MasukKAPITEL 2
SERAPHINA
Ich blinzelte und versuchte zu begreifen, was er gerade gesagt hatte. Was meinte er damit, dass ich ebenfalls seine Gefährtin sei? Hatte er bereits eine andere? Mein Blick fiel auf Celestia, als sie ihre Kleidung richtete. Der Mann zog hastig seine Hose hoch und schloss den Reißverschluss. Hitze stieg mir in die Wangen, als ich begriff, dass sie mehr getan hatten, als sich nur zu küssen. Ich wollte wegsehen, konnte es aber nicht.
Celestias Augen brannten, als sie mich ansah.
„Die anderen Dienstmädchen helfen beim Bankett“, sagte sie. „Also, was machst du hier?“
„Dienstmädchen?“, stammelte der Mann. „Du meinst, sie ist ein Dienstmädchen?“
„Ja, das ist sie. Sieh sie dir an, Damien. Wofür sollte sie deiner Meinung nach sonst gut sein?“
Noch nie in meinem Leben hatte ich mir so sehr gewünscht, die Wahrheit zu sagen. Ich öffnete sogar den Mund. Ich wollte ihm sagen, dass er sich irrte, dass ich kein Dienstmädchen war, dass ich jemand war, der es verdiente, seine Gefährtin genannt zu werden. Die Worte lagen mir auf der Zunge. Dann sah ich Celestias Gesicht. Ihr Blick versprach mir schnelle und grausame Bestrafung, wenn ich auch nur ein einziges Wort gegen sie sagte. Mein Mund schloss sich wieder. Scham und Angst vermischten sich, bis ich kaum noch atmen konnte.
„Ich kann das nicht glauben.“ Damien schüttelte heftig den Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch seine perfekten Locken. Er trat gegen eine der Topfpflanzen. Erde verteilte sich über den Weg. Dann starrte er mich an, als wünschte er, ich wäre die Pflanze.
„Ich kann das verdammt noch mal nicht glauben“, sagte er erneut. „Wie kann ich zwei Gefährtinnen haben? Das soll doch selten sein. Und nicht nur, dass mir dieses seltene Schicksal widerfährt, die andere, die meine Gefährtin sein soll, ist auch noch ein verdammtes Dienstmädchen?“ Er lachte bitter auf. „Die Göttin des Mondes muss sich einen grausamen Scherz mit mir erlauben.“
Celestia schob ihre Hand in seine. Er hielt sie fest. Sein Gesicht wurde sofort sanfter, als er sie ansah. Er strich ihr eine vom Wind zerzauste Haarsträhne hinters Ohr.
„Ich meine, sieh dich an, Liebling“, sagte er. „Und dann sieh sie dir an.“
Ich brauchte keinen Spiegel, um den Vergleich zu verstehen. Celestia und ich waren Zwillinge, aber inzwischen sahen wir uns nicht mehr ähnlich. Sie hatte Kurven, strahlende Haut und ein makelloses Gesicht. Meine Mahlzeiten bestanden größtenteils aus Resten, daher war kaum Fleisch an meinen Knochen. Was von meiner Figur noch übrig war, wurde unter weiter, schlecht sitzender Kleidung verborgen. Meine Wangen waren eingefallen. Es wäre für jeden schwer gewesen zu glauben, dass wir einmal gleich ausgesehen hatten.
Damiens scharfe blaue Augen glitten erneut über mich. Er murmelte, ich sähe wie ein dummer, halb verhungerter Hund aus. Die Worte trafen mich direkt und hinterließen einen brennenden Schmerz. Ich fühlte mich klein auf eine Weise, die nichts mit meiner Körpergröße zu tun hatte.
Ich nahm an, dass ich tatsächlich ein wenig lächerlich aussah, wie ich dort stand und sie anstarrte. Ich versuchte immer noch zu begreifen, dass Celestia und ich denselben Gefährten hatten und dass er genauso grausam war wie sie. Die Verbindung, die ich noch vor wenigen Minuten gespürt hatte, fühlte sich nun wie ein blauer Fleck an.
Celestia begann zu schluchzen. Sofort wandte er sich ihr zu, legte seine Hände auf ihre Schultern und zog sie an sich.
„Was ist los?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. Tränen liefen aus ihren Augenwinkeln.
„Es ist nur … mir ist gerade etwas klar geworden.“
„Was? Bitte, sprich mit mir.“
„Jetzt, wo du zwei Gefährtinnen hast, bedeutet das, dass ich dich mit ihr teilen muss … mit ihr.“
Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und brach in Tränen aus. Es dauerte eine Weile, bis er sie beruhigen konnte. Er murmelte ihr beruhigende Worte zu und strich ihr über das Haar, als würde ich nicht nur wenige Schritte entfernt stehen. Ich blieb wie erstarrt stehen, aus Angst, jede Bewegung könnte alles noch schlimmer machen.
„Wie heißt du, Dienstmädchen?“, knurrte er.
Er musste die Frage wiederholen, bevor ich begriff, dass er mit mir sprach.
„S-Seraphina“, stammelte ich.
Damien legte einen Arm um Celestias Taille, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sagte: „Ich, Damien Blackthorn, weise dich, Seraphina, heute als meine Gefährtin zurück.“
„Nein!“, schrie ich. Die Tränen, die ich zurückgehalten hatte, liefen über mein Gesicht. „Du … du kannst nicht—“
Er machte einen drohenden Schritt auf mich zu.
„Wer glaubst du eigentlich, dass du mir sagen kannst, was ich tun kann und was nicht?“, knurrte er. „Sag das noch einmal, und es wird das Letzte sein, was du jemals sagen wirst.“
Er sah so wütend aus, dass ich kein weiteres Wort herausbrachte. Meine Kehle schnürte sich zu. Er trat zurück und wandte sich Celestia zu. Sie schenkte ihm ein tränenreiches Lächeln.
„Komm. Lass uns von hier verschwinden“, sagte er. „Das Bankett beginnt bald.“
„Geh ruhig vor. Ich brauche nur einen Moment, um mich zu sammeln.“ Sie schniefte und tupfte ihre feuchten Wangen mit einem Taschentuch ab.
Damien schien nicht glücklich darüber zu sein, sie mit mir allein zu lassen, doch er nickte und ging davon. In dem Moment, in dem er mir den Rücken zukehrte, ließ Celestia die Maske fallen. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Hass, bis es sie beinahe hässlich machte. Als ich mich zum Gehen wandte, packte sie mein Handgelenk.
„Du“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Du hast Geheimnisse vor mir verborgen.“
„Lass mich los. Du tust mir weh“, schrie ich.
Ihre langen Nägel bohrten sich noch tiefer in meine Haut.
„Sag es mir. Sag mir, wann du deine erste Verwandlung hattest, oder ich schwöre, ich werde dein Leben noch unerträglicher machen, als es ohnehin schon ist.“
„Lass mich los.“
Ich riss meine Hand frei, verlor das Gleichgewicht und wäre beinahe gestürzt. Dann rannte ich los, während meine Sicht von Tränen verschwamm. Der Gartenweg schien länger als je zuvor. Ich stolperte und fiel mehr als einmal hin. Der Kies bohrte sich in meine Handflächen. Ich rannte weiter, bis ich mein Haus erreichte. Ich rollte mich auf dem Boden zusammen und weinte heftiger als je zuvor.
Zusätzlich zu allem anderen, was ich bereits ertragen hatte, hatte mein Gefährte mich zurückgewiesen und meine Schwester mich bedroht. Celestia sprach keine leeren Drohungen aus. Ich wusste, dass mein Leben bald noch schlimmer werden würde. Ich weinte, bis keine Tränen mehr übrig waren, dann lag ich einfach da und starrte in die Dunkelheit. Irgendwo über mir tropfte Wasser durch das undichte Dach. Ich lauschte dem Geräusch, weil es leichter war, als nachzudenken.
Lange Zeit später – ich hätte nicht sagen können, wie lange – schleppte ich mich zum Abendessen in die Küchen. In den Fluren herrschte noch immer reges Treiben wegen der Vorbereitungen für das Bankett. Niemand sah mich an, außer um mich aus dem Weg zu scheuchen. Ich hatte kaum Appetit, also nahm ich eine Tasse heißen Tee. Der Koch drückte sie mir beinahe in die Hand und scheuchte mich hinaus. Zurück in meinem Haus schaffte ich ein paar Schlucke. Der Tee wurde kalt in meinen Händen. Ich war zu traurig und müde, um zu dem Nest aus Decken zu kriechen, das ich als Bett benutzte, also schlief ich auf dem kalten Steinboden ein.
Dann fand ich mich in einem dunklen, weiten Raum wieder. Ein Teil von mir wusste, dass ich träumte, doch der Traum fühlte sich real an. Ein stechender Schmerz fuhr durch meinen Kopf und wurde immer stärker, bis ich dachte, mein Schädel würde platzen. Ich schrie immer wieder um Hilfe. Doch da war nur die Dunkelheit, die auf mich herabdrückte.
In meinem Kopf hörte ich Reginas schmerzerfülltes Heulen und ihre hastig hervorgebrachte Stimme: „Seraphina, wir wurden unter Drogen gesetzt. Ich fühle … ich verliere das Bewusstsein.“
Ihre Stimme wurde immer schwächer. Der Gedanke, meinen Wolf zu verlieren, war mehr, als ich ertragen konnte. Sie war mein einziger Halt in dieser grausamen Welt. Sie war diejenige, die mich bei Verstand gehalten hatte, als das Rudel mich verspottet, ausgelacht und halb verhungern lassen hatte.
„Nein! Bleib bei mir!“, schrie ich.
„Lauf, Seraphina! Du bist in Gefahr. Verlass das Königreich Eldoria!“, rief Regina.
Dann verstummte sie.
AdrianSo ungern ich sie auch allein in dem Zimmer zurückließ – die Angst, dass jemand versuchen könnte, die Gefährtin zu nehmen, nach der ich fünf lange Jahre gesucht hatte, wollte mich nicht verlassen. Trotzdem zwang ich mich, hinaus in den Flur zu treten. Ich hatte die Schlösser bereits zweimal geprüft. Niemand konnte meine Gemächer ohne mein Wissen betreten, und nichts darin konnte gestohlen werden, ohne jeden Alarm auszulösen, den der Palast besaß. Dieses Wissen war das Einzige, das mich schließlich gehen ließ.„Mein König.“Der Hauptwachmann Thorne verneigte sich tief, als ich näherkam. Ich blieb stehen und wartete, dass er sprach.„Mein König, es ist Nachricht vom König von Eldoria eingetroffen. Eine Flüchtige ist aus ihren Landen entkommen und in unsere geflohen. Sie bitten um Erlaubnis, Valeria zu betreten und die Flüchtige selbst festzunehmen.“Meine Augen verengten sich sogleich. Die gerettete junge Frau, die in meinen Räumen ruhte – diejenige, die den Duft meiner Gefährtin
CelestiaIch konnte sie nicht einholen. Egal, wie sehr ich mich durch die dichten Bäume und über den unebenen, wurzelverfilzten Boden drängte – sie blieb mir immer knapp voraus, bis die Spur völlig erkaltete. Meine Lungen brannten. Meine Beine schmerzten. Frustration und Wut verdrehten sich in meiner Brust, als ich mich schließlich zwang, zum Palast zurückzukehren. Sie hätte nie gehen dürfen. Sie sollte verborgen bleiben, für den Rest ihres elenden Lebens von der Welt eingeschlossen. Und doch hatte ich sie wie Wasser durch die Finger gleiten lassen. Das Versagen lastete schwer auf meinen Schultern, und jeder Schritt nach Hause machte die Wut nur schärfer und persönlicher.„Ich hätte sie erledigen sollen, als ich die Chance hatte“, murmelte ich vor mich hin, die Worte schmeckten bitter auf der Zunge. Warum hatten unsere Eltern es nicht am Tag unserer Geburt getan? Es hätte allen so viel Ärger erspart. Es hätte unsere Mutter gerettet. Stattdessen hatten sie beschlossen, sie zu behalten
KAPITEL 5SERAPHINAIch setzte mich auf und hielt meinen Kopf in den Händen. Der Schmerz war so stechend, dass ich dachte, mein Schädel könnte jeden Moment bersten. Ich bemerkte eine Gestalt am anderen Ende des Zimmers, und meine Verwirrung wurde noch größer.Warum befand ich mich in einem prächtigen, luxuriös eingerichteten Zimmer mit einem Mann in einer vollständigen Wachenuniform? Aus Verwirrung wurde Angst. Ich schnappte mir ein Kissen und hielt es vor mich, als könnte es mich beschützen, falls er näher kam.„Wer bist du, und was mache ich hier?“, fragte ich und versuchte, ruhig zu klingen, was mir nicht gelang.Als er meine Stimme hörte, kam er auf mich zu. Meine zitternden Hände schoben das Kissen weiter nach vorn.Er blieb stehen. Ich senkte das Kissen gerade weit genug, um ihn sehen zu können.„Bitte bleib ruhig. Du wurdest bewusstlos gefunden und von den Wachen des Königreichs Valeria gerettet. Dieses Zimmer …“ Er sah sich um, und ich tat es ihm gleich. Es war das schönste Zi
KAPITEL 4ADRIANSie starrte mich an. Unsere Blicke blieben aufeinander gerichtet, während wir uns an entgegengesetzten Enden des großen Schlafzimmers gegenüberstanden.Ich lächelte und ging zu ihr, sobald sie nur nickte, als wäre das genau das Zeichen gewesen, auf das ich gewartet hatte. Ich hob sie in meine Arme und trug sie zum großen Kingsize-Bett.Ich sah sie an, als würde sie mir etwas bedeuten. Das tat sie nicht. Sie war nur da, um ein Bedürfnis zu befriedigen.Schon bald lag sie unter mir, und ich drang in sie ein. Unsere Körper bewegten sich gemeinsam. Unsere Münder folgten demselben Rhythmus. Sie war schön und warm, doch ich fühlte kaum Energie, und das machte mich wütend, weil ich nicht die Befriedigung bekam, die ich wollte.Sie begann mich anzuwidern. Nachdem ich hastig gekommen war, stieß ich sie zur Seite.„Der Vollmond rückt näher“, warnte Ragnar. Ragnar war mein Wolf. Da verstand ich, warum meine Kraft nachgelassen hatte. Der Vollmond stand kurz bevor.Eine schwere Un
KAPITEL 3SERAPHINA„Regina! Regina!“, rief ich. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es in meinem Kopf hören konnte.Ich konnte es mir nicht leisten, sie zu verlieren. Sie wollte, dass ich fliehe, aber wohin? Wo sollte ich hin? Mein ganzes Leben hatte ich versteckt gelebt und war wie eine Dienerin behandelt worden. Ich hatte kaum etwas vom Königreich außerhalb des Palastgeländes gesehen. Ich kannte die Straßen nicht. Ich wusste nicht, wer mich aufnehmen würde.„Regina, wenn du mich hören kannst, brauche ich dich wirklich“, rief ich erneut. Tränen liefen über mein Gesicht, während ich mich auf dem kalten Boden zusammenkauerte. Ich schlug immer wieder gegen meine Brust und hoffte, dass der Schmerz nachlassen würde. Das tat er nicht. Mein Gefährte hatte mich gerade zurückgewiesen, und nun antwortete auch meine einzige Gefährtin nicht mehr.„Lauf, Seraphina. Du bist in Gefahr. Verlass das Königreich Eldoria!“Die Warnung hallte erneut durch mich hindurch. Ich sprang auf, wischte mir mi
KAPITEL 2SERAPHINAIch blinzelte und versuchte zu begreifen, was er gerade gesagt hatte. Was meinte er damit, dass ich ebenfalls seine Gefährtin sei? Hatte er bereits eine andere? Mein Blick fiel auf Celestia, als sie ihre Kleidung richtete. Der Mann zog hastig seine Hose hoch und schloss den Reißverschluss. Hitze stieg mir in die Wangen, als ich begriff, dass sie mehr getan hatten, als sich nur zu küssen. Ich wollte wegsehen, konnte es aber nicht.Celestias Augen brannten, als sie mich ansah.„Die anderen Dienstmädchen helfen beim Bankett“, sagte sie. „Also, was machst du hier?“„Dienstmädchen?“, stammelte der Mann. „Du meinst, sie ist ein Dienstmädchen?“„Ja, das ist sie. Sieh sie dir an, Damien. Wofür sollte sie deiner Meinung nach sonst gut sein?“Noch nie in meinem Leben hatte ich mir so sehr gewünscht, die Wahrheit zu sagen. Ich öffnete sogar den Mund. Ich wollte ihm sagen, dass er sich irrte, dass ich kein Dienstmädchen war, dass ich jemand war, der es verdiente, seine Gefährt







