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Kapitel 3 — Wo alles kippte

last update Zuletzt aktualisiert: 27.02.2026 21:05:31

Éric

Ich kann nicht schlafen.

Die Stille im Schlafzimmer ist fast erdrückend. Man hört nichts, außer Claras regelmäßigem Atem, die neben mir ausgestreckt liegt. Oder vielleicht tut sie nur so. Clara hat diese Art, sich zurückzuziehen, ohne Lärm zu machen, lautlos zu verschwinden, aber ihre Abwesenheit ist spürbar wie eine stille Ohrfeige. Das Laken zwischen uns wird zu einer Mauer. Eine unsichtbare Grenze. Eine Barriere, die ich seit Wochen nicht mehr überquere. Seit ihr.

Jade.

Immer sie.

Sie verfolgt mich. In meiner Schlaflosigkeit, in den Korridoren meines Geistes, in jedem freien Raum meines Körpers, den Clara nicht mehr berührt. Sie ist da, wie ein hartnäckiges Echo. Ich schließe die Augen, und es sind nicht die Erinnerungen an meine Ehe, die zurückkommen. Es sind ihre. Ihr Lachen, ihre Hände, ihre tiefe, leicht raue Stimme, dieses Korn in ihrem Tonfall, das mein Gedächtnis durchbohrt.

Ich habe sie hereingelassen, schlimmer: ich habe sie gerufen.

Und alles begann vor acht Monaten.

In Lyon.

Eine juristische Konferenz wie viele andere. Drei Tage flache Vorträge, unlesbare Powerpoints, weiche Diskussionen über Rechtsprechung. Ich war aus Verpflichtung gekommen, um die Kanzlei zu vertreten. Ich schleppte mich ohne große Motivation hin, überzeugt, dass ich mit mehr Müdigkeit als Interesse zurückkehren würde. Ich war schon müde. Verbraucht, eigentlich. Und dann… sie.

Ich erinnere mich daran, als wäre es heute Morgen gewesen.

Der Cocktailraum war hell, fast zu hell. Kalte Scheinwerfer, ein beiger Teppich, mechanische Kellner, die zwischen den Gruppen von Juristen hindurchgingen, die in ihre Gewissheiten eingenäht waren. Und ich, allein an der Wand, ein Glas in der Hand. Ich beobachtete die Gesichter, ohne sie zu sehen.

Und sie, sie war da.

Auf den Tresen gestützt, ein Glas Rotwein in der Hand. Kein Namensschild um den Hals. Kein verlegener Blick. Sie war nicht gekommen, um zu lernen. Sie war gekommen, um zu stören. Sie trug es im Blick.

Ihre Augen trafen meine. Es lag nichts Unschuldiges in diesem Blick. Weder Provokation noch Unterwerfung. Nur eine Selbstverständlichkeit. Als hätte sie auf mich gewartet. Als wüsste sie, was ich zu suchen gekommen war, noch bevor ich es selbst bemerkte.

Nichts Aufdringliches an ihr. Ein schwarzes Kleid, schlicht, aber teuflisch geschnitten, leicht am Oberschenkel geschlitzt, das eine nackte Schulter entblößte. Ihre Haut war blass, aber nicht zerbrechlich. Ihr Mund rot, leuchtend, wie ein Versprechen. Sie sah nicht. Sie fing.

Und ich, wie ein Idiot, bin hineingetappt.

Ich näherte mich. Nicht um mit ihr zu sprechen. Nur um in ihrem Blickfeld zu existieren. Vielleicht, damit sie mich verjagt, vielleicht, damit sie mich verschlingt. Ich weiß nicht, was ich erhoffte. Oder vielleicht doch. Vielleicht hatte ich schon Lust, einen Fehler zu machen. Einen echten. Einen Fehler, den man stillschweigend wählt.

— Sie scheinen sich genauso zu langweilen wie ich, sagte sie, ohne sich auch nur umzudrehen.

Ihre Stimme. Sie war eine sanfte Ohrfeige, rau, fast zu ruhig. Eine Stimme vom Ende der Nacht. Eine Stimme, die man nicht vergisst.

— Ich gebe zu, ich habe schon Aufregenderes erlebt, antwortete ich, ohne mein Lächeln zu verbergen.

— Und doch sind Sie geblieben.

— Aus beruflicher Pflicht. Und Sie?

Endlich drehte sie sich zu mir um. Langsam. Sie bohrte ihre Augen in meine, und ich hatte diesen seltsamen Eindruck: Sie las mich. Nicht wie ein offenes Buch. Wie ein Urteil. Kalt. Endgültig.

— Ich bin gekommen, um zu sehen, wie weit Sie gehen.

Ich erinnere mich, gelacht zu haben. Ein nervöses, erstauntes, verwirrtes Lachen.

— Wie bitte?

— Spielen Sie nicht den Naiven, Éric.

Sie kannte meinen Vornamen. Ich hatte eine kleine Gänsehaut. Keine Angst. Aufregung. Schwindel.

— Haben wir uns schon mal gesehen?

— Nein. Aber ich habe über Sie gelesen.

Sie trank einen Schluck Wein, ohne mich aus den Augen zu lassen. Und in diesem Augenblick spürte ich die Grenzlinie. Diese Linie, die ich niemals hätte überschreiten dürfen.

Aber ich tat es.

Sie hieß Jade. Jade Derval. Sie war keine Juristin. Sie schrieb. Scharfe Artikel. Online-Kolumnen über Macht, Recht, die Heuchelei der Eliten. Sie hatte über mich geschrieben, anscheinend. Sie hatte mich seziert, ohne mich zu kennen. Und an diesem Abend hatte sie beschlossen zu sehen, ob ich wirklich so konform war mit dem, was sie erraten hatte.

Ich erinnere mich nicht wirklich an den Rest des Cocktails. Weder an die Händedrücke noch an die ausgetauschten Karten. Ich behalte nur diesen Satz, den sie mir beim Gehen zuhauchte, an mein Ohr gelehnt, während ich schon den warmen Duft ihres Nackens roch:

— Wenn du kommst, klopf nicht, komm einfach rein.

Sie gab mir den Namen ihres Hotels. Eine Adresse. Keine Zimmernummer. Sie wusste, dass ich kommen würde.

Und ich ging hin.

Es genügten drei Stunden, um alles kippen zu lassen. Damit mein Körper Clara vergaß, damit mein Ehering aufhörte, ein Versprechen zu sein, und zur Lüge wurde.

Jade war nicht sanft. Sie war brennend, fordernd, sinnlich. Sie nahm mich wie eine Herausforderung, zog mich in einen Schwindel, den ich nie gekannt hatte. Bei ihr war es nicht nur das Vergnügen – es war der Kontrollverlust. Sie sah mich an wie einen Mann, den sie entwirren würde. Und ich ließ es geschehen.

Als ich am nächsten Tag zurückkam, schlief Clara bereits.

Und ich log.

So wie ich immer noch lüge. Jeden Tag.

Ich drehe mich im Bett um. Clara atmet ruhig. Sie entgleitet mir, sie spürt es. Ich liebe sie noch, glaube ich. Aber nicht mehr auf dieselbe Weise. Ich bin vielfältig geworden. Geteilt. In Stücke.

Ich schließe die Augen, aber Jade ist da.

Sie kommt zurück, ohne Scham, ohne Reue. Ihr Lachen, ihre Kratzer, ihre Stille.

Sie kommt zurück, weil ich sie im Grunde nie habe gehen lassen.

Und ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich es will.

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