LOGINDEVIKA
Die Glocke über der Tür bimmelte, und zwei Männer traten ein, die nicht in einen Brautladen gehörten.
Ich beobachtete sie im Spiegel von dem Podest aus, noch immer im Hochzeitskleid. Dunkle Mäntel. Breite Schultern. Sie hatten diese Art von Ruhe, die davon kam, nie die Stimme erheben zu müssen.
Einer ließ den Blick durch den Raum schweifen. Der andere postierte sich neben der Tür, als bewachte er sie.
Das Lächeln der Beraterin gefror. Thyra hielt das Champagnerglas auf halbem Weg zum Mund inne.
Draußen hatten sich Kylos Leibwächter nicht einmal gerührt. Das hieß, jemand hatte ihnen gesagt, sie sollten diese beiden durchlassen.
Dann hörte ich es, irgendwo hinter den Männern.
Tap.
Eine Pause.
Tap.
Ein Stock auf Marmor, langsam und unaufgeregt, als hätte der, der ihn hielt, sich in seinem ganzen Leben noch nie beeilen müssen.
Mein Rücken versteifte sich. Meine Hände, die ohnehin schon zitterten, krallten sich in die Seide.
Die Männer traten auseinander.
„Na, sieh mal einer an." Die Stimme war rau, warm und viel zu zufrieden mit sich selbst. „Ist das nicht ein Anblick."
Kirill Visconti.
Im Spiegel sah ich ihn durch den Laden schlendern, mit einem Stock, den er nicht brauchte, und einem Lächeln, das ich ihm am liebsten aus dem Gesicht geschnitten hätte. Er war am Leben, gesund und trug einen maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Mantel, als wäre er gekommen, um etwas abzuholen, das ihm längst gehörte.
Der Mann, der meinen Vater unter die Erde gebracht hatte, stand drei Fuß von mir entfernt, und ich trug Weiß.
„Was wollen Sie hier?", stieß ich hervor.
„Darf ein Mann seine zukünftige Schwiegertochter nicht in ihrem Hochzeitskleid sehen?" Er neigte den Kopf und musterte mich, wie man ein Pferd vor einer Auktion mustert. „Kylo ist ein glücklicher Mann."
Meine Nägel gruben sich in meine Handflächen. „Raus."
„Na, na, kein Grund, so zu sein, Süße." Er kicherte, völlig unbeeindruckt. „Komisch, es ist wirklich seltsam. In diesem Licht siehst du deinem Vater so ähnlich. Dieselben Augen. Dasselbe störrische kleine Kinn. Schade, was mit ihm passiert ist, aber andererseits war er immer der Typ, der …"
Das Glas hinter ihm explodierte.
Es gab keine Vorwarnung.
Eben noch lächelte Kirill Visconti, im nächsten Moment schlug sein Kopf mit einem nassen Knacken zurück, und ein roter Nebel spritzte über das weiße Kleid, das neben ihm am Ständer hing.
Sein Körper schlug auf dem Boden auf, bevor der Knall bei mir ankam.
Thyra schrie.
Die Beraterin kreischte etwas, das ich nicht verstand. Draußen quietschten Reifen. Drinnen hatten Kirills Männer im Handumdrehen die Waffen gezogen und brüllten nach einem Krankenwagen, nach Verstärkung, nach jemandem, der verdammt noch mal die Türen abschloss.
Ich rührte mich nicht.
Ich stand auf diesem Podest in meinem Hochzeitskleid und starrte auf den Mann, der auf dem Boden verblutete, auf das Blut, das auf den Saum meines Kleides zukroch, und wartete darauf, etwas zu fühlen.
Angst. Entsetzen. Trauer.
Nichts kam.
Nicht einmal ein Flackern.
„Devika."
Jemand hatte die Hand auf meinem Arm. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass es Thyra war und dass wir auf der Rückbank eines Taxis saßen, während die Stadt in grauen Streifen an uns vorbeizog.
„Sprich mit mir." Ihre Wimperntusche war ruiniert. „Bist du verletzt?"
Ich sah an mir hinunter. Über meine Fingerknöchel zog sich ein roter Streifen, an dessen Entstehung ich mich nicht erinnerte.
„Mir geht's gut."
„Dir geht es nicht gut. Vor deinen Augen wurde gerade ein Mann erschossen."
„Ich weiß."
„Warum bist du dann nicht …" Sie brach ab und suchte in meinem Gesicht nach etwas, das sie nicht finden würde. Schließlich schluckte sie und drückte meine Hand. „Du kommst mit zu mir. Keine Widerrede."
Ich widersprach nicht.
In ihrer Wohnung verschwand sie in der Küche, um etwas Starkes zu finden, das die Schärfe nahm, und ich murmelte, ich wolle mich kurz waschen, und schloss mich im Bad ein.
Das Schloss klickte.
Ich drehte den Hahn auf und hob den Blick zum Spiegel.
Ein Mädchen starrte zurück. Blasse Haut, wildes Haar, ein Spritzer fremden Bluts, der unter dem linken Auge trocknete.
Sie sah aus wie ein Mädchen, das hätte weinen sollen.
Stattdessen zuckte ihr Mundwinkel.
Dann kräuselte er sich.
Und dann entwich mir ein Lachen, zuerst leise, ein atemloses kleines Geräusch, das ich mit der Hand erstickte. Doch es wuchs, quoll zwischen meinen Fingern hervor, stieg an, bis meine Schultern bebten und meine Augen brannten und ich nicht mehr aufhören konnte, denn ich hörte nur diese selbstgefällige, raue Stimme, die sagte, du siehst deinem Vater so ähnlich, kurz bevor sein Schädel wie ein Ei aufplatzte.
Irgendjemand da draußen hatte den Abzug für mich gedrückt.
Ich lachte, bis mir die Rippen wehtaten.
Die Viscontis hatten gerade einen Vorgeschmack auf das bekommen, was sie verdienten.
Mein Handy leuchtete auf dem Waschbeckenrand auf.
Unbekannte Nummer.
Gern geschehen für heute. Spar dir deinen Dank.
DEVIKA„Mein Auto steht gleich da drüben", flüsterte Thyra.Es war das verlockendste Angebot, das ich je bekommen hatte.Wir standen auf den Steinstufen vor der Kapelle, sie hatte sich bei mir untergehakt, ihr burgunderorangefarbenes Kleid flatterte im Wind. Auf der anderen Straßenseite parkte ihr kleiner silberner Wagen am Bordstein wie ein Versprechen.„Du musst das nicht tun", sagte sie. „Sag ein Wort, und wir sind weg."Eine Sekunde lang erlaubte ich mir, es mir vorzustellen. Der Motor, die offene Straße, Bündnisse und Politik hinter uns gelassen.Dann sah ich Hieros Gesicht vor mir. Was auf dem Spiel stand. Was ich tun musste.„Was ich will, ist irrelevant", sagte ich. „Das hier muss passieren."Thyras Kiefer verhärtete sich. Meine Antwort gefiel ihr nicht, aber sie nickte trotzdem, und das machte sie zur besten Freundin, die ich je hatte.Das Schlimmste war, dass ich geglaubt hatte, ich wäre aus der Sache raus. Als Kirill Viscontis Blut in den Saum meines Hochzeitskleides gesick
DEVIKADie Glocke über der Tür bimmelte, und zwei Männer traten ein, die nicht in einen Brautladen gehörten.Ich beobachtete sie im Spiegel von dem Podest aus, noch immer im Hochzeitskleid. Dunkle Mäntel. Breite Schultern. Sie hatten diese Art von Ruhe, die davon kam, nie die Stimme erheben zu müssen.Einer ließ den Blick durch den Raum schweifen. Der andere postierte sich neben der Tür, als bewachte er sie.Das Lächeln der Beraterin gefror. Thyra hielt das Champagnerglas auf halbem Weg zum Mund inne.Draußen hatten sich Kylos Leibwächter nicht einmal gerührt. Das hieß, jemand hatte ihnen gesagt, sie sollten diese beiden durchlassen.Dann hörte ich es, irgendwo hinter den Männern.Tap.Eine Pause.Tap.Ein Stock auf Marmor, langsam und unaufgeregt, als hätte der, der ihn hielt, sich in seinem ganzen Leben noch nie beeilen müssen.Mein Rücken versteifte sich. Meine Hände, die ohnehin schon zitterten, krallten sich in die Seide.Die Männer traten auseinander.„Na, sieh mal einer an." Di
DEVIKA„Ich hätte nicht gedacht, dass du rangehst, Prinzessin."Es war sechs Uhr morgens. Ich war halb im Schlaf, und die Stimme am Telefon war die letzte, die ich hören wollte.Ich schoss hoch, mein Blut kochte bei dem Spitznamen. Er hatte Glück, dass er nicht hier war, denn nichts hätte ich lieber getan, als meine Hände um seine Kehle zu legen.„Woher hast du diese Nummer?"„Du wirst in weniger als einer Woche meine Frau sein. Ich denke, du kannst mich Kylo nennen."„Entschuldige, was?"„Die Kapelle ist für nächsten Freitag gebucht. Der Veranstaltungsort für den Empfang auch." Seine Stimme war ruhig und zum Verrücktwerden beiläufig.„Nächsten Freitag. Also diesen Freitag? Bist du wahnsinnig?"„Es ist keine Hochzeit, Devika. Es ist eine Machtdemonstration." Seine Stimme wurde schärfer. „Eine prunkvolle Hochzeit zeigt allen, dass wir geeint sind und man sich nicht mit uns anlegt."Ich wollte widersprechen, aber das Schlimmste war, dass er recht hatte.„Such dir ein Kleid aus und kümme
KYLOIch mochte Frauen, die Biss hatten. Devika Engel hatte bereits Blut geleckt, und wir hatten noch nicht einmal bestellt.Sie saß neben mir in einem schwarzen Kleid, das verboten gehört hätte, die Arme verschränkt, und weigerte sich, in meine Richtung zu sehen.Seit zehn Minuten tat sie so, als gäbe es mich nicht, und ich schwenkte meinen Whiskey und lächelte, denn diese Ehe würde eine verdammt wilde Fahrt werden.„Du hast mich kein einziges Mal angesehen, seit du hier bist."„Ich habe nicht vor, meine Augen mit Abfall zu beschmutzen, der nicht einmal recycelt werden sollte."Yusei verschluckte sich an seinem Drink, und Stefan machte aus einem Lachen einen Hustenanfall. Ihr gegenüber wurde ihr Bruder Hiero blass und beugte sich zu ihr. „Devika …"Sie rührte sich nicht und blinzelte nicht einmal, und Gott, sie war herrlich.„Vorsicht, Prinzessin", murmelte ich. „Wenn du so weiterredest, denke ich noch, du spielst die Schwerzugängliche."„Nenn mich nicht Prinzessin." Ihre roten Lippe
DEVIKA„Die Viscontis haben eine Heirat zwischen dir und Kylo vorgeschlagen."Ich lachte.Denn das musste ein Witz sein. Niemand verkaufte ein Mädchen an die gefährlichste Familie des Landes und sagte es dann auch noch laut in ihrem Schlafzimmer.Dann sah ich sein Gesicht.Hiero lächelte nicht.„Cal, du kannst aufhören. Der Witz hat funktioniert."„Es ist kein Witz." Er sprang vom Bett auf und begann, auf und ab zu laufen. „Sie haben sich heute Morgen gemeldet. Sie wollen, dass du Kylo Visconti heiratest."„Bist du total übergeschnappt?" Panik überkam mich. „Warum zum Teufel sollte ich das tun?"„Wenn du Kylo heiratest, bekommen wir ein Bündnis und damit Macht und Schutz. Lehnen wir das Angebot ab, erleben wir vielleicht gerade noch, wie der Name Engel aus der Geschichte getilgt wird."„Hörst du dir eigentlich selbst zu? Bist du deshalb bereit, deine Schwester zu verkaufen …"„Dich verkaufen? Wovon zur Hölle redest du? Ich habe ihnen gesagt, dass ich es mit dir besprechen werde."„Dan







