LOGINRaphaël hört, wie die Leitung abrupt abreißt.Er wählt sofort die Nummer zurück. Élodies Handy klingelt zwar nicht mehr durch, aber das GPS-System ihres Wagens übermittelt noch immer eine feste Position im Inneren des Tunnels.Als er am Ort des Geschehens eintrifft, hat die Polizei bereits beide Zufahrten weiträumig abgesperrt.Élodies Wagen steht verlassen mitten im Tunnel, die Fahrertür steht weit offen. Die Front der schwarzen Limousine weist die Spuren massiver Zusammenstöße auf. Die gefälschten Baustellenfahrzeuge sind gemeinsam mit den Entführern spurlos verschwunden.Ein Beamter birgt schließlich das Smartphone unter dem Beifahrersitz.Der Notruf-Datenstrom hat sich exakt in jenem Moment entladen, als das Störsignal aufgehoben wurde. Er enthält den genauen Zeitstempel, die letzte GPS-Koordinate sowie ein paar Sekunden Audiomaterial, die kurz vor dem Zugriff aufgezeichnet wurden: Man hört, wie Élodie zuschlägt, wie ein Mann in einer fremden Sprache aufschreit und wie das Spritze
Perrin ruft während des Frühstücks an.Die letzten Festnahmen haben in der Nacht stattgefunden – nahe Le Havre und Marseille. Die Ermittler haben zwei Lagerhäuser ausgehoben, mehrere Konten sichergestellt, über die die Transportunternehmen bezahlt wurden, und einen Teil jener Dokumente sichergestellt, die Madeleine eigentlich für unwiederbringlich zerstört gehalten hatte.Vor allem aber stehen die Männer, die die Operationen in Frankreich gesteuert haben, ab sofort unter richterlicher Aufsicht.— Die lokale Zelle ist zerschlagen, verkündet Perrin am Apparat. Auch die meisten europäischen Zwischenhändler konnten identifiziert werden. Die Ermittlungen im Ausland laufen zwar weiter, aber uns liegt keinerlei Anhaltspunkt mehr für eine unmittelbare Bedrohung gegen Sie vor.Élodie stellt ihre Kaffeetasse ab.Seit der Sache mit Morel geht sie nicht einmal mehr ohne Eskorte aus dem Haus. Vor jedem Restaurant warten zwei Männer, die das Gebäude vor ihrer Ankunft durchsuchen und sich bisweilen
Eine Frau erhebt sich im dritten Rang.Élodie hat sie im selben Augenblick wiedererkannt, als sie den Saal betrat. Sie war damals für die Produktion der Skynet-Kampagne verantwortlich gewesen und hatte sämtliche externen Gewerke koordiniert.— Wir waren fünf Personen, sagt sie laut und vernehmlich. Auf dem Anmeldeformular gab es allerdings nur acht Zeilen.Ein ehemaliger Grafiker erhebt sich kurz darauf ebenfalls von seinem Platz.— Thierry hat uns damals steif und fest versichert, dass dieser Branchenpreis pro Projekt nur einen einzigen Kandidaten zulässt.Lemaire verliert endgültig die Contenance.— Ihr schlachtet das hier alle nur aus, weil Élodie Valois plötzlich in der Öffentlichkeit steht! Damals hat kein Mensch meinen Preis infrage gestellt.— Weil wir das Einreichungsdossier niemals zu Gesicht bekommen haben, entgegnet die Produktionsleiterin kühl.Die anwesenden Journalisten schießen im Minutentakt Fotos von dem unterschriebenen Dokument. Mehrere von ihnen leiten die Aufnahme
— Talent allein reicht eben nicht. Man braucht jemanden, der ihm die richtige Richtung weist.Thierry Lemaire steht im Zentrum der Bühne, eine Hand lässig auf das Rednerpult gestützt. Hinter ihm flimmern jene Skynet-Designstudien über die Leinwand, die ihm vor exakt zehn Jahren diesen Preis eingebracht haben.Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. In den vorderen Reihen drängen sich ehemalige Preisträger, flankiert von Agenturchefs, Wirtschaftsjournalisten und hochrangigen Vertretern der französischen Kreativbranche. Der am Vortag veröffentlichte Skandalartikel hat weit mehr Publikum angelockt als ursprünglich erwartet; einige der Gäste sind offenkundig nur gekommen, um Lemaires Rechtfertigung zu hören.Élodie sitzt in der ersten Reihe – direkt ihm gegenüber.Als er sie vorhin am Arm von Raphaël hat einmarschieren sehen, ist ihm für ein paar Sekunden das Lächeln aus dem Gesicht gefallen. Vor den Kameras hat er es sich jedoch rasch wieder zurückgeholt.— Damals, fährt er fort
Léonard platzt ohne anzuklopfen in Élodies Büro.Er knallt sein Smartphone auf den Tisch. Ein Artikel, der vor nicht einmal zehn Minuten online gegangen ist, zeigt zwei Bilder im direkten Vergleich: eine alte Präsentation aus der Zeit beim Dubois-Konzern und einen Screenshot aus einem aktuellen Projekt von Nova-Com.Die Überschrift ist clever formuliert – gerade vorsichtig genug, um einer direkten Verleumdungsklage zu entgehen:Hat E.V. Nova-Com mit gestohlenen Recherchen des Dubois-Konzerns aufgebaut?Élodie öffnet das als PDF angehängte Dokument.Sie erkennt die erste Seite, noch bevor sie überhaupt den Projektnamen liest. Der schlichte graue Hintergrund, die exakte Anordnung der Tabellen und ein bestimmter Tippfehler im Titel stammen aus einer Entwurfsversion von Skynet, die sie damals, Wochen vor der finalen Präsentation, zusammengestellt hatte.Ihre persönlichen Kommentare stehen noch immer im linken Rand.Nur ihr Name wurde getilgt.— Die Datei wurde anonym zugespielt, erklärt L
Nova-Com war Schritt für Schritt gewachsen. Ein Kunde hatte den nächsten empfohlen; sie hatten Personal eingestellt, wenn sie nicht mehr alles allein bewältigen konnten, die Büros gewechselt, einen wichtigen Auftrag verloren und den nächsten an Land gezogen. Der Name E.V. hatte es Élodie ermöglicht, sich im Hintergrund zu halten, und dem Unternehmen die nötige Zeit gegeben, sich zu etablieren, bevor ihre persönliche Vergangenheit in jeder geschäftlichen Besprechung breitgetreten wurde.— Sie erzählen das alles, als wäre es das Normalste von der Welt.— In dem Moment war es das auch. Die Rechnungen kommen pünktlich, die Angestellten erwarten ihr Gehalt am Monatsende, und die Kundschaft will Antworten. Da bleibt schlicht keine Zeit, sich groß zu fragen, ob man sich gerade in einer dramatischen Lebenskrise befindet und sich neu erfindet.Die Journalistin blätterte in ihrem Notizbuch um.— Seit gestern schreiben Ihnen unzählige Frauen. Sie glauben, dass Ihr Weg ihnen als Vorbild dienen ka
Zweiundsiebzig Stunden. Drei Tage absolute Leere.Seit dem frühen Nachmittag hatte Raphaël sich nicht mehr gesetzt. In der kathedralenartigen Stille seines Büros verriet nur das leise Rascheln seines Hemdes aus ägyptischer Baumwolle seine Bewegungen. Er fixierte die Lichter von La Défense, reglos,
Die Stille im Chefbüro der Dubois-Gruppe war mittlerweile beklemmend. Raphaël stand vor der gewaltigen Fensterfront und beobachtete, wie die Hauptadern von Paris in der Dämmerung zu leuchten begannen. Er rückte seine Manschettenknöpfe aus Onyx zurecht – eine mechanische Geste, die eine innere Anspa
Élodie presste das Telefon so fest an ihr Ohr, dass das kalte Metall schmerzte.„Léonard? Ich bin’s, Élodie...“Sie stieß sich von der Wand ab, ihr Rücken schmerzte noch immer von der Gewalt der vorangegangenen Szene. Sie wandte sich um und starrte ein letztes Mal auf die geschlossene Tür der Suite
Élodie blieb wie angewurzelt am Boden liegen. Ihre Handflächen pressten sich flach gegen die Fliesen, deren Kälte bis in ihre Brust hochzog.Camille trat vor, eine Kaschmirdecke nachlässig über ihre schmalen Schultern geworfen. Sie trug dieses aufgesetzte Lächeln – eine Maske aus Sanftmut, hinter d







