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Der Archivar

作者: BeeB
last update 公開日: 2026-07-21 18:05:20

Ich habe nicht wirklich geschlafen. Eher bin ich durch etwas hindurchgeglitten, das dem Schlaf nur ähnlich war. Was auch immer dieser Körper jetzt war, er brauchte keine Ruhe mehr wie mein alter. Doch mein Verstand griff aus Gewohnheit immer noch danach, kam nur bis zur Hälfte und gab dann auf.

Als das Klopfen kam, saß ich deshalb bereits aufrecht im Bett, hellwach, den Blick ins Leere gerichtet.

„Es ist offen“, sagte ich, bevor mir einfiel, dass ich keine Ahnung hatte, ob Türen an einem Ort wie diesem überhaupt wie gewöhnliche Türen funktionierten.

Sie öffnete sich trotzdem.

Eine Frau trat ein – nicht einer der Könige, was mich für einen Moment aus dem Konzept brachte. Offenbar hatte ich über Nacht angenommen, dass dieser Palast nur aus uns fünf und dem bestand, was immer wieder versuchte, durch die Eingangstore einzubrechen.

Sie sah vielleicht dreißig aus. Wobei ich inzwischen wusste, dass „aussehen“ hier nicht viel bedeutete. Ihr dunkles Haar war streng zurückgebunden, ihre Finger waren mit etwas bedeckt, das wie Tinte aussah, und unter einem Arm trug sie einen Stapel von etwas, das Bücher sein mochten – falls Bücher im Königreich des Todes aus gefaltetem Licht statt aus Papier bestanden.

„Du bist also diejenige, über die gerade alle streiten“, sagte sie ohne jede Begrüßung und legte den Stapel auf den Tisch, ohne zu fragen, ob das in Ordnung war. „Ich dachte, ich sehe sie mir lieber selbst an, bevor die Theorien noch dümmer werden.“

„Nicht gerade ein herzlicher Empfang.“

„Herzlichkeit ist nicht meine Stärke. Nützlichkeit schon.“

Sie streckte mir die Hand entgegen, tintenverschmierte Finger und alles.

„Mira Solane. Seelenarchivarin. Ich führe Aufzeichnungen darüber, wer Menschen waren, bevor sie hierher kamen. Das macht mich derzeit wahrscheinlich zur Einzigen in diesem Palast, die dir etwas Wahres über dich erzählen kann, statt etwas Politisches.“

Ich schüttelte ihre Hand.

Die erste wirklich normale Begegnung, seit ich gestorben war.

Vor Erleichterung hätte ich beinahe gelacht.

„Selene“, sagte ich, obwohl sie meinen Namen offensichtlich bereits kannte.

„Ich weiß.“

Sie zog den Stuhl mir gegenüber heran und setzte sich, ohne auf eine Einladung zu warten. Ehrlich gesagt war ich dankbar dafür, nachdem ich die ganze Nacht erlebt hatte, wie andere über mich entschieden, statt mit mir zu sprechen.

„Ich habe heute Morgen deine Akte gelesen. Zumindest das, was davon existiert. Sie ist dünn. Viel zu dünn für jemanden, der angeblich seit dreitausend Jahren eine uralte Superwaffe in seiner Seele trägt.“

„Das ist … beruhigend.“

„Ich wollte nicht beruhigen. Ich wollte ehrlich sein.“

Sie schlug das oberste Buch auf. Es bestand tatsächlich nicht aus Papier. Die Worte bewegten sich unter ihren Fingern, ordneten sich ständig neu, als hätten sie sich noch nicht entschieden, was sie sagen wollten.

„Jemand hat dir eine ziemlich überzeugende Tarnidentität erschaffen, Selene Vale. Dreiundzwanzig Jahre. Eine normale Familie. Ein gewöhnlicher Tod. Aber je tiefer ich grabe, desto weniger hält diese Geschichte zusammen.“

Jetzt hatte sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Was meinst du mit ‚hält nicht zusammen‘?“

„Ich meine, deine Seele besitzt Schichten, die sie nicht haben dürfte. Die meisten Seelen sind einfach. Ein Leben. Ein Faden. Leicht zu lesen, wenn man weiß, wie. Deine fühlt sich an, als wäre etwas hineingefaltet worden. Mit Absicht. Lange bevor du überhaupt geboren wurdest.“

Sie hob den Blick und wählte ihre nächsten Worte sorgfältig.

„Jemand hat das Herz der Ewigkeit in einer Seele verborgen, die noch gar nicht existierte. Das ist keine gewöhnliche Magie. Kaum jemand in irgendeinem Reich wäre dazu überhaupt fähig.“

Der Raum schien plötzlich kälter zu werden.

Ich bezweifelte, dass das etwas mit der tatsächlichen Temperatur zu tun hatte.

„Also bin ich nicht einfach irgendein zufälliger Mensch, auf den das alles gefallen ist.“

„Nein.“

Sie schloss das Buch vorsichtig.

„Das habe ich auch nie geglaubt.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür erneut.

Diesmal ohne anzuklopfen.

Ronan schlenderte herein, als gehöre ihm der Laden. Was vermutlich gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt war.

„Mira.“

Er sprach ihren Namen mit einer Vertrautheit aus, die auf gemeinsame Vergangenheit schließen ließ.

„Hätte mir denken können, dass du vor mir bei ihr bist.“

„Manche von uns arbeiten tatsächlich für ihren Lebensunterhalt, Ronan.“

„Manche arbeiten einfach klüger.“

„Und manche werden nachts um drei in den Archiven erwischt, wenn sie nach Klatsch suchen.“

Der Treffer saß.

Sein Grinsen flackerte nur einen Augenblick, aber ich bemerkte es. Der erste echte Riss, den ich seit der Halle bei ihm gesehen hatte.

„Das war ein einziges Mal“, verteidigte er sich. „Und es war keine Klatschsuche. Es war Aufklärung.“

„Es war Klatsch.“

Mira sammelte ihre Bücher ein und erhob sich.

„Ich muss zurück an die Arbeit.“

An der Tür blieb sie noch einmal stehen.

„Selene.“

Zum ersten Mal verschwand die trockene Schärfe aus ihrer Stimme.

„Ganz gleich, was die Könige dir erzählen. Ganz gleich, was der Rat behauptet. Frag mich, sobald du Gelegenheit hast. Ich habe kein Königreich zu beschützen. Nur die Wahrheit.“

Sie verschwand, bevor ich mich bedanken konnte.

Irgendwie passte das zu den wenigen Minuten, die ich sie kannte.

Ronan ließ sich auf ihren Stuhl fallen, deutlich weniger vorsichtig, kippte ihn auf zwei Beine und balancierte mühelos.

„Sie hat recht“, sagte er. „Zumindest, was die Wahrheit betrifft. Mira ist wahrscheinlich der einzige Mensch in diesem verdammten Königreich ohne Hintergedanken.“

„Und du? Hast du welche?“

Er dachte länger darüber nach, als ich erwartet hatte.

„Jeder hat Hintergedanken, Süße. Ich bin nur ehrlich damit.“

Sein Ton blieb leicht, doch darunter lag etwas anderes.

Langsam erkannte ich bei ihm ein Muster.

Die Witze kamen immer einen Herzschlag zu früh, als wollten sie etwas verbergen.

„Und was ist deiner?“

„Am Leben zu bleiben.“

Zum ersten Mal sagte er es völlig ohne Schauspiel.

„Genau wie jeder andere in diesem Palast, wenn er ehrlich ist. Ich bin schon sehr lange tot, Selene. Länger als die anderen drei. Kael ausgenommen. Sogar er würde dir sagen, dass ich mich in diese Krone hineingeschummelt habe, statt sie mir zu verdienen.“

„Wie geschummelt?“

„Lange Geschichte. Ein sterbliches Leben, auf das ich nicht stolz bin. Ein Tod, aus dem ich nie hätte entkommen dürfen. Und eine Strafe, die sich irgendwie in einen Thron verwandelt hat, weil da oben offenbar jemand einen sehr seltsamen Sinn für Ironie besitzt.“

Er zuckte mit den Schultern, als wäre die Geschichte lustiger, als sie klang.

Doch in seinen Augen blitzte etwas auf, das etwas anderes erzählte.

„Jedenfalls weiß ich, wie es ist, in einem Leben aufzuwachen, für das man sich nie entschieden hat. Ich dachte, vielleicht möchtest du jemanden an deiner Seite haben, der das versteht, statt jemanden, der dir ständig etwas über Pflicht erzählt.“

Das war das Ehrlichste, was mir seit meinem Tod jemand gesagt hatte.

Und ich hätte nie erwartet, dass es ausgerechnet von dem Mann kam, der ständig so tat, als wäre alles ein Witz.

„Danke“, sagte ich.

Und ich meinte es ernst.

„Gewöhn dich bloß nicht daran. Ich muss schließlich meinen Ruf wahren.“

Jetzt lächelte er wieder.

Sanfter.

„Komm. Kael wartet unten. Er will endlich halten, was er dir gestern Abend versprochen hat. Und Kaidan ist miserabel gelaunt, weil Nachrichten von der Grenze eingetroffen sind. Ich dachte, es wäre besser, wenn du alles auf einmal erfährst, statt eine düstere Enthüllung nach der anderen.“

Ich stand auf und folgte ihm.

Zum ersten Mal, seit ich auf diesem aschgrauen Stein erwacht war, freute ich mich tatsächlich auf das, was als Nächstes kam, statt mich nur davor zu fürchten.

Im Innenhof hatte sich seit der vergangenen Nacht einiges verändert.

Mehrere Tische standen dort. Karten lagen darauf ausgebreitet. Kaidan lief unruhig an einem davon auf und ab, sein Gesicht verriet sofort, dass die Nachrichten von der Grenze nichts Gutes bedeuteten.

Elias stand reglos in der Mitte des Hofes und starrte auf etwas vor sich.

Als wir näher kamen, hob Kael den Blick.

Für einen winzigen Moment, bevor seine gewohnten Mauern wieder an ihren Platz zurückkehrten, sah ich Erleichterung in seinem Gesicht aufblitzen, weil ich unversehrt war.

„Du bist wach“, sagte er. „Gut. Es gibt viel zu besprechen. Und nicht viel Zeit.“

„Ist es so schlimm?“

„Schlimmer“, antwortete Kaidan, ohne aufzusehen. „Mordecai hat seine Truppen ins Tal der Gefallenen Sterne verlegt. Noch drei Tage bis zu den äußeren Schutzbarrieren, wenn er nicht langsamer wird.“

Der Name sagte mir nichts.

Noch nicht.

Bald würde er mir alles bedeuten.

„Wer ist Mordecai?“

Die vier tauschten einen kurzen, bedeutungsschweren Blick.

In diesem Augenblick wusste ich, dass dieses Gespräch wesentlich länger dauern würde, als ich gehofft hatte.

„Setz dich“, sagte Kael.

„Das wird eine Weile dauern.“

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