Ich hatte nicht geschlafen. Die ganze Nacht hatte ich zusammengekauert auf dem harten Boden am Bettrand verbracht, die Knie fest an die Brust gezogen, und blind in die Dunkelheit gestarrt.
Als endlich der Morgen graute, war das Licht, das in die Hauptsuite fiel, blendend hell, zu rein für einen Raum, der sich so schmutzig anfühlte. Die Satinlaken auf dem Bett waren makellos weiß.
Bis auf die Mitte.
Ein großer, gezackter Fleck aus bräunlichem Rot färbte den Stoff.
Getrocknetes Blut.
Eine körperliche Erinnerung an das, was mir gestohlen worden war. Mein Haar war verfilzt von Schweiß, meine Augen vom Weinen geschwollen und schwer, mein ganzer Körper schmerzte in einer tiefen, hohlen Wundheit, die mich wünschen ließ, zu schrumpfen, bis ich aufhörte zu existieren.
Ich wollte einfach nur sterben.
Ein scharfes Klopfen an der Schlafzimmertür ließ mich vom Boden hochfahren, mein Herz hämmerte gegen die Rippen.
„Junge Herrin? Ich bin Rosa, die Haushälterin", rief eine sanfte Stimme durch das Holz. „Der junge Herr hat mich gebeten, die Suite aufzuräumen und Ihnen etwas zum Frühstück zu bringen."
Haushälterin? Letzte Nacht war kein Personal hier gewesen. Er musste sie gleich am frühen Morgen haben kommen lassen.
„Ro … Rosa?", versuchte ich zu rufen, aber meine Stimme war nur ein heiseres Flüstern. Ich schluckte schwer, räusperte meine raue Kehle, ging langsam zur Tür und öffnete sie einen Spalt, gerade weit genug, um den Kopf hinauszustrecken.
Im Flur stand eine ältere Frau mit silbergesträhntem Haar in einer makellosen Uniform. Sie schenkte mir ein warmes, höfliches Lächeln.
„Guten Morgen, junge Herrin", grüßte sie sanft.
„Rosa … geben Sie mir bitte eine Stunde", krächzte ich und versuchte, gefasst zu klingen. „Dann können Sie zum Saubermachen hereinkommen."
Sie nickte respektvoll und wandte sich zur Treppe. Ich schloss die Tür sofort und drehte den Schlüssel um.
Ich konnte nicht zulassen, dass sie diese Laken sah.
Ich ging zum Bett, sammelte die schwere, kalte Seide in meine Arme und schleifte sie über den Marmorboden ins Hauptbad.
Ich drehte den Wasserhahn der Wanne auf und ließ heißes Wasser in das Porzellanbecken strömen. Ich kniete auf den kalten Fliesen und tauchte die befleckte Stelle des Lakens unter die Oberfläche.
Zuerst sah ich nur zu und hoffte, das heiße Wasser würde das Rot wie durch ein Wunder auflösen. Es tat es nicht.
Also fing ich an zu schrubben.
In einem Luxusbad gab es kein Waschmittel, nur teure Pflegeprodukte. Ich griff nach einer Flasche flüssigem Schaumbad, goss eine großzügige Menge direkt auf den Stoff und begann, die Seide wütend aneinander zu reiben.
Weißer Schaum bedeckte meine Hände, während ich schrubbte, drehte und den Stoff auswrang, meine Knöchel scheuerten schmerzhaft am Wannenboden.
Das Wasser färbte sich trüb und rosa.
Langsam verblasste das dunkle Rot zu einem schwachen, blassen Schatten. Doch egal, wie fest ich rieb, bis meine Finger wund und schrumpelig waren, der schwache Umriss blieb. Ein Geisterfleck, der nicht verschwinden wollte.
Meine Arme schmerzten furchtbar. Schließlich hörte ich keuchend auf. Er war nicht weg, aber nicht mehr sofort ins Auge fallend.
Ich ließ die Wanne ab, wrang so viel Wasser aus der schweren Seide, wie ich konnte, und trug sie zurück ins Schlafzimmer.
Ich konnte sie nicht für Rosa liegen lassen, und ich konnte kein nasses Laken zurück auf die Matratze legen. Ich suchte den Raum ab und fand einen großen Wäschekorb aus Korbgeflecht, in eine Ecke des begehbaren Kleiderschranks geschoben. Ich stopfte das feuchte Laken bis ganz nach unten und begrub es unter dem schweren Abendkleid, das ich am Abend zuvor beim Empfang getragen hatte.
Dann ging ich zurück ins Bad, drehte die Dusche so heiß auf, wie ich es aushalten konnte, und stellte mich unter den Strahl.
Ich nahm einen Luffaschwamm und schrubbte meine Haut wie besessen, um die Erinnerung an seine Berührung abzuwaschen. Ich schrubbte, bis meine Haut wund war und brannte, töricht genug, zu glauben, ich könnte die letzte Nacht von meinem Körper spülen.
Das Gefühl, schmutzig zu sein, blieb.
Danach saß ich, fest in ein Handtuch gewickelt, auf der Kante der nackten Matratze, während das Wasser aus meinem Haar auf den Boden tropfte.
Ich zog mich still an. Erinnerungen an die letzte Nacht blitzten in meinem Kopf auf.
Jedes Kleid, das ich berührte, jeder Schritt, das Bett, alles.
Als ich fertig angezogen war, sah ich vorzeigbar aus.
Ich fasste meinen Entschluss.
Ich kann das nicht durchziehen. Diese Ehe muss enden.
Ich nahm meine Handtasche, griff nach meinen Autoschlüsseln und beschloss, meine Mutter zu besuchen.
Der private Krankenhausflügel roch stark nach Desinfektionsmittel und verblassenden Blumengestecken.
Meine Mutter lag an mehrere Kissen gelehnt in ihrem Bett, einen Infusionsschlauch im Arm. In dem Moment, als ich durch die Tür trat, verengten sich ihre Augen missbilligend.
„Kathrine? Was machst du hier?", fragte sie scharf. „Du solltest zu Hause sein und dich um die Bedürfnisse deines Mannes kümmern."
„Deswegen bin ich hier, Mom", sagte ich leise und setzte mich in den Sessel neben ihrem Bett. „Ich muss mit dir reden … über diese Ehe."
Ihr Ausdruck wurde etwas weicher, ein müdes Lächeln berührte ihre Lippen. „Sieh sich das einer an, mein Mädchen. Nur einen Tag verheiratet, und sie läuft schon zu ihrer Mutter, um Rat zu holen, wie sie ihren Mann zufriedenstellt."
„Nein, Mom. Darum geht es nicht", sagte ich kalt und ernst.
Meine Mutter richtete sich auf, setzte sich gerader hin, und ihre Augen wurden vor Alarm scharf. „Was ist los? Was ist passiert?"
„Es ist schlimm", sagte ich, und die Worte sprudelten heraus, bevor ich sie aufhalten konnte. „Mom, ich brauche eine Scheidung. Ich kann das nicht. Ich werde das Geld irgendwie auftreiben, ich suche mir einen Job! Ich habe einen Abschluss, ich finde Arbeit. Ich arbeite Tag und Nacht, um die Schulden abzuzahlen, die Marcus verursacht hat! Bitte … sag Dad einfach, dass ich nach Hause kommen darf." Ich weinte.
Meine Mutter streckte die Hand aus, ihre dünne, papierene Haut kühl auf meiner.
„Oh, Kathrine", flüsterte sie und schüttelte langsam den Kopf. „Baby …"
„Bitte", schluchzte ich und drückte ihre Hand. „Du bist die Einzige, auf die er hört."
Tränen füllten ihre Augen, doch ihre Miene änderte sich nicht.
„Denk an die Familie, mein Schatz. Denk an deinen Vater. Denk an die Hunderte von Menschen, die von unserer Firma abhängen. Denk an mich."
„Und was ist mit mir?!" Meine Stimme brach und hallte von den klinisch weißen Wänden wider. „Wer denkt an mich?!"
Sie drückte meine Finger fest. „Manchmal müssen Frauen Opfer bringen, Kathrine. So sind die Hayford-Frauen. Wir halten die Familie zusammen, wenn alles auseinanderfällt."
Ich zog meine Hand aus ihrem Griff, als hätte ich mich verbrannt.
„Mom, du verstehst nicht", flüsterte ich, Tränen quollen über meine Wimpern. „Er hat mir letzte Nacht wehgetan. Das war keine Ehe … er hat mich behandelt, als wäre ich nicht einmal ein Mensch. Ich kann nicht dorthin zurück. Ich will die Scheidung."
Stille fiel über den Raum. Für einen schrecklichen Moment dachte ich, sie hätte nicht verstanden, was ich gesagt hatte.
Dann stieß meine Mutter einen langen, erschöpften Seufzer aus.
„Kathrine, Liebes … sei nicht so dramatisch."
Ich starrte sie fassungslos an. „Ich bin nicht dramatisch!"
„Jede Hochzeitsnacht ist schwierig!", zischte Evelyn, ihre Stimme sank zu einem strengen Flüstern. „Jede Ehe ist am Anfang hart. Du wusstest, wofür diese Verbindung da ist! Diese Ehe rettet uns, Kathrine. Verstehst du das? Das Lebenswerk deines Vaters, unser Zuhause, meine Arztrechnungen …"
„Wir können das Haus verkaufen! Wir können neu anfangen!", rief ich. „Das Geld ist mir egal, Mom! Er ist ein Wahnsinniger!"
„Nun, es sollte dir aber nicht egal sein!", blaffte meine Mutter, ihre Augen blitzten in plötzlichem, kaltem Zorn, den ich nie zuvor an ihr gesehen hatte. „Glaubst du, mir hat mein erstes Jahr mit deinem Vater Spaß gemacht? Ehe ist ein Kompromiss, Kathrine! Damian Blackwood ist ein mächtiger, fordernder Mann. Du musst lernen, dich anzupassen! Du musst lernen, eine Ehefrau zu sein!"
Ich wich zurück und presste die Hand auf den Mund, um ein Schluchzen zu ersticken.
„Mom, bitte …"
„Denk an diese Familie", wiederholte sie, ihre Stimme verhärtete sich zu einer letzten, unnachgiebigen Mauer. „Wirf nicht alles weg, was wir aufgebaut haben, nur weil du Heimweh hast. Sei dankbar für die Stellung, die du hast. Und jetzt: Bring dein Make-up in Ordnung, geh zurück in dieses Haus und sei gut zu deinem Mann."
Ich stand langsam auf und sah die Frau an, die mich großgezogen hatte, und erkannte mit absoluter Klarheit, dass keine Rettung kommen würde. Ich drehte mich um und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Auf dem Weg aus dem Krankenhaus kam ich an der Entbindungsstation vorbei. Eine junge Mutter wurde im Rollstuhl den Korridor entlanggeschoben und hielt ein Neugeborenes im Arm, während ihr Mann neben ihr herging, sanft lachte und ihre Stirn küsste.
Ich eilte an ihnen vorbei, rannte praktisch zu meinem Auto. Ich saß zwanzig Minuten auf dem Fahrersitz und starrte auf das Lenkrad, bis mein Atem sich endlich beruhigte.
Mein Handy vibrierte auf dem Beifahrersitz. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer:
‚Mir wurde mitgeteilt, dass du das Penthouse heute verlassen hast. Du bist jetzt eine Blackwood. Bemühe dich um die Würde, die meine Familie verlangt. Blamiere mich nicht.'
Keine Unterschrift. Es brauchte keine.
Ich war nur ein Bauer. Ein Handel. Die ganze Prinzessinnenbehandlung, mit der ich als Hayford-Erbin aufgewachsen war, war nichts als eine Illusion gewesen, die in dem Moment verschwand, in dem die Familie einen Sündenbock brauchte.
Die Rückkehr ins Penthouse fühlte sich an wie die Rückkehr in die Hölle selbst. Die Nacht brach an, ich zog mir einen weichen rosa Schlafanzug an und trat hinaus ins Schlafzimmer. Als ich den Raum durchquerte, hörte ich, wie der Messinggriff der Tür ruckelte.
Die Tür war von innen verschlossen. Ich hatte sie instinktiv abgeschlossen, sobald ich nach Hause gekommen war.
Ich ging hinüber, drehte den Riegel und zog die Tür auf.
Damian stand auf der Schwelle, hochgewachsen und unglaublich attraktiv in seinem dunklen, maßgeschneiderten Anzug. Doch sein Kiefer war angespannt, seine haselnussbraunen Augen dunkel vor Gereiztheit.
„Warum war die Tür abgeschlossen?", verlangte er zu wissen und funkelte auf mich herab. „Ich habe geklopft."
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass du so früh zurück bist", erwiderte ich mit bemerkenswert flacher Stimme, ging an ihm vorbei zur Frisierkommode und trocknete mein Haar. „Oder vielmehr war mir nicht klar, dass ich mir deinen Terminplan merken muss."
„Warum bist du heute ausgegangen, ohne mich zu informieren?"
Ich legte das Handtuch ab und drehte mich um, um ihm direkt gegenüberzutreten, und weigerte mich, mich zu ducken. Ich würde nicht seine schüchterne kleine Puppe sein.
„Und warum sollte ich dafür deine Erlaubnis brauchen?", entgegnete ich eisig. „Du bist heute früh grußlos verschwunden. Mir war nicht bekannt, dass es eine Ausgangssperre gibt."
Damian antwortete nicht sofort. Er starrte mich einfach an, ein langsames, gefährliches Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus und jagte mir einen eisigen Schauer den Rücken hinunter.
„Ganz schön mutig und kratzbürstig geworden, was?", murmelte er und machte einen langsamen Schritt auf mich zu. „Letzte Nacht warst du bei Weitem nicht so laut. Ich frage mich, was sich geändert hat."
Meine Brust hob und senkte sich vor Wut, doch bevor ich ihm das Grinsen aus dem Gesicht schlagen konnte, trat er zurück.
„Ich bin nur heraufgekommen, um dir mitzuteilen, dass ich auf Geschäftsreise gehe. Fünf Tage", sagte er glatt und richtete seine Manschetten. „Blamiere mich nicht, während ich weg bin."
Da war es wieder, dieses Wort: ihn blamieren.
„Schön", fauchte ich. „Wenn du mich entschuldigst, ich gehe nach unten zum Abendessen."
Ich versuchte, an ihm vorbei in den Flur zu gehen, doch als ich seine Schulter streifte, schoss seine Hand vor, legte sich fest um meine Kehle und zog mich zurück.
Ich schnappte nach Luft und funkelte ihn mit purem Hass an.
Er beugte sich dicht heran, sein Atem warm an meinem Ohr.
„Denk daran, wem du jetzt gehörst, Frauchen."
Er ließ abrupt los, wandte sich auf dem Absatz um und ging die schwebende Treppe hinunter, ohne einen Blick zurück.
Dieser Mistkerl.
Ich stand einen Moment lang da und wartete, bis mein rasender Puls sich beruhigte, richtete dann meine Kleidung und ging hinunter ins Esszimmer.
Als ich die Treppe hinter mir hatte, erstarrte ich.
Am Kopfende des Esstischs saß eine auffallend junge Frau, die ich noch nie gesehen hatte, und aß ganz gemütlich das Abendessen, das für mich zubereitet worden war.
Wer um alles in der Welt war sie?