Share

Kapitel 5

Author: Cara Anderson
Skyes Perspektive

Cassandra drehte sich zu mir um. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich beinahe geglaubt, dass die Schuld in ihrem Gesicht echt war.

„Skye. Es tut mir so leid. Das muss für dich bestimmt ...“

„Was ist das?“

Ich wiederholte meine Frage.

Diesmal lauter.

Jaxon ging an mir vorbei. Sein Gesicht war ausdruckslos und hart.

„Es ist nur vorübergehend. Cassandra und Liam brauchen einen Ort zum Bleiben, bis wir eine dauerhafte Lösung gefunden haben.“

„Eine dauerhafte Lösung.“

Ich starrte ihn an.

„Du lässt sie in unser Haus einziehen.“

„Es ist das Haus des Alphas“, korrigierte er mich. „Und Liam ist mein Sohn. Wo sollten sie sonst wohnen?“

„Vielleicht überall anders?“

Meine Hände zitterten.

„Ein Gästezimmer. Eine eigene Unterkunft. Verdammt, es gibt überall im Rudelgebiet leere Häuser. Aber du hast dich ausgerechnet für diesen Ort entschieden.“

Mein Blick wanderte durch den Raum.

„Für unser Zuhause.“

„Das ist die praktischste Lösung.“

Jaxons Stimme blieb unerträglich ruhig.

„Liam muss während seiner Behandlung in der Nähe des Rudelarztes bleiben. Und als Alpha muss ich jederzeit für ihn erreichbar sein.“

„Wie praktisch.“

Ich drehte mich zu Cassandra.

„Und du bist damit einverstanden? Du ziehst in das Haus deiner Schwester? Du schläfst unter demselben Dach wie ihr Ehemann?“

„Es ist nur, bis Liam wieder gesund ist“, sagte Cassandra leise.

„Ich weiß, dass es unangenehm ist. Aber seine Gesundheit muss an erster Stelle stehen. Du verstehst das doch sicher.“

Das Schlimmste war: Ich verstand es.

Wenn ein Kind krank war, musste es natürlich behandelt werden.

Natürlich wollte sein Vater in seiner Nähe sein.

Aber es machte den Schmerz dadurch nicht kleiner.

„Wie lange?“, fragte ich Jaxon.

„Der Arzt glaubt, dass ein paar Monate Behandlung ausreichen sollten ...“

„Ein paar Monate?“

Der Raum begann sich zu drehen.

„Du erwartest wirklich, dass ich monatelang mit ihr hier lebe? Dass ich zusehe, wie du mit meiner Schwester eine Familie spielst, während ich ...“

Ich brach ab.

Bevor ich es aussprechen konnte.

Bevor ich ihm von dem Baby erzählen konnte.

Denn während ich hier stand und zusah, wie Cassandras Sachen in mein Zuhause gebracht wurden, wurde mir mit erschreckender Klarheit bewusst:

Er verdiente es nicht, davon zu erfahren.

„Während du was?“

Jaxons Augen verengten sich.

„Wenn du etwas zu sagen hast, Skye, dann sag es.“

„Während ich immer noch deine Ehefrau bin.“

Meine Stimme wurde leiser.

„Während wir immer noch Gefährten sind.“

Ich sah ihn an.

„Bedeutet das für dich überhaupt etwas?“

Etwas huschte über sein Gesicht.

Zu schnell, als dass ich es hätte erkennen können.

„Hier geht es nicht um uns.“

Seine Stimme blieb kalt.

„Hier geht es um Liam.“

„Es geht jetzt also immer um Liam, oder?“

Meine Stimme zitterte.

„Oder um Cassandra.“

Ich schluckte die Tränen hinunter.

„Aber niemals um mich.“

Ich wollte nicht noch einmal vor ihnen zusammenbrechen.

„Gut. Zieh sie ein.“

Ich lachte bitter.

„Gib ihr doch gleich mein Zimmer. Ich bin sicher, sie würde die Aussicht bevorzugen.“

„Sei nicht dramatisch.“

„Dramatisch?“

Ich lachte erneut.

Hart.

Ohne jede Freude.

„Ich komme nach Hause und erfahre, dass mein Ehemann seine ehemalige Geliebte und ihren Sohn in unser Haus einziehen lässt.“

Ich sah ihn an.

„Aber natürlich bin ich diejenige, die übertreibt.“

„Skye ...“

Cassandra wollte etwas sagen.

Doch ein Geräusch aus dem Obergeschoss unterbrach sie.

Ein feuchtes, rasselndes Keuchen.

Dann herrschte Stille.

Cassandras Gesicht wurde kreidebleich.

„Liam.“

Bevor jemand reagieren konnte, rannte sie los. Sie nahm die Treppe mit zwei Stufen auf einmal.

Ich hörte, wie eine Tür aufgerissen wurde. Ich hörte ihre panische Stimme.

„Er bekommt keine Luft! Jaxon, er bekommt keine Luft!“

Jaxon reagierte sofort.

Seine Instinkte als Alpha übernahmen.

Er stürmte die Treppe hinauf.

Und ich blieb allein im Wohnzimmer zurück.

Umgeben von Kisten.

Und dem verblassenden Duft nach Jasmin.

Von oben hörte ich Cassandras verzweifelte Stimme.

„Rette ihn, bitte! Jaxon, du musst ihn retten!“

Jaxon kam in dieser Nacht nicht zurück. Auch nicht am nächsten Morgen. Und auch nicht am Tag danach.

Ich erfuhr von einem der Rudelärzte – nicht von meinem Ehemann –, dass Liam in den Krankenflügel gebracht worden war.

Irgendetwas mit seiner Lunge.

Eine unerwartete Komplikation.

Cassandra wich keine Sekunde von seiner Seite.

Jaxon ebenfalls nicht.

Offenbar war meine Schwester schon immer seine Priorität gewesen.

Er hatte nur alle anderen glauben lassen, dass es anders war.

Am Ende der Woche hatte Liam die gefährliche Phase überstanden.

Innerhalb weniger Stunden ließ Jaxon Cassandra und Liam wieder in das Anwesen des Alphas bringen.

Ohne ein einziges Wort an mich.

Eines Morgens kam ich die Treppe hinunter und fand Cassandras Duft nach Jasmin wieder in der Küche vor.

Daneben standen kleine Kinderschuhe ordentlich neben der Tür.

Das Anwesen des Alphas hatte schon immer mehr bedeutet als nur ein Zuhause für die Familie des Alphas.

Über die Jahre hatte es verletzte Rudelmitglieder aufgenommen.

Ältere Wölfe.

Waisen.

Verwitwete Gefährten.

Jeden, den das Rudel als hilfsbedürftig ansah und der die Nähe zur Führung benötigte.

Es war Tradition. Es war Pflicht.

Und jetzt gehörten offenbar auch ehemalige Geliebten zu dieser angesehenen Liste.

Als Cassandra und Liam zurückkehrten, stellte niemand ihre Anwesenheit infrage.

Aber jeder bemerkte sie.

Die ersten Gerüchte begannen leise.

Ein Blick, der einen Moment zu lange anhielt, wenn ich über den Markt ging.

Zwei Älteste, die verstummten, sobald ich einen Raum betrat.

Ein junger Wolf – kaum alt genug für seine erste Verwandlung –, der mich mit großen, unschuldigen Augen fragte, ob es stimmte, dass der Alpha eine zweite Luna gefunden hatte.

Ich lächelte und sagte ihm, dass es nicht stimmte.

Dass Luna ein Titel war und keine Beziehung.

Dass das Rudel nur eine Luna hatte.

Und dass sie gerade vor ihm stand.

Der Junge nickte. Doch er wirkte nicht überzeugt.

Ich konnte es ihm nicht verübeln. Ich war mir selbst nicht mehr sicher, ob ich es noch glaubte.

Danach verschwammen die Tage miteinander.

Ich erfüllte meine Pflichten. Ich leitete die Begrüßungszeremonie für die Delegation des besuchenden Rudels. Ich schlichtete den Streit zwischen den beiden Familien. Ich lächelte. Ich nickte. Ich tat alles, was eine Luna tun sollte.

Während mein Ehemann jeden Abend am Kopfende des Tisches saß.

Mit Cassandra auf der einen Seite.

Und Liam auf der anderen. Und ich am anderen Ende. Wie ein Gast in meinem eigenen Zuhause.

Nachts lag ich in unserem Bett. Oder besser gesagt, in meinem Bett. Ich legte eine Hand auf meinen Bauch.

Das Baby war noch ganz am Anfang. Noch zu früh, als dass man etwas erkennen konnte.

Aber ich spürte die Veränderungen in meinem Körper bereits.

Die Erschöpfung, die mich wie eine Strömung unter Wasser hinunterzog. Die Übelkeit, die plötzlich und ohne Vorwarnung kam.

Ich war durch meinen Titel an dieses Rudel gebunden.

Durch die Gefährtenbindung an Jaxon.

Eine Bindung, die ich mir niemals ausgesucht hatte.

Und durch dieses kleine Leben in mir.

Ein Leben, von dem niemand wusste.

Nicht Jaxon.

Nicht Noah.

Niemand.

Noch nicht.

Denn wenn Jaxon davon erfuhr, würde er es benutzen.

Nicht aus Liebe.

Sondern aus Pflichtgefühl.

Aus derselben kalten Verantwortung heraus, die ihn damals dazu gebracht hatte, mich zu heiraten.

Und ich weigerte mich, ihm noch einen weiteren Grund zu geben, mich festzuhalten.

Also bewahrte ich mein Geheimnis.

Und trug es allein.

Ich sah zu, wie mein Leben vor meinen Augen zerbrach.

Und alles, was ich tun konnte, war, den Kopf erhoben zu halten, während die Welt mich langsam auseinanderriss.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Meine verstoßene Luna zurückerobern   Kapitel 30

    Jaxons PerspektiveIch konnte nicht schlafen.Der Name kreiste immer wieder durch meinen Kopf wie ein Raubtier, das seine Beute verfolgte.Nicolai Woolf.Die Familie Woolf unternahm keine beiläufigen Reisen durch fremde Rudelgebiete.Sie bat nicht um sichere Durchreise, wenn sie kein bestimmtes Ziel hatte. Und dieses Ziel befand sich irgendwo in der Nähe meines Rudels.Ich saß an meinem Schreibtisch und starrte auf die Gebietslandkarten, die über die Mahagoniplatte verteilt lagen.Die östliche Grenze, an der Graham erwähnt hatte, dass die Familie Woolf eine Durchreisegenehmigung beantragt hatte, verlief entlang eines Abschnitts neutralen Gebiets. Land, das ihnen theoretisch Zugang zum Vale-Rudel ermöglichen würde, ohne unsere Grenzen tatsächlich zu überschreiten.Clever.Berechnend.Genau das, was ich von jemandem mit dem Ruf der Familie Woolf erwartet hätte.Aber warum?Mein Wolf lief unruhig unter meiner Haut hin und her. Aufgewühlt auf eine Weise, die ich nicht verstand.Hier gab es

  • Meine verstoßene Luna zurückerobern   Kapitel 29

    Skyes PerspektiveAllein in meinem Zimmer, während ich mich an diesem Nachmittag auf das Abendessen vorbereitete, traf mich plötzlich der Schwindel.Einen Moment lang stand ich noch vor meinem Kleiderschrank und suchte ein Kleid aus. Im nächsten Moment kippte der Raum zur Seite. Ich griff nach dem Türrahmen, um mich abzustützen, und atmete langsam durch, bis die Welt wieder stabil wurde.Das wird gefährlich.Ich ging zum Spiegel und betrachtete mein Spiegelbild kritisch. Die Veränderungen waren klein, aber sie wurden jeden Tag auffälliger. Meine Brüste waren voller geworden und empfindlicher bei Berührung. Mein Gesicht wirkte etwas runder, auch wenn ich es noch mit Make-up kaschieren konnte.Und meine Taille—Ich drehte mich seitlich und legte meine Hand auf meinen Bauch. Da war jetzt eine Rundung, die vorher nicht da gewesen war. Unter lockerer Kleidung kaum sichtbar, aber das würde nicht mehr lange so bleiben.Zwei Wochen.Vielleicht drei, wenn ich Glück hatte.Dann würden es alle wi

  • Meine verstoßene Luna zurückerobern   Kapitel 28

    Skyes PerspektiveIch wachte mit einem rebellierenden Magen auf.Die Übelkeit traf mich, noch bevor ich vollständig bei Bewusstsein war.Scharf und unbarmherzig.Ich schaffte es gerade noch ins Badezimmer, bevor ich mich über die Toilette beugen musste. Mein ganzer Körper zitterte unter der Kraft des Würgens.Es wurde schlimmer.Als mein Magen sich endlich beruhigte, sank ich gegen die kalten Fliesen zurück und presste meine Stirn gegen meine Knie. Der Badezimmerboden war hart und unbequem, aber ich hatte noch nicht die Kraft aufzustehen.Jaxons Seite des Bettes war leer, als ich zurück ins Schlafzimmer kam. In den meisten Nächten, seit Rose ihn zu seiner Entschuldigung gezwungen hatte, blieb sie leer. Er mied mich. Er schlief in seinem Büro oder in einem der Gästezimmer. Vielleicht dachte er, mir Raum zu geben, würde die Dinge irgendwie wieder in Ordnung bringen. Oder vielleicht hielt er es einfach nicht aus, in meiner Nähe zu sein.Ich zwang mich aufzustehen, spülte meinen Mund aus u

  • Meine verstoßene Luna zurückerobern   Kapitel 27

    Nicolais Perspektive„Die Lieferung hat den Zoll ohne Probleme passiert.“Dimitri stand aufmerksam vor meinem Schreibtisch.Seit wir achtzehn waren, war er mein Beta. Er gehörte zu den wenigen Wölfen, denen ich bedingungslos vertraute.„Der östliche Hafen, genau wie du es angeordnet hast. Keine Kontrollen.“„Gut.“Ich unterschrieb die Frachtpapiere, ohne aufzusehen.Waffen, größtenteils. Einige Medikamente, von denen die Hauptstadt lieber so tat, als würde es sie nicht geben. Ein ganz normaler Dienstag.„Und die Sache mit dem Morozov-Rudel?“„Erledigt.“Dimitris Ton blieb trocken.„Sie haben unseren Bedingungen zugestimmt. Der Alpha musste allerdings etwas überzeugt werden.“Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und sah ihm endlich in die Augen.Dimitris Gesichtsausdruck war vollkommen neutral. Was bedeutete, dass dieses „Überzeugen“ vermutlich nicht besonders angenehm gewesen war.Ich fragte nicht nach Einzelheiten. Dafür hatte ich ihn.Wir nannten uns nicht „Rudel“. Wir waren eine F

  • Meine verstoßene Luna zurückerobern   Kapitel 26

    Jaxons PerspektiveIn dem Moment, in dem Oma den Raum verließ, hatte ich endlich wieder das Gefühl, richtig atmen zu können.Ihre Anwesenheit hier – wie sie mich beobachtete, mich beurteilte und mich zu dieser erniedrigenden Entschuldigung zwang – war erdrückend. Ich war der Alpha dieses Rudels. Ich musste mich niemandem gegenüber rechtfertigen. Aber Oma besaß diese besondere Fähigkeit, mich wieder wie einen zehnjährigen Jungen fühlen zu lassen, der bei etwas erwischt worden war, das er nicht hätte tun dürfen.Skye bewegte sich bereits zur Tür. Offensichtlich wollte sie einfach nur weg.„Oma möchte eine Weile bei uns bleiben“, sagte ich.Sie blieb stehen. Ihre Hand lag am Türrahmen. Sie drehte sich nicht um.„Ich werde ein Zimmer für sie vorbereiten.“War das alles?Kein Widerspruch. Keine Diskussion. Nur sofortige Zustimmung zu etwas, von dem sie genau wusste, dass ich es nicht wollte?Ich überbrückte die Entfernung zwischen uns mit drei Schritten und griff nach ihrem Handgelenk.Nich

  • Meine verstoßene Luna zurückerobern   Kapitel 25

    Skyes Perspektive„Wann bist du zu dieser eifersüchtigen Frau geworden, die aus jeder Kleinigkeit ein Problem macht?“Jaxon spuckte die Worte beinahe aus. Seine Frustration war inzwischen deutlich zu hören.„Deine Tante stürmt hier herein und stellt wilde Behauptungen auf. Du sitzt nur da, sagst nichts, um mich oder Cassandra zu verteidigen, und jetzt siehst du mich an, als wäre ich der Böse in dieser ganzen Geschichte.“„Ich mache kein Drama.“Meine Stimme blieb ruhig.„Ach nein?“Er verschränkte die Arme.„Diese Kälte. Dein Schweigen. Die Art, wie du dich seit ...“Er hielt inne.„Seit der Reise verhältst.“Da war es. Der wahre Grund für alles.„Du bist also immer noch wegen des Sturms nachtragend.“Seine Stimme wurde härter.„Ist es das? Sind wir jetzt wieder bei diesem Thema?“„Ich habe den Sturm nicht erwähnt.“„Das musst du auch nicht.“Er fuhr sich durch die Haare. Diese vertraute Geste, die er immer zeigte, wenn er frustriert war.„Man sieht es dir jedes Mal an, wenn du mich an

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status