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Kapitel 4 — Wo alles kippte (Fortsetzung)

last update Last Updated: 27.02.2026 21:06:06

Éric

Die Tür ihres Zimmers öffnet sich, noch bevor ich klopfe.

Sie wusste es.

Sie hatte auf mich gewartet, nackt unter einem geöffneten Kimono, wie eine Provokation. Keine unnötigen Worte. Keine falsche Bescheidenheit. Ihr Blick durchbohrt mich. Ich habe das Gefühl zu ersticken, schon bevor ich eintrete.

Ich mache einen Schritt.

Sie weicht langsam zurück, dreht mir den Rücken zu. Der Stoff gleitet kaum über ihre Schultern und enthüllt die perfekte Kurve ihres Rückens, ihren dargebotenen Nacken. Sie spricht immer noch nicht. Sie muss nicht. Alles in ihrem Körper, in ihrer Langsamkeit, in ihrer Art, mich präzise zu ignorieren, ruft mich.

Ich schließe die Tür. Es gibt nur noch uns. Die Luft ist warm, fast schwül. Eine gedimmte Lampe wirft ein sanftes Licht auf das zerwühlte Bett. Ein leichter Duft von schwarzer Feige und Weihrauch liegt in der Luft. Vertraut. Gefährlich. Als ob dieses Zimmer kein Ort wäre, sondern ein Riss.

Sie bleibt am Fußende des Bettes stehen, stellt ihr Glas auf den Couchtisch, dann dreht sie sich zu mir um. Langsam. Sie mustert mich ohne zu blinzeln.

— Du bist gekommen.

— Ich weiß nicht, warum.

— Doch, du weißt es.

Ihre Worte sind Nadeln. Sie durchbohrt meine Abwehrkräfte mühelos.

Ich antworte nicht. Ich hätte fliehen können. So tun, als wäre es nur ein Spiel gewesen. Aber ich bin bereits gefangen. Gefangen, seit sie mich an der Bar ansah. Seit sie meinen Vornamen mit dieser rauen Stimme aussprach, die aus einem verbotenen Traum zu kommen scheint.

Sie kommt näher. Langsam. Jeder Schritt lässt meine Gewissheit erzittern. Sie sieht mich nicht wie einen verheirateten Mann an. Sie sieht mich wie einen hungrigen Mann an. Und sie, sie ist das Festmahl. Eine heilige Gabe, die man nicht berühren darf, aber sie zwingt einen zuzubeißen.

Sie stellt sich vor mich hin, ihr Atem gegen meinen.

— Du wirst alles kaputt machen, Éric. Und du wirst es wieder tun.

Ihre Finger lockern den Knoten meiner Krawatte. Keine ihrer Bewegungen ist zögerlich. Sie zieht mich aus, als wäre es eine Szene, die sie schon oft in ihrem Kopf geprobt hat. Eine Szene, deren jede Zeile, jede Stille sie kennt. Mein Hemd fällt zu Boden, gefolgt von meinem Gürtel. Ich bewege mich nicht. Ich lasse sie gewähren. Ich habe aufgehört zu denken.

Ihr Blick gleitet langsam über mich, unerbittlich. Nicht um zu schmeicheln. Um zu zerstören. Sie weiß, dass ich ihr gehöre. Sie spürt es an meinem Atem, an der Spannung meiner Muskeln, an dieser Schwäche, die mich ganz durchströmt.

— Glaubst du noch, du hast eine Wahl?

Sie drückt mich sanft. Meine Beine stoßen gegen die Bettkante. Ich falle fast darauf. Sie setzt sich rittlings auf mich, der Kimono weit geöffnet. Ihre nackte Haut brennt auf mir. Ihre Schenkel umschließen mich wie eine sinnliche Ohrfeige. Sie beugt sich vor, und ihr Mund fällt auf meinen, ohne Schonung.

Es ist Chaos.

Ihr Geschmack ist stärker, als ich mir vorgestellt hatte. Wein, Gewürze, Haut und Feuer. Sie küsst mich, um zu besitzen, nicht um zu verführen. Sie nimmt mich. Ihre Zunge sucht die meine mit Wut, fordert. Ihre Hände krallen sich in mein Haar, kratzen meinen Nacken, machen mich verrückt. Sie will mich ganz, und sie entreißt mich mir selbst.

Sie setzt sich ganz auf mich, ihr Becken gegen meins. Mein Atem stockt. Sie wiegt sich kaum, gerade genug, um mich die Kontrolle verlieren zu lassen. Ich spüre alles. Jede Vibration ihres Körpers gegen meinen. Jeden Seufzer, den sie mir stiehlt.

Ihre Nägel graben sich in meine Schultern. Sie dominiert mich. Nicht in einem Machtspiel. In einer Selbstverständlichkeit. Sie ist das Feuer, ich bin das Holz. Sie ist der Sturm, ich bin der Mann ohne Obdach.

— Du siehst mich an, als wäre ich dein Untergang, murmelt sie.

— Weil du es bist.

Sie lächelt. Ein langsames, fleischfressendes Lächeln.

Und dann gibt sie sich hin. Völlig. Grausam. Langsam.

Sie wölbt sich, bietet sich dar und setzt sich durch. Ihr Körper gegen meinen wird zu einem Krieg ohne Waffenstillstand. Sie sucht nicht Zärtlichkeit, sie will mir wehtun, mich zeichnen, mich verfolgen. Und ich… ich will das. Ich will, dass sie eine Spur hinterlässt. Dass sie alles andere ersetzt. Dass sie Clara auslöscht, meinen Namen, meine Moral.

Ich verliere alles.

Ich verliere den Atem, als sie sich an mich presst.

Ich verliere das Gleichgewicht, als sie mich am Hals küsst.

Ich verliere meinen Glauben, als sie gegen meinen Mund stöhnt.

Ich verliere mich in ihr. Freiwillig.

Und als sie endlich bebt, in einem wilden Spasmus, ihre Haare an ihrer Stirn kleben, ihre Kratzer auf meiner Haut, ihr Geschlecht gegen meins in einem fiebrigen Rhythmus, gebe ich mich auf. Ich breche zusammen. Ich erschöpfe mich in ihr, als wäre es das letzte Mal, dass ich etwas Echtes fühlen würde.

Wir bleiben liegen. Nackt. Verschmolzen. Schweißgebadet.

Sie gleitet mit ihrem Kopf auf meine Brust. Mein Herz pocht, dass es mir fast die Rippen sprengt. Meine Kehle ist trocken. Ich will sprechen, aber ich finde kein Wort, das nicht falsch klingt.

Sie murmelt:

— Jetzt kannst du nicht mehr zurück.

Und sie hat recht.

Ich bin gefallen.

Nicht verliebt, schlimmer: süchtig.

Ich streiche geistesabwesend über ihre Hüfte. Ihr Atem beruhigt sich, aber ich kann nicht mehr normal atmen. Alles scheint unwirklich. Und doch ist es der lebendigste Moment, den ich seit Jahren erlebt habe.

Ein Schauer durchfährt mich.

Nicht vor Kälte.

Vor Klarheit.

Ich habe gerade etwas zerbrochen. Etwas, das sich nie wieder zusammenfügen wird.

Clara schläft jetzt sicher. Vielleicht denkt sie an mich. Vielleicht hat sie sich heute Abend gesagt, dass es Zeit wäre, dass wir reden. Dass wir uns wiederfinden.

Aber es ist zu spät.

Ich bin woanders. Weit weg. Sehr weit weg von unserem ehelichen Bett, von unserer Wohnung mit den zu weißen Wänden und den zu höflichen Stillen.

Ich bin in einem Hotelzimmer, in der Tiefe eines Körpers, den ich noch nicht verstehe, der mich aber bereits besitzt.

Und ich weiß tief in mir, dass ich wiederkommen werde.

Immer wieder.

Und immer wieder.

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