Se connecter„Henrik, für sie hast du sogar dein Leben aufs Spiel gesetzt. Und sie?“ Chiaras Stimme klang sanft, doch jedes Wort traf ihn. „Du liegst im Sterben. Sie will dich nicht retten. Sie kommt nicht einmal, um dich zu sehen.“Henriks Finger krümmten sich leicht.„Hat Yuna dich überhaupt jemals geliebt?“ Chiara sah ihm fest in die Augen. Ihre Stimme klang tief verletzt. „Wenn sie dich wirklich geliebt hat, wie kann sie dann so grausam sein? Denk darüber nach. Waren ihre Gefühle für dich in all den Jahren überhaupt echt? Oder …“ Sie hielt inne. Noch leiser fuhr sie fort: „Warst du für sie nur ein Mittel, um an Adrian heranzukommen?“ Die Frage traf ihn wie ein Messerstich.Henrik riss den Kopf hoch. „Halt den Mund!“In Chiaras Blick lagen Mitleid und eine grausame Genugtuung. „Du zweifelst selbst daran, nicht wahr? Adrian hat sich nie für irgendeine Frau interessiert. Warum ausgerechnet für Yuna? Er hasst dich. Er nimmt dir die Frau weg, um sich an dir zu rächen, dich zu demütigen. Genau das ha
„Keine Sorge, Frau Sommer. Es ist nichts passiert. Adrian muss nur ein paar Vorbereitungen treffen, weil Sie zu den Hohenfels fahren. Er kommt bald nach.“Yuna atmete erleichtert aus und ging zu dem Wagen am Straßenrand.Plötzlich stürzte jemand von der Seite auf sie zu. Sven versperrte ihr den Weg. Sein Arm war noch immer eingegipst, sein Gesicht gelblich fahl. In seinen Augen lag ein fast beängstigendes Leuchten. Voller verzweifelter Hoffnung sah er Yuna an wie ein Verdurstender jemanden, der Wasser bei sich hatte.„Frau Sommer!“, rief Sven mit zitternder Stimme, dann sank er vor ihr auf die Knie.Yuna blieb stehen.„Ich habe gehört, Sie fahren zu den Hohenfels?“ Er sah zu ihr auf. In seiner Stimme lag eine kaum unterdrückte Bitte.Sie hatte ihre Abreise nicht öffentlich angekündigt. Sven musste sie also beschattet haben.Ohne ein Wort ging Yuna um ihn herum.„Frau Sommer …“ Auf den Knien rückte er ein Stück weiter. Er wollte nach ihrem Hosenbein greifen, zog die Hand aber wieder zur
„Verbannen?“ Yuna war verblüfft. „Mein leiblicher Vater stammt doch ebenfalls von Ihrer Matriarchin ab, oder?“Zwar durften nur Frauen die Familie führen, doch ihr leiblicher Vater war nun einmal enger mit der Matriarchin verwandt als sie.Beate lächelte. „Bei den Hohenfels haben die Frauen Vorrang. Niemand steht über Ihnen. Ihr Wille ist maßgebend.“Yuna sah sie ungläubig an. Sie hatte lediglich ausloten wollen, welche Zusagen sie der Frau abringen konnte. Dabei hatte sie an Schutz oder ein paar Vorrechte gedacht. Stattdessen bot Beate ihr uneingeschränkte Macht an.Wenn Yuna ihre leiblichen Eltern samt der falschen Tochter einfach verbannen durfte, hatte sie auch bei den Hohenfels das Heft in der Hand.Sie stand auf. „Sie haben eine anstrengende Reise hinter sich, Frau Werner. Ich lasse eine Präsidentensuite für Sie vorbereiten. Ruhen Sie sich heute Nacht aus. Morgen komme ich mit Ihnen zu den Hohenfels.“„Morgen?“ Beate zögerte. „Der Matriarchin geht es sehr schlecht, Frau Sommer. A
Der Empfangsbereich war großzügig und hell. Hinter den bodentiefen Fenstern erstreckte sich die Skyline von Südstadt.Eine ältere Frau stand mit dem Rücken zur Tür am Fenster. Sie trug ein dunkelblaues Baumwollkleid, ihr Haar war makellos frisiert. Als sie die Schritte hörte, drehte sie sich um. Ihr Gesicht war voller Falten, doch ihre Augen waren wach. In ihrem Blick lag eine Gelassenheit, die nur ein langes Leben verleihen konnte.Langsam musterte sie Yuna von Kopf bis Fuß. Dann legte sie die Hände übereinander und verneigte sich förmlich nach alter Sitte.„Guten Tag, Frau Sommer. Beate Werner, zu Ihren Diensten.“„Zu meinen Diensten?“ Yuna ging weiter und setzte sich in den Sessel gegenüber. Mit gespielter Verwunderung fügte sie hinzu: „Ich komme aus einer ganz gewöhnlichen Familie. So viel Ehrerbietung bin ich gar nicht gewohnt.“Sie kannte die Wahrheit über die vertauschten Töchter längst. Wie sie davon erfahren hatte, durfte sie allerdings noch nicht verraten. Silas hatte recht:
Nathan runzelte besorgt die Stirn. „Hat er den Peilsender vielleicht entdeckt? Ist er absichtlich zum Nordpol unterwegs, um uns in die Irre zu führen?“Das Dorf auf der Sankt-Brendan-Insel war die nördlichste Siedlung der Welt. Dahinter erstreckte sich nur noch eine menschenleere Eiswüste, in der bittere Kälte herrschte. Eine so große Familie wie die Hohenfels konnte unmöglich noch weiter im Norden leben. Dort waren die Bedingungen für Menschen zu unwirtlich.Adrian drehte seinen Füller zwischen den Fingern. Sein Blick blieb kalt. „Wenn er den Sender entdeckt hätte, hätte er ihn einfach entfernt. Warum sollte er sich schwer verletzt so weit nach Norden schleppen, nur um uns zum Narren zu halten?“„Hohenfels …“ Mit festem Druck schrieb er das Wort Nordpol aufs Papier. Sein Blick war mörderisch.„Stell ein Team zusammen. Schick die Männer unbemerkt zur Sankt-Brendan-Insel. Sie sollen den Sitz der Hohenfels finden und alles für einen möglichen Rettungseinsatz vorbereiten. Wenn etwas schie
Plötzlich durchbohrte ein trockener, fingerdicker Ast die Kehle des Anführers.Blut schoss aus der Wunde.Der Mann griff sich an den Hals und starrte entsetzt auf den vermeintlich Toten vor sich. Silas öffnete die Augen. Sein Gesicht war aschfahl.„Wie … wie kannst du noch …?“Er lebte noch! Der Mann konnte den Satz nicht mehr beenden. Schon riss Silas ihm den Ast aus der Kehle und stieß damit nach den anderen.„Zurück!“Die Männer versuchten sofort auszuweichen. Trotzdem brach einer von ihnen auf der Stelle tot zusammen.Sie hatten gehört, wie unheimlich gut Silas kämpfen konnte. Aber dass er selbst in seinem Zustand zwei Männer binnen Sekunden tötete, hatte ihm keiner zugetraut.„Rückzug!“Ohne zu zögern flohen sie in verschiedene Richtungen.Silas lächelte. Mit seinem aschfahlen Gesicht wirkte er wie ein Dämon, der von den Toten auferstanden war. „Keiner … von euch … entkommt.“…„Adrian …“ Nathan kam eilig ins Esszimmer.Adrian saß mit Yuna und ihren Eltern beim Essen. Mit gelassen
„Yuna!“Henriks Gesicht verfinsterte sich. Er stürmte ihr nach.Kaum hatte Yuna das Privatzimmer verlassen, rief sie Viktor an. „Herr Moll, etwas ist dazwischengekommen, das Mittagessen fällt aus. Ich fahre direkt zur Besichtigung. Schicken Sie mir die Nummer der zuständigen Person durch.“„Frau Wol
Am nächsten Tag im Vorstandsbüro des Wolfhardt-Konzerns warf Henrik gereizt die Akten auf den Tisch und trommelte mit den Fingernägeln auf die teure Nussbaumplatte. „Ist Yuna immer noch nicht zur Arbeit erschienen?“Der Assistent senkte den Kopf. „Nein, Herr Wolfhardt. Frau Sommer fehlt seit drei Ta
Im VIP-Luxuszimmer der Klinik.Chiara lehnte im Krankenhausbett und nippte an dem warmen Wasser, das ihr Henrik eingeschenkt hatte. „Henrik, ich habe von der Hausangestellten gehört, dass Yuna heute Morgen in einem Rolls-Royce zurückgekommen ist. Und dass sie die ganze Nacht weg war … vielleicht ist
Yuna war zurückgekommen, um ihre Sachen zu holen.Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, drang ein schrilles Lachen an ihr Ohr.Henrik, der sonst nie lachte, saß neben Chiara und erzählte ihr trockene Witze, um sie aufzuheitern.„Hatschi…“Chiara nieste lieblich.„Frierst du?“, fragte Henrik sofort bes






