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Kapitel 5: Der Mann, der sie markierte

Author: Ejeh
last update publish date: 2026-08-28 05:39:36

Aria rannte, bis ihre Lungen brannten. Ein scharfer Schmerz bohrte sich in ihre Seite, wie ein Messer unter den Rippen, aber sie hielt nicht an.

Kais Geruch lag noch hinter ihr, vom Wind getragen – Kiefer und Rudel und jetzt etwas Schärferes, der Geruch eines Alphas, der endlich beschlossen hatte, die Frau zu jagen, die er drei Jahre lang ignoriert hatte. Sie trieb sich härter an. Wurzeln und Steine rissen an ihren bloßen Füßen. Das zerrissene Kleid flatterte um ihre Beine, während sie rannte. Bei jedem Schritt pochte das Mal an ihrem Hals. Es tat nicht weh wie das gebrochene Band. Es fühlte sich warm an. Lebendig. Wie ein zweiter Herzschlag, den sie nicht abstellen konnte.

Sie hasste, dass sie es bemerkte. Sie hasste, dass ein Teil von ihr es fast mochte.

Als sie endlich eine asphaltierte Straße durch die Bäume sah, weinte sie beinahe vor Erleichterung. Sie stolperte auf den Asphalt, die Brust hechelte, und zwang sich, zum Gehen zu verlangsamen. Rennen würde die Leute nur starren lassen. Sie musste sich einfügen. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken. Vor allem brauchte sie, dass das Mal an ihrem Hals aufhörte, sich anzufühlen, als gehöre es dorthin.

Eine kleine Stadt lag am Rand des Territoriums – die Art von Ort, an den Rudelwölfe gingen, wenn sie Vorräte brauchten und keine Fragen gestellt bekommen wollten. Aria hielt den Kopf gesenkt und die Arme um sich geschlungen und duckte sich in den ersten Diners, den sie mit eingeschaltetem Licht sah. Eine Glocke läutete über der Tür. Der Geruch von Kaffee und bratelndem Essen traf sie auf einmal. Sie glitt in eine Bank hinten, und ihre Hände zitterten so sehr, dass sie sie flach auf den Tisch drücken musste, um sie stillzuhalten.

Eine Kellnerin kam. Aria bestellte Wasser und berührte es nie. Ihr Kopf ging immer wieder zurück zur vergangenen Nacht, spielte sie in Stücken ab – Romans Hände an ihr, die Art, wie sein Duft in den leeren Raum gerauscht war, den das gebrochene Band hinterlassen hatte, der Laut, den sie gemacht hatte, als seine Zähne ihre Haut durchbrachen. Scham stieg in ihrer Kehle auf. Gleich dahinter kam etwas anderes, etwas Heißes und Verwirrendes, das sie nicht benennen wollte.

Eine Erinnerung drängte sich herein, ob sie wollte oder nicht.

Vor drei Jahren. Ein anderer Vollmond. Kais Stimme nah an ihrem Ohr, selbstsicher. Du bist mein, Aria. Meine Luna. Er hatte sie in jener Nacht in den Bäumen hinter dem Gelände markiert, und sie hatte geweint, weil sie dachte, es bedeute für immer. Sie hatte ihr ganzes Leben um dieses eine Versprechen gebaut.

Letzte Nacht hatte Roman ihr überhaupt nichts versprochen.

Er hatte sie einfach genommen, als wüsste er irgendwie schon, dass sie ihm gehörte.

Und ihr Wolf – ausgehungert, zum Schweigen gebracht, abgenutzt nach drei Jahren des Ignoriertwerdens – hatte ihm ohne eine Sekunde Zögern geantwortet.

Dieser Gedanke ließ sie innen leer fühlen.

Sie berührte das Mal, ohne es zu wollen. Es flammte warm unter ihren Fingern auf, und sie zog die Hand schnell zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Zwei Männer in Arbeitsjacken setzten sich in die Bank direkt hinter ihr und sprachen leise. Sie versuchte nicht zuzuhören. Ihre Stimmen trugen trotzdem.

„– gehört, dass die Blackthorn-Grenze heute Morgen abgeriegelt wurde. Offizieller Anspruch ist durchgegangen.“

„Roman Black?“ sagte der andere. „Verdammt. Die Riven kämpfen seit Jahren um dieses Land. Klingt, als hätte er genug vom Warten. Er nimmt es sich jetzt einfach.“

„Mein Cousin ist bei den östlichen Spähern. Sagt, der Einzelgänger hat die Riven monatelang beobachtet. Wusste genau, wann ihre Luna sie verlassen hat. Als hätte er das Ganze getimt.“

Aria spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

Das Mal an ihrem Hals pochte einmal hart, als hätte es seinen eigenen Namen laut ausgesprochen gehört.

Er hatte es gewusst.

Roman Black hatte genau gewusst, wer sie war, in dem Moment, als er sie in diesen Bäumen gefunden hatte. Er hatte das Riven-Rudel beobachtet – sie beobachtet – seit Monaten. Die Rettung. Die Hütte. Das Beanspruchen unter dem Mond. Nichts davon war ein Unfall gewesen. Nichts davon war Zufall.

Aria stand so schnell auf, dass ihr Wasserglas umkippt. Sie warf ein paar zerknüllte Scheine auf den Tisch und drängte sich aus dem Diner, die Brust zu eng, um richtig zu atmen. Draußen fühlte sich die Morgenluft dünn und nutzlos in ihren Lungen an. Sie musste sich bewegen. Sie musste Abstand zwischen sich und all das bringen. Sie brauchte—

Sie trat auf den Bürgersteig und blieb wie erstarrt stehen.

Gegenüber, am Bordstein geparkt, als hätte er schon eine Weile dort gesessen, stand ein schwarzer Truck.

Roman Black lehnte am Fahrertür, die Arme vor der Brust verschränkt, sein dunkles Haar noch ein wenig feucht. In dem Moment, als sie hinaus trat, fanden seine Augen sie. Keine Überraschung in seinem Gesicht. Keine Eile. Nur eine ruhige, vollständige Gewissheit, als hätte er gewusst, dass sie genau durch diese Tür in genau diesem Moment herauskommen würde.

Er stieß sich vom Truck ab und ging auf sie zu, gemächlich, als hätte er alle Zeit der Welt.

Arias Herz schlug gegen ihre Rippen. Jeder Instinkt in ihrem Körper schrie sie an zu rennen. Ihre Füße hörten nicht. Sie stand wie eingefroren auf dem Bürgersteig, unfähig sich zu bewegen.

Roman blieb ein paar Schritte vor ihr stehen. Seine Augen senkten sich zu dem Mal an ihrem Hals, dann kamen sie zurück und trafen die ihren. Der Mundwinkel hob sich ein wenig – nicht warm, nicht grausam. Einfach selbstsicher.

„Guten Morgen, Aria.“

Seine Stimme war tief, noch rau vom Schlaf, und trug leicht über die leere Straße zwischen ihnen.

„Du hast doch nicht wirklich gedacht, ich würde dich gehen lassen, oder?“

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