Share

DAS LICHT IM NORDEN

last update publish date: 2026-08-29 02:50:27

Sigrún schickt ein Signal, im Maerz des dreiundzwanzigsten Jahres, und das Signal ist nicht durch Brief, nicht durch Telefon, nicht durch das arktische Netz.

Es kommt durch das noerdliche Netz, direkt, wie ein Licht, das durch das Wasser scheint, und das Licht sagt: Komm.

Ich stehe am Fruehstueckstisch und das Signal landet, und ich weiss sofort, was es ist und woher es kommt.

Sigrún, sage ich laut, obwohl niemand im Raum ist.

Amara kommt herein, mit dem Heft unter dem Arm, und sieht mein Gesic
Continue to read this book for free
Scan code to download App
Locked Chapter

Latest chapter

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   WAS DAMON ALLEIN HAELT

    Damon haelt das Anwesen allein.Das klingt gross, weil es gross ist: Damon Ashford, Alpha des noerdlichen Rudels, haelt das Anwesen, ohne die Mondgesegnete, ohne Amara, nur mit dem Rudel und dem Netz und sich selbst.Das war nie so, sage ich zu ihm, eines Abends.Doch, sagt er.Ich schaue ihn an.Das erste Jahr, sagt er. Bevor du kamst. Das Anwesen war immer da, das Rudel war da, und ich hielt, ohne das Netz vollstaendig zu kennen. Das war auch das Allein-Haelten.Das erste Jahr, sage ich. Das hatte ich vergessen.Das Vergessen ist das Zeichen, sagt er, dass das Danach so viel grösser war als das Davor, dass das Davor im Danach verschwand.Das Davor verschwand im Danach, sage ich.Das Netz, sagt Damon, haelt jetzt vollstaendig. Das ist der Unterschied zwischen dem ersten Jahr und jetzt: damals hielt ich mit einem Netz, das schlaeferte. Jetzt halte ich mit einem Netz, das vollstaendig summt.Das vollstaendig s

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DAS SIGNAL VON AMARA

    Das erste Signal von Amara kommt nach zwei Wochen, und es kommt durch das noerdliche Netz, nicht durch Telefon oder Brief.Das Signal ist klar und stark, das Zeichen, dass Amara gut ankam, dass das noerdliche Netz sie traegt, auch in der Ferne. Ich stehe am Fenster und spuere es, und das Spueren ist das Warmste, das ich seit Wochen fuehlte.Gut, sage ich zu dem Signal.Das Netz antwortet, das Summen.Dann kommt ein Brief, drei Tage nach dem Signal, handgeschrieben, weil Amara immer schreibt, wenn etwas Wichtiges zu sagen ist.Sie schreibt: Ich bin angekommen. Der Ort ist real. Das noerdliche Netz ist hier, sehr schwach, aber da. Das ist das Schlaefende, das ich suchte. Es haelt, aber es haelt nicht vollstaendig. Als ob ein Feuer nur gluehende Kohlen hat, keine Flamme.Die gluehenden Kohlen, sage ich zu Damon.Das noerdliche Netz, sagt er, schlaeft nicht vollstaendig im fernen Osten. Es gluehte, die ganze Zeit.Das Gluehen ist das Warten, sage ich.Das Warten auf Amara, sagt er.Das wa

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DAS ANWESEN ALLEIN

    Es gibt Dinge, die Amara weiss und nicht sagt.Das bemerke ich, im Sommer des fuenfunddreissigsten Jahres, weil ich Amara seit dreissig Jahren kenne und weil das Kennen das Sehen des Nicht-Gesagten einschliesst.Sie weiss etwas. Das siebte Netz zeigte es ihr, oder das noerdliche, oder das vierzehnte, das Erinnern. Und sie sagt es nicht, weil der Moment noch nicht da ist.Ich sage es ihr, an einem Abend, beim Feuer.Du weisst etwas, sage ich.Sie schaut mich an, und ich sehe die Bestaetigung, das leichte Erkennen, dass ich das Nicht-Gesagte sehe.Ja, sagt sie.Was ist es? sage ich.Sie denkt nach. Das Netz, sagt sie schliesslich, zeigte mir das Kommende. Das Naechste. Das Naechste nach allem, was war.Das Naechste nach allem, sage ich.Du weisst, was das Naechste ist, sage ich.Ja, sagt sie.Wann sagst du es?Wenn der Moment kommt, sagt sie. Das Netz sagt: noch nicht. Das ist eine der schwierig

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   WAS SIGRÚN UEBER DAS SIGNAL SAGT

    Sigrún, als ich ihr von dem Signal erzaehle, ist laenger still als sie je war.Das ist das Zeichen: Sigrún, die die Stille kennt, die die laengste Stille als Antwort traegt, ist stiller als sonst.Du weisst etwas, sage ich.Sie atmet einmal tief. Das arktische Netz, sagt sie, kennt das Signal.Wie? sage ich. Das noerdliche kennt es nicht.Das noerdliche Netz, sagt Sigrún, kennt das Netz. Das arktische Netz kennt das, was das Netz traegt. Das sind verschiedene Kennen.Das arktische Netz kennt das Tragende, sage ich.Das arktische Netz, sagt Sigrún, ist das Fundament. Das Fundament kennt den Boden, auf dem es steht. Der Boden ist das, was ich immer fuehlte, unter dem arktischen Netz, sehr tief, sehr still.Das Vor-der-Stille, sage ich.Das Vor-der-Stille, sagt Sigrún. Das kenne ich. Aber ich kannte nie den Namen. Ich kannte nur das Gefuehl.Das Gefuehl, sage ich.Das Gefuehl, sagt Sigrún, ist das Groesste und das Kleinste gleichzeitig. Das Groesste, weil es das Unbenennbare ist. Das Kle

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   WAS SARA ENTDECKT

    Sara kommt im Winter des fuenfunddreissigsten Jahres mit einer Entdeckung, die sie allein nicht verarbeiten kann.Sie ruft nicht an. Sie schreibt nicht. Sie kommt persoenlich, mit Luna auf dem Arm, und tritt durch die Eingangstuer mit dem Ausdruck von jemandem, der etwas trug, allein, zu lange.Was ist passiert? sage ich.Sara setzt sich, Luna auf dem Schoss, und sagt: Das suedliche Netz zeigte mir etwas, das ich nicht verstand.Was? sage ich.Das suedliche Netz, sagt Sara, haelt nicht nur die lebenden Mondgesegneten. Es haelt auch die, die gingen.Die, die gingen, sage ich.Die Toten, sagt Sara, sehr ruhig. Das suedliche Netz haelt das Gedaechtnis der Mondgesegneten, die das suedliche Netz trugen, bevor Carolina. Bevor Carolina. Das sind Generationen.Das suedliche Netz haelt die Generationen, sage ich.Nicht nur als Erinnerung, sagt Sara. Als Verbindung. Ich spuere sie. Die Frauen vor Carolina. Ihre Stimmen, nicht als Woerter, als Gefuehl. Das suedliche Netz verbindet mich mit ihnen

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   WAS DAS NETZ SCHLIESSLICH IST

    Der vierunddreissigste Jahrestag des Vertrags kommt, und ich stehe am Fenster, und der Oktoberwald ist das Schoenste, das ich je sah.Das sage ich jeden Oktober.Das ist immer wahr.Damon steht neben mir, wie er es immer tat, und wir schauen auf den Wald, und die Stille zwischen uns ist die Stille von vierunddreissig Jahren, die reiche, volle Stille.Vierunddreissig Jahre, sagt er.Vierunddreissig, sage ich.Was nimmst du mit?Die Frage des Jahresanfangs, die wir am Jahrestag stellen, weil der Jahrestag des Vertrags immer auch der Anfang war, fuer mich.Ich nehme mit, sage ich, dass das Netz mich traegt. Das ist nicht neu. Aber es wird tiefer, jedes Jahr. Das Tragen des Netzes und das Getragen-Werden durch das Netz: beides gleichzeitig, immer tiefer.Tiefer, sagt er.Ja, sage ich. Das Netz ist vierunddreissig Jahre tiefer als am Anfang. Das Tiefer ist nicht das Laengere. Das Tiefer ist das Reichere.Das Rei

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status