Se connecterOlivias SichtweiseWir verließen Eddas Haus noch vor Sonnenaufgang.Ich hatte nicht geschlafen. Die ganze Nacht über ging mir die zweite Strophe des Liedes nicht aus dem Kopf. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich ein kleines Mädchen mit Zöpfen, das einsam in der Dunkelheit stand.„Du bist wieder so still“, sagte Cameron, während unsere Pferde einen frostbedeckten Hügel hinaufstiegen.„Ich denke an Nissa.“„Das Geisterkind?“„Das Kind des Lehrers.“ Ich schüttelte den Kopf. „Dreihundert Jahre, Cameron. Er sucht schon seit dreihundert Jahren nach ihr. Und als er sie endlich fand, standen wir direkt daneben – und wussten es nicht einmal.“„Wir konnten es nicht wissen.“„Ich weiß. Aber es tut trotzdem weh.“Er streckte die Hand aus und drückte meine. „Dann nutzen wir diesen Schmerz, um etwas Gutes zu tun.“Ich nickte. Es war das Einzige, was ich tun konnte.Wir ritten den ganzen Tag in hohem Tempo. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir eine Kreuzung, an der vier staubige Wege u
Aus Camerons SichtOlivia sprach während des gesamten Abendessens kein Wort.Sie schob das Essen auf ihrem Teller hin und her. Sie starrte auf die Kerze. Als Elara fragte, ob sie das letzte Brötchen haben dürfe, sagte Olivia „Ja“, ohne auch nur aufzusehen.Später, als Elara schlief, fand ich Olivia auf dem Balkon. Sie hatte eine dünne Decke um die Schultern geschlungen, doch sie fror nicht. Ich konnte es durch unsere Verbindung spüren. Sie hatte Angst.„Erzähl es mir“, sagte ich.„Ich muss ständig an meine Großmutter denken.“ Ihre Stimme war sehr leise. „Sie hat dieses Lied jeden Tag meines Lebens vor sich hin gesummt. Was, wenn sie es wusste? Was, wenn sie wusste, was er war, und es mir nie gesagt hat?“„Dann hatte sie einen Grund dafür.“„Welchen Grund könnte es dafür geben?“„Ich weiß es nicht.“ Ich legte meine Arme um sie. „Aber sie lebt noch, Olivia. Wir können sie fragen.“Sie drehte den Kopf. „Edda lebt in der südlichen Siedlung. Es sind zwei Tagesreisen bis dorthin.“„Dann rei
Olivias SichtweiseWir hielten die Zeremonie im Morgengrauen mitten im Hof ab.Cameron wollte nicht warten. „Der Lehrer könnte jederzeit zurückkommen“, sagte er. „Wenn wir auch nur einige von ihnen befreien können, sollten wir das tun.“Also versammelte sich das ganze Rudel. Krieger, Bauern, Köche, sogar der Waffenmeister und der alte Torwächter, der seinen Stuhl kaum verließ. Sie standen mit gesenkten Köpfen in einem weiten Kreis. In der Mitte schwebten die Geister des Ashgrove-Rudels, die im rosafarbenen Morgenlicht silbern schimmerten.Elara stand neben mir und hielt meine Hand. Sie hatte die Kohle aus ihrem Gesicht gewaschen, aber ihre Fingerspitzen waren immer noch grau.„Bist du bereit, kleiner Wolf?“ Ich flüsterte.„Nein“, sagte sie. „Aber Nissa würde das wollen.“Kerr trat mit dem zerrissenen Stück Schriftrolle vor. Seine Hände zitterten, aber seine Stimme war ruhig.„Ich habe nur die Hälfte der Namen“, sagte er zu den Geistern. "Es tut mir so leid."„Es tut Ihnen nicht leid
Aus Camerons SichtIch hob den kleinen Stein mit zitternden Fingern auf.Er war glatt und grau, nicht größer als ein Ei. In winzigen, sorgfältigen Buchstaben war ein Name darauf eingraviert: NISSA.„Berühr die Feder nicht“, warnte Maera. „Es könnte eine Falle sein.“„Es ist nur eine Feder“, sagte ich, doch ich schob sie trotzdem mit meinem Messer beiseite. In dem Moment, als sie den Boden berührte, zerfiel sie zu Asche.Marena schwebte über dem Stein; ihr Licht flackerte wie eine Kerze im Wind. „Sie war erst sechs, als sie sie mitnahmen. Sie durfte nie erwachsen werden. Ich habe ihrer Mutter versprochen, sie zu beschützen.“„Wir werden sie finden“, sagte Olivia.„Das kannst du nicht versprechen.“„Nein“, sagte Olivia. „Aber ich werde es trotzdem versuchen.“Marena sah sie einen langen Moment lang an. Dann nickte sie.Wir blieben nicht an der Schlucht. Der Lehrer könnte zurückkehren, und die Geister waren zu erschöpft, um erneut zu kämpfen. Wir verbanden Kerrs Arm, sammelten unsere Kri
Olivias SichtweiseEine lange Sekunde lang rührte sich niemand.Die Schlucht war wieder verschlossen. Dort, wo die Öffnung gewesen war, befand sich nur noch rauer, grauer Stein. Der Wind hatte sich gelegt. Selbst die trockenen Zweige der Federwesen waren zur Ruhe gekommen.Dann schrie Kerr auf.„Sie sind noch da drin!“Er stürmte auf die Steine zu und begann, mit bloßen Händen an ihnen zu zerren. Seine Finger bluteten. Zwei unserer Krieger packten ihn und zerrten ihn zurück.„Kerr, hör auf! Du verletzt dich noch!“„Sie haben mir vertraut!“, rief er. „Ich habe ihnen gesagt, es sei sicher!“„Wächter“, sagte der Lehrer ruhig. „Holt die Schriftrolle.“Die zwölf Federwesen bewegten sich im selben Augenblick. Sie rannten nicht. Sie glitten dahin – schnell und lautlos, wie Blätter in einem Sturm.„Aufstellung!“, brüllte Cameron.Unsere Krieger schlossen die Reihen. Harlan schwang seine silberne Klinge gegen den nächsten Wächter und hieb ihn glatt entzwei. Die beiden Teile fielen zu Boden.
Aus Camerons SichtDas Horn ertönte erneut – drei kurze Stöße. Es war unser Warnsignal für nahende Feinde.„Alle aufstehen“, sagte ich. „Sofort. Nehmt die Steine der Geister mit, wenn ihr könnt.“„Wir können die Geister nicht tragen“, sagte Kerr. „Aber ihre Namen sind sicher in meinem Kopf.“„Dann lauf mit deinem Kopf.“Marena schwebte neben mir her, während wir zu den Seilen eilten. „Alpha, sei vorsichtig. Der Lehrer hat dreihundert Jahre darauf gewartet.“„Dreihundert Jahre?“, fragte Olivia. „So alt kann er doch gar nicht sein.“„Wir wissen nicht, was er ist“, sagte Marena leise. „Nur, dass er geduldig ist.“Das beruhigte mich keineswegs.Ich kletterte als Erster hinauf. Meine Hände waren wund, als ich oben ankam, und mein Herz hämmerte so laut, dass ich glaubte, die ganze Welt könne es hören.Der Himmel war grau. Der Wind drückte gegen mein Gesicht. Meine Krieger standen in einem engen Kreis um die Schlucht, die Waffen gezückt, doch sie sahen einander nicht an. Sie alle blickten







