Startseite / LGBTQ+ / Küss mich 2.1 / Kapitel 2 — Das Spiel der Lüge

Teilen

Kapitel 2 — Das Spiel der Lüge

last update Zuletzt aktualisiert: 27.02.2026 21:04:04

Éric

Ich habe Mühe zu atmen. Nicht weil ich nervös bin – zumindest nicht nur. Es ist dieses verdammte Haus. Seit einiger Zeit scheint es mich zu verurteilen. Jede Wand, jedes Möbelstück, jede Stille wird zu einer stummen Anklage. Selbst die Alltagsgegenstände  der Teppich, den Clara liebt, die Keramikvase, die wir aus Siena mitgebracht haben, die Vorhänge, die sie sorgfältig ausgesucht hat erinnern mich an das, was ich verraten habe.

Und heute Abend habe ich ein weiteres Gift in die Luft gegeben.

Jade.

Als sie aus dem Auto stieg, im Regen, mit diesem Lächeln, das sie so gut zu dosieren weiß… spürte ich, wie sich meine Kehle zuschnürte. Sie ist sowohl mein Fehler als auch meine Versuchung. Mein Untergang, vielleicht. Aber zu spät. Sie ist hier. Und jetzt muss ich Kompromisse schließen. Das instabile Gleichgewicht finden zwischen Kühnheit und Vorsicht, zwischen dem, was ich zeige, und dem, was ich verberge.

Clara.

Ihr Blick, als sie uns sah… ich kenne ihn. Es ist noch keine Wut. Noch nicht. Es ist diese scharfe Intuition, diese Art von sechstem Sinn, den Frauen haben, wenn sich etwas verändert. Sie weiß es nicht. Nicht genau. Aber sie spürt es. Und dieses "Spüren" ist tausendmal gefährlicher als ein direkter Verdacht.

Frauen spüren immer. Sie lesen, was man nicht sagt. Sie spüren Stille auf, so wie andere Blut riechen. Und Clara… Clara ist furchteinflößend, wenn sie zweifelt.

Ich sage mir immer wieder, dass ich kein Lügner bin. Dass ich das nicht bin, all das. Aber ich lüge. Und ich lüge gut. Zu gut. Es ist zu einer Kunst geworden, einem Rhythmus, einer geölten Mechanik. Ein gerader Blick, ein ruhiger Ton, eine Dosis fabrizierter Zärtlichkeit.

— Jade ist… meine Cousine.

Es kam in einem einzigen Atemzug heraus, fast mühelos. Ich habe es sogar geschafft, einen Hauch von Verlegenheit hineinzulegen, als ob ich mich schämen würde, ihr diese Anwesenheit aufzuzwingen.

Cousine. Von der Seite meiner Mutter. Es ist vage, weit weg, perfekt.

Und doch, in der darauffolgenden Sekunde, sah ich Claras Kiefer sich anspannen. Ihr Blick durchbohrte mich wie eine Klinge. Sie unterbrach mich nicht. Sie stellte keine Fragen. Aber sie sah mich an… wirklich an. Und da wusste ich: Sie ist dabei, die Teile eines Puzzles zusammenzusetzen, von dem ich dachte, es wäre unsichtbar.

Ich gehe die Treppe hinauf mit Jade. Ihre Tasche in der Hand. Meine "Cousine", mein Fehler.

Sie steigt langsam, ohne Eile. Sie gleitet mit ihren schlanken Fingern über das Geländer, sieht sich um wie eine Inspektorin. Sie fühlt sich hier nicht eingeladen. Sie tut so, als käme sie nach Hause.

— Es ist charmant hier, murmelt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Charmant. In ihrem Mund klingt es wie eine höfliche Beleidigung. Sie findet den Ort zu eckig, zu gewöhnlich. Zu sehr Clara. Das hat ihr nie gefallen. Sie bevorzugt Unordnung, Bewegung, Instinkt.

— Du wirst hier schlafen, sage ich und stelle die Tasche im Gästezimmer ab.

Sie tritt ein, geht im Zimmer umher wie eine Hotelkritikerin. Ihr Blick streift die weißen Wände, die gebügelte Bettwäsche, den Bilderrahmen auf der Kommode (ein Foto von uns beiden, Clara und ich, in Lissabon… beißende Ironie).

— Sieht aus wie ein skandinavischer Einrichtungskatalog, haucht sie.

Sie sieht mich über ihre Schulter an. Da nehme ich ihr Parfüm wahr. Dieser süße, tiefe, fast animalische Duft, der mich idiotisch macht. Mein Bauch verkrampft sich unwillkürlich.

— Das ist Clara. Sie mag es, wenn alles an seinem Platz ist.

Sie kommt näher. Langsam. Zu nah. Und ich weiß, was sie tut. Sie spielt. Wie immer. Sie liebt es, Grenzen zu verschieben, an Ränder zu stoßen.

— Und du, Éric?, flüstert sie. Magst du das? Wenn alles an seinem Platz ist?

Ich könnte ihr antworten. Einen Witz machen. Sagen, dass ich Ordnung mag, dass sie mich beruhigt. Aber ich sage nichts. Denn die Wahrheit ist, dass ich nicht mehr weiß, was ich mag. Was ich will.

Ich sehe sie an.

Und in ihrem Blick sehe ich dieses vertraute und gefährliche Ding: die Macht. Die, die sie über mich hat. Die, die ich ihr lasse.

Wir berühren uns nicht. Nicht hier. Noch nicht. Das wäre zu früh. Zu offensichtlich. Aber sie streift meine Hand, sanft. Und diese flüchtige Berührung wiegt tausend Liebkosungen auf. Weil sie verboten ist. Und weil wir es wissen.

— Bleib brav, bringe ich mit zugeschnürter Kehle hervor.

Sie lacht. Leise. Ein fast zärtliches Lachen. Und dieses Lachen folgt mir, als sie die Tür hinter sich schließt.

Ich gehe wieder nach unten.

Clara ist im Wohnzimmer. Aufrecht wie eine Statue. Ihre Teetasse in den Händen, aber sie trinkt nicht. Sie ist erstarrt. Ich kenne sie. Sie denkt nach. Sie analysiert.

Ich setze mich neben sie. Lege eine Hand auf ihr Bein, wie immer. Eine eingeübte, wiederholte Geste, ohne Wärme.

— Sie bleibt ein paar Tage. Bis sie sich gefangen hat. Sie hat nicht wirklich Halt mehr.

Sie antwortet mir nicht. Sie sieht Jade an, die sich im Sessel niedergelassen hat. Absolut bequem. Zu bequem. Sie schlägt die Beine übereinander, beobachtet den Raum, atmet die Atmosphäre ein. Sie eignet sich die Räume allein durch ihre Anwesenheit an.

Ich fühle mich gefangen zwischen zwei Welten. Der, die ich mit Clara aufgebaut habe. Stabil. Vorhersehbar. Und der, die ich mit Jade ausgelöst habe. Instinktiv. Wild. Unkontrollierbar.

— Zimt. Ich liebe es.

Dieser Satz durchbohrt mich.

Ich drehe langsam den Kopf. Clara auch.

Ihr Blick ruht auf mir. Eiskalt. Forschend.

Sie hat verstanden.

Der Zimttee ist ihrer. Ihr Morgenritual. Niemand sonst trinkt ihn hier. Ich habe Jade noch nie welchen angeboten. Und doch… sie erkennt ihn. Sie benennt ihn.

Ich räuspere mich. Eine Ausweichbewegung.

— Ich hole noch ein Scheit Holz für den Kamin.

Ich fliehe. Buchstäblich. Mein Herz hämmert in meiner Brust. Ich gehe in die Garage, lehne mich gegen die Wand.

Verdammt.

Es entgleitet mir. Zu schnell. Jade spielt zu hart. Clara ist zu hellsichtig. Und ich… ich bin dem, was ich in Gang gesetzt habe, nicht gewachsen.

Später geht Clara ohne ein Wort nach oben.

Ich bleibe in der Küche. Lange. Starre auf die Fliesen. Höre das Ticken der Uhr. Frage mich, wie lange ich schon lüge. Und warum ich nicht aufgehört habe. Vielleicht, weil ich Clara trotz allem noch liebe. Oder vielleicht, weil ich Angst vor ihr habe. Angst davor, was sie tun würde, wenn sie es wüsste.

Und Jade… sie ist ein Ausbruch. Ein Abgrund, ein Hunger.

Ich gehe nach oben. Langsam. Wie ein Verurteilter.

Clara liegt auf der Seite. Rücken zugewandt. Sie atmet leise, oder tut so. Ich gleite ins Bett. Ihre Wärme erreicht mich kaum. Ich strecke die Hand aus. Lege sie auf ihre Hüfte. Sie bewegt sich nicht.

Mein Herz zieht sich zusammen.

Jade ist nur ein paar Meter entfernt. Eine Etage höher.

Und ich bin hier. Neben einer Frau, die mich noch liebt, ohne zu wissen, dass ich gerade alles zerstöre.

Ich bin gefangen in einem Labyrinth, das ich selbst gezeichnet habe.

Und was ich heute Abend fühle, ist weder Triumph noch Vergnügen. Es ist ein Schwindel.

Ein schrecklicher Schwindel.

Lies dieses Buch weiterhin kostenlos
Code scannen, um die App herunterzuladen

Aktuellstes Kapitel

  • Küss mich 2.1   Kapitel 8 — Tiefer noch

    ÉricSie blieb lange im Badezimmer.Das Wasser läuft hinter der Tür weiter, wie eine ferne Erinnerung an die Realität, aber hier im Zimmer scheint alles aufgehoben. Die Laken noch warm von Jades Körper. Der Geruch ihrer Haut, der in der Luft hängt. Und ich, am Bettrand sitzend, Oberkörper frei, noch fröstelnd.Ich sehe auf meine Hände.Sie zittern leicht.Es ist keine Müdigkeit. Es ist Gier. Ein Mangel, der sofort zurückkehrt, sobald der Akt vorbei ist. Eine neue, heimtückische, stille Abhängigkeit. Sie ist es. Sie verzehrt mich. Sie zieht mich in ein Spiel, in dem ich jede Runde verliere, und doch will ich weiterspielen.Die Tür öffnet sich mit einem Hauch. Leichter Dampf dringt in den Raum, gefolgt von ihrem Körper: Jade.Ihr Körper noch feucht, halb Göttin, halb Dämon. Die Tropfen gleiten über ihre Hüften, ihre Brust, ihren Bauch. Sie hat ein Handtuch um die Taille gebunden, aber es bedeckt nichts. Im Gegenteil, es betont. Akzentuiert. Macht verrückt.Ihr Haar fällt in schweren Str

  • Küss mich 2.1   Kapitel 7 — Das andere Ufer

    ÉricIch wusste, dass es passieren würde.Ich wusste es von dem Moment an, als ich sie verließ, fünf Tage zuvor, noch zitternd, noch von ihr gezeichnet. Es war keine Flucht, keine Erlösung. Es war nur ein Aufschub.Seitdem hat alles seinen Geschmack verloren.Der Kaffee.Die Gespräche, Claras Haut.Selbst das Tageslicht.Ich bin wie ein Geist durch meinen Alltag geirrt und habe mir versprochen, dass ich durchhalten würde. Aber ich log bereits. Ich log alle an. Vor allem mich selbst.Und gestern Abend habe ich nachgegeben.Zwei Worte gesendet, ohne nachzudenken:"Wo bist du?"Die Antwort kam wie ein Fallbeil."Noch immer in Reichweite des Fehlers."Dann eine Adresse.Ein diskretes Hotel, fast versteckt in einer anonymen Gasse, zwei U-Bahn-Stationen von mir entfernt.Zimmer 608.Ich habe nicht geantwortet.Ich habe nicht zugesagt.Und doch bin ich heute Abend hier.Vor dieser Tür.Meine Hand zögert.Der Atem stockt.Die Welt steht still.Ich klopfe. Einmal. Zweimal.Und die Tür öffnet s

  • Küss mich 2.1   Kapitel 6 — Das Echo des Mangels

    ÉricDas Büro bedrückt mich.Mehr denn je.Dabei bin ich hierhergekommen, um zu fliehen. Aus dem Zimmer. Vor Clara. Vor der Erinnerung an den Vorabend, an ihre sanfte Stimme wie ein Urteil, an ihren gemessenen Atem im Dunkeln. Vor allem, um Jade zu entfliehen. Ironische Gemeinheit: Sie ist es, die ich wiederfinde, sobald ich die Schwelle überschritten habe.Nicht leibhaftig. Im Geist. Im Parfüm. Im Gift.Alles erinnert mich an Jade. Selbst hier.Der Kaffeeduft, sonst beruhigend, brennt mir im Hals. Das Geräusch der Tastaturen, die fernen Anrufe, die zuschlagenden Türen… jede Sache reizt mich. Mein Körper ist da, sitzend, tadelloser Anzug, Krawatte ordentlich gebunden. Aber innerlich ist es Wüste.Ich glaube, ich bin zu einer Hülle geworden.Eine Illusion eines Mannes.Die Kollegen grüßen mich, sprechen mit mir. Ich antworte automatisch. Ich lächle manchmal. Ich habe gelernt, so zu tun. Ich bin jetzt ein guter Lügner. Aber meine Hände zittern ein wenig, wenn ich mich setze. Und mein Ma

  • Küss mich 2.1   Kapitel 5 — Das Gewicht der Stille

    ÉricEs ist fast vier Uhr morgens, als ich das Hotel verlasse.Der Flur ist still, mit dickem Teppichboden ausgelegt, der meine Schritte dämpft, als ob selbst der Ort sich meiner schämen würde. Der Aufzug fährt langsam hinunter, zu langsam. Mein Spiegelbild in den Metallwänden zeigt mir ein verwischtes Bild: gerötete Augen, zerknittertes Hemd, Mund gezeichnet von den Küssen einer anderen. Mit einem Ärmelstrich versuche ich zu verwischen, was ich geworden bin. Vergebens.Die Stadt schläft.Lyon erstreckt sich in einer gespenstischen Ruhe. Die wenigen Autos kreuzen meinen Weg, ohne anzuhalten. Die Schaufenster sind erloschen. Die Bäume zittern sanft im Nachtwind. Die toten Blätter gleiten über den Bürgersteig wie Geständnisse, vor denen man fliehen will.Ich gehe schnell, die Hände in den Taschen, den Mantelkragen hochgeschlagen. Nicht um mich zu wärmen. Um mich zu verstecken.Ich habe kein Taxi genommen. Ich will nicht zu schnell nach Hause. Ich will meine brennenden Beine spüren, mein

  • Küss mich 2.1   Kapitel 4 — Wo alles kippte (Fortsetzung)

    ÉricDie Tür ihres Zimmers öffnet sich, noch bevor ich klopfe.Sie wusste es.Sie hatte auf mich gewartet, nackt unter einem geöffneten Kimono, wie eine Provokation. Keine unnötigen Worte. Keine falsche Bescheidenheit. Ihr Blick durchbohrt mich. Ich habe das Gefühl zu ersticken, schon bevor ich eintrete.Ich mache einen Schritt.Sie weicht langsam zurück, dreht mir den Rücken zu. Der Stoff gleitet kaum über ihre Schultern und enthüllt die perfekte Kurve ihres Rückens, ihren dargebotenen Nacken. Sie spricht immer noch nicht. Sie muss nicht. Alles in ihrem Körper, in ihrer Langsamkeit, in ihrer Art, mich präzise zu ignorieren, ruft mich.Ich schließe die Tür. Es gibt nur noch uns. Die Luft ist warm, fast schwül. Eine gedimmte Lampe wirft ein sanftes Licht auf das zerwühlte Bett. Ein leichter Duft von schwarzer Feige und Weihrauch liegt in der Luft. Vertraut. Gefährlich. Als ob dieses Zimmer kein Ort wäre, sondern ein Riss.Sie bleibt am Fußende des Bettes stehen, stellt ihr Glas auf den

  • Küss mich 2.1   Kapitel 3 — Wo alles kippte

    ÉricIch kann nicht schlafen.Die Stille im Schlafzimmer ist fast erdrückend. Man hört nichts, außer Claras regelmäßigem Atem, die neben mir ausgestreckt liegt. Oder vielleicht tut sie nur so. Clara hat diese Art, sich zurückzuziehen, ohne Lärm zu machen, lautlos zu verschwinden, aber ihre Abwesenheit ist spürbar wie eine stille Ohrfeige. Das Laken zwischen uns wird zu einer Mauer. Eine unsichtbare Grenze. Eine Barriere, die ich seit Wochen nicht mehr überquere. Seit ihr.Jade.Immer sie.Sie verfolgt mich. In meiner Schlaflosigkeit, in den Korridoren meines Geistes, in jedem freien Raum meines Körpers, den Clara nicht mehr berührt. Sie ist da, wie ein hartnäckiges Echo. Ich schließe die Augen, und es sind nicht die Erinnerungen an meine Ehe, die zurückkommen. Es sind ihre. Ihr Lachen, ihre Hände, ihre tiefe, leicht raue Stimme, dieses Korn in ihrem Tonfall, das mein Gedächtnis durchbohrt.Ich habe sie hereingelassen, schlimmer: ich habe sie gerufen.Und alles begann vor acht Monaten.

Weitere Kapitel
Entdecke und lies gute Romane kostenlos
Kostenloser Zugriff auf zahlreiche Romane in der GoodNovel-App. Lade deine Lieblingsbücher herunter und lies jederzeit und überall.
Bücher in der App kostenlos lesen
CODE SCANNEN, UM IN DER APP ZU LESEN
DMCA.com Protection Status