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KAPITEL SIEBEN

last update publish date: 2026-07-06 07:45:11

Der Montag war ein Tag, auf den sich Derek und Laura aus völlig unterschiedlichen Gründen gefreut hatten. Seit ihrer Begegnung in seinem Büro bekam Derek Laura einfach nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte sich kaum Gedanken darüber gemacht, warum sie in seinem Büro zusammengesackt war. Das spielte keine Rolle. Alles, was zählte, war das Feuer, das sie tief in seinem Inneren entfacht hatte.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als auf den Montag zu warten. Er wusste selbst nicht, warum er ihr so viel Freizeit eingeräumt hatte, doch nun war die Entscheidung gefallen. Er konnte sie schlecht anrufen und verlangen, dass sie ihre Arbeit plötzlich doch früher aufnahm. Deshalb lag schon Spannung in der Luft, noch bevor er überhaupt das Büro betreten hatte.

Laura Hemsworth hingegen hatte den Großteil ihrer freien Zeit damit verbracht, sich einzureden, dass es ihr gut ging und Derek nichts weiter als irgendein Mann war – einer, der im großen Ganzen keine Bedeutung hatte. Das Problem war nur, dass ihr Körper seine Berührungen nicht vergessen hatte, auch wenn sie ihr Gesicht verändert hatte. Und dieser kurze Moment, in dem seine Fingerspitzen ihre Haut gestreift hatten, hatte all die jahrelang unterdrückten und längst verdrängten Gefühle und Leidenschaften wieder an die Oberfläche geholt.

Als sie am Montagmorgen den Konferenzraum betrat, wusste sie deshalb, dass dieser Tag alles andere als leicht werden würde. Sie musste ihn nur überstehen. Danach würde jeder weitere Tag einfacher werden.

„Du bist Laura Hemsworth. Eine Betriebswirtin. Nicht mehr die naive, schüchterne Kayla“, flüsterte sie sich selbst zu, während sie ihren Platz mit dem Namensschild einnahm.

„Guten Morgen, Ms. Laura“, begrüßte sie eine Rothaarige, kaum dass Laura ihren Laptop aufgeklappt hatte.

„Oh, guten Morgen“, erwiderte sie mit einem herzlichen Lächeln.

„Ich bin Mara und werde Ihre Assistentin sein. Das Büro hat Ihnen bereits alle Unterlagen weitergeleitet, die Sie brauchen, um sich schnell einzuarbeiten“, erklärte sie freundlich. Da fiel Laura ein, dass sämtliche E-Mails, die sie erhalten hatte, von einer Mara unterschrieben gewesen waren.

„Vielen Dank. Das ist wirklich aufmerksam von Ihnen. Allerdings habe ich noch ein paar Fragen.“

„Ich beantworte Ihnen gern all Ihre…“ Mara kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden, denn in diesem Moment öffneten sich die großen Türen des Konferenzraums, und nach und nach strömten die übrigen Teilnehmer herein. Als Letzter betrat Derek den Raum und nahm am Kopfende des Tisches Platz.

In dem Augenblick, als Laura ihn sah, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Sie holte tief Luft und zwang sich, ihre Schultern zu entspannen, ohne zu bemerken, dass Derek sie die ganze Zeit über beobachtete.

„Gut, dann beginnen wir“, erklärte Derek und zog damit die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. Als Laura den Blick hob, trafen sich ihre Augen, und für einen langen Moment schien keiner von ihnen den Blick des anderen lösen zu können.

Erst Maras leises Räuspern holte beide zurück in die Wirklichkeit. Laura wandte den Blick ab, Derek hingegen nicht. „Ich nehme an, Sie alle haben unsere neue Kollegin bereits kennengelernt: Ms. Laura Hemsworth. Sie kommt von einem renommierten Beratungsunternehmen in Frankreich und verfügt über einen Hochschulabschluss sowie einen MBA im Bereich Wirtschaft und Unternehmensführung. Ich erwarte, dass wir ihr den Respekt und die Unterstützung entgegenbringen, die sie für ihre Arbeit benötigt. Mara?“, sagte er und wandte sich der Rothaarigen zu.

„Ja. Ich denke, Ms. Hemsworth ist auf dem neuesten Stand. Das Büro hat ihr sämtliche Unterlagen geschickt, die sie benötigen könnte“, antwortete Mara nicht ohne Stolz.

„Sehr gut. Dann heiße ich Sie herzlich im Team willkommen, Ms. Hemsworth“, sagte Derek, worauf die übrigen Teammitglieder seinen Worten zustimmend einfielen.

„Ich fühle mich tatsächlich sehr willkommen“, sagte Laura und war selbst überrascht, wie ruhig und selbstbewusst sie klang. „Ich hoffe nur, dass Sie am Ende meiner Arbeit hier noch genauso über mich denken wie jetzt.“ Ein freches Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Ich nehme an, Sie hatten bereits Gelegenheit, unsere Unterlagen durchzusehen“, unterbrach Derek sie. Das Unternehmen hatte gezielt nach einer Expertin gesucht, weil ihm das Geld regelrecht durch die Finger rann und die Gefahr einer Insolvenz immer größer wurde. Derek hatte lange geglaubt, die Situation allein in den Griff zu bekommen, doch das Unternehmen befand sich inzwischen im freien Fall. Ihm war klar geworden, dass es Zeit war, Hilfe anzunehmen.

Lillian war strikt dagegen gewesen. Ihrer Meinung nach würde die Familie sich lächerlich machen, wenn sie externe Hilfe holten. „Was soll diese Frau schon leisten, was du nicht kannst? Oder bist du etwa nicht mehr der legendäre Derek Lawman? Hast du dein Gespür verloren? Blamiere deine Familie nicht wegen deiner eigenen Unfähigkeit.“

„Ich habe dir nichts zu sagen“, hatte Derek lediglich erwidert und seine Pläne, Laura Hemsworth einzustellen, unbeirrt weiterverfolgt.

„Sind Sie noch bei mir?“, fragte Laura, als sie bemerkte, dass Derek mit den Gedanken abgeschweift war. Für einen Moment schrillten bei ihr sämtliche Alarmglocken. Sie fragte sich, ob er die Kontrolle verlor.

„Ja… Mir ist nur gerade etwas eingefallen…“, sagte er und brach den Satz ab. „Entschuldigen Sie. Sie waren gerade dabei zu sagen…?“

In Lauras Augen lag ehrliche Sorge. Nie hätte sie gedacht, dass sie ausgerechnet für Derek noch Mitgefühl empfinden könnte – nicht nach allem, was er ihr angetan hatte. Trotzdem verstand sie nicht, warum sie sich plötzlich um ihn sorgte. „Ich wollte nur sagen, dass ich genügend Zeit hatte, die Unterlagen zu prüfen. Meiner professionellen Einschätzung nach werden wir alle eine Weile den Gürtel enger schnallen müssen, wenn wir das Unternehmen wieder auf Kurs bringen wollen.“

„Was genau meinen Sie mit *den Gürtel enger schnallen*?“, fragte Samantha aus der Betriebsabteilung. Samantha war blond, ausgesprochen biestig und dafür bekannt, sich bei den Vorgesetzten einzuschmeicheln. Ihre Loyalität galt ausschließlich Data Lawman und Lillian Lawman.

„Entschuldigen Sie, Ihren Namen habe ich leider nicht verstanden“, sagte Laura mit einem höflichen Lächeln.

„Samantha Hills, Betriebsabteilung.“

„Nun, Samantha – das Unternehmen verliert in alarmierendem Tempo Geld. Und so, wie die Unternehmenskultur bei Lawman Enterprises derzeit aussieht, haben wir drei Möglichkeiten: Wir stopfen konsequent alle finanziellen Lecks, wir akzeptieren vorübergehend Gehaltskürzungen oder wir bauen Personal ab.“ Selbstsicher nahm Laura ein Blatt Papier zur Hand. „Ich kann Ihnen die Zahlen im Detail vorrechnen, damit Sie genau sehen, womit wir es zu tun haben.“

„Personal abbauen?“, wiederholten mehrere Anwesende im Konferenzraum beinahe gleichzeitig.

Derek erkannte sofort, dass die Stimmung zu kippen drohte, und ergriff das Wort. „Ms. Hemsworth, warum kommen Sie nicht kurz mit in mein Büro? Dort können Sie mir Ihren Plan in aller Ruhe erläutern.“ Mit einem freundlichen Nicken bedeutete er Laura, ihm zu folgen. „Meine Damen und Herren, die Sitzung ist hiermit beendet.“ Damit verließ er den Raum, noch bevor Laura etwas erwidern konnte.

„Sie erinnern mich an jemanden, den ich einmal gekannt habe. Nur war sie längst nicht so kämpferisch wie Sie. Mir hat gefallen, wie souverän Sie den Konferenzraum beherrscht haben“, sagte Derek, kaum dass Laura sein Büro betreten hatte.

„Das fasse ich einfach mal als Kompliment auf“, erwiderte Laura gelassen. Unbewusst fuhr sie sich durchs Haar – und vergaß dabei, dass sie es inzwischen kurz trug. Damals, als sie noch Kayla gewesen war, hatte sie diese Geste immer gemacht, wenn sie nervös war. In genau diesem Moment klappte Derek ungläubig der Mund auf. „Was?“, fragte Laura ehrlich verwundert, ohne zu ahnen, welche Erinnerungen sie gerade in ihm weckte. „Ich kenne Menschen wie Samantha. Sie behaupten, dem Unternehmen loyal zu sein, würden es aber lieber zugrunde gehen sehen, als auch nur einen Finger zu rühren, um es zu retten.“

„Wer sind Sie?“, entfuhr es Derek, bevor er sich bremsen konnte. Obwohl Laura erst seit Kurzem im Unternehmen war, hatte sie Samantha mit erschreckender Genauigkeit beschrieben.

„Entschuldigung? Wie meinen Sie das?“, fragte Laura und holte ihn damit zurück in die Gegenwart.

„Ach, nichts.“ Er fing sich schnell wieder. Für einen Moment hatte er sie beinahe Kayla genannt. Er erinnerte sich daran, wie Kaylas langes Haar jedes Mal mitschwang, wenn sie genau diese Bewegung machte. Was ihn jedoch verwirrte, war die Tatsache, dass Laura dasselbe tat, obwohl sie gar keine langen Haare mehr hatte. „Es tut mir leid, was eben im Konferenzraum passiert ist. Wir alle bei Lawman Enterprise freuen uns, dass Sie hier sind, und Sie können sich auf unsere volle Unterstützung verlassen. Dennoch muss ich Ihre Pläne kennen und genehmigen, bevor sie umgesetzt werden“, erklärte Derek ruhig.

So arbeitete Laura jedoch nicht. Sie war es gewohnt, die Verantwortung zu tragen, und sie spürte bereits jetzt, dass Derek und sie früher oder später aneinandergeraten würden. Sie holte tief Luft und ließ die Schultern sinken. „Normalerweise dulde ich keine Einmischung in meine Arbeit. Aber ich verstehe, dass wir dieselben Ziele verfolgen müssen. Deshalb werde ich meinen Plan mit Ihnen durchgehen.“ Ihre Stimme gewann wieder an Festigkeit. „Sollte ich irgendwann das Gefühl haben, meine Arbeit nicht mehr so machen zu können, wie ich es für richtig halte, werde ich fristgerecht kündigen. Schließlich steht auch mein Ruf auf dem Spiel.“ Obwohl sie ruhig sprach, loderte in ihren Augen unverkennbar Feuer.

„Gut, dann sind wir uns einig. Wenn es für Sie in Ordnung ist, würde ich unsere Strategiebesprechungen gern sonntags in der Lawman Mansion abhalten“, schlug Derek vor. Laura musste sich bewusst beherrschen, um keine Regung zu zeigen.

Die Lawman Mansion war ein Ort, den sie sich geschworen hatte, nie wieder zu betreten. Sie wusste nicht, ob sie die Fassung bewahren könnte, wenn sie Data Lawman – Dereks Mutter – wieder gegenüberstand. „Ähm … wenn Sie Strategiebesprechungen abhalten möchten, habe ich nichts dagegen. Aber bitte an jedem beliebigen Tag – nur nicht sonntags. Und überall, nur nicht bei Ihnen zu Hause.“

Derek musste über ihre Abwehrhaltung schmunzeln. „Da fühlt sich aber jemand ziemlich angegriffen.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich ziehe es einfach vor, Berufliches und Privates strikt voneinander zu trennen“, erwiderte sie unverblümt, was Derek die Stirn runzeln ließ. Es erfüllte sie mit stiller Genugtuung, dass sie ihm endlich Paroli bieten konnte. Sie war längst nicht mehr das dumme, naive Mädchen, das Derek zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht hatte.

„Sie sind ziemlich schlagfertig für so eine zierliche Frau.“

„Sie wissen doch, was man über Menschen mit kleiner Statur sagt“, konterte Laura neckisch. Beide lachten, doch Laura musterte ihn dabei weiterhin misstrauisch.

„Kommen wir zu etwas Persönlicherem.“ Dereks Stimme wurde tiefer, während er sich leicht nach vorn beugte. „Darf ich Ihren Anhänger einmal sehen?“

Die unerwartete Bitte ließ Laura eine Augenbraue heben. „Wie bitte?“

„Ich verspreche, ich gebe ihn Ihnen gleich zurück“, fügte er rasch hinzu, um ihr die Skepsis zu nehmen. Laura hielt seinem Blick einen Moment lang stand und reichte ihm den Anhänger schließlich widerwillig. Derek nahm ihn ehrfürchtig entgegen, schloss für einen Augenblick die Augen und erlaubte sich, von Kayla zu träumen. „Würden Sie ihn mir verkaufen?“

„Nein. Er steht nicht zum Verkauf. Geben Sie ihn mir zurück.“

„Gleich. Was bedeutet er Ihnen? Ich meine den Anhänger.“

Einen Moment lang starrte Laura ihn nur an, unfähig, ein Wort herauszubringen. „Was er mir bedeutet … ist etwas sehr Persönliches“, fing sie sich schließlich wieder. „Darüber möchte ich nicht sprechen.“

„Das ist verständlich“, sagte Derek ruhig. „Ich habe meiner Ex-Frau einmal einen sehr ähnlichen Anhänger geschenkt. Ich weiß, ich habe Ihnen bereits von ihr erzählt. Aber seit ich Ihren Anhänger zum ersten Mal gesehen habe, geht mir dieser Gedanke einfach nicht mehr aus dem Kopf. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Sie wären meine verstorbene Ex-Frau, die von den Toten zurückgekehrt ist.“

„Ich weiß wirklich nicht, was ich darauf antworten soll, Derek. Wenn sonst nichts mehr ist, würde ich jetzt gern wieder an die Arbeit gehen“, sagte Laura, streckte ihm die Hand entgegen und erhob sich. Derek hielt den Anhänger noch einen Moment fest, bevor er ihn ihr widerwillig zurückgab.

Als sie sich umdrehte und davonging, konnte Derek den sanften Schwung ihrer Hüften nicht übersehen. Alles an Laura erinnerte ihn an Kayla. Ihre Gestik, ihre kleinen unbewussten Bewegungen – sie waren nahezu identisch. Der einzige Unterschied war ihr Aussehen. Für Derek gab es nur eine Erklärung: Das war Karmas Art, ihn für alles

büßen zu lassen, was er Kayla angetan hatte.

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