Beranda / Romantik / Die Füchsin und der Jäger / Kapitel 6: Die Wärme ihrer Hand

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Kapitel 6: Die Wärme ihrer Hand

Penulis: Viv Rex
last update Tanggal publikasi: 2026-05-08 04:15:03

Das Café ist fast leer als ich ankomme.

Nur die müde Bedienung hinter der Theke und der alte Mann mit seiner Zeitung in der Ecke. Alles wie beim letzten Mal. Nur dass ich diesmal vor ihr da bin. Ich setze mich an denselben Tisch am Fenster und warte.

Ich bin nicht gut im Warten. Warten bedeutet still sitzen und still sitzen bedeutet denken und denken bedeutet dass die Dinge hochkommen die ich tagsüber unter Kontrolle halte. Aber heute ist es anders. Heute denke ich nicht an meine Eltern. Heute denke ich an sie.

Sie kam an meine Universität.

Ich kann es immer noch nicht ganz fassen. Ich stand in meinem Hörsaal und redete über die Joseon Dynastie und draußen an der Wand lehnte eine Frau und hörte mir zu. Durch die geschlossene Tür. Freiwillig.

Sie trug denselben cremefarbenen Mantel. Sie sah aus wie immer. Ruhig. Still. Als ob die Zeit um sie herum langsamer fließt als um andere Menschen.

Andere Menschen.

Ich reibe mir das Gesicht mit beiden Händen.

Ich weiß dass sie nicht normal ist. Ich wusste es vom ersten Moment an. Cheonjang wurde warm als sie an mir vorbei ging. Sie zittert nicht in der Kälte. Sie isst nichts. Sie hat kein Geld und keine Adresse und sie spricht über die Vergangenheit als ob sie darin gelebt hätte. Sie sagte mir dass sie über zweihundert Jahre alt ist und sie sagte es ohne zu lächeln. Ohne Witz. Ohne die Unsicherheit eines Menschen der lügt.

Zweihundert Jahre.

Mein Verstand will diesen Satz packen und auseinandernehmen. Will fragen was er bedeutet. Will die logische Schlussfolgerung ziehen die direkt vor mir steht und darauf wartet dass ich sie sehe.

Ich schiebe sie weg.

Ich schiebe alles weg. Die Fragen. Die Logik. Die Jagd. Das Schwert das warm wurde und immer noch warm wird wenn sie in der Nähe ist. Alles.

Heute Abend bin ich kein Jäger. Heute Abend bin ich nur ein Mann der auf eine Frau wartet.

Die Tür geht auf.

Sie kommt herein und der Regen kommt mit ihr. Ein paar Tropfen auf ihrem Mantel. Ein paar Tropfen in ihrem Haar. Sie schüttelt sie nicht ab. Sie scheint sie nicht zu bemerken. Sie sieht mich und ihre Augen verändern sich. Werden weicher. Heller. Als ob Licht dahinter angeht das vorher aus war.

Ich stehe auf. Mein Körper tut das von selbst. Ich habe aufgehört ihn zu kontrollieren wenn sie im Raum ist.

"Miho."

"Seojun."

Sie setzt sich mir gegenüber. Die Bedienung bringt zwei Kaffee ohne dass wir bestellen müssen. Schwarz für mich. Mit Milch für sie. Die Bedienung hat uns erkannt. Wir sind jetzt Stammgäste. Der Gedanke ist so normal dass er mich fast zum Lächeln bringt.

Fast.

Sie hält die Tasse mit beiden Händen. Atmet den Dampf ein. Schließt die Augen dabei. Dieselbe private Geste die ich jetzt zum dritten Mal sehe und die jedes Mal etwas in mir leise macht.

"Sie waren heute an meiner Universität", sage ich.

"Ja."

"Warum?"

"Ich wollte wissen wer Sie sind wenn Sie nicht jagen."

"Und was haben Sie herausgefunden?"

Sie öffnet die Augen. "Dass Sie gern unterrichten. Auch wenn Sie es nicht zugeben. Dass Sie Geschichte nicht nur lehren sondern lieben. Dass Ihre Studenten Sie respektieren aber nicht kennen. Dass Sie allein sind in einem Raum voller Menschen."

Ich starre sie an.

"Das ist sehr genau."

"Ich bin gut im Beobachten. Ich hatte viel Übung."

"Wie viel Übung?"

Sie zögert. Ihr Daumen fährt über den Rand der Tasse. Hin und her. Hin und her. Dann hebt sie den Blick und sieht mich direkt an.

"Ich habe Ihnen gesagt dass ich jemanden geliebt habe. Vor langer Zeit."

"Ja."

"Danach war ich allein. Nicht für Jahre. Für Jahrhunderte."

Ich stelle meine Tasse sehr langsam ab. "Jahrhunderte."

"Ich habe es Ihnen angedeutet. Dass ich älter bin als ich aussehe."

"Sie sagten Sie seien sich nicht sicher wie alt genau."

"Das war nicht die ganze Wahrheit."

"Was ist die ganze Wahrheit?"

Sie sieht aus dem Fenster. Der Regen läuft an der Scheibe hinab. Die Lichter der Stadt sind dahinter verschwommen und weich.

"Ich bin dreihundertsiebenundzwanzig Jahre alt. Ich weiß es genau. Ich zähle jedes Jahr. Nicht weil es mir wichtig ist. Sondern weil ich jedes Jahr gespürt habe. Jedes einzelne. Sie waren nicht schnell. Sie waren langsam und schwer und voller Abende an denen ich dachte dass der nächste Morgen vielleicht anders sein würde. Und dann kam der Morgen und war genauso."

Dreihundertsiebenundzwanzig.

Die Zahl steht im Raum wie etwas Festes. Etwas das man anfassen kann.

Mein Jägerverstand erwacht. Er rechnet. Er kategorisiert. Welches Wesen lebt so lange. Welches Wesen sieht aus wie eine junge Frau und geht durch die Nacht als ob sie dazu gehört und nicht dazu gehört. Welches Wesen macht dass Cheonjang warm wird aber nicht kalt. Nicht vor Gefahr. Vor etwas anderem.

Ich schiebe es weg.

Nicht jetzt. Nicht heute. Heute will ich nur ihre Stimme hören und ihre Hände um die Tasse sehen und den kleinen Fleck Milchschaum auf ihrer Oberlippe den sie nicht bemerkt hat.

"Die Person die Sie geliebt haben", sage ich statt einer Antwort auf die Zahl. "War das bevor oder nachdem Sie wussten dass Sie so lange leben?"

"Es war während ich es wusste. Ich wusste dass ich ihn überleben würde. Ich wusste dass es mit Schmerz enden würde. Ich habe es trotzdem getan."

"Warum?"

"Weil er mich ansah als ob ich kein Monster bin. Und ich wollte so dringend kein Monster sein. Nur für eine Weile. Nur für eine kleine gewöhnliche Weile."

Ihre Stimme bricht nicht. Aber etwas darin wird leiser. Etwas das seit zweihundert Jahren nicht ausgesprochen wurde und jetzt zum ersten Mal Luft bekommt.

"Wie endete es?"

"Er starb. Nicht wegen mir. Aber ich konnte ihn nicht retten. Ich hätte es gekonnt. Ich hätte ihn retten können wenn ich meine wahre Natur eingesetzt hätte. Aber ich hatte Angst dass er mich dann sieht. Wirklich sieht. Und dass er sich dann abwendet. Also tat ich nichts. Und er starb."

Sie trinkt einen Schluck Kaffee. Ihre Hand zittert nicht.

"Ich habe ihm nie gesagt was ich bin. Er starb ohne es zu wissen. Ich weiß nicht ob das barmherzig war oder feige. Ich habe zweihundert Jahre darüber nachgedacht und ich weiß es immer noch nicht."

Der alte Mann in der Ecke steht auf und geht. Die Bedienung wischt die Theke ab. Die Stadt draußen summt leise weiter.

Ich strecke meine Hand aus und lege sie auf ihre.

Es ist keine Entscheidung. Es ist ein Reflex. Etwas das mein Körper tut bevor mein Verstand es genehmigt. Meine Hand auf ihrer. Meine Finger um ihre Finger. Ihre Haut ist kühl vom Regen. Darunter spüre ich etwas Lebendiges. Wärme die nicht von außen kommt. Wärme die von innen kommt. Sehr alt. Sehr tief.

Ich denke nicht darüber nach was diese Wärme bedeutet. Ich denke an gar nichts.

Sie sieht auf unsere Hände.

Sie zieht nicht weg.

"Ihre Hand ist warm", sagt sie.

"Das ist normal für Menschen."

"Ich weiß. Ich habe es nur vergessen."

Wir bleiben so sitzen. Der Regen wird leiser. Der Kaffee wird kalt. Niemand spricht. Niemand muss sprechen.

Nach einer Weile dreht sie ihre Hand um unter meiner. Ihre Handfläche liegt jetzt oben. Ich sehe die Linien darin. Sie sind nicht die Linien einer alten Frau. Sie sind die Linien einer jungen Frau die zu viel gelebt hat.

"Was sehen Sie?" fragt sie.

"Ich sehe jemanden der zu lange allein war."

"Das ist keine Handlesekunst."

"Nein. Das ist nur die Wahrheit."

Sie lächelt. Dieses Lächeln das kaum da ist und doch alles verändert. Diesmal bleibt es.

"Sie sind seltsam, Ryu Seojun."

"Ich weiß."

"Normale Männer würden wegrennen wenn eine Frau ihnen erzählt dass sie über dreihundert Jahre alt ist."

"Ich bin nicht normal."

"Das habe ich vom ersten Moment an gewusst."

Ihre Finger schließen sich um meine. Ein leichter Druck. Kaum spürbar. Aber er ist da. Er ist echt.

"Wovor haben Sie Angst?" frage ich.

Die Frage kommt aus dem Nichts. Aber sie fühlt sich richtig an.

Sie denkt lange nach.

"Ich habe Angst davor noch einmal zu lieben. Weil ich weiß wie es endet. Es endet immer gleich. Ich bleibe. Sie gehen. Das ist die Ordnung der Dinge für jemanden wie mich. Und ich weiß nicht ob ich es noch einmal überlebe. Nicht körperlich. Aber hier."

Sie legt ihre freie Hand auf ihre Brust.

"Hier bin ich immer noch nicht geheilt von damals. Nach zweihundert Jahren. Immer noch nicht."

Ich sage nichts. Ich halte nur ihre Hand.

"Und Sie?" fragt sie. "Wovor haben Sie Angst?"

Ich atme aus. Lange. Langsam.

"Ich habe Angst dass ich vergessen habe wie man fühlt. Dass etwas in mir kaputt gegangen ist als meine Eltern starben und nie repariert wurde. Ich funktioniere. Ich jage. Ich unterrichte. Ich lebe. Aber ich fühle nichts dabei. Nicht wirklich. Und ich habe Angst dass ich nie wieder etwas fühlen werde."

Wir sehen uns an.

Zwei Menschen die Angst vor entgegengesetzten Dingen haben. Sie hat Angst vor dem Fühlen weil es zu viel war. Ich habe Angst vor dem Nichts weil es zu wenig ist.

Ich hebe meine andere Hand und berühre ihr Gesicht.

Langsam. Vorsichtig. Meine Finger an ihrer Wange. Ihre Haut ist weich und kühl und unter meiner Berührung schließt sie die Augen.

"Ihre Hand ist immer noch warm", flüstert sie.

"Gut."

"Sehr gut."

Wir bleiben so bis die Bedienung sagt dass das Café schließt. Dann stehe ich auf und bezahle und wir treten hinaus in die Nacht. Der Regen hat aufgehört. Die Straßen glänzen nass unter den Laternen.

"Ich bringe Sie zum Rand der Stadt."

"Ja."

Wir gehen schweigend. Aber es ist kein unbehagliches Schweigen. Es ist das Schweigen von zwei Menschen die genug gesagt haben und jetzt nur noch spüren wollen dass der andere da ist. Ihre Schritte neben meinen. Ihr Atem in der kalten Luft. Ab und zu streift ihr Ärmel meinen Arm.

Am Waldrand bleiben wir stehen.

"Morgen?" frage ich.

"Morgen", sagt sie.

Sie geht in die Dunkelheit zwischen den Bäumen. Ich stehe da und sehe ihr nach bis die Nacht sie ganz genommen hat.

Auf dem Rückweg denke ich an nichts. Ich lasse die Gedanken nicht zu. Nicht die Fragen. Nicht die Logik. Nicht die Zahl die sie mir genannt hat und die nicht menschlich ist.

Dreihundertsiebenundzwanzig.

Nein.

Nicht jetzt.

Ich gehe nach Hause und meine Hand riecht nach ihr. Nach Regen und Kaffee und etwas Altem das ich nicht benennen will.

Ich lege mich hin und schlafe.

Zum ersten Mal seit siebzehn Jahren schlafe ich durch.

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