereit bist, die Antwort zu hören.“

Dann ist er weg – die Stufen hinunter, über den Hof, unbeeilt, als hätte er nicht gerade jeden einzelnen Nerv in meinem Körper gleichzeitig unter Strom gesetzt. Ich sehe ihm vom Fenster aus nach, bis er hinter der Baumgrenze verschwindet, ohne sich einmal umzudrehen, und ich stehe noch lange danach da, den kalten Kaffee in den Händen. Zweites Mal in zwei Tagen.

Was auch immer in dieser Stadt passiert, ist größer als Bären. Größer als Miriams knappe Warnungen oder Jaspers lockere Ausflüchte.

Und ein kleiner, stiller Teil von mir – der Teil, dem ich noch nicht traue – hat davor keine Angst mehr.

Er ist neugierig.

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