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Kapitel 2

last update publish date: 2026-03-18 10:39:49

Der zerknitterte Kassenzettel blieb zwischen Isabellas Fingern, unbewusst umklammert, während die Erinnerung sie überfiel.

Unpassend. Unerwünscht. Scharf wie eine Glasscherbe.

Im Nu war sie wieder das sechzehnjährige Mädchen, verloren in einem geliehenen Kleid, stehend an der Schwelle einer Welt, die sie nie akzeptiert hatte.

(Rückblende)

Der Ballsaal des Grand Hotels roch nach Geld. Altem Geld. Der Art von Geld, das keiner Ankündigung bedurfte, weil es ohnehin jeder wusste. Kristalllüster hingen von der Decke und erhellten den Marmorboden. Frauen in Kleidern, die teurer waren als das Jahresgehalt ihrer Mutter als Bäckerin, schritten wie luxuriöse Schwäne vorbei.

Isabella wollte im Boden versinken.

„Steh gerade“, murmelte ihre Mutter und rückte die Kette um Isabellas Hals zurecht. „Mrs. Fontaine hat uns eingeladen. Benehm dich.“

Sie waren fehl am Platz. Hélène Rousseau hatte die Desserts für diese Wohltätigkeitsgala vorbereitet, und die Einladung war eine Höflichkeit. Ein Dankeschön. Eine nette Geste, die keine Erlaubnis zum Mitmachen bedeutete.

Aber ihre Mutter bestand darauf. Sie hatte drei Monate lang ihre Ersparnisse für Isabellas Kleid ausgegeben. Hellblaue Seide, weich wie Wasser auf ihrer Haut, schlicht und doch elegant.

„Du bist intelligent“, sagte Hélène. „Du wirst bald mit einem Vollstipendium an die Sorbonne gehen. Sei stolz.“

Also versuchte Isabella es. Sie stand am Rand des Ballsaals mit einem Glas Apfelschaumwein, der nach Enttäuschung schmeckte, und beobachtete die Menschen, die in Sicherheit geboren waren, während sie selbst in harte Arbeit und knappe Verhältnisse hineingeboren worden war.

Das Streichquartett spielte klassische Musik. Vielleicht Vivaldi. Isabella hatte mit zwölf Jahren mit dem Geigenunterricht aufgehört, weil er zu teuer geworden war, aber sie konnte die Schönheit der Musik immer noch erkennen.

„Du wirkst angespannt.“

Die Stimme kam von links. Eine maskuline, amüsierte Stimme.

Isabella drehte sich um, und der Ballsaal verengte sich zu einem einzigen Blickpunkt.

Er war vielleicht siebzehn, vielleicht achtzehn. Schon jetzt groß, mit dunklem Haar, das absichtlich ungepflegt wirkte, und Augen in der Farbe eines Winterhimmels. Sein Smoking saß perfekt, natürlich. Alles an ihm deutete auf ein Leben in vollkommener Harmonie hin.

„Ich bin nicht verklemmt“, sagte Isabella, nur um gleich darauf zu sagen, dass sie sich irrte. Ihre Stimme war zu leise, zu defensiv.

„Nein?“ Er kam näher, und sie nahm den Duft eines edlen Parfums wahr. Zeder und etwas Reines. „Du standest zwanzig Minuten lang an derselben Stelle und starrtest auf die Tür, als suchtest du nach einem Fluchtweg.“

Ihre Wangen glühten. „Vielleicht beobachte ich einfach gern Menschen.“

„Na und?“ Er lächelte, und sein kaltes, aristokratisches Gesicht wurde weicher und wärmer. „Was hast du denn beobachtet?“

Isabella sah ihn aufmerksam an. Wirklich. Seine grauen Augen verrieten Intelligenz. Neugier statt Herablassung. Als wollte er aufrichtig wissen, was sie dachte.

„Die Frau da beim Gemälde“, sagte Isabella und nickte in Richtung einer Blondine in einem roten Kleid. „Sie hat in den letzten fünf Minuten vierzehn Mal auf ihr Handy geschaut. Sie wartet auf jemanden, der nicht abnimmt.“

Ihre Augenbrauen zogen sich hoch. „Nur zu.“

„Das Paar am Champagnerbrunnen. Verheiratet, aber nicht zusammen.“ „Andersfarbige Bräunungsstreifen, wo eigentlich ihre Eheringe sein sollten.“

Er lachte. Ein ehrliches, herzliches Lachen. „Du bist gefährlich.“

„Ich bin aufmerksam.“

„Ich auch.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Étienne Beaumont.“

Beaumont. Wie Beaumont Industries. Wie die Familie, der halb Paris und der Großteil der Spenden des Abends gehörten.

Isabellas Hand fühlte sich klein in seiner an. „Isabella Rousseau.“

„Nun, Frau Isabella Rousseau.“ Ihr Daumen streifte ihre Knöchel, bevor er sie wieder losließ. „Da Sie so aufmerksam sind, was sehen Sie, wenn Sie mich ansehen?“

Sie hätte etwas Schmeichelhaftes sagen sollen. Etwas Beruhigendes. Doch ihr Blick war trotzig, und die sechzehnjährige Isabella glaubte noch an Ehrlichkeit.

„Ehrlich gesagt …“, sagte sie. „Sie sollen hier sein, also sind Sie es auch. Aber Sie wären lieber überall anders.“

Etwas veränderte sich in seinem Gesichtsausdruck. Überraschung, vielleicht. Oder Dankbarkeit.

„Ein Sorbonne-Sweatshirt in Ihrer Tasche“, sagte er. „Sie sind die Stipendiatin.“

Es wirkte nicht grausam. Einfach eine Tatsache. Doch Isabella spürte, wie die Distanz zwischen ihnen größer wurde, ein Abgrund aus Geld und Umständen, den sie törichterweise vergessen hatte.

„Ich sollte gehen“, sagte sie.

„Warten Sie.“ Seine Hand umfasste ihr Handgelenk. Sanft und warmherzig. „So meinte ich das nicht. Mein Großvater hat an der Sorbonne studiert. Vollstipendium, Familie von Einwanderern, die ganze Geschichte. Es ist eine gute Universität.“

„Ich weiß, dass es eine gute Universität ist.“

„Na gut …“ Er ließ ihr Handgelenk los, wich aber nicht zurück. „Tanz mit mir.“

„Was?“

„Du hast mich schon verstanden. Ein Tanz, Isabella Rousseau, und du kannst deine Fluchtpläne wieder aufnehmen.“

Das Quartett verlangsamte das Tempo. Ein Walzer, dessen Schritte Isabella nur aus Filmen kannte.

„Ich kann nicht tanzen“, gab sie zu.

„Das macht nichts. Ich hasse Leute, die alles können.“ Er streckte ihr die Hand entgegen, die Handfläche nach oben. Eine Einladung, kein Befehl. „Ich bringe es dir bei.“

Und Gott steh ihr bei, sie nahm die Einladung an.

Seine Hand ruhte auf ihrer Taille, und sie spürte seine Wärme durch die Seide. Seine linke Hand ruhte auf ihrer Schulter, und sie bewegten sich im Gleichschritt, als lernten sie eine Sprache, die sie sprechen sollte.

„Du bist eine geborene Lügnerin“, sagte er nach einem Moment.

„Du bist die Lügnerin.“

„Vielleicht.“ Sein Lächeln war schief. Aufrichtig. „Aber du lächelst jetzt, also wer gewinnt?“

Sie lächelte. Ein ehrliches Lächeln, auf einer Party, auf der sie sich klein und unbedeutend gefühlt hätte.

„Warum hast du mich zum Tanzen aufgefordert?“, fragte Isabella.

Étienne schwieg drei Takte lang. Dann: „Weil du mir wie die einzige echte Person in diesem Raum vorkamst.“

Sie keuchte auf. „Du kennst mich nicht.“

„Nein“, stimmte er zu. „Aber ich wünschte, ich würde mich kennen.“

Das Lied war viel zu schnell vorbei. Étienne trat zurück, und die Distanz zwischen ihnen wurde spürbar. Wie eine Umkehrung der Schwerkraft.

„Ich muss gehen“, sagte er, und seine Stimme klang voller Bedauern. „Familienverpflichtungen. Reden, Händeschütteln und so weiter.“

„Natürlich.“

„Aber Isabella?“ Er sprach ihren Namen aus, als wäre er wichtig. Als würde er sie für immer in Erinnerung behalten. „Ich bin froh, dich kennengelernt zu haben.“

Dann verschwand er in der eleganten Menge, und Isabella blieb allein auf der Tanzfläche zurück. Ihr Herz pochte in einem Rhythmus, den das Quartett nicht erreichen konnte.

Sie ging an diesem Abend nach Hause, ihre Augen funkelten, ihr Herz war voller Hoffnung. Sie schrieb ihren Namen in ihr Tagebuch, umgeben von Herzen, die ihr ein Gefühl von Albernheit, Jugend und wunderbarer Lebendigkeit gaben.

Die nächsten drei Jahre verbrachte sie an der Sorbonne. Sie suchte jedes Gesicht auf dem Campus ab, in der Hoffnung, einen Blick auf graue Augen und ein verschmitztes Lächeln zu erhaschen.

Aber sie fand ihn nie wieder.

(Ende der Rückblende)

Isabella blinzelte, und die Erinnerung verblasste. Sie war achtundzwanzig Jahre alt und saß in einer Küche, die teurer war als ihr Elternhaus. Sie hielt den Beweis für den Verrat ihres Mannes in Händen.

Den Mann, der einst dieser Junge gewesen war, der sie nach ihrem Namen gefragt und ihr das Gefühl gegeben hatte, real zu sein.

Ihr Handy vibrierte. Eine SMS von der Schule der Zwillinge.

„Zur Erinnerung: Frühlingskonzert heute Abend um 19 Uhr. Ich freue mich, euch beide zu sehen!“

Euch beide.

Isabella warf einen weiteren Blick auf den Kassenbon, auf das Datum, das bewies, dass Étienne Zeit für Zärtlichkeiten hatte. Aber nicht für sie.

Dieser Junge auf dem Ball hatte sie einmal angelächelt, und zwölf Jahre lang hatte sie versucht, dieses Lächeln wiederzusehen.

Jetzt verstand sie es endlich. Dieses Lächeln galt nie ihr. Er war mit der Frau zusammen, für die er sich in diesem Moment entschieden hatte.

Aber darauf hatte sie ihr ganzes Leben aufgebaut.

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