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Meine Zwillings-Alphas
Meine Zwillings-Alphas
Author: Erna Arden

Kapitel —1

Author: Erna Arden
last update publish date: 2026-08-21 15:16:59

Kapitel 1

Der morgendliche Nebel hüllt das Lycée du Bois d’Argent in einen grauen, feuchten Mantel.

Die alten Steingebäude erheben sich wie stille Wächter hinter den schmiedeeisernen Toren, die sich gerade geschlossen haben.

Nicole Blanchard rennt.

Sie rennt, wie sie noch nie in ihrem Leben gerannt ist. Ihre Turnschuhe hämmern in verzweifeltem Rhythmus auf den nassen Gehweg, während ihr Rucksack gegen ihre Schulter schlägt.

Die Schulglocke hat bereits vor fünf Minuten geläutet. Fünf Minuten, die an einem ersten Tag an einer neuen Schule eine Ewigkeit bedeuten.

Das Haupttor ist schon geschlossen. Sie entdeckt den schmalen Durchlass für Nachzügler, eine kleine Metalltür an der Seite, die der Pförtner gerade abschließen will.

Sie beschleunigt, rutscht auf einem nassen Gullydeckel beinahe aus und hält sich im letzten Moment an einem Laternenpfahl fest.

„Bitte! Warten Sie!“

Der Pförtner, ein Mann um die fünfzig mit verwittertem Gesicht, blickt mit einem Ausdruck aus Ärger und Müdigkeit zu ihr auf.

Er hält die Tür mit einer Hand halb offen, während er mit der anderen auf seine Uhr schaut.

„Erster Tag und schon zu spät, junge Dame. Das fängt ja gut an.“

Nicole zwängt sich durch die Öffnung und murmelt verlegene Entschuldigungen. Ihr braunes Haar hat sich aus dem Pferdeschwanz gelöst und klebt an ihren feuchten Schläfen.

Sie hatte nicht einmal Zeit, ihr Aussehen in einem Spiegel zu überprüfen, bevor sie losging. Der Wecker hat nicht geklingelt.

Ihre Mutter war bereits zu ihrer neuen Stelle in der Bibliothek aufgebrochen. Das Haus war leer und still, und sie hatte geschlafen.

Wie ein Stein geschlafen, nach einer Nacht voller seltsamer Träume, in denen goldene Augen sie vom Rand eines unbekannten Waldes aus beobachteten.

Die Hauptallee des Schulgeländes erstreckt sich vor ihr, gesäumt von jahrhundertealten Ahornbäumen, deren Blätter sich in diesem Frühherbst gerade erst rötlich färben.

Die neugotischen Gebäude verleihen dem Ort eher das Aussehen eines alten Schlosses als einer Schule.

Steinerne Wasserspeier beobachten die Schüler von den Gesimsen herab, ihre grimassierenden Mäuler zu einem ewigen Grinsen erstarrt.

Alles hier atmet Alter, Tradition und Geheimnisse, die unter Schichten von Efeu und Schweigen begraben liegen.

Nicole überquert im Laufschritt den leeren Hof. Ihre Sohlen klacken auf dem unebenen Kopfsteinpflaster.

Sie passiert den zentralen Brunnen, ein massives Bauwerk, geschmückt mit der Statue eines Wolfs, der den Mond anheult, und biegt zum Hauptgebäude ab, dessen Plan sie sich am Vorabend eingeprägt hat.

Die Eingangshalle ist leer und still, nur erhellt von den schmiedeeisernen Kronleuchtern, die von der gewölbten Decke herabhängen. Der Geruch von Bohnerwachs und altem Holz erfüllt die Luft.

Ihre Finger zittern leicht, als sie das zerknitterte Papier auseinanderfaltet, auf dem ihre Klassennummer steht. Gebäude E, Raum 204.

Sie blickt zu den Hinweisschildern hoch und geht die Wendeltreppe hinauf, die in den zweiten Stock führt.

Die Steinstufen sind in der Mitte abgetreten, ausgehöhlt von Generationen von Schritten.

Ihre Finger gleiten über das schmiedeeiserne Geländer, das sich unter ihrer Handfläche kalt anfühlt.

Alles ist kalt hier. Alles ist alt. Alles ist einschüchternd.

Der Flur im zweiten Stock ist endlos.

Massive Holztüren reihen sich auf beiden Seiten aneinander, nummeriert mit goldenen Ziffern, die im Halbdunkel schwach schimmern.

Zwischen den Fenstern hängen Gemälde ehemaliger Direktoren mit strengen Gesichtern. Ihre gemalten Augen scheinen ihr zu folgen, während sie weitergeht und verzweifelt den Raum 204 sucht.

Sie findet ihn schließlich ganz am Ende des Flurs. Die Tür ist geschlossen. Hinter der Eichentür hört sie das gedämpfte Murmeln einer Lehrerstimme.

Ihre Hand legt sich zögernd auf die Klinke. Ihr Herz schlägt so heftig, dass sie sicher ist, man könne es bis in die Klasse hinein hören.

Sie atmet tief ein, einmal, zweimal, dann drückt sie die Klinke herunter.

Die Tür öffnet sich mit einem Quietschen, das in der relativen Stille des Raumes wie ein Donnerschlag widerhallt.

Dreißig Augenpaare richten sich auf sie.

Nicole spürt, wie ihr das Rot mit der Heftigkeit einer Verbrennung in die Wangen steigt. Der Lehrer, ein hagerer Mann mit ergrautem Haar und einer Metallbrille, unterbricht seinen Satz mitten im Wort.

Seine Kreide bleibt über der Tafel schweben, auf der die Namen klassischer Autoren stehen.

„Junge Dame? Können Sie uns diese Verspätung erklären?“

Seine Stimme ist trocken, ohne jede Wärme. Nicole schluckt mühsam. Sie hasst es, im Mittelpunkt zu stehen. Sie hasst die Blicke, die sie mustern, verurteilen und in eine Schublade stecken, noch bevor sie den Mund geöffnet hat.

„Ich … ich bin neu, Herr Lehrer. Ich habe mich verlaufen.“

Das ist eine halbe Lüge. Sie hat sich im Schlaf verlaufen, nicht in den Fluren. Aber die Demütigung durch die Wahrheit wäre noch schlimmer. Der Lehrer mustert sie einen langen Moment über seine Brille hinweg, dann seufzt er und deutet auf ein Klassenbuch auf seinem Pult.

„Ihr Name?“, fragt der Lehrer.

„Nicole Blanchard“, antwortet sie.

Er fährt mit dem Finger die Liste entlang, hakt etwas ab und hebt dann mit unergründlicher Miene den Kopf.

„Setzen Sie sich. Und seien Sie morgen pünktlich“, sagt der Lehrer.

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