ANMELDEN„Heirate ihn trotzdem, Isabella.“
„Was?“
„Heirate ihn. Lass mich die Sache regeln, so gut ich kann.“ Er griff über den Tisch und deckte ihren mit seinem zu. „Lass ihn dich sehen. Das ist alles, was ich verlange. Lass ihn dich sehen, dich wirklich sehen, und vielleicht wird er der Mann, zu dem ich ihn erzogen habe, und nicht der, zu dem Geneviève ihn formen will.“
„Und wenn nicht?“
„Dann werden deine Kinder wenigstens alles haben, was sie brauchen. Und du hast meinen Schutz, Isabella.“
Isabella wollte ablehnen. Sie wollte aufstehen, gehen und beweisen, dass sie nicht von der Schuld eines alten Mannes gerettet werden musste.
Aber sie war einundzwanzig, schwanger und hatte Angst. Und die Kinder in ihrem Bauch verdienten Besseres als ihren Stolz.
„Okay“, murmelte sie.
Philippe drückte ihre Hand. „Es tut mir leid. Für das, was meine Familie dir angetan hat. Es tut mir so leid.“
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Die Hochzeit fand sechs Wochen später statt.
Im Rathaus. Keine Gäste, außer Philippe und Geneviève. Letztere stand da wie eine Marmorstatue und strahlte Missfallen aus. Keine Blumen. Kein Fotograf. Nichts deutete auf eine Feier hin.
Étienne kam fünfzehn Minuten zu spät, frisch von einer Vorstandssitzung, noch am Telefon.
Er sah Isabella an, als wäre sie eine Fremde. Was sie wohl auch war, vermutete sie.
„Machen wir’s schnell“, sagte er.
Die Standesbeamtin war eine müde Frau in einem zerknitterten Blazer, die offensichtlich schon hunderte dieser lieblosen Zeremonien vollzogen hatte. Sie ratterte die Worte herunter, als läse sie einen Einkaufszettel vor.
Als es Zeit für das Eheversprechen war, trug Étienne seinen Part mit einer Stimme vor, die Börsenberichte hätte verlesen können.
„Ich, Étienne Beaumont, nehme dich, Isabella Rousseau, zu meiner rechtmäßigen Ehefrau.“ „
Keine Emotionen. Keine Betonung. Nur Fakten, sachlich dargelegt.
Isabellas Rede war nun an der Reihe, und sie öffnete den Mund, um ihre Kälte widerzuspiegeln. Um zu beweisen, dass sie genauso distanziert sein konnte.
Doch als sie sprechen wollte, zerbrach etwas in ihr.
Vielleicht waren es die Hormone. Vielleicht der endgültige Tod in einem Märchen für eine Sechzehnjährige. Vielleicht war es einfach der Herzschmerz, zu wissen, dass es ihr Hochzeitstag war.
„Ja.“ Ihre Stimme brach bei den drei Silben, Tränen rannen ihr über die Wangen, bevor sie sie aufhalten konnte.
Étienne bemerkte es nicht. Er schaute auf sein Handy.
„Die Ringe!“, rief der Standesbeamte.
Philippe reichte sie ihm. Schlichte Silberringe, nichts Besonderes.“ Geneviève weigerte sich, irgendwelche Erbstücke der Familie Beaumont anzubieten. Offenbar waren die für richtige Hochzeiten bestimmt.
Étienne schob Isabella den Ring an den Finger, ohne sie anzusehen. Zu groß. Sie drehte sich um und versuchte bereits zu fliehen.
„Sie dürfen die Braut küssen.“
Étienne beugte sich vor, berührte ihre Lippen kurz mit seinen und trat dann zurück, als hätte er einen Vertrag abgeschlossen.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte die Standesbeamtin, als wolle sie ihr Beileid aussprechen.
Geneviève ging sofort. Étienne folgte ihr, immer noch telefonierend, ohne auch nur die Heiratsurkunde zu unterschreiben.
Philippe blieb.
Er umarmte Isabella fest, in einer Umarmung, die nach alten Büchern und teurem Parfüm duftete, und flüsterte ihr ins Haar: „Lass sie dich sehen. Das ist alles, was ich mir wünsche.“
Dann drückte er ihr einen Umschlag in die Hand. Darin befand sich ein Scheck über fünfzigtausend Euro und Worte in zittriger Handschrift:
„Für dich. Nicht für die Kinder. Nicht für die Hochzeit. Nur für dich. Bau dir etwas Eigenes auf. Ich glaube an dich.“
Isabella weinte zwanzig Minuten lang im Badezimmer, während ihr junger Mann wieder zur Arbeit ging und seine Heiratsurkunde auf billigem Zeitungspapier trocknete.
(Ende der Rückblende)
Das Wohnzimmer war in Dunkelheit gehüllt. Fast Mitternacht.
Isabella holte Philippes Umschlag aus ihrer Brieftasche. Sie hatte ihn all die Jahre aufbewahrt, gefaltet neben dem Kassenbon, der bewies, dass Étienne mit jemand anderem im Restaurant gewesen war.
„Lass ihn dich sehen.“
Sie hatte es versucht. Verdammt, sie hatte es versucht.
Aber man konnte niemanden zwingen, etwas zu sehen, was er unbedingt ignorieren wollte.
Ihr Handy leuchtete auf, und eine weitere SMS kam an.
Diesmal nicht von Étienne. Eine unbekannte Nummer.
„Ich habe deinen Mann letzte Woche im La Lumière Dorée getroffen. Er war charmant. Wie immer.“
Isabella erstarrte vor Schreck.
Falsche Nummer. Natürlich.
Dann noch eine SMS: „Grüß Étienne von mir. Wir haben uns so viel zu erzählen.“
Ein Foto kam an. Étienne saß an einem Restauranttisch und lächelte jemandem gegenüber zu. Der Winkel ließ vermuten, dass der Fotograf die Person war, die er anlächelte.
Die Person, mit der er zu Abend gegessen hatte.
Isabellas Hände zitterten so stark, dass sie beinahe das Handy fallen ließ.
Eine dritte Nachricht: „Er konnte mir nie widerstehen. Nicht einmal, als er dir treu sein sollte.“
Dann ein Name: V.
Vivienne.
Isabella starrte auf die Nachrichten, bis ihr die Sicht verschwamm, bis die Buchstaben keinen Sinn mehr ergaben.
„Morgen“, hatte Étienne gesagt. „Sie würden morgen reden.“
Doch der Morgen kam sechs Stunden zu früh, überbracht von einer Frau, die Isabella unmissverständlich klarmachen wollte, wie ersetzbar sie war.
Die Gründung der Stiftung begann nicht mit einem Plan.Sie begann mit einer Frau namens Céline.Céline war einunddreißig Jahre alt. Sie hatte zwei Kinder unter fünf Jahren und hatte eine von Gewalt geprägte Ehe hinter sich gelassen – acht Monate bevor Isabella ihr in einem sozialen Zentrum im 18. Arrondissement begegnete, wohin sie gemeinsam mit Helene gefahren war, um Spenden abzugeben.Céline saß im Wartebereich, als Isabella eintraf. Sie hatte ihr jüngeres Kind auf dem Schoß und das ältere an ihre Seite geschmiegt; sie füllte ein Formular mit jener Konzentration aus, die man an den Tag legt, wenn Papierkram für einen stets eher ein Hindernis als eine bloße Formalität dargestellt hat.Isabella setzte sich neben sie, da der Wartebereich klein war und kein anderer Stuhl zur Verfügung stand.Sie hatten eigentlich nicht vor, miteinander zu reden.Doch das Kind auf Célines Schoß hatte Isabella mit jenem offenen, prüfenden Blick gemustert, mit dem kleine Kinder Fremde zu taxieren pflegen,
DAS GESCHÄFTSIMPERIUMDie Ankündigung der Fusion erfolgte an einem Dienstagmorgen im Oktober, sechs Wochen nach den Ereignissen in Positano.Isabella stand am Rednerpult im Atrium von Beaumont Industries; über ihr wölbte sich die hoch aufragende Glasdecke des Gebäudes, durch die das Herbstlicht in langen, blassen Säulen einfiel.Étienne stand zu ihrer Linken.Marc stand zu ihrer Rechten.Hinter ihnen, auf einer Leinwand, die die gesamte Breite der Atriumwand einnahm, war das neue Logo zu sehen.„BEAUMONT SENTINEL GROUP“Die Pressevertreter belegten die ersten zehn Sitzreihen. Dahinter saß die vereinte Belegschaft von Beaumont Industries und Sentinel Security Solutions – mehrere hundert Menschen, die früh eingetroffen waren, nun mucksmäuschenstill verharrten und das Podium mit der konzentrierten Aufmerksamkeit jener verfolgten, deren berufliche Zukunft gerade in Echtzeit gestaltet wurde.Isabella ergriff als Erste das Wort.Sie hatte die Erklärung selbst verfasst; Marc hatte sie geprüf
POSITANO, NACHTAls sie vom Abendessen zurückkehrten, herrschte in der Villa Stille.Sie hatten in einem kleinen Restaurant auf halber Höhe des Klippenwegs gegessen – einem Lokal ohne feste Speisekarte, dessen Inhaber entschied, was auf den Tisch kam, je nachdem, was an jenem Morgen aus dem Meer gefischt worden war. Das Essen war außergewöhnlich gewesen, so wie es einfache Dinge immer sind, wenn sie mit größter Sorgfalt zubereitet werden.Sie waren langsam zurückgegangen.Das Dorf leuchtete warm in der Dunkelheit; das Meer unter ihnen war zwar unsichtbar, aber hörbar – eine ständige, leise Präsenz, die allem zugrunde lag.Irgendwo auf dem Rückweg hatte Isabella ihre Schuhe mit den Absätzen ausgezogen; sie trug sie nun in der einen Hand, während ihre nackten Füße auf dem warmen Stein ruhten.Étienne ging neben ihr; seine Jacke hatte er über den Arm gelegt, die Ärmel hochgekrempelt.Auf dem Rückweg sprachen sie kaum miteinander.Während des Essens hatten sie sich angeregt unterhalten –
DIE FLITTERWOCHENDie Villa in Positano lag am Rand einer Klippe über dem Tyrrhenischen Meer.Sie hatte weiße Wände, Terrakottaböden und eine Terrasse, die über den Rand der Felswand hinausragte, sodass man sich beim Stehen darauf wie am Bug eines Schiffes fühlte. Das Wasser unter ihr hatte jenen besonderen Blauton, den es nur in diesem Teil der Welt gab – und auf Gemälden von Menschen, die diesen Teil der Welt gesehen hatten und ihn nicht vergessen konnten.Am ersten Morgen stand Isabella auf der Terrasse, die Hände um eine Kaffeetasse geschlossen, und blickte auf das Meer.Sie hatte nicht auf ihr Handy geschaut.Das war neu.Sie war sich der Anstrengung bewusst, die das erforderte: des leichten Zugs des beruflichen Reflexes hin zu dem Gerät auf dem Tisch im Inneren, hin zu den Benachrichtigungen, von denen sie wusste, dass sie sich dort ansammelten, hin zu jenem Teil ihres Geistes, der so lange auf Hochtouren gelaufen war, dass Stille sich fast wie ein Systemfehler anfühlte.Sie atm
Der Torbogen war mit weißen Rosen geschmückt.Julien Mercier war anwesend, saß in der ersten Reihe, die Arme verschränkt, sein Gesichtsausdruck in jener bestimmten Pose, die verriet, dass er gerührt war, aber dennoch glaubhaft abstreiten wollte, es zu tun.Geneviève Beaumont saß zwei Plätze weiter, den Rücken gerade, die Hände im Schoß. Sie hatte kaum etwas über den heutigen Tag gesagt, als Étienne es ihr erzählt hatte. Sie hatte ihn lange angesehen und dann gesagt: „Sorg dafür, dass es diesmal ordentlich gemacht wird.“Étienne hatte das als Zustimmung verstanden.Sophie saß neben Helene, ihre Schultern berührten sich. Sophie griff bereits in ihre Tasche nach dem Taschentuch, das sie mitgebracht hatte, um es zu benutzen.Und am Ende des Gartenwegs, unter dem Rosenbogen, stand Étienne.Er trug einen dunklen Anzug, keine Krawatte, der Hemdkragen war bis auf einen Knopf geöffnet. Er war immer schon ein Mann gewesen, der am ehesten er selbst war, wenn die Förmlichkeit etwas nachließ.Er
DIE ERNEUERUNG DES EHEVERSPRECHENSDer Garten von Château Laurent lag am frühen Morgen still da.Es war jene Art von Stille, die herrscht, bevor die Welt vollends erwacht. Bevor die Caterer mit ihrer weißen Tischwäsche und ihren sorgfältigen Arrangements eintrafen. Bevor die Floristin die weißen Rosen in den Torbogen am Ende des Gartenwegs geflochten hatte. Bevor Grace die Zwillinge in ihren Kleidern nach unten brachte.Isabella stand am Fenster des Ankleidezimmers im ersten Stock, eine Tasse Tee in den Händen, und blickte hinunter in den Garten.Das Morgenlicht war sanft und fiel flach von Osten über die Hügel ein; es verwandelte den Tau auf dem Gras in etwas, das für einen Moment wie verstreutes Glas wirkte.Sie hatte gut geschlafen.Das überraschte sie, selbst jetzt noch. Sie hatte erwartet, wach zu liegen, bedrückt von der Bedeutung dieses Tages. Von der ganzen Geschichte dessen, was sie hierhergeführt hatte: die sieben Jahre der Distanz, die Monate der Konflikte, der langsame, sc
Der zerknitterte Kassenzettel blieb zwischen Isabellas Fingern, unbewusst umklammert, während die Erinnerung sie überfiel.Unpassend. Unerwünscht. Scharf wie eine Glasscherbe.Im Nu war sie wieder das sechzehnjährige Mädchen, verloren in einem geliehenen Kleid, stehend an der Schwelle einer Welt, d
Das Penthouse roch nach Leere und Luxus.Isabella Rousseau-Beaumont, barfuß auf importiertem italienischem Marmor, beobachtete durch die bodentiefen Fenster, die mehr kosteten als die meisten Häuser, den Sonnenaufgang über Paris. Die Stadt erwachte, das Dröhnen der Metro unten, der Duft von frische
Das Anwesen der Beaumonts wirkte wie direkt einem Kostümfilm entsprungen. Makellos gestutzte Hecken, vergoldete Fensterrahmen und dieses alte Vermögen, das nicht prahlen musste, denn jeder wusste es bereits.Isabella hasste es.Sie hatte sich sorgfältig für den Abend angezogen. Ein lilafarbenes Kle
Seine Stimme war emotionslos.Étienne schob seine Hand in Margots Kinderbett und berührte sanft ihre kleine Hand. Instinktiv drückte sie sie, und er zuckte zusammen, als hätte sie ihn verbrannt.„Wer ist wer?“„Margot hat das rosa Hütchen. Émilie hat das weiße.“Er nickte. Er stand noch eine Minute







