LOGINElenas Sicht
Ich war noch nicht weit von der Tür entfernt, als ich abrupt stehen blieb, wie erstarrt. Katties Stimme erfüllte den Gang.
Ich hatte erwartet, dass Ryker mir hinterherlaufen würde. Es wäre nur richtig gewesen. Es wäre natürlich gewesen. Er hatte mich betrogen, und trotzdem war ich bereit gewesen, ihm zu verzeihen. Das Mindeste, was er hätte tun können, war, mir nachzulaufen, um Vergebung zu bitten und wenigstens ein bisschen Reue zu zeigen – selbst wenn sie nur gespielt gewesen wäre.
Aber weder er noch Kattie taten es.
Stattdessen hallten ihre Stimmen durch den Flur, sorglos, als würde ich nicht existieren, als wäre es ihnen völlig gleichgültig, ob ich noch nah genug war, um jedes Wort zu hören.
„Wann willst du es ihr endlich sagen, Ryker? Wie lange willst du sie noch belügen? Ich habe es satt, das Geheimnis zu sein“, fauchte Kattie. Ihre Stimme war scharf und wütend und brach sich an den steinernen Wänden des Gangs.
„Komm schon, Kat“, seufzte Ryker viel zu ruhig. „Du kennst unsere Pläne doch. Sobald die Wache ihren Auftrag erledigt hat – sie zu verführen und unter Drogen zu setzen –, werde ich sie der Untreue und der Zusammenarbeit mit den Rogues beschuldigen. Der Rat wird sie bestrafen. Ich werde sie verstoßen und aus dem Rudel verbannen lassen. Du musst einfach nur warten, bis alles an seinem Platz ist.“
Ich konnte meinen Ohren nicht trauen.
Nein… Nein…, flüsterte ich mir selbst zu.
Das konnte nicht Ryker sein.
Er konnte das nicht gesagt haben. Er konnte nicht so etwas planen.
Ich drehte mich um, hoffte und betete, dass ich mich verhört hatte. Dass vielleicht die Stimmen von den Wachen vor seiner Zimmertür kamen. Doch als ich hinsah, war der Eingang leer. Ryker musste sie über die Rudelverbindung fortgeschickt haben. Er wollte keine Zeugen, falls ich ihn beim Betrügen erwischte.
Ich hätte es nie erfahren sollen. Ich war nie mit der Rudelverbindung verbunden gewesen. Ich hatte noch keinen Wolf, und das Ritual konnte bei mir nicht vollzogen werden. Alle hatten mir gesagt, mein Wolf würde erwachen, sobald ich mich mit Ryker paarte. Dass dann alles seinen Platz finden würde.
Aber nichts davon war je geschehen.
Und nun stand ich hier und erfuhr, dass er die ganze Zeit mit meiner eigenen Cousine geplant hatte, mir mein Rudel zu stehlen.
Meine Finger ballten sich zu Fäusten, während blanke Wut drohte, mich zu verschlingen. Ich wollte seine Tür aufreißen, schreien und Antworten verlangen. Die Wahrheit verlangen. Jedes bisschen Respekt einfordern, das er mir in all den Jahren verweigert hatte.
Doch als ich wieder auf der Schwelle verharrte, verhedderten sich die Worte, die ich sagen wollte, mit den Tränen, die in meinen Augen brannten. Meine Sicht verschwamm, meine Kehle schnürte sich zu. Die Realität drückte wie ein erdrückendes Gewicht auf mich.
Es war wahr.
Alles, was ich gehört hatte, war real.
Ryker hatte mich nie geliebt.
„Ich habe dir von Anfang an gesagt, du sollst dich nicht mit ihr paaren, Ryker“, spuckte Kattie aus, jedes Wort triefend vor Gift. „Ich habe dir gesagt, du sollst sie glauben lassen, dass du sie liebst, damit sie dir ihr ganzes Erbe freiwillig überschreibt. Elena ist einsam, und einsame Köter wie sie geben alles dem Mann, der so tut, als würde er sich um sie kümmern. Ich habe sogar meinen eigenen Vater verraten für das hier. Aber nein, du hattest ja andere Pläne. Und schau dich an – fünf Jahre später hast du ihr den SilverFang-Rudel immer noch nicht abgenommen!“
Mir stockte der Atem. Fünf Jahre. Fünf Jahre Lügen. Fünf Jahre Demütigung, von der ich nicht einmal gewusst hatte, dass ich sie erlitt.
„Ich habe es versucht, Kattie“, erwiderte Ryker, Frustration schwang in seiner Stimme mit. „Aber sie ist nicht so dumm, wie du denkst. Ich arbeite daran. Gib mir einfach noch etwas Zeit. Bald werde ich sie vor dem ganzen Rudel demütigen und dafür sorgen, dass sie verbannt wird. Sobald das geschehen ist, werde ich dich zu meiner Luna markieren.“
„Du weißt, dass ich sie deinetwegen nicht richtig markiert habe“, fuhr er fort, seine Stimme wurde weich, zärtlich – ein Ton, den er bei mir nie benutzt hatte. „Und du weißt, dass ich sie deinetwegen nie angerührt habe. Wenn sie keinen Erben für den Thron liefern kann, werde ich sie nicht vollständig markieren. Und das kann sie nicht, weil ich aufgehört habe, sie anzufassen.“
Dann kam das Geräusch, das mich endgültig zerbrach.
Er küsste sie.
Ich stand dort, Tränen liefen lautlos über mein Gesicht, während ich dem Mann zuhörte, den ich geliebt hatte, wie er meiner Cousine das Leben versprach, das eigentlich mir gehören sollte – und dabei plante, mich von innen heraus zu zerstören.
Vor Jahren, als mein Onkel Darius den Thron mit Hilfe von Rogue-Wölfen hatte stehlen wollen, war Kattie diejenige gewesen, die mich über seine Pläne informiert hatte. Sie hatte mich gewarnt. Sie hatte mir die Wahrheit ins Ohr geflüstert, als alle anderen weggesehen hatten. Ihre Worte hatten mich überzeugt zu handeln, bevor ihr Vater mir mein Geburtsrecht rauben konnte.
Und die ganze Zeit hatte sie das nur getan, weil sie ihre eigenen Pläne verfolgte?
Die Erkenntnis traf mich wie eine schallende Ohrfeige.
Ich erinnerte mich genau an die Nacht, in der Onkel Darius, ihr Vater, sie wie eine Ware hatte verschachern wollen und sie dem Anführer der Rogues als Gefährtin angeboten hatte. Kattie hatte sich mit solch feurigem Zorn geweigert, dass ich sie dafür bewundert hatte. Ich hatte gedacht, es wäre, weil sie anständig war. Weil sie anders war. Weil sie den Machthunger ihres Vaters nicht teilte.
Aber die ganze Zeit?
Die ganze Zeit hatte sie einfach nur ihre eigenen Intrigen gesponnen – leise, clever, auf einem anderen Weg?
Ein hohles Gefühl riss durch meine Brust.
„Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, Ryker… Du ignorierst meine Ratschläge schon so lange. Liebst du mich überhaupt noch?“ Katties Stimme klang zerbrechlich und zitternd durch die Luft – wie ein verwundetes Tier, das bettelte, nicht zurückgelassen zu werden.
„Du weißt, dass ich dich liebe, Kat. Du bist die einzige Frau, die ich je geliebt habe. Das weißt du.“
Rykers Antwort kam intim und… aufrichtig.
Die Wärme in seinem Ton machte es mir unmöglich zu glauben, was sich gerade vor mir abspielte. Seit dem Moment, in dem sich unsere Wege gekreuzt hatten, hatte Ryker immer behauptet, er würde mich lieben. Er hatte immer gesagt, ich sei die einzige Frau, die sein Herz je gewählt habe. Ich erinnerte mich an die späten Küsse, als wir noch miteinander ausgingen, an die Versprechen, die er auf meiner Haut geflüstert hatte, an die Gelübde während unserer Paarungszeremonie, an die sanfte Zuneigung, die er mir noch gab, als er sich langsam zurückzog. Selbst als die Distanz größer wurde, hatte er weiterhin seine Liebe beteuert. Er hatte darauf bestanden, dass er ohne mich nicht leben könne. Dass er das Leben ohne mich nicht ertragen würde.
War alles nur eine Lüge gewesen?
War alles nichts weiter als ein sorgfältig kalkulierter Plan?
Hier zu stehen und ihnen zuzuhören, ließ mich nicht mehr wissen, was ich denken, fühlen oder glauben sollte.
„Ich habe aufgehört, Elena anzufassen, so wie du es von mir verlangt hast“, fuhr Ryker fort, jedes Wort schnitt tief in mich hinein. „Ich habe aufgehört, ihr Zuneigung zu zeigen, genau wie du es wolltest. Hast du wirklich gedacht, ich könnte mich in einen wolflosen Köter wie sie verlieben? Ich habe dir immer gesagt, dass bemitleidenswerte, verwaiste Wölfinnen wie sie nicht für den Thron bestimmt sind und auch nicht dazu, Luna zu sein. Aber du, meine geliebte Kattie… du bist dafür gemacht. Und schon bald werde ich dafür sorgen, dass du als Luna des SilverFang-Rudels an meiner Seite stehst.“
Ein Köter.
Eine bemitleidenswerte Waise.
Der Raum drehte sich.
Ich konnte meinen Ohren nicht glauben – und noch weniger, dass diese Worte aus Rykers Mund kamen. Dem Mann, den ich fünf Jahre lang geliebt und für den ich alles geopfert hatte. Dem Mann, den ich verteidigt, beschützt und dem ich vertraut hatte. Dem Mann, der mir immer wieder gesagt hatte, dass meine fehlende Wölfin meine Wert nicht minderte. Dem Mann, der Treue geschworen hatte. Dem Mann, der mir nachts die Stirn küsste und versprach, mich niemals zu verlassen.
War jede Berührung, jedes Lächeln und jedes geflüsterte Versprechen eine Täuschung gewesen?
Die Tür knarrte plötzlich auf.
Beide Köpfe ruckten herum, das Lächeln noch auf ihren Gesichtern – bis sie mich sahen.
Ihre Mienen verwandelten sich augenblicklich in blankes Entsetzen.
Sie hatten nicht erwartet, dass ich dort stehen würde. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch nicht erwartet, sie so zu erwischen.
„Elena?“, hauchte Kattie. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, als sie meine tränenüberströmten Wangen sah, meine zitternde Haltung, den Verrat, der sich in meine Züge gegraben hatte.
„Wie lange stehst du schon hier?“, verlangte Ryker zu wissen und trat vor. Aber ich konnte nicht sprechen. Ich stand wie erstarrt da, starrte die beiden an, während weitere Tränen lautlos über mein Gesicht liefen.
Ich konnte das Zittern meiner Hände nicht stoppen.
Ich konnte das Zerbrechen in meiner Brust nicht stoppen.
Ich konnte nicht verhindern, dass sich die Wahrheit unauslöschlich in mich brannte.
Sie hatten mich gebrochen.
Und sie wussten es nicht einmal.
Elenas Perspektive.„Was ist hier passiert?“ Ryker kam herein, die Beine wie aus Gelee, das Gesicht voller Schock. „Wie ist das—“Ich unterbrach ihn, bevor Verdacht aufkommen konnte. „Es ist heruntergefallen. Ich war unachtsam, tut mir leid.“ Die Worte kamen emotionslos über meine Lippen, und mein Blick folgte seinen Bewegungen.Er hob die Halskette auf und starrte auf den zersplitterten Diamanten. Er wirkte nicht wütend – oder er war einfach gut darin, es zu verbergen.Er drehte sich zu mir um, ein Lächeln auf dem Gesicht. „Ich lass sie reparieren. Die können die Edelsteine ersetzen.“Am Anhänger waren meine Initialen eingraviert. Er konnte sie reparieren lassen, aber ich konnte nicht versprechen, dass ich sie nicht wieder zerbrechen würde.Ich lächelte gezwungen, die Stimme nur ein Flüstern. „Danke.“Ryker nickte. Für ihn schien es, als würde ich mich wieder einleben und alles zwischen uns würde gut werden. Aber oh, wie sehr er sich irrte.„Ich muss jemanden in der Stadt besuchen. I
Elenas Perspektive.Kalte Hände legten sich von hinten um mich und ließen meine Augen aufschlagen. Ich war immer noch im Hotelzimmer, der Körper geschwächt gegen das Bett gelehnt. Ich blickte leicht zurück und Ryker war da, eine Hand auf meiner Schulter, sein Gesicht schmiegte sich an meinen Nacken, als gehöre ich ihm. Das tat ich nicht, und das ließ mein Gesicht vor Ekel verzerren. „Schläfst du so früh, Liebe?“, fragte er. Meine Augen waren kaum geöffnet, aber ich erfasste seine Gestalt, als er sich auf dem Bett aufrichtete. „Weißt du“, begann er. „Ich habe beschlossen, dir zu verzeihen, was du auf dem Tanzboden getan hast. Darüber reden wir nicht mehr.“ Ein kleines Schnauben entkam meinen Lippen. Ich brauchte seine Vergebung nicht. Ryker legte sich hinter mich, sein Körper drückte sich eng an meinen. Ich spürte, wie sein Schritt gegen meinen Hintern pressete, und ich spürte, wie hart er war. Seine Hand streichelte meine Beine, glitt über meine nackte Haut hinunter zu
Elenas Perspektive. Ich trat in die Mitte der Halle und blickte mich um, der Blick von Verwirrung durchzogen. Gelächter brach aus allen Ecken hervor. Alphas bewegten sich mit ihren Lunas auf die Tanzfläche. Es dauerte nicht lange, bis ich eine Antwort auf die Frage in meinem Kopf fand. Ja, ich war wiedergeboren worden. Auf der anderen Seite des Raumes stand Ryker mit einem Alpha aus dem Rat, und beide lachten herzlich. Mein Blick verweilte einen Moment auf ihm. Ich hatte ihn geliebt, ihm alles gegeben, doch er hatte mich in meinem ersten Leben erwürgt. Die Mondgöttin hatte mir eine zweite Chance gegeben, und diesmal würde ich das nicht zulassen. Diesmal würde ich sie ruinieren, bevor sie mich ruinierten. Diesmal würde ich nicht zulassen, dass sie mich zerbrechen. Auf keinen Fall. Rykers Blick zuckte zu mir herüber, und er erwischte mich, wie ich starrte. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er trat näher. „Elena …“ Mein Name glitt ihm so leicht über di
Elenas Sicht„Ein bemitleidenswerter Köter, Ryker?“Meine Stimme zitterte, als ich ihn anstarrte. Tränen verschleierten mir die Sicht.Ihre Körper bebten, als ihnen klar wurde, dass ich alles mitangehört hatte.Noch vor wenigen Augenblicken hatte ich die angespannten, schuldbewussten Blicke bemerkt, die sie einander zuwarfen. Sie fragten sich stumm, wie lange ich schon dort gestanden hatte und wie lange sie gewusst hatten, dass ich da war – erstarrt in Ungewissheit.„Elena… das ist nicht, wonach es aussieht“, stammelte Ryker, ließ Katties Hände los und streckte seine nach mir aus. Doch bevor er mich auch nur berühren konnte, zuckte ich zurück, als würde seine Nähe mich körperlich abstoßen. Und genau so fühlte es sich an.Ich konnte es nicht fassen. Noch vor wenigen Minuten war ich bereit gewesen, ihnen zu verzeihen. Ich hatte mir eingeredet, es sei ein Fehler gewesen, ein Ausrutscher wegen Stress oder betrunkenem Leichtsinn. Ich hatte geglaubt, sie könnten Erlösung finden. Doch jetzt
Elenas SichtIch war noch nicht weit von der Tür entfernt, als ich abrupt stehen blieb, wie erstarrt. Katties Stimme erfüllte den Gang.Ich hatte erwartet, dass Ryker mir hinterherlaufen würde. Es wäre nur richtig gewesen. Es wäre natürlich gewesen. Er hatte mich betrogen, und trotzdem war ich bereit gewesen, ihm zu verzeihen. Das Mindeste, was er hätte tun können, war, mir nachzulaufen, um Vergebung zu bitten und wenigstens ein bisschen Reue zu zeigen – selbst wenn sie nur gespielt gewesen wäre.Aber weder er noch Kattie taten es.Stattdessen hallten ihre Stimmen durch den Flur, sorglos, als würde ich nicht existieren, als wäre es ihnen völlig gleichgültig, ob ich noch nah genug war, um jedes Wort zu hören.„Wann willst du es ihr endlich sagen, Ryker? Wie lange willst du sie noch belügen? Ich habe es satt, das Geheimnis zu sein“, fauchte Kattie. Ihre Stimme war scharf und wütend und brach sich an den steinernen Wänden des Gangs.„Komm schon, Kat“, seufzte Ryker viel zu ruhig. „Du ken
Elenas SichtIch stand wie erstarrt da und sah zu, unfähig, etwas zu sagen oder zu tun. Meine Augen klebten förmlich an der Szene vor mir. Ryker schien mich nicht einmal zu bemerken. Er spürte mich nicht, roch mich nicht, während er sich immer wieder in die Frau unter ihm trieb.Unter ihm lag sie und stöhnte schamlos, während er sie nicht nur fickte, sondern ihren Körper mit Küssen bedeckte – Küsse, die er mir immer verweigert hatte. Küsse, von denen er behauptet hatte, er hasse sie.Ich konnte mich nicht bewegen. Konnte nicht einmal atmen.Immer wenn ich zu Ryker gegangen war, seine Zeit gefordert, um Zuneigung gebettelt oder um die Intimität, die Gefährten eigentlich teilen sollten, hatte er mich immer abgewehrt. Immer. Er hatte gesagt, er hasse das Paaren, hasse den Vorgang, hasse Berührungen, hasse Küssen und dass es sich komisch und unnötig anfühle.Und jetzt stand ich hier und sah ihm zu.Sah zu, wie er sich nicht nur in diese Frau stieß, sondern sie küsste. Sie berührte. Sie ve







