LOGINDie Augen in der Dunkelheit kamen nicht näher. Noch nicht.
Aria lag an den Baumwurzeln, zitterte noch immer. Ihre Brust schmerzte bei jedem Atemzug. Das gebrochene Band fühlte sich an wie eine offene Wunde. Ihr Wolf war in ihr still geworden, zusammengekauert irgendwo klein, zu müde, um auch nur den Kopf zu heben. Sie hatte nichts mehr übrig. Wenn das, was da draußen war, ihr wehtun wollte, war es ihr fast egal.
Ein tiefes Knurren kam aus der Dunkelheit. Es klang nicht wie eine Bedrohung. Es klang, als würde jemand entscheiden, was sie war.
Dann trat er aus den Schatten.
Er war groß, mit breiten Schultern und dunklem Haar. Sein Gesicht wirkte hart, als lächelte er nicht oft. Seine Augen fingen das Mondlicht ein und blitzten silbern. Sie konnte Regen an ihm riechen und etwas wie Stahl. Er roch nach Macht, aber nicht nach Rudelmacht – kein Band, keine Bindungen an irgendjemanden. Nur seine eigene Stärke.
Roman Black.
Ihr Herz setzte aus. Sie versuchte, sich aufzusetzen, und schaffte es nicht. Ihre Arme zitterten zu sehr.
Er blieb ein paar Schritte entfernt stehen und sah auf sie herab – das Blut an ihrem Mund, ihr zerrissenes Kleid, die Art, wie sie zitterte.
„Du bist die Luna der Riven“, sagte er. Seine Stimme war tief und rau, als würde er nicht viel sprechen. „Oder du warst es.“
Sie schluckte. Ihr Mund schmeckte noch nach Blut. „Nicht mehr.“
Etwas veränderte sich in seinem Gesicht. Vielleicht Interesse. Vielleicht erkannte er den Geruch eines gebrochenen Bandes. Er hockte sich hin, hielt noch etwas Abstand, aber er war so groß, dass der Raum trotzdem eng wirkte.
„Du blutest“, sagte er. „Und dein Wolf antwortet kaum noch.“ Er neigte den Kopf. „Wie lange läufst du schon?“
„Lange genug.“
Der Vollmond stand noch hoch über den Bäumen. Sein Licht lag schwer auf ihrer Haut. Ihr Wolf, still seit der Ablehnung, regte sich ein wenig bei seinem Duft. Keine Angst. Etwas anderes. Ihr Magen zog sich zusammen.
Roman wurde still. Er hatte es auch bemerkt.
„Du kannst hier draußen nicht allein bleiben“, sagte er. „Das ist mein Land. Du bist bis zum Morgen tot, wenn ich dich hier lasse.“
Sie stieß ein kleines, gebrochenes Lachen aus. „Vielleicht ist das der Sinn.“
Seine Augen verengten sich. Er sah sie lange an, und sie hatte das Gefühl, er konnte geradewegs durch sie hindurchsehen – drei Jahre des Stillhaltens, drei Jahre, in denen sie jeden Schmerz geschluckt hatte, alles, was sie hinter einem ruhigen Gesicht verborgen hatte. Sie wusste nicht, wie, aber sie merkte, dass er es sah.
Dann bewegte er sich.
Eine Sekunde noch hockte er vor ihr. Im nächsten Augenblick lagen seine Arme unter ihr, und er hob sie an seine Brust. Sie gab einen überraschten Laut von sich und stieß schwach gegen seine Schultern.
„Lass mich runter—“
„Nein.“
Mehr sagte er nicht. Er drehte sich um und trug sie tiefer in die Bäume hinein. Ihre Wange lag an seiner bloßen Haut, wo sein Hemd offen hing. Sein Geruch umgab sie – nichts, was sie kannte. Ihr Wolf gab einen tiefen Laut von sich, irgendwo zwischen Protest und einem Verlangen, über das sie nicht nachdenken wollte.
Sie hasste, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Sie hasste es, und gleichzeitig tat es ein müder Teil von ihr nicht. Nach drei Jahren, in denen man sie vorsichtig behandelt hatte, wie eine Pflicht, fühlte es sich an, von jemandem getragen zu werden, der sie wirklich nah bei sich haben wollte, wie wieder atmen zu können.
Er brachte sie zu einer kleinen Hütte an einem felsigen Hang. Drinnen war es schlicht – ein Bett, ein Ofen, ein Stuhl. Er setzte sie am Rand des Bettes ab und trat zurück. Die Hütte war zu klein für echten Abstand. Mondlicht fiel durch das Fenster und tauchte alles in Silber.
„Ich kann die Ablehnung an dir riechen“, sagte er leise. „Sie ist frisch.“ Seine Augen wanderten zu ihrem Hals, zu dem alten Mal, das dort schon verblasste. „Er hat dieses Band lange hungern lassen, bevor du es endlich gebrochen hast.“
Ihre Hände krallten sich in die Decke. Scham und Wut stiegen gleichzeitig in ihrer Brust auf. „Du weißt nichts darüber.“
„Ich weiß, wie ein vernachlässigtes Band riecht.“ Er trat näher. „Ich weiß, wie ein Wolf klingt, nachdem er zu lange still war.“
Etwas veränderte sich zwischen ihnen. Sie spürte es – der Moment verschob sich von Hilfe zu etwas anderem. Der Mond drückte durch das Fenster herab. Der leere Raum, wo ihr Band gewesen war, fühlte sich weit offen an, und sein Duft schien ihn zu füllen. Ihr Wolf, so lange ausgehungert, drängte so heftig zu ihm, dass es ihr den Atem nahm.
Seine Augen wurden dunkel. Ein tiefer Laut kam aus seiner Kehle.
„Sag mir, ich soll aufhören“, sagte er, die Stimme angespannt. „Sag es klar, und ich gehe durch diese Tür hinaus.“
Sie öffnete den Mund.
Nichts kam heraus.
Sie wusste hinterher nie, wer sich zuerst bewegt hatte. Eine Sekunde noch war Raum zwischen ihnen. Im nächsten Augenblick lag sein Mund auf dem ihren – hart, hungrig, nichts wie die abwesenden Küsse, von denen sie drei Jahre gelebt hatte. Sie gab einen kleinen Laut gegen seine Lippen und griff nach seinen Schultern, weil Festhalten leichter war als auseinanderzufallen.
Nichts daran war sanft. Es war Instinkt und Mondlicht und ein Verlangen, das zu lange gewartet hatte. Seine Hände bewegten sich über sie, als gehörte sie ihm schon. Als sein Mund ihren Hals fand, genau über dem verblassenden Mal eines anderen Mannes, fiel ihr Kopf zurück, und sie hörte auf, sich dagegen zu wehren.
Ihr Wolf heulte in ihr. Nicht vor Schmerz. Zum ersten Mal seit Jahren klang er lebendig.
Als seine Zähne ihre Haut markierten, verengte sich die Welt auf ein einziges Gefühl – gewollt zu werden, vollständig, ohne Zögern. Sie ließ vollkommen los. Zum ersten Mal versuchte sie nicht, sich zusammenzuhalten.
Der Morgen kam grau und still durch das Fenster.
Aria erwachte an jemandem, der neben ihr atmete, und an einem seltsamen Schmerz an ihrem Hals, wo das neue Mal saß, noch warm. Ein paar Sekunden lag sie nur da, starrte an die Decke, das Herz pochte, und sie erinnerte sich noch nicht, warum.
Dann kam alles zurück.
Die Ablehnung. Der Wald. Die Augen in der Dunkelheit. Sein Mund auf dem ihren. Die Art, wie ihr Wolf ihm geantwortet hatte, als hätte er darauf gewartet.
Panik stieg schnell in ihr auf.
Sie glitt unter dem Arm hervor, der über ihrer Taille lag, bewegte sich langsam, damit er nicht aufwachte. Roman rührte sich nicht. Im Schlaf sah sein Gesicht jünger aus, weicher. Das zu sehen, tat ihrem Herzen auf eine Weise weh, über die sie nicht nachdenken wollte. Sie schaute weg, griff ihr zerrissenes Kleid vom Boden und zog sich mit zitternden Händen an.
Das Mal an ihrem Hals pochte mit ihrem Herzschlag. Warm. Dauerhaft. Es erschreckte sie mehr als alles andere, was in dieser Nacht geschehen war.
Das war das eigentliche Problem. Nicht, dass sie sich unter dem Vollmond von einem Fremden hatte beanspruchen lassen. Es war, dass danach, zum ersten Mal seit drei Jahren, ihr Wolf still geworden war auf eine Weise, die sich wie Frieden anfühlte, nicht wie Erschöpfung.
Sie öffnete die Tür der Hütte und trat in die kalte Morgenluft. Sie schaute nicht zurück. Sie rannte einfach.
Die Bäume verschwammen an ihr vorbei. Ihre bloßen Füße fanden den Weg von allein. Das Mal brannte bei jedem Schritt und erinnerte sie daran, was sie hatte geschehen lassen – und wie sehr ein Teil von ihr es gewollt hatte.
Sie war fast bei den dichteren Bäumen am Waldrand, als ein vertrauter Geruch sie im Wind traf.
Kiefer. Rudel. Alpha.
Kai.
Sie erstarrte. Ihr Herz sprang ihr in die Kehle.
Sie waren schon im Wald und suchten sie.
Roman behielt sie am Fluss, nachdem die Bindung zerbrochen war. Er brachte sie nicht sofort zurück zum Haus. Er stand mit leicht gespreizten Füßen, die Arme locker an den Seiten, doch seine Augen hörten nie auf, über den Waldrand zu wandern, suchten die Dunkelheit nach allem ab, das dort nicht hingehörte. Der Himmel war noch dunkel, ein tiefes Kohlegrau, das sich noch nicht aufzuhellen begonnen hatte, als die Ersten seiner Leute eintrafen. Holt kam mit sechs anderen, ihre Stiefel lautlos auf dem festgetretenen Boden. Sie blieben in einiger Entfernung stehen und warteten, ohne zu sprechen, ohne sich zu bewegen. Ihre Blicke gingen zuerst zu dem Mal an Arias Hals, verweilten dort einen Herzschlag zu lange, dann wanderten sie zu Leo, der wach war und dicht an ihrer Seite saß, seine kleine Schulter an ihren Arm gepresst.Leo rieb sich mit einer kleinen Hand über die Brust, die Finger flach über sein Hemd gespreizt, als könnte er das fremde Gefühl damit wieder zurückdrücken.„Das schlechte
Roman fuhr schweigend. Seine Hände lagen fest um das Lenkrad, und sein Blick wanderte immer wieder zum Rückspiegel, um die Straße hinter ihnen zu prüfen. Leo schlief zwischen ihnen auf der Rückbank, den Kopf an Arias Seite gelehnt. Seine kleine Brust hob und senkte sich langsam. Die Lichter des Geländes verblassten hinter ihnen, wurden kleiner und kleiner, bis sie verschwanden. Kein Auto folgte.Aria beobachtete, wie die Bäume vorbeizogen. Ihr Körper schmerzte noch immer vom Kampf. Ihre Arme fühlten sich steif an, und ein dumpfer Schmerz saß tief in ihren Schultern. Der kalte Zug unter ihren Rippen war jetzt schwächer, aber er war noch da, wie ein dünner Faden, der von irgendwoher aus der Ferne zog. Jedes Mal, wenn er zog, bewegte sich Leo im Schlaf, seine kleine Hand ballte sich zur Faust an Arias Arm.Sie bogen auf eine Privatstraße ein. Bewegungsmelder-Lichter gingen eines nach dem anderen an, als der Wagen vorbeifuhr, und warfen fleckige Helligkeit in die Dunkelheit. Ein hoher Zau
Der Stuhl unter dem Türgriff kratzte noch einen weiteren Zentimeter über den Boden. Aria hielt Leo fest an ihrer Seite auf dem Bett. Sein kleiner Körper war steif wie ein Brett geworden. Draußen vor den geschützten Zimmern schlugen Stiefel hart auf den Flurboden, mehr Füße als die zwei Wachen des Rates, die dort stehen sollten. Ein falscher Geruch drang unter der Tür hindurch. Nicht Riven. Nichts, was sie kannte.Roman stand zwischen ihnen und der Tür, sein Rücken gerade. Er sah sie nicht an.„Bleibt hinter mir", sagte er. „Beide."Die Tür flog nach innen auf. Der Stuhl flog durch die Luft und krachte gegen die Wand. Vier Männer stürmten schnell herein. Dunkle Jacken. Jeans. Keine Rudel-Abzeichen. Ihre Gesichter waren ausdruckslos, der flache Blick bezahlter Männer bei einem einfachen Auftrag. Einer hielt einen kurzen Metallschlagstock. Die anderen hatten ihre Krallen bereits ausgefahren, gekrümmt und scharf.Die Wachen des Rates waren nicht im Flur. Das war das Erste, was falsch war.
Sie gingen direkt zu den Heilräumen, liefen schnell den Flur entlang.Mare lag auf einem schmalen Bett. Ihr Gesicht war geschwollen und dunkel von blauen Flecken, ein Auge zugeschwollen, sodass es sich nicht ganz öffnen ließ. Verbände wickelten sich eng um ihre Rippen. Unter der dünnen Decke sah sie klein aus, fast wie ein Kind.Als sie Aria sah, versuchte sie, sich auf die Ellbogen zu stützen. Der Schmerz traf sie hart, und sie sank mit einem scharfen Keuchen zurück auf das Kissen.Aria trat schnell an die Seite des Bettes. Roman blieb nahe der Tür, seine Augen auf den Flur draußen gerichtet. Leo hielt sich fest an Arias Hand und starrte die verletzte Frau mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen an.„Du bist gekommen", flüsterte Mare. Ihre Stimme klang zerrissen, als würde das Sprechen wehtun.„Ich bin gekommen", sagte Aria und setzte sich auf den Bettrand. „Jake hat gesagt, du hättest noch mehr zu sagen."Mares gutes Auge huschte zur Tür, dann zurück zu Arias Gesicht.„Der Angriff
Die große Halle war bereits voll, als sie eintraten.Wölfe drängten sich an den Seiten des Raums, Schulter an Schulter. Der gesamte Rat saß hinter einem langen Tisch vorne. Kai saß bereits auf seinem Platz, Lila neben ihm. Seine Augen richteten sich sofort auf Aria, glitten dann zum Mal an ihrem Hals, dann zu Leo in ihren Armen.Roman blieb dicht an ihrer rechten Seite. Mehrere Wölfe nahe der Tür sahen noch immer erschüttert aus, blass im Gesicht vom Echo des Mals, das sie draußen gespürt hatten. Einige von ihnen berührten immer wieder ihren eigenen Nacken, als würden sie nach etwas suchen, das nicht da war.Aria ging zu dem offenen Platz vor dem Rat und blieb stehen. Sie setzte sich nicht. Leo blieb still an ihrer Brust, seine kleinen Hände umklammerten ihr Hemd.Die ältere Ratsfrau stand auf, ihr Stuhl kratzte über den Boden.„Wir sind hier, um das Sorgerecht für das Kind Leo zu entscheiden, und um den Angriff auf die Späherin Mare sowie die Anschuldigung gegen Lila Solace zu behand
Die Nacht blieb nur für kurze Zeit ruhig.Aria saß auf dem Bett, Leo schlief an ihrer Seite, seine kleine Brust hob und senkte sich. Roman stand wieder am Fenster und beobachtete den dunklen Hof unten. Seine Schultern waren steif, fest verkrampft. Er hatte sich kein einziges Mal hingesetzt, seit Jake gegangen war.Aria beobachtete ihn eine lange Weile.„Du bist wütend", sagte sie.Roman drehte sich nicht um.„Ich bin es leid, in einem Zimmer eingesperrt zu sein, während Leute, die schon versucht haben, uns zu verbrennen, und ein Mädchen halb totgeschlagen haben, immer noch frei draußen herumlaufen."„Der Rat hat die Regeln festgelegt."„Der Rat bewegt sich zu langsam." Romans Stimme blieb tief, aber sie hatte jetzt einen härteren Klang. „Morgen werden sie reden. Sie werden Fragen stellen. In der Zwischenzeit sind die, die den Jungen wollen, immer noch innerhalb dieser Mauern, atmen dieselbe Luft wie wir. Ich kann dich nicht richtig beschützen, hinter einer verschlossenen Tür."Aria ho







