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Kapitel 2

Auteur: Sophiel
last update Date de publication: 2026-10-14 16:43:14

DER WOLF IN DER DUNKELHEIT

Bis Mitternacht spürte Sloane ihre Füße nicht mehr.

Irgendwann während der ersten Stunde hatte sie sich verwandelt, sich aus ihrem versengten Kleid gerissen und den zerfetzten Stoff im Unterholz zurückgelassen. Mit menschlichen Beinen konnte sie den Hunden, die ihre Spur verfolgten, nicht davonlaufen, und selbst ihre Wölfin hatte Mühe, ihnen vorauszubleiben. Auf vier Beinen zu laufen half. Es löste das Problem jedoch nicht.

Der Wald schien kein Ende zu nehmen. Immer dieselben Bäume, dieselbe Dunkelheit, und alle paar Minuten hörte sie wieder die Hunde, näher, als sie bei dem Tempo, das sie vorlegte, eigentlich sein dürften. Sie überquerte zweimal einen Bach, in der Hoffnung, dass das Wasser ihre Witterung verwischen würde. Es verschaffte ihr vielleicht zehn Minuten.

Als der Mond hoch am Himmel stand, hatte ihr Körper nichts mehr zu geben. Ihre Beine zitterten unter ihr, ihre Lungen brannten, und die Kälte war so tief in ihre Muskeln gekrochen, dass selbst das Verwandeln immer schwieriger wurde. Sie stolperte über eine Wurzel und fing sich ab, zwang ihren Körper weiter. Ein paar Schritte später stolperte sie erneut.

Diesmal stürzte sie so heftig, dass sie nicht sofort wieder aufstehen konnte.

Da hörte sie ihn.

Nicht die Hunde. Etwas Größeres bewegte sich schnell und lautlos durch die Bäume vor ihr und versperrte ihr den Weg, dem sie bisher gefolgt war. Sie erstarrte, halb in den Blättern versunken, jeder Muskel schrie ihr zu, sie solle rennen, während jeder Instinkt ihr sagte, dass sie jetzt nur noch schneller gefangen werden würde.

Ein Wolf trat zwischen zwei Bäumen hervor und versperrte ihr den Weg vollständig.

Sein Fell war dunkelgrau, im Mondlicht beinahe schwarz, und seine Schultern waren breit genug, dass Sloane instinktiv einen Schritt zurückwich. Nichts an seiner Bewegung wirkte wild oder unsicher. Jeder Schritt war kontrolliert und bewusst, als wüsste er bereits genau, wo sie war, und hätte keinen einzigen Moment daran gezweifelt, dass er sie finden würde.

Sloane kannte diese Augen.

Ronan Ashwood.

Er war der Hauptsuchtruppe vorausgeschickt worden. Kein gewöhnlicher Fährtenleser hätte sie so schnell einholen können.

Sloanes Wölfin versuchte ein letztes Mal, sich zu bewegen, doch die Erschöpfung siegte. Ihr Körper verwandelte sich zurück, bevor sie es verhindern konnte, und ließ sie wieder als Mensch in den kalten Blättern knien, nackt, zitternd und völlig erschöpft.

„Bitte“, sagte sie, bevor er überhaupt etwas tun konnte. „Ich habe sie nicht getötet.“

Ronan antwortete nicht sofort. Auch er verwandelte sich, schnell und kontrolliert, und stand nun vollständig als Mensch vor ihr. Er trug dunknes Leder, die Art Kleidung, die man anzog, wenn man in Eile aufbrach und nicht über Bequemlichkeit nachdachte. Sein Gesicht verriet nichts. Seine Augen noch weniger.

„Mein Vater hat einen Befehl gegeben“, sagte er. Seine Stimme war tief und flach, die Stimme eines Mannes, der Anweisungen wiederholte, mit denen er nicht unbedingt einverstanden war, die er aber trotzdem auszuführen beabsichtigte. „Töten oder gefangen nehmen. Er hat nicht gesagt, was davon er wollte.“

„Dann weißt du bereits, dass ich dich nicht überzeugen werde, wenn ich hier einfach stehen bleibe.“ Sloane zwang sich, seinen Blick zu halten, obwohl alles in ihr wegsehen wollte, wegrennen wollte, alles wollte, nur nicht vor einem Wolf stehen, der doppelt so groß war wie sie und jeden Grund hatte, diesem Ganzen jetzt ein Ende zu setzen. „Aber ich habe sie nicht vergiftet. Ich habe versucht, ihr das Leben zu retten, als deine Wachen die Tür aufbrachen.“

„Du warst allein mit ihr.“

„Ich bin immer allein mit ihr. Das ist mein Beruf.“ Ihre Stimme brach beim letzten Wort, und sie hasste es. Sie hasste, dass ihre Angst sichtbar wurde, obwohl sie noch nie zuvor so sehr darauf angewiesen gewesen war, ruhig zu klingen. „Frag jeden in diesem Haus. Ich habe sie ein Dutzend Mal behandelt. Kein einziges Mal habe ich ihr einen Grund gegeben, Angst vor mir zu haben.“

Ronan ging leicht in die Hocke und musterte sie, wie ein Wolf etwas musterte, bei dem er noch nicht entschieden hatte, ob er ihm vertrauen konnte. „Mein Vater kümmert sich im Moment nicht um Gründe. Er hat zugesehen, wie sie den Körper seiner Gefährtin aus diesem Zimmer getragen haben. Er will, dass jemand dafür bezahlt, und du hast über ihr gestanden, als die Wachen eintrafen.“

„Ich weiß, wie es aussah.“

„Dann verstehst du, warum ich hier bin.“

Er zog eine Klinge aus seinem Gürtel. In dieser Bewegung lag weder Wut noch Grausamkeit noch Befriedigung. Genau das machte ihr mehr Angst als alles andere. Er wollte sie nicht töten, weil er sie hasste.

Er wollte sie töten, weil er glaubte, dass es seine Pflicht war.

Sloane rannte nicht. Sie konnte es nicht. Ihr Körper hatte nichts mehr zu geben, und ein Teil von ihr hatte irgendwo tief zwischen den Bäumen bereits akzeptiert, dass dies vielleicht das Ende war. Sie beobachtete, wie er die Klinge hob, sah, wie das Mondlicht an der Schneide entlangglitt, und wartete.

Sein Arm hielt mitten in der Bewegung inne.

Sein ganzer Körper versteifte sich. Die Klinge hing über ihr in der Luft, so nah, dass sie sehen konnte, wie das Mondlicht über ihre Schneide zitterte. Sein Atem stockte scharf, und seine Finger schlossen sich fester um den Griff, als hätte etwas Unsichtbares plötzlich jeden Muskel in seinem Körper gleichzeitig verriegelt.

Seine Augen hatten sich verändert.

Die Gewissheit, die noch vor einem Moment in ihnen gelegen hatte, war verschwunden. Er starrte sie an, als wäre etwas vor ihm aufgetaucht, das er unmöglich verstehen konnte.

Ronan sah beinahe genauso verängstigt aus wie sie.

Und zum ersten Mal, seit er aus der Dunkelheit getreten war, fragte sich Sloane, ob er überhaupt noch sicher war, dass sie sein Feind war.

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