LOGINIch wich von der verschlossenen Tür zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die kalte Wand stieß. Der große Mann im dunklen Anzug trat ins helle Morgenlicht. Sein Gesicht war blass, doch markant und außergewöhnlich attraktiv. Er sah nicht aus wie ein durchsichtiger Geist aus einem Horrorfilm. Er wirkte wie ein echter Mensch aus Fleisch und Blut.
Doch ich erinnerte mich daran, wie er gestern mühelos durch den massiven Holztisch gegangen war.
Meine Brust hob und senkte sich hektisch, während ich nach Luft rang. Zitternd schlang ich die Arme um meinen Körper und beobachtete ihn.
„Was wollen Sie von mir?“, fragte ich mit kaum hörbarer Stimme.
Er blieb stehen und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Seine dunklen Augen musterten mein Gesicht. Darin lagen Zorn, aber auch tiefe Traurigkeit.
„Ich will nur Frieden und Ruhe in meinem eigenen Haus“, sagte er mit fester Stimme. „Du hast deinen Lärm und dein warmes Blut in mein Refugium gebracht. Seit über hundert Jahren bin ich allein in diesem eisigen Zimmer. Dein lautes Auto und deine unbeholfenen Schritte haben meine lange, stille Ruhe für immer zerstört.“
Ich schüttelte den Kopf und wischte mir eine frische Träne von der Wange.
„Dieses Herrenhaus gehört jetzt mir“, erwiderte ich mit mühsam gespieltem Mut. „Der Anwalt hat mir gestern die Eigentumsurkunde und die schweren Eisenschlüssel übergeben. Sie sind derjenige, der nicht mehr in dieses Haus gehört.“
Ein hartes Lachen entfuhr ihm. Es klang wie zerbrechendes Glas.
„Papier bedeutet einem Toten gar nichts“, sagte er mit kalter Verachtung. „Ich habe diese Steinmauern mit meinen eigenen Händen und dem Vermögen meiner Familie errichten lassen.“
Langsam glitt er lautlos auf mich zu.
Ich presste meinen Rücken noch fester gegen die schwere Holztür.
„Bitte... lassen Sie mich gehen“, flehte ich mit belegter Stimme. „Ich verspreche, ich packe heute noch meine Sachen und fahre weg. Ich werde nie wieder an diesen schrecklichen Ort zurückkehren.“
Der Geist blieb nur wenige Zentimeter vor mir stehen.
Ich spürte die unnatürliche Kälte, die von ihm ausging.
Er legte den Kopf leicht schief und betrachtete mein verängstigtes Gesicht.
„Du kannst dieses Haus nicht mehr verlassen“, flüsterte er.
„Mit deiner Ankunft wurde die uralte Blutmagie des Anwesens erneut erweckt. Die Haustüren werden sich für dich nicht mehr öffnen. Auch die eisernen Tore draußen bleiben verschlossen – bis alles endet.“
Eine Welle nackter Angst durchströmte meinen ganzen Körper.
„Sie lügen!“, schrie ich und schlug ihm gegen die Brust.
Meine Hand glitt einfach durch seinen Körper hindurch, als bestünde er aus eiskaltem Nebel.
Die Kälte brannte auf meiner Haut und jagte einen schmerzhaften Schauer meinen Arm hinauf.
Erschrocken zog ich die Hand zurück und keuchte vor Schmerz.
Er blinzelte nicht einmal.
„Mein Fluch hält mich für immer in diesem Gästezimmer gefangen“, sagte er ruhig. „Ich kann die Schwelle dieser Tür niemals überschreiten. Du dagegen bist an das gesamte Grundstück gebunden. Wir beide sind Gefangene dieses Ortes... bis der alte Fluch gebrochen wird.“
Langsam rutschte ich an der Tür hinunter und setzte mich auf den Boden.
Ich verbarg mein Gesicht in den Händen und begann hemmungslos zu weinen.
Die Tränen liefen über meine Wangen und tropften auf meine schmutzige Jeans.
Der Geist beobachtete mich mehrere lange Minuten schweigend.
Schließlich seufzte er leise und kniete sich neben mich.
„Ich möchte dir einen einfachen Handel anbieten“, sagte er mit ruhiger Stimme.
Ich hob langsam den Kopf.
„Wenn du mir hilfst, diesen Fluch zu brechen, werde ich für immer verschwinden. Du bekommst dein ruhiges Zuhause zurück... und dein normales Leben.“
Ich sah ihn mit tränennassen Augen an.
„Wie soll ein ganz normales Mädchen wie ich einen uralten Blutfluch brechen?“
Er hob einen blassen Finger und deutete zur steinernen Decke.
„Du musst mein verborgenes Arbeitszimmer im Obergeschoss finden. In meinem Schreibtisch befindet sich ein wichtiges Dokument. Finde es und verbrenne es zu Asche.“
Ich wischte mir das Gesicht ab und dachte über seine Worte nach.
„Woher weiß ich, dass Sie mir danach nichts antun werden?“
Er beugte sich leicht zu mir vor.
Seine dunklen Augen hielten meinen Blick fest.
„Ein wahrer Gentleman verletzt niemals eine weinende Frau“, flüsterte er.
Ich holte tief Luft und nickte schließlich erschöpft.
Der Geist erhob sich und trat von der Tür zurück.
Ein lautes Klicken durchbrach die Stille.
Ich griff sofort nach dem silbernen Türgriff und zog.
Die schwere Tür schwang auf, und ich stolperte beinahe hinaus.
Schnell rappelte ich mich auf und rannte in den Flur.
Ich wagte keinen einzigen Blick zurück in das eisige Zimmer.
Stattdessen stürmte ich die große Treppe hinauf, auf der Suche nach dem Arbeitszimmer.
Das Obergeschoss war von Staub bedeckt. Weiße Laken verhüllten die Möbel.
Schließlich entdeckte ich eine gewaltige Doppeltür.
Ich drückte sie auf und trat ein.
Das große Arbeitszimmer wirkte, als wäre die Zeit stehen geblieben.
In der Mitte stand ein riesiger Schreibtisch aus dunklem Holz.
Ich ging hinüber und zog die oberste Schublade auf.
Darin befand sich jedoch kein Dokument.
Stattdessen lag dort ein kleines altes gerahmtes Foto.
Vorsichtig hob ich es auf und wischte den Staub vom Glas.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Die lächelnde Frau auf dem Bild...
war ich.
Der Aufstieg über den steilen Pfad ging langsam voran, doch jeder Schritt fühlte sich leichter an als der vorherige.Elias hielt seinen linken Arm fest um Zaras Taille gelegt und nahm den größten Teil ihres Gewichts auf seine breite Schulter. Ihre Stiefel knirschten im blassen Morgenreif und hinterließen tiefe Spuren im gewundenen Pfad. Unten in der Senke waren die alten Basaltsäulen nur noch kleine Haufen grauen Schotters, die leise unter einer zarten Schicht frischen Schnees verschwanden.Der üble Geruch des roten Steins war vollkommen verflogen.Die Luft war frisch und rein, schmeckte nach Kiefernnadeln, kühlem Fels und dem klaren Morgenlicht.Als sie die letzte Biegung am Rande des Kessels erreichten, kamen zwei Gestalten durch die niedrigen Fichten herbeigeeilt.Julian rannte so schnell, dass sein Schal wie eine Fahne hinter ihm herwehte, während seine Brille auf der Nase hüpfte. Dicht hinter ihm lief Clara, die ihren Rock mit einer Hand gerafft hielt, ihre Wangen leuchtend rosa
Die Luft auf dem Grund des Kessels schmeckte nach verbranntem Kupfer und abgestandenem Wasser.Victor stand am Fuße der riesigen roten Säule und stützte beide Hände auf seinen eisernen Stock. Der weiße Samt seines Kragens regte sich nicht, denn auf dem Grund der Senke wehte kein natürlicher Windhauch. Nur die kranke Hitze, die von dem roten Stein aufstieg, rollte über den Frost und roch wie eine offene Wunde, die nicht heilen wollte.Elias wich keinen Schritt zurück. Er stand zwei Schritte vor Zara, seine breiten Schultern fest gegen den roten Schein gestellt. Seine derben Stiefel standen sicher und unbeweglich auf den gefrorenen Bodenplatten."Du sprichst wie ein Herrscher, Victor", sagte Elias mit rauer, fester Stimme. "Doch du stehst in einer leeren Grube. Deine zwölf Pfeiler sind toter Fels. Du hast kein Gefolge, keine Brüder und kein Gewölbe mehr. Du bist nur ein alter Mann mit einem Gehstock, der darauf wartet, dass die Kälte ihn einholt."Victors schmale Lippen verzogen sich zu
Der Weg ging in gefrorene Erde über, als der weiße Wagen in das Tal des Nordens hinaufstieg.Die Nacht war schon vor Stunden hereingebrochen, doch es war keine gewöhnliche Dunkelheit. Es war der Vorabend der Wintersonnenwende, die längste Nacht des ganzen Jahres.Über den kahlen Baumkronen stand der schwarze Himmel voller kalter Sterne, die nicht funkelten. Sie standen unbeweglich am Firmament, scharf wie gesprungenes Glas.Julian schaltete die Scheinwerfer achthundert Meter vor dem Pass aus und ließ den Wagen mit dem Schwung ausrollen, bis die Reifen in einer dichten Schicht welker Farne zum Stehen kamen."Hier ist der Rand", flüsterte Julian. Er nahm die Brille ab und wischte den Beschlag mit dem Saum seines Hemdes von den Gläsern. Seine Hände wollten einfach nicht aufhören zu zittern. "Auf den Karten der Landvermesser heißt dieser Ort Teufelskessel, doch die alten Urkunden nennen ihn die Flüsternde Senke. Die Straße endet genau am Abgrund des Beckens."Clara griff nach hinten und r
Der salzige Seewind fühlte sich rein an, als sie den schmalen Klippenpfad wieder hinaufstiegen.Unten in der felsigen Bucht stand das leere Lagerhaus aus Stein der Flut weit offen. Die schwere Eisentür lag nur noch als verbogene Platte im nassen Kies und kühlte ab, während das Salzwasser bereits über die Schwelle schwappte und die letzten Reste von Knochen und geborstenen Fässern forttrug.Als sie den Rand der Klippe erreichten, stand Julian auf dem Dach des weißen Wagens und blickte durch sein Fernglas.Kaum sah er die beiden aus dem Ginster treten, glitt er über die Haube hinab und stolperte im nassen Gras beinahe über seine eigenen Stiefel. Clara stieß die Seitentür auf, ihr Wolltuch flatterte im Wind, als sie ihnen entgegeneilte."Der weiße Rauch!", rief Julian, sein Gesicht strahlte vor lauter Freude. "Wir haben ihn vor zwanzig Minuten gesehen! Eine saubere weiße Wolke stieg direkt aus den Felsen auf! Der Funk schwieg für ein paar Sekunden, und dann kamen von allen Stationen gute
Das Tosen des Meeres war das Erste, was an ihre Ohren drang, während die Wellen sechzig Meter weiter unten gegen die schroffen Felsen brandeten.Ein feuchter, salziger Nebel lag schwer auf den Scheiben des Wagens, dicht und grau. Julian lenkte das Fahrzeug in ein weites Ginsterdickicht und stellte den Motor direkt an einer alten Steinmauer ab, die halb im Unkraut versunken war.Die Luft draußen war schneidend kalt und schmeckte nach Seetang, feuchtem Schiefer und herbem Salzwasser.Zara setzte sich auf der hinteren Bank auf und rieb sich mit dem Ärmel die Augen. Elias stand bereits auf den Beinen und schnallte seinen derben Ledergürtel fest um die Hüfte. Sein schweres Jagdmesser saß sicher in der Scheide, und den dicken Kragen hatte er hochgeschlagen, um die kalte Gischt von seinem Nacken fernzuhalten."Wir sind da", sprach Elias ruhig und reichte Zara die Hand, um ihr aufzuhelfen.Zara nahm seine Finger, und die vertraute violette Wärme floss sogleich in ihre Haut. Die Müdigkeit verf
Der weiße Wagen holperte über die zerfurchten Feldwege, während die Salzhügel hinter ihnen verblassten.Julian hielt das Lenkrad mit beiden Händen fest umklammert, die Kiefer angespannt, während er tiefen Schlaglöchern auswich. Die gelben Scheinwerfer schnitten durch die aufziehende Dunkelheit und warfen ihr Licht auf totes Gras, verrostete Drahtzäune und einsame Telefonmasten, die seit fünfzig Jahren keine Stimme mehr übertragen hatten.Hinten im Wagen verflüchtigte sich langsam der Geruch nach trockenem Salz.Clara hatte ein kleines Glas mit eingelegten Pflaumen geöffnet und ein hartes Roggenbrot auf einem sauberen Leinentuch in Scheiben geschnitten. Sie reichte Zara zwei dicke Stücke und goss dann warmen, bitteren Zichorienkaffee in zwei Blechbecher."Esst auf, ihr beiden", sagte Clara leise und setzte sich auf die Bank ihnen gegenüber. "Die Küstenstraße ist rau, und der Wind vom Salzwasser beißt sich direkt durch ein Wollhemd, wenn der Magen leer ist.""Danke, Clara", murmelte Zar






