Se connecterDiegoDer Bentley steht bereits vor der Freitreppe. Chiara kommt die Stufen herunter, eine perfekt angepasste Ledertasche in der Armbeuge, ihre Absätze klackern mit militärischer Präzision auf dem Marmor. Sie sieht aus, als ginge sie ein Imperium erobern, nicht Akten verwalten. Sie wirft einen Blick zu den Fenstern des Ostflügels, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, bevor sie in den Wagen steigt. Sie hat gestern Abend ihre Samen gesät. Jetzt verlässt sie das vergiftete Terrain.Ich sehe ihr vom Büro aus hinter der Scheibe nach. Der Frieden ist eine Falle. Ich weiß es.Als ich den kleinen Salon betrete, erwarte ich es fast. Valentina steht am Fenster, nicht im Morgenmantel, sondern in einem schlichten, schwarzen Hosenanzug. Ihr Haar ist zu einem strengen Knoten hochgesteckt. Sie steht aufrecht, die Hände vor sich verschränkt.– Ich will hinaus, sagt sie ohne Vorrede, ohne sich überhaupt umzudrehen.– Der Wagen steht dir für Besorgung
DiegoDer Speisesaal ist zu weitläufig, zu still. Der Mahagonitisch glänzt wie eine Fläche dunklen Wassers zwischen uns dreien. Ich sitze am Kopfende, sie sitzen zu beiden Seiten. Ein perfektes Dreieck. Eine Sitzkonfiguration, die einem Schlachtfeld gleicht.Das Essen steht da, perfekt, unbeachtet.Die Luft ist so dicht mit Elektrizität aufgeladen, dass jedes Reiben einer Gabel wie ein Beckenschlag klingt.Ich beobachte sie. Chiara, zu meiner Rechten. Sie ist an diesem Abend aus Marmor gemeißelt. Smaragdgrünes Seidenkleid, ererbte Juwelen, makellose Frisur. Eine Königin auf ihrer Estrade. Ihre Augen, kalt und berechnend, schweifen über den Tisch. Sie betrachtet nicht das Essen. Sie beobachtet Valentina. Sie beobachtet mich. Sie studiert den Raum zwischen uns.Valentina, zu meiner Linken. Sie hat versucht, sich klein und unsichtbar zu machen. Ein graues Kleid, zu schlicht. Sie schiebt einen Bissen Gemüse auf ihrem Teller herum, den Bl
DiegoIch sehe die Niederlage in ihren Augen Einzug halten, vermischt mit einem so intensiven Hass, dass er fast greifbar ist. Sie weiß, dass ich recht habe. Sie sitzt in der Falle.— Und das Ehebett? fragt sie schließlich, die Stimme wieder ein Stahlfaden, aber brüchig. Deine "Pflicht", wie du es nennst? Ist das auch Teil deiner Bedingungen?Ich betrachte sie, diese großartige Frau, gemacht zum Herrschen, die vor mir steht und einfordert, was in jeder anderen Ehe ein Anrecht wäre. Ich spüre einen Hauch von Anziehung. Nicht für sie, sondern für die Macht, die sie repräsentiert, für die Herausforderung, die sie verkörpert. Chiara besitzen bedeutet, einen Thron zu besitzen. Valentina besitzen bedeutet, ein Feuer zu besitzen.— Das Ehebett, sage ich nach einem Moment, ist eine Formalität, der nachgekommen werden kann. Wann ich es beschließe. Nicht als Pflicht, sondern als Zugeständnis.Sie schließt für einen Moment die Augen, die zusätzliche Demütigung verdauend. Als sie sie wieder öffne
DiegoDie Bibliothek ist das stille Herz des Hauses. Wände aus dunkler Eiche steigen bis zum Gewölbe auf, beladen mit alten Büchern, die ich niemals öffne, die aber nach Wissen und Macht riechen. Hier regele ich die intimen Angelegenheiten. Die heikelsten.Chiara tritt ein, ohne anzuklopfen. Sie braucht nicht mehr anzuklopfen. Sie ist Signora Valente, dem Titel nach. Sie trägt ein Schneiderkostüm aus cremefarbener Seide, perfekter Schnitt, tägliche Kriegswaffe. Ihr Gesicht ist eine Porzellanmaske, aber ihre Augen, diese eisblauen Augen, die die Kälte der Agnello-Paläste geerbt haben, verraten eine Anspannung, die ihren Siedepunkt erreicht hat. Zwei Wochen. Zwei Wochen dieses erzwungenen Zusammenlebens, dieser schweigsamen Abendessen, dieses leeren Ehebetts.Sie bleibt vor dem großen Schreibtisch stehen, setzt sich nicht. Eine Erklärung.— Diego. Wir müssen reden.Ihre Stimme ist klar, ohne Zittern. Aber unter der Oberfläche nehme ich den weißglühenden Stahl wahr, bereit zu schneiden.
ValentinaUnd dann ist da sie. Die Ehefrau. Chiara. Ich habe sie im Flur gehört. Das Klacken ihrer Absätze, ihre eisige Stimme. Sie weiß es. Sie ist da, auf der anderen Seite, im legitimen Teil dieses Hauses. Sie muss mich hassen. Mich verachten. Mich als Ungeziefer betrachten, das beseitigt werden muss.Und sie hat recht. Ich bin Ungeziefer. Ein eingesperrtes, besudeltes, benutztes Ding.— Du isst nicht, bemerkt er und legt seine Gabel hin.— Ich habe keinen Hunger.— Du musst essen. Du brauchst Kräfte.— Wofür? Um besser widerstehen zu können? Oder um besser nachzugeben?Ein schmales Lächeln.— Um zu leben. Das ist alles.Nach dem Abendessen berührt er mich nicht. Er setzt sich in einen Sessel, nimmt ein Buch und liest laut vor. Es ist ein alter Roman, auf Italienisch, eine Geschichte von Liebe und Tragödie. Seine Stimme ist tief, melodiös. Sie wiegt den Raum ein, schafft eine Blase der Illusion.Ich kuschle mich auf das Sofa, den Bademantel fest um mich geschlungen, und ich höre ih
DiegoDie Tür des Apartments öffnet sich lautlos vor mir. Die Luft ist lauwarm, duftet nach Bienenwachs und alter Angst. Mein Zuhause. Mein Königreich. Und nun der Schauplatz meines komplexesten Spiels.Chiaras Blick im Flur war eine eisige Klinge. Sie hat alles verstanden. Es gehört zu haben, durch die Tür hindurch, muss für sie das raffinierteste Gift gewesen sein. Ich habe nicht versucht, meine Zufriedenheit zu verbergen. Warum sollte ich? Sie ist intelligent. Sie weiß, dass unsere Ehe eine Festung aus Papier ist, eine Vereinbarung, unterzeichnet in blauem Blut und schwarzer Tinte von Verträgen. Zu sehen, wie sie es akzeptiert, es verdaut, ohne zusammenzubrechen, bestätigt, dass ich die richtige Wahl getroffen habe. Sie wird eine würdige Gegnerin sein, keine weinerliche Ehefrau. Das macht die Dinge interessanter.Aber mein Geist ist nicht bei ihr. Er ist hier, auf der anderen Seite dieser Tür, im Zimmer mit den grauen Seidentapeten.Valentina.Die Erinnerung an ihre Schreie, an ihr
GiuliaIch löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäu
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m







