LOGINIch kann ihn nicht heilen. Ich habe es versucht. Ich habe es so sehr versucht. Aber man heilt nicht jemanden, der nicht geheilt werden will. Man rettet nicht jemanden, der nicht gerettet werden will.Und Diego will nicht gerettet werden. Er will geliebt werden. Er will angebetet werden. Er will, dass man ihm alles gibt, ohne dass er irgendetwas an dem ändern muss, was er ist.— Du wirst dich nie ändern, Diego.Ich wiederhole die Worte leise, für mich allein, um sie mir in den Schädel zu hämmern, um nicht zu vergessen, warum ich gegangen bin.— Und ich werde dich nicht überleben.Der Zug nimmt wieder Fahrt auf. Die Landschaft zieht vorbei, immer grüner, immer schöner. Die Sonne steht jetzt hoch, sie flutet den Waggon mit einem warmen, goldenen Licht. Die anderen Reisenden dösen, lesen, schauen auf ihre Telefone.Ich bin allein in ihrer Mitte. Allein mit meinen Gedanken, meinen Reuegefühlen, meinen zerbrochenen Hoffnungen.
ValentinaDer Zug fährt. Die Schienen gleiten unter den Waggons dahin, schnell, regelmäßig, hypnotisch. Das Geräusch ist ein dumpfes Grollen, das in meiner Brust vibriert, in meinen Knochen widerhallt, mich am Denken hindert. Oder vielleicht bin ich es, die sich am Denken hindert, die die Bilder, die Erinnerungen, die Worte, die er gesagt hat, zurückdrängt.Diego auf den Knien auf dem Bahnsteig.Diego, der mich anfleht.Diego, der weint.Ich schließe die Augen. Ich will das nicht sehen. Ich will mich nicht daran erinnern. Aber die Bilder sind da, eingraviert hinter meinen Lidern, unauslöschlich, unerträglich.— Du wirst dich nie ändern, Diego.Die Worte, die ich gesagt habe, hallen in meinem Kopf wider, immer wieder, wie ein Urteil, wie eine Verdammung, wie eine Wahrheit, vor der ich nicht fliehen kann.— Du wirst dich nie ändern.Ich habe sie für mich genauso gesagt wie für ihn. Um mich zu üb
Sie schaut mich an. Ihre Augen sind voller Tränen, aber auch voller etwas anderem. Etwas, das wie Mitleid aussieht. Oder vielleicht wie Müdigkeit. Eine immense, unendliche Müdigkeit, die auf ihren Schultern lastet und ihre Züge vertieft.— Es ist nicht an mir, dir einen Grund zum Weitermachen zu geben, Diego. Du musst ihn in dir selbst finden. Du musst dich selbst retten. Ich kann das nicht für dich tun. Ich habe es versucht. Ich habe es so sehr versucht. Und ich hätte mich dabei fast selbst verloren.— Dann versuchen wir es zusammen. Fangen wir von vorne an. Vergessen wir alles, was passiert ist. Vergessen wir Chiara, vergessen wir die Rache, vergessen wir die Gewalt. Lass uns weit weg von hier gehen, wir beide. Lass uns ein neues Leben beginnen, an einem Ort, wo niemand uns kennt, wo niemand uns etwas antun kann.— Es sind nicht die anderen, die uns etwas antun, Diego. Wir sind es. Du bist es. Es ist das, was du bist.— Dann sag mir, was ic
DiegoDer Bahnsteig ist jetzt fast leer. Die Reisenden des nächsten Zuges warten, ihre Koffer zu ihren Füßen, ihre neugierigen Blicke auf mich gerichtet. Ich bewege mich nicht. Ich kann mich nicht bewegen. Meine Füße sind wie auf den Beton geschweißt, mein ganzer Körper ist in dieser absurden Position erstarrt, die Hand ausgestreckt nach einem Zug, der nicht mehr da ist.— Valentina.Ihr Name ist ein Murmeln, ein Hauch, ein Geisterwort, das in der verschmutzten Luft des Bahnhofs verhallt.Ich sehe sie noch. Ihr Gesicht durch das Glas, ihre roten Augen, ihre Lippen, die Worte formten, die ich nicht hörte. Ich sehe sie, als ob sie noch da wäre, als ob ich sie noch berühren könnte, als ob all das nur ein Albtraum wäre, aus dem ich aufwachen würde.Aber es ist kein Albtraum.Es ist die Realität. Die kälteste, härteste, unerträglichste Realität, die ich je gekannt habe.Meine Beine geben nach. Ich falle auf die Knie
Sie schaut mich an. Ich sehe ihre Augen durch den Nebel meiner eigenen Tränen. Ich sehe den Kampf, der in ihr tobt, die Zerrissenheit zwischen ihrer Liebe zu mir und ihrem Überlebensinstinkt, zwischen dem, was sie tun möchte, und dem, was sie tun muss.Und dann schüttelt sie den Kopf.Eine langsame Bewegung. Fast unmerklich. Aber die mich durchbohrt wie eine Klinge.— Ich kann nicht, Diego. Ich kann nicht mehr. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.— Valentina...— Lass mich los. Bitte. Lass mich los.Ihre Finger legen sich auf meine, sanft. Sie versucht, meinen Griff zu lockern, ihr Handgelenk zu befreien, sich von mir zu befreien.Ich widerstehe. Ich will sie nicht loslassen. Ich kann sie nicht loslassen. Wenn ich sie loslasse, wird sie gehen. Wenn sie geht, werde ich sterben.— Valentina, ich liebe dich.— Ich weiß. Ich liebe dich auch. Deshalb muss ich gehen.— Das ist nicht logisch.— Liebe ist nicht logisch. Du und ich, wir waren nie logisch.Sie zieht stärker. Meine Finger gleit
Ihre Stimme ist rau, heiser von den Tränen, die sie die ganze Nacht zurückgehalten hat.— Diego, was machst du hier?— Ich bin gekommen, um dich zu holen.— Das hättest du nicht tun sollen.— Ich musste.Meine Finger schließen sich fester um ihr Handgelenk. Ich spüre ihren Puls, der unter meiner Handfläche schlägt, schnell, aufgeregt, wie ein gefangener Vogel.— Ich kann dich nicht gehen lassen, Valentina. Ich kann nicht.— Du musst.— Nein. Nein, ich muss nicht. Ich will nicht. Ich kann nicht.Sie schließt die Augen. Ihre Lider sind ebenfalls rot. Eine Träne entkommt, rollt über ihre Wange, läuft an ihrem Kiefer hinunter, fällt auf ihre Lederjacke, wo sie einen kleinen dunklen Fleck hinterlässt.— Diego, bitte. Mach es nicht noch schwerer.— Schwerer? Glaubst du, es kann schwerer sein als das? Glaubst du, ich kann mehr leiden als in diesem Moment?Sie öffnet die Augen wieder. Sie sind jetzt voller Tränen, überfließend, überflutet. Aber sie weint nicht. Nicht wirklich. Sie hält alles
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia
GiuliaIch löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäu
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best







