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Kapitel Zwei

Author: Luna ink
last update publish date: 2026-07-01 06:26:19

Sylvias Perspektive 

EIN TAG VOR DER HOCHZEIT

Ich hielt mir den Kopf und lehnte mich gegen die Wand, während sich mein Blick leicht drehte. Ich konnte jetzt nicht aufgeben.

Die Hochzeit war morgen, und es gab noch so viel zu erledigen.

Ich hatte Vincent versprochen, mich um alles zu kümmern, da er mit der Arbeit beschäftigt war. Jedes Blumenarrangement, jede Tischdekoration, jede Änderung an der Gästeliste – ich hatte mich persönlich um alles gekümmert.

Alles musste perfekt sein.

Perfekt für ihn.

Wenn Vincent morgen den Saal betrat und ihm gefiel, was er sah, dann wären all die schlaflosen Nächte es wert gewesen.

„Wirst du dich überhaupt noch ausruhen?“, fragte Lina hinter mir.

Ich drehte mich zu meiner besten Freundin um und zwang mich zu einem Lächeln.

„Lina, die Hochzeit ist morgen. Wichtige Leute werden da sein. Ich kann mir keine Fehler leisten.“

Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich sofort.

„Warum habe ich das Gefühl, dass nur du diese Hochzeit planst?“, fragte sie. „Er hilft kaum mit, Sylvia. Sollte er nicht auch einen Teil davon übernehmen?“

Da war es wieder.

Dieser Blick, den sie immer bekam, sobald Vincents Name fiel.

Eine Mischung aus Misstrauen und Frustration.

Ich wusste, dass Lina ihn nicht mochte, aber sie hatte sich nie wirklich die Zeit genommen, ihn so kennenzulernen, wie ich es getan hatte.

„Vincent ist mit der Arbeit beschäftigt“, sagte ich leise. „Er versucht, mir das bestmögliche Leben zu ermöglichen.“

Ich griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft.

„Er schenkt mir sogar einen Diamantring.“

Allein der Gedanke daran ließ mich lächeln.

„Außerdem ist das wirklich keine große Sache. Ich wollte die Hochzeit selbst planen. Wenn alles fertig ist und er sieht, wie wunderschön alles geworden ist, wird er beeindruckt sein.“

Ich konnte seinen Gesichtsausdruck schon vor mir sehen.

Allein dieser Gedanke ließ die ganze Erschöpfung lohnenswert erscheinen.

Lina starrte mich mehrere Sekunden lang an, bevor sie tief seufzte.

„Ich hoffe einfach, dass sich dieser ganze Stress lohnt“, murmelte sie.

Ihre Stimme wurde sanfter.

„Denn wenn dieser Mann dich jemals zum Weinen bringt, schwöre ich, dass ich ihm das Leben zur Hölle machen werde.“

Ein Lachen entfuhr mir, bevor ich es verhindern konnte.

„Du bist viel zu beschützerisch.“

„Und du bist viel zu blind vor Liebe“, erwiderte sie.

Ich lachte und schüttelte den Kopf.

„Komm schon. Hilf mir, das hier fertig zu machen, bevor du wieder mit einer Predigt anfängst.“

Lina verdrehte die Augen, trat aber näher und half mir bei der Dekoration.

„Ich helfe dir“, sagte sie. „Aber danach wirst du schlafen, bevor du noch zusammenbrichst.“

Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:

„Du weißt bereits, dass ich morgen nicht kommen werde.“

Die Erinnerung daran tat weh.

„Lina—“

„Nein, lass mich ausreden.“ Sie hob einen Finger. „Du wirst dort ganz allein sein. Soll ich Leute engagieren, die bei dir stehen? Es ist mir egal, wie teuer es wird. Ich bezahle.“

Trotz allem zog ein Lächeln an meinen Lippen.

„Vincent hat die Brautjungfern bereits organisiert.“

Sie wirkte nicht überzeugt.

Lina und ich waren seit dem College befreundet. Irgendwann hatte sie aufgehört, sich wie eine Freundin anzufühlen, und war zu Familie geworden.

Der Gedanke, morgen aufzublicken und sie nicht zu sehen, ließ meine Brust schmerzen.

„Es ist okay“, sagte ich leise. „Wirklich.“

Ich drückte ihre Hand.

„Du kommst deinen Träumen näher, und ich komme meinen näher.“

Das Bild entstand ganz von selbst.

Morgen wird Vincent am Altar auf mich warten.

Mein Herz flatterte.

„Morgen“, flüsterte ich lächelnd, „werde ich mein ganzes Leben mit dem Mann verbringen, den ich liebe.“

Lina drückte meine Hand fester.

„Sylvia.“

Das Lächeln auf meinem Gesicht verblasste leicht.

„Glaubst du nicht, dass du zu viel für ihn aufgegeben hast?“

Ich runzelte die Stirn, versuchte es mir aber nicht anmerken zu lassen.

„Wie meinst du das?“

„Deine Karriere. Deine Pläne. Alles.“ Sie sah sich im Saal um. „Du hast das alles aufgebaut. Seit Wochen rennst du herum, während er kaum auftaucht.“

„Lina—“

„Hör mir einfach zu.“ Ihre Stimme wurde sanfter. „Du kannst verheiratet sein und trotzdem etwas haben, das dir gehört.“

Ich streckte die Hand aus und kniff ihr in die Wange.

„Du machst dir zu viele Sorgen.“

Sie schlug meine Hand weg.

„Ich meine das ernst.“

Ich lachte.

„Vincent hat mir bereits versprochen, mich zu seiner Sekretärin zu machen, falls ich irgendwann arbeiten möchte.“

Der Gedanke daran ließ mich lächeln.

„Und ehrlich gesagt? Ich habe nichts dagegen, Hausfrau zu sein.“

Lina stöhnte sofort auf.

„Oh Gott.“

„Solange ich Vincents Kinder großziehe, werde ich glücklich sein.“

„Mrs. Sylvia Vincent Sky in spe“, murmelte sie dramatisch.

Ich brach in Gelächter aus.

Einen Moment später lachte sie ebenfalls.

Für einen Augenblick fühlte sich alles wieder leicht an.

Dann fiel es mir plötzlich ein.

„Oh nein.“

„Was?“

„Ich habe vergessen, Vincent anzurufen.“

Ich griff sofort nach meinem Handy und wählte seine Nummer.

Besetzt.

Vielleicht arbeitete er noch.

Ich ertappte mich dabei, wie ich schon wieder eine Ausrede für ihn fand.

Ich versuchte es erneut.

Immer noch besetzt.

Die Falte zwischen meinen Augenbrauen wurde tiefer.

Morgen war unsere Hochzeit.

Das Mindeste, was er tun konnte, war ans Telefon zu gehen.

Ich musste noch ein paar Dinge mit ihm wegen des Hotels für heute Abend klären.

Ich rief noch einmal an.

Diesmal wurde die Verbindung hergestellt.

Erleichterung durchströmte mich.

„Vincent—“

Eine Frauenstimme unterbrach mich.

„Mit wem spreche ich?“

Die Worte ließen mich erstarren.

Langsam nahm ich das Handy vom Ohr und starrte auf das Display.

Vincents Nummer.

Dann hielt ich es wieder ans Ohr.

„Entschuldigung?“

„Mit wem spreche ich?“, wiederholte sie ruhig.

Ich umklammerte das Telefon fester.

„Ich glaube, diese Frage sollte ich stellen.“

Zunächst herrschte Schweigen.

Dann sprach sie erneut.

„Es tut mir leid, dass ich an sein Telefon gegangen bin.“

Etwas in ihrem Ton ließ meinen Magen sich zusammenziehen.

„Wenn ich mich nicht irre, sind Sie seine Verlobte. Die Frau, die er morgen heiraten wird?“

Mein Lächeln verschwand.

„Ja.“

„Mr. Vincent ist momentan in einer Besprechung. Er hat mich gebeten, auf sein Telefon aufzupassen.“

Ich starrte auf die Dekoration vor mir und war plötzlich nicht mehr in der Lage, mich auf irgendetwas davon zu konzentrieren.

Eine Frau hielt Vincents Telefon.

Warum?

„Und wer genau sind Sie?“, fragte ich.

„Vivian“, kam die Antwort ganz selbstverständlich. „Ich bin nur rangegangen, weil Sie ständig angerufen haben.“

Ein seltsames Gefühl breitete sich in meiner Brust aus.

Die Art von Gefühl, die man ignorieren möchte, weil sie in dem Moment real wird, in dem man sie anerkennt.

Ich schluckte.

„Sagen Sie ihm, dass ich dringend mit ihm sprechen muss.“

„Natürlich“, sagte sie, und das Gespräch wurde beendet.

Langsam ließ ich das Telefon sinken.

Dann schrie ich beinahe auf, als ich mich umdrehte und Lina direkt hinter mir stehen sah.

„Was zum Teufel!“

Meine Hand flog an meine Brust.

„Du hast mich zu Tode erschreckt!“

Lina lachte nicht.

Ihr Blick war auf das Handy in meiner Hand gerichtet.

„Hat gerade eine Frau Vincents Telefon beantwortet?“

Ich zögerte einen Moment, bevor ich nickte.

„Sie sagte, er sei in einer Besprechung“, erklärte ich. „Wahrscheinlich jemand von der Arbeit.“

Lina verschränkte sofort die Arme.

„Fang jetzt bloß nicht an, zu viel darüber nachzudenken“, warnte ich sie. „Und wag es nicht zu behaupten, dass er mich betrügt. Vincent ist nicht so ein Mann.“

„Vielleicht“, sagte sie leise.

Dann sah sie mir direkt in die Augen.

„Aber findest du das nicht seltsam?“

Ein kleiner Knoten bildete sich in meinem Magen.

„Was genau ist daran seltsam?“

„Dass irgendeine fremde Frau sein Telefon beantwortet hat und nicht sein persönlicher Assistent.“

Damals tat ich es einfach ab.

Als ich Vincent später darauf ansprach, hatte er bereits eine Erklärung vorbereitet.

Und ich glaubte ihm.

Denn ich glaubte immer alles, was er mir sagte.

ZURÜCK IN DIE GEGENWART

Ich wartete darauf, dass die Brautjungfern ankamen.

Ich wartete darauf, dass Vincent anrief.

Ich wartete darauf, dass er durch die Tür kam, mich anlächelte und mir sagte, dass alles in Ordnung sei.

Aber er kam nie.

Das Schlimmste daran war, dass ich keine Möglichkeit hatte, ihn zu erreichen.

Ich hatte keine Telefonnummern seiner Freunde.

Ich stand seiner Familie ebenfalls nicht nahe.

Rückblickend wurde mir klar, wie sorgfältig er mich von jedem Winkel seines wirklichen Lebens ferngehalten hatte.

Und trotzdem weigerte ich mich zu glauben, dass etwas nicht stimmte.

Ich zog mein Brautkleid selbst an und ging zum Veranstaltungsort, überzeugt davon, dass es irgendein Missverständnis geben musste.

Nur um festzustellen, dass die Hochzeit bereits stattfand.

Die Einladungen, die er verteilt hatte, waren nie mit meinem Namen gedruckt worden.

Es waren nicht einmal Fotos darauf.

Er hatte mir lediglich einige besondere Exemplare mit meinem Namen gezeigt und mich glauben lassen, alle anderen sähen genauso aus.

Die Erkenntnis traf mich härter als jede Ohrfeige.

Jede Dekoration.

Jedes Blumenarrangement.

Jede Tischdekoration.

Jedes winzige Detail, über das ich monatelang besessen gewesen war.

Nichts davon war für mich bestimmt gewesen.

Ich war nicht die Braut.

Für Vincent war ich nichts weiter als eine unbezahlte Eventplanerin gewesen, die unermüdlich gearbeitet hatte, um einer anderen Frau die perfekte Hochzeit zu bereiten.

Eine Träne lief mir über die Wange.

„Warum?“, fragte ich mit brechender Stimme. „Warum hast du mich deine Hochzeit planen lassen, wenn du jemand anderen heiraten wolltest?“

Vincent sah weder schuldig noch beschämt aus.

Wenn überhaupt, wirkte er genervt, dass ich ihn dazu zwang, sich zu erklären.

„Es spielt keine Rolle, ob du die Braut warst oder nicht“, sagte er kalt. „Wichtig ist nur, dass die Hochzeit stattgefunden hat.“

Ich starrte ihn an.

Für einen Moment fragte ich mich, ob ich diesen Mann jemals wirklich gekannt hatte.

„Zumindest waren deine Bemühungen nicht umsonst“, fuhr er fort. „Die Dekoration wurde genutzt. Den Gästen hat es gefallen. Ganz gleich, wer am Ende die Braut geworden ist.“

Seine Worte schnitten tief.

Nicht, weil er mich zurückwies.

Sondern weil nach fünf Jahren zusammen, nach jedem Opfer, das ich für ihn gebracht hatte, nach jedem Traum, den ich um uns aufgebaut hatte...

das alles der einzige Wert war, den mein Schmerz für ihn hatte.

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