Se connecterDER HINTERHALT
Ronan wartete nicht ab, um herauszufinden, ob der Pfeil mehr als nur eine Warnung bedeutete. „Beweg dich.“ Er packte Sloanes Arm, nicht gerade sanft, und zog sie von dem Weg herunter, dem sie bisher gefolgt waren, bevor er stattdessen seitlich durch ein dichtes Gebüsch schnitt. „Jetzt. Wer auch immer ihn geschickt hat, weiß genau, wo wir sind. Wir bleiben nirgendwo lange genug, damit sie uns einholen können.“ Sloane widersprach nicht. Sie ließ sich von ihm mitziehen, stolperte über Wurzeln, die sie in der Dunkelheit nicht sehen konnte, und ihre Lungen brannten erneut von einem Lauf, von dem sie geglaubt hatte, dass er für diese Nacht bereits vorbei war. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie es hörte. Das Knacken eines Astes, zu gezielt, um von einem Tier zu stammen, links von ihnen. Dann ein weiteres Geräusch, näher, rechts von ihnen. „Sie umkreisen uns“, sagte Ronan leise, mehr zu sich selbst als zu ihr. Er veränderte seinen Griff an ihrem Arm und stellte sich ein wenig vor sie, ohne überhaupt darüber nachzudenken. „Bleib hinter mir.“ „Wie viele?“ „Das weiß ich noch nicht.“ Eine Sekunde später fand sie es heraus, als vier Gestalten gleichzeitig aus der Baumreihe traten und jede Richtung versperrten, in die sie hätten fliehen können. Sie bewegten sich wie Soldaten, nicht wie Gesetzlose, mit geübtem Abstand zwischen ihnen. Jeder von ihnen war bereits halb verwandelt, irgendwo zwischen Wolf und Mensch, eine kontrollierte Mischform, die nur ausgebildete Kämpfer in einem echten Kampf aufrechterhalten konnten. „Für wen auch immer ihr arbeitet“, sagte Ronan mit harter, flacher Stimme, „ihr solltet genau wissen, wem ihr hier gegenübersteht.“ „Das wissen wir“, antwortete eine von ihnen. Eine Frauenstimme, ruhig und unbeeindruckt. „Genau darum geht es.“ Sie wartete keine Antwort ab. Sie stürzte sich als Erste auf ihn, und der Kampf brach augenblicklich los, vier gegen einen, obwohl Ronan sich wie ein Mann bewegte, der schon gegen schlimmere Überzahl gekämpft und gewonnen hatte. Sloane presste sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm und beobachtete, wie er einen Angreifer mit einem Schlag zurücktrieb, der den Kampf hätte beenden müssen, es aber nicht tat, weil bereits zwei weitere von den Seiten näher kamen. Einer von ihnen ließ ganz von Ronan ab und wandte sich stattdessen ihr zu. Sloane hatte keine Waffe. Sie hatte nur ihre Tasche, die sie seit Stunden über der Schulter trug, und ihr Instinkt ließ ihre Hände nach dem Riemen greifen, um ihn dem Angreifer mit aller Kraft ins Gesicht zu schwingen, sobald er nahe genug kam. Es verschaffte ihr eine halbe Sekunde. Sie nutzte sie, um seitlich davonzukriechen und einen Baum zwischen sich und ihn zu bringen. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass sie es bis in ihrer Kehle spürte. „Holt sie euch“, rief die Frau erneut, diesmal schärfer, während sie einem Schlag von Ronan auswich, der ihr einen Moment später den Kopf abgerissen hätte. „Lasst nicht zu, dass das Mädchen von jemand anderem als uns geschnappt wird.“ Sloanes Angreifer stürzte sich erneut auf sie. Instinktiv ging sie in die Hocke, spürte Krallen durch die Luft dort schneiden, wo sich noch einen Herzschlag zuvor ihre Kehle befunden hatte, und rollte sich mit voller Kraft ins Unterholz, wobei sie sich die Handflächen an Steinen und Wurzeln blutig aufriss. Ronan war da, bevor der Angreifer ihr folgen konnte. Er traf den Mann von der Seite mit solcher Wucht, dass beide gegen einen umgestürzten Baumstamm krachten. Der folgende Kampf war schnell und brutal und innerhalb weniger Sekunden vorbei. Am Ende bewegte sich der Angreifer nicht mehr. Zwei waren noch übrig. Ronan drehte sich ihnen zu, genau in dem Moment, als sie sich neu formierten. Er atmete schwer, Blut lief aus einem flachen Schnitt an seinem Unterarm, den er nicht einmal zu bemerken schien. „Genug“, sagte die Frau, und etwas in ihrem Ton hatte sich verändert. Er war angespannter geworden, dringlicher. „Wir sind nicht dafür ausgerüstet, ihn ebenfalls mitzunehmen. Rückzug.“ „Und das Mädchen?“ „Lass sie. Vorerst.“ Eine Pause. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme leiser geworden, bestimmt nur für ihren Partner, doch die Nacht war still genug, dass Sloane jedes Wort trotzdem verstand. „Lass das Geschenk der Heilerin nicht in die Nähe des Mädchens. Nicht, bevor wir wissen, wie viel davon sie bereits in sich trägt.“ Sloane wurde kalt, und das hatte nichts mit der Nachtluft zu tun. Die beiden verbliebenen Angreifer verschwanden zwischen den Bäumen, bevor Ronan sie erreichen konnte. So schnell und sauber, wie sie aufgetaucht waren, waren sie wieder verschwunden. Sie hinterließen nichts außer dem Körper des Mannes, den Ronan getötet hatte, und der dröhnenden Stille nach einem Kampf, der zu schnell vorbei gewesen war, um sich wie ein Sieg anzufühlen. Ronan stand einen Moment lang da, die Brust heftig hebend, und starrte ihnen in die Dunkelheit hinterher. Dann wandte er sich Sloane zu, und die Frage, die sich seit dem Moment hinter seinen Augen aufgebaut hatte, in dem seine Klinge über ihrer Kehle erstarrt war, stand nun offen in seinem Gesicht. „Sie haben keinen geflohenen Mordverdächtigen gejagt“, sagte er. „Ausgebildete Kämpfer wie die werden nicht hinter einer Heilerin hergeschickt, die beschuldigt wird, jemanden vergiftet zu haben.“ „Ich weiß.“ „Sie wollten dich. Ganz gezielt. Offenbar lebend, denn sie hatten mehrere Möglichkeiten, dich zu töten, und haben keine davon genutzt.“ Er überbrückte die Entfernung zwischen ihnen und musterte sie wie zuvor in der Lichtung, nur dass sich der Verdacht in seinen Augen inzwischen in etwas verwandelt hatte, das eher an Verwirrung grenzte. „Was meinte sie? Das Geschenk der Heilerin. Welches Geschenk?“ Sloane öffnete den Mund, um zu antworten, und stellte fest, dass sie ihm nichts geben konnte. Keine Erklärung, keine Erinnerung daran, dass ihr jemals gesagt worden war, sie besäße eine Gabe, wegen der man mitten in der Nacht ausgebildete Killer auf sie ansetzen würde. „Ich weiß es nicht“, sagte sie. Und zum ersten Mal, seit ihre Hütte hinter ihr in Flammen aufgegangen war, erkannte sie, dass sie es tatsächlich meinte – auf eine Weise, die ihr mehr Angst machte als alles, was die Wachen, die Hunde oder sogar Ronans Klinge bisher geschafft hatten.Was sie aufbauenSie blieben drei Tage bei Wynn, länger als jeder von ihnen geplant hatte, doch das Versteck bot ihnen etwas, das keiner ihrer anderen Aufenthaltsorte geboten hatte: einen Ort, an dem sie tatsächlich nachdenken konnten, anstatt nur davonzulaufen.Garrick kam am zweiten Tag, nachdem er über einen seiner eigenen Kontakte im Voraus Bescheid gegeben hatte, und das kleine Haus füllte sich mit einer zielgerichteten Energie, die Sloane seit der Zeit vor Isoldes Tod nicht mehr gespürt hatte. Menschen arbeiteten auf etwas hin, anstatt nur davor davonzulaufen.„Ich habe seit unserem letzten Treffen mit zwei weiteren Menschen gesprochen“, sagte Garrick und breitete eine grob gezeichnete Karte auf Wynns Tisch aus. „Mit einem pensionierten Wächter, der unter dem alten Alpha, Mercers Vater, gedient hat und sich daran erinnert, schon damals Gerüchte über Todesfälle gehört zu haben, die ihm nie geheuer vorkamen. Und mit einer Frau, die ihren Gefährten an das verloren hat, was die Heil
WynnDie Siedlung, in der Wynn lebte, war kleiner, als Sloane sie aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte, obwohl die Jahre eine Art hatten, alles schrumpfen zu lassen, was sie einst für riesig gehalten hatte.Sie fand das kleine Haus eher aus ihrer Erinnerung als mithilfe von Wegbeschreibungen. Eine schmale Gasse hinter der Mühle, ein Garten, der an den Rändern leicht verwildert war, genau wie Wynns Garten es schon immer gewesen war, mehr daran interessiert, Dinge wachsen zu lassen, als sie ordentlich anzuordnen. Sloanes Brust zog sich vor einem Schmerz zusammen, der nichts mit Gefahr oder Angst zu tun hatte, sondern einfach mit dem schlichten, schmerzhaften Wunsch, nach Wochen voller Fremder und Feinde endlich ein vertrautes Gesicht zu sehen.Sie klopfte, und die Tür öffnete sich fast sofort, als hätte Wynn dahinter auf sie gewartet.Lange sagte keine von beiden auch nur ein Wort. Wynn stand wie erstarrt im Türrahmen, ihre Augen wanderten über Sloanes Gesicht, als würde sie es mit ei
Ein Mann, der sich erinnertZwei Tage nachdem sie das Steinbruchgebiet verlassen hatten, fanden sie das Versteck, das Maren beschrieben hatte. Es war ein umgebauter Getreidespeicher am Rand einer alten bäuerlichen Siedlung, dessen Besitzer längst weitergezogen war und dessen dicke Wände laut genug waren, um die Stimmen von der Straße draußen zu dämpfen.„Garrick“, hatte Maren ihnen bei ihrem Abschied aufgetragen. „Ehemaliger Vollstrecker. Er hat vor acht Jahren seine Schwester durch eine plötzliche Krankheit verloren, die ihm nie geheuer vorkam. Seitdem stellt er auf eigene Faust Fragen, wie ein Mann, der jede Hoffnung aufgegeben hat, dass ihm jemand glaubt. Sag ihm, dass du weißt, woran sie gestorben ist. Damit bekommst du schneller seine Aufmerksamkeit als mit allem anderen.“Sloane hatte nicht wirklich geglaubt, dass es funktionieren würde, bis der Mann selbst die Tür öffnete. Er war breitschultrig, hatte graue Schläfen und scharfe Augen, in denen die besondere Wachsamkeit eines Me
Was sie nicht erwartet hatteSie verließen das Steinbruchlager zwei Morgen später. Maren blieb zurück und versprach, ihnen Bescheid zu geben, falls sie etwas Nützliches hörte, während Perrin darauf bestand, dass er inzwischen stark genug war, um mit ihnen Schritt zu halten, obwohl seine Rippen bei jedem tiefen Atemzug noch schmerzten.Sloane fühlte sich seit fast einer Woche seltsam, müde auf eine Weise, die sich nicht allein durch das Training erklären ließ, und ihr Magen drehte sich bei Gerüchen um, die sie früher nie gestört hatten. Sie hatte sich eingeredet, es sei Erschöpfung, die aufgestaute Last von allem, was seit der Nacht von Isoldes Tod geschehen war. Daran zu glauben war einfacher, als die andere Möglichkeit in Betracht zu ziehen, die still in ihrem Hinterkopf lauerte.Am zweiten Tag ihres Marsches holte es sie schließlich richtig ein. Eine Welle von Übelkeit überkam sie so plötzlich und heftig, dass sie anhalten und sich mit einer Hand an einem Baum abstützen musste, währ
Wofür sie bereit ist„Heute ist es anders“, sagte Maren, sobald sie sich in der Lichtung versammelt hatten. „Keine Übungen. Ein Szenario, von Anfang bis Ende. Ich will sehen, was du wirklich tust, nicht was du tust, wenn du weißt, dass ich jeweils nur eine Sache teste.“Sloane spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Was für ein Szenario?“„Das wirst du herausfinden, wenn es beginnt.“ Maren nickte Ronan zu, der offenbar separat eingeweiht worden war, denn bevor er zwischen die Bäume zurücktrat, tauschte er einen kleinen, nicht zu deutenden Blick mit Maren aus.Als Nächstes wurde Perrin nach vorn gebracht und auf einen niedrigen Baumstumpf gesetzt. Sein Hemd war an der Schulter bereits gelockert. „Tu so, als hätte ich eine Verletzung“, sagte er und ließ sich mit einer ergebenen Art von Humor nieder. „Ich habe diesen Monat Schlimmeres erlebt, als es ein Schauspiel darstellen könnte, also benutze deine Fantasie.“Sloane kniete sich vor ihn und begann, eine imaginäre Wunde an seiner Schul
Was der Körper sich merktMaren ließ sie am nächsten Morgen trainieren, noch bevor die Sonne den Bergrücken vollständig überquert hatte, ohne Zeit mit Erklärungen zu verschwenden.„Ronan“, sagte sie und deutete auf die Lichtung. „Du leitest das heutige Training.“Er sah kurz überrascht aus. „Ich dachte, du willst nicht, dass ich mich einmische.“„Ich wollte nicht, dass du dich in die Gabe einmischst. Darum geht es hier nicht.“ Maren trat zurück, verschränkte die Arme und nahm zum ersten Mal, seit sie angekommen waren, die Rolle der Beobachterin statt der Lehrerin ein. „Du hast dein ganzes Leben damit verbracht, zu kämpfen. Ich habe meines damit verbracht, allein zu überleben. Sie braucht beide Arten von Wissen, nicht nur meines.“Sloane stand in der Mitte der Lichtung, noch immer wund von zwei Tagen voller Stürze und Befreiungen aus Griffen, und beobachtete, wie Ronan seine Schultern kreisen ließ, wie er es vor jeder ernsthaften Anstrengung tat.„Nahkampf“, sagte er. „Jemand bekommt e







