ログインDer Weg, der bliebNach der Zitadelle kehrten wir nicht einfach zur Straße zurück. Es gab keine Straße mehr, die uns erwartet hätte. Die Landschaft hatte sich verändert, seit die Schwelle ihre Verantwortung verteilt hatte. Wege, die früher fest gewesen waren, verliefen nun durch neue Täler. Flüsse hatten ihre Richtung gewechselt. An manchen Orten standen Türen, wo zuvor Mauern gewesen waren, und an anderen wuchsen Mauern, wo Menschen zu lange geglaubt hatten, jeder Zugang müsse offenbleiben.Wir gingen langsam.Niemand von uns wusste, ob wir noch Träger der Schwelle waren oder nur Menschen, die gelernt hatten, eine Entscheidung nicht an sich zu reißen. Vielleicht war der Unterschied nie so groß gewesen, wie wir geglaubt hatten. Eine Schwelle zu tragen bedeutete nicht, sie auf den Schultern zu halten. Es bedeutete, darauf zu achten, wer durch sie hindurchging und wer am Rand zurückblieb.Das erste Dorf, das wir erreichten, hieß Rückkehr. Es lag an einem Fluss, der sich in mehrere Arme
Das Tor ohne MauernDie Stimme meines Vaters verklang über dem Wasser, doch ihre Wirkung blieb. Das Boot glitt weiter, direkt auf die Zitadelle zu. Ihre Säulen ragten aus dem See wie die Überreste eines Bauwerks, das nie vollständig auf der Erde gestanden hatte. Zwischen ihnen hing das dunkle Tor, frei in der Luft, ohne Mauer, ohne Angeln und ohne sichtbaren Weg hindurch.Meine Mutter saß still am Bug. Der Regen hatte aufgehört, aber auf ihrem Mantel glänzten noch Tropfen.„Ist er dort?", fragte ich.„Vielleicht."„Du sagst das immer."„Weil ich es nicht weiß."Zum ersten Mal klang ihre Ungewissheit nicht wie ein Verbergen. Sie war einfach eine Lücke, die auch sie nicht schließen konnte.Das Boot erreichte die erste Säule. Der schwarze Kreis an seinem Bug begann zu leuchten. Daraufhin öffnete sich zwischen zwei Säulen ein schmaler Wasserweg. Er führte nicht vorwärts, sondern nach oben. Das Boot hob sich langsam aus dem See, als würde eine unsichtbare Strömung es tragen.Luna hielt sic
Die Stadt unter dem RegenDer Regen begann, bevor wir die Stadt erreichten. Er fiel nicht aus Wolken, sondern schien aus der Luft selbst zu entstehen. Jeder Tropfen leuchtete golden, bevor er auf dem Boden zerplatzte. Die Laterne aus Auris nahm das Licht auf und führte uns über einen schmalen Damm, der zwischen flachen Wasserflächen verlief.Je näher wir kamen, desto deutlicher wurde die Stadt unter dem Regen. Ihre unteren Straßen standen vollständig unter Wasser. Dächer ragten aus der Oberfläche, Brücken verbanden Türme, und zwischen den Häusern fuhren schmale Boote. Über allem lag ein gleichmäßiges Prasseln, das Stimmen und Schritte verschluckte.Am äußeren Tor erwartete uns ein Junge mit einem langen blauen Mantel. Er hieß Nilo und hielt ein Seil in der Hand.„Ihr seid die Träger der Laterne", sagte er.„Woher weißt du das?", fragte Kael.„Das Licht ist vor euch angekommen."Er führte uns durch eine überflutete Straße. An den Häusern hingen Schilder mit Namen und Wasserständen. Man
Die Stadt aus MorgenlichtDas goldene Licht, das wir am Rand des Tals gesehen hatten, blieb auch am nächsten Morgen über dem Horizont. Es bewegte sich nicht mit der Sonne. Es war, als würde eine unsichtbare Stadt vor uns erwachen und ihre Fenster nach und nach öffnen.Wir folgten ihm durch rotes Gras und niedrige Wälder. Der Weg stieg langsam an, bis wir einen breiten Rücken erreichten. Dahinter lag eine Stadt, die aus hellem Stein gebaut war. Ihre Mauern glänzten wie Metall, ihre Dächer schimmerten silbern, und zwischen den Häusern verliefen schmale Kanäle, in denen kein Wasser, sondern Licht floss.„Sie hat keine Schatten", sagte Luna.Tatsächlich warfen die Gebäude keine dunklen Umrisse auf den Boden. Alles schien von innen beleuchtet. Selbst die Menschen, die auf den Straßen gingen, hatten einen hellen Rand um ihre Körper.Am Eingang stand ein Torbogen ohne Tor. Darüber war eine Inschrift eingraviert:Wer eintritt, wird gesehen.Meine Mutter blieb stehen.„Das ist keine gewöhnlich
Das Tal der zurückkehrenden SchattenDer Palast aus Salz blieb hinter uns zurück, doch seine Leere begleitete uns. Wo früher Türme gestanden hatten, glitzerte nun nur noch eine weiße Fläche im Sonnenlicht. Menschen gingen zwischen den Resten umher und suchten nicht nach verlorenen Dingen, sondern nach den Entscheidungen, die sie selbst treffen mussten. Wir hatten ihnen keine Antworten hinterlassen. Nur Räume, in denen sie sich erinnern konnten.Der Weg führte uns nach Westen, in ein Tal, dessen Hänge dunkel und glatt waren. Am Fuß der Berge lag dichter Nebel. Er bewegte sich nicht mit dem Wind, sondern schien aus dem Boden aufzusteigen. Schon bevor wir das Tal betraten, sahen wir darin Gestalten.Zuerst hielt ich sie für Reisende. Dann erkannte ich, dass sie keine Schatten warfen.„Bleibt zusammen", sagte Kael.Wir folgten einem schmalen Pfad zwischen schwarzen Felsen. Der Nebel reichte uns bis zu den Knien und roch nach feuchter Erde. Immer wieder tauchten Gestalten neben uns auf. Ma
Der Palast aus SalzDer unterirdische Fluss begleitete uns noch drei Tage, bevor er zwischen den Hügeln verschwand. Sein Lauf wurde schmaler, dann versickerte er in einem Bett aus hellem Kies. Wir folgten dem Wasser so lange, bis selbst die feuchten Stellen unter unseren Fingern verschwanden. Vor uns lag eine weite, weiße Ebene. Die Sonne spiegelte sich auf ihrer Oberfläche, und in der Ferne erhoben sich Türme, Mauern und Bögen, die aussahen, als wären sie aus gefrorenem Licht gebaut.„Das ist kein Eis", sagte Lyra.Elias kniete nieder und nahm ein wenig von dem weißen Staub auf. Er kostete nicht davon, sondern rieb ihn zwischen den Fingern. „Salz."Die Menschen, die in den Dörfern an den ausgedörrten Feldern lebten, hatten uns vor diesem Ort gewarnt. Sie nannten ihn den Palast aus Salz. Niemand wusste, wer ihn erbaut hatte. Manche behaupteten, er sei einst das Zentrum eines großen Reiches gewesen. Andere sagten, er sei aus den Tränen jener Menschen entstanden, die dort ihre Erinnerun







