Se connecterKapitel 115 Die AufnahmeJONATHAN (Perspektive)Die ersten zehn Sekunden waren nur vom Wind und dem gedämpften Reiben von Stoff erfüllt – dem Geräusch eines Telefons, das achtlos in eine Manteltasche geschoben wurde. Dann schloss sich irgendwo im Hintergrund eine Tür, und eine Stimme, die ich besser kannte als meine eigene, sprach aus dem winzigen Lautsprecher.*„Bist du dir sicher wegen des Rings? Sag mir, dass du dir sicher bist.“*Will. Jünger. Unbeschwerter, mit einem Lachen, das noch jene Leichtigkeit hatte, die er besaß, bevor er gelernt hatte, seine Worte genau abzuwägen.Und dann ich – warm, mit leicht verwaschener Stimme und einem Grinsen im Gesicht; ein Mann, der keine Ahnung hatte, dass er gerade aufgenommen wurde.*„Ich bin mir sicher, dass es der richtige Schritt ist. Das ist etwas anderes, als sich absolut sicher zu sein.“*Catalinas Hand auf meinem Ärmel erstarrte.Ich hätte die Aufnahme stoppen sollen. Ich kannte das Datum auf dem Ordner, ich wusste, welcher Abend das
Kapitel 114Das dritte BildJONATHAN (Perspektive)Ich las die Nachricht dreimal. Die Worte änderten sich nicht, und die Frau auf dem Foto ebenfalls nicht.Catalina stand auf der Stufe vor dem Gästehaus, eine Hand am Türgriff, das Gesicht der Kamera zugewandt – eingefangen in jenem Bruchteil einer Sekunde, bevor sie sich ganz umdrehte. Sie trug den grauen Mantel, der sonst über der Lehne ihres Bürostuhls hing. Ihr Haar war offen. Das Licht der Verandalampe warf einen zarten gelben Schimmer auf ihren Wangenknochen.Der Zeitstempel in der Ecke des Bildes zeigte 23:42 Uhr an.„Das ist unmöglich“, sagte ich.„Jonathan.“ Viviennes Stimme drang aus weiter Ferne an mein Ohr. „Wer ist das?“Ich antwortete nicht. Ich scrollte, um das Datum zu überprüfen. Vor neunzehn Tagen. Ich zählte rückwärts, und die Zahl schlug wie ein schwerer Brocken in mir ein: Das war die Woche des Hargrove-Abschlusses gewesen. Die Woche, in der ich kaum zu Hause gewesen war. Die Woche, in der Vivienne behauptet hatte,
Kapitel 113Die FrageJONATHAN (Perspektive)Ich hatte nicht geschlafen. Ich saß in meinem Büro im einundvierzigsten Stock, während die Lichter der Stadt hinter der Glasscheibe hingen – wie etwas, das ich gar nicht hätte ansehen dürfen –, und beobachtete, wie der Himmel von Schwarz in ein fahl-graues Zwielicht überging.Marcus war schon beim zweiten Klingeln rangegangen; daran erkannte ich, dass er bereits davon wusste. Er fragte nicht, ob es wahr war. Er verlangte den Link, dann den Account-Namen, und schließlich sagte er jenen Satz, den Anwälte äußern, wenn sie verhindern wollen, dass man sich in Panik verliert: „Gib mir Zeit bis morgen früh.“Um halb sechs war das Video von der Website verschwunden. Um sechs Uhr war es auf zwei anderen Seiten wieder aufgetaucht.Ich klappte den Laptop zu und beließ es dabei.Die Sonne war kaum aufgegangen, als ich in die Auffahrt einbog. Das Haus lag blass und still vor der Kulisse der Bäume; alle Fenster waren dunkel, bis auf eines im zweiten Stoc
Kapitel 112Der UploadJONATHAN (Perspektive)Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß. Lange genug, damit der Mann auf dem Bildschirm seine Haltung veränderte. Lange genug, damit die Frau ihr Gesicht der Kamera zuwandte und für eine halbe Sekunde direkt in die Linse blickte.Sie wusste, dass sie da war.Das war der erste klare Gedanke, der sich durch den Alkohol bahnte, und er traf mich härter als das Bild selbst. Vivienne hatte die Kamera so angesehen, wie eine Frau etwas betrachtet, dem sie bereits zugestimmt hat. Kein Erschrecken, kein Zurückzucken. Nur ein langsamer Blick mit schweren Lidern, und dann neigte sich ihr Kopf wieder zurück.Ich drückte auf den Bildschirm. Das Video blieb bei ihrem Mund stehen.„Jonathan“, sagte Will leise.„Wie lange ist das schon online?“„Ich habe es vor etwa zwei Stunden gefunden.“ Er rieb sich das Kinn, und ich bemerkte, dass seine Hand nicht ruhig war. „Ich wusste nicht, ob ich es dir im Büro sagen sollte – oder überhaupt. Dann kamst du rein und s
Kapitel 111*JONATHAN (Sichtweise)Die Bar war genau die Art von Ort für Männer, die Lärm brauchten, aber keine Unterhaltung. Gedimmtes Licht, dunkles Holz, das stetige Wummern von Bässen, die sich nie ganz zu einem Lied formten, das man hätte benennen können. Ich hatte sie vorgeschlagen, ohne groß darüber nachzudenken – irgendwo zwischen Büro und Zuhause, ein Ort, der sich nach dieser Woche noch neutral anfühlte. In den ruhigeren Momenten tauchte immer wieder Catalinas Gesicht vor meinem geistigen Auge auf: wie sie mich angesehen hatte, bevor sie das Gebäude verließ, und die bewusste Distanz, die sie wahrte, auch wenn ihre Augen etwas ganz anderes verrieten. Ich drängte diesen Gedanken beiseite, so wie ich in letzter Zeit alles andere verdrängt hatte: Viviennes Nachthemd an der Tür, den Vorwurf wegen des Chauffeurs, die kalte Endgültigkeit, mit der ich ihr gesagt hatte, dass ich mit unserem Leben abgeschlossen hatte. Die Erinnerung an sie, wie sie zusammengerollt auf dem Boden gelege
Kapitel 110*Der Morgen zog sich in die Länge, wie es nur Krankenhausvormittage können – gemessen an den stillen Intervallen zwischen den Kontrollgängen des Pflegepersonals und dem langsamen Hellerwerden des Lichts auf dem Boden. Wir blieben länger im Zimmer, als irgendjemand von uns geplant hatte. Unser Großvater schien – trotz all seiner Beschwerden über das Essen und die endlosen Überwachungsmaßnahmen – zögerlich, diesen Moment zu beenden. Immer wieder fand er neue Gründe, uns bei sich zu behalten: eine Geschichte über den Sommer, den Susan und ich im Haus am See verbracht hatten, als wir noch jung genug waren, um zu glauben, das Wasser reiche bis ins Unendliche; eine gezielte Frage, ob ich Vivienne schon angemessen auf die Idee der Sonntagsessen vorbereitet hätte, sobald er wieder zu Hause wäre; das plötzliche Bestehen darauf, dass Susan die genaue Farbe der Nordlichter beschrieb, die sie zuletzt gesehen hatte.Susan ging auf seine Wünsche mit jener trockenen Geduld ein, die sie s
Kapitel 5Catalina„Gehen Sie zurück und lassen Sie mich herein. Nur sie kann mich richtig verarzten.“„Boss, Ihr Vater hat uns strenge Anweisungen gegeben. Sie dürfen diesen Flügel nicht ohne Catalinas Erlaubnis betreten.“„Ich bin immer noch der Boss dieses Anwesens. Gehen Sie mir aus dem Weg, be
Kapitel 4Catalina„Catalina? Bitte öffne deine Augen. Sieh mich einfach an. Versuch, dich zu konzentrieren.“Ich öffnete die Augen. Das Erste, was ich sah, war eine blendend weiße Decke. Das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors hallte laut in dem kleinen Zimmer wider. Ich drehte den Kopf leicht
Kapitel 3Catalina„Sie werden nicht schneller zurückkommen, Madam, wenn Sie auf und ab gehen.“Ich blieb stehen und sah Marco an, den Chef der Hauswache. „Ich kann nicht einfach auf dem Sofa sitzen, Marco. Was, wenn der Hinterhalt sie verfolgt hat? Was, wenn Rodrigo gerade mitten im Kreuzfeuer ste
Kapitel 1Catalina„Du musst sofort zum Anwesen kommen, Catalina. Sie lebt.“„Was?“, platzte es aus mir heraus, bevor ich es verhindern konnte. Wer lebte?„Deine Schwester, sie lebt.“Die Stimme meines Vaters klang durch den Telefonlautsprecher so sanft wie seit drei Jahren nicht mehr. Er wartete n







